· 

Austeilen und einstecken

70 kluge Köpfe gründen das "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit", um Forschung und Lehre gegen ideologische Einschränkungen zu verteidigen. Ist das nötig?

Grafik: Gordon Johnson / Pixabay.

ES WAR DAS wissenschaftspolitische Thema der vergangenen Woche. Rund 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zumeist deutscher Hochschulen haben das "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" gegründet. Sie wollen die Freiheit von Forschung und Lehre gegen ideologisch motivierte Einschränkungen verteidigen, für die sie politisierte Studierende und Kollegen verantwortlich machen. Diese "Agenda-Wissenschaftler", erläuterte die Migrationsforscherin und Netzwerk-Sprecherin Sandra Kostner in der Zeit, kennzeichne "ein absoluter Wahrheitsanspruch. Kritik begegnen sie nicht mit Argumenten, sondern mit moralischer Diskreditierung, sozialer Ausgrenzung und institutioneller Bestrafung."

 

Bedroht werde die Wissenschaftsfreiheit auch durch den hohen Anteil befristeter Arbeitsverträge und durch eine Wissenschaftspolitik, die dem Leitbild einer "unternehmerischen Universität" mit einer Überhöhung von Leistungsindikatoren und Drittmitteln folge. Folgt man der Argumentation der 70, führt die übertriebene Political Correctness also zu einer Cancel Culture und, in Verbindung mit der Ökonomisierung der Wissenschaft, zu einem zunehmenden Konformitätsdruck und einer Selbstzensur der Wissenschaft.

 

In sich ist das stimmig argumentiert. Doch bei genauerem Hinschauen tauchen viele Fragezeichen auf. Warum etwa gibt die Mehrheit der Gründungsmitglieder laut dem Historiker und Mitinitiator Andreas Rödder an, sie selbst hätten noch "keine negativen Erfahrungen" gemacht? Warum sind die als Beleg für die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit angeführten Beispiele meist genau die paar wenigen, die seit Jahren durch die Öffentlichkeit geistern? Die Studierendenproteste gegen einen Auftritt Thilo Sarrazins an der Uni Siegen zum Beispiel - der dann doch stattfand. Oder die Aufregung um eine angeblich islamfeindliche Konferenz über das Kopftuch an der Goethe-Uni in Frankfurt - die ebenfalls stattfand. Oder der moralische Druck, das Gendersternchen einzusetzen.

 

Klar ist: Einige der Mitglieder
stehen tatsächlich unter Druck

 

Wenn der akademische Diskurs bereits so eingeschränkt ist wie behauptet, wenn die offene Rede so viel Mut erfordert - warum dann findet die Nachricht von der Netzwerk-Gründung so viel Beachtung in der Mainstream-Presse wie kaum ein wissenschaftspolitisches Ereignis der vergangenen Monate? Und warum kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, das Ökonomisierungs- und Befristungsthema werde vom neuen Netzwerk vor allem deshalb mit auf die Agenda gesetzt, um die (bürgerliche) Cancel-Culture-Debatte für ein breiteres akademisches Publikum anschlussfähig zu machen?



Klar ist: Es gab und gibt sie, Fälle inakzeptabler Hörsaalbesetzungen, des Niederschreiens unliebsamer Vortragender und der digitalen Verleumdung Andersdenkender. Und einige der Netzwerk-Mitglieder sehen sich in ihrem Wirken tatsächlich unter Druck. Der Historiker Jörg Baberowski etwa von der Humboldt-Universität (HU) in Berlin, der sich seit Jahren der harten Kritik linker Studierendengruppen ausgesetzt sieht, unter anderem nachdem er im Zusammenhang mit Merkels Flüchtlingspolitik vom "Gerede von der Willkommenskultur" sprach. HU-Präsidentin Sabine Kunst sprach 2017 von Kampagnen, "die nichts mehr mit der Auseinandersetzung im Universitären zu tun haben".

 

Als die juristische Fakultät 2019 ihre Unterstützung für ein von ihm geplantes Zentrum zur vergleichenden Diktaturforschung zurückzog, sah Baberowski den Druck von Studierenden und Medien als Grund und sagte laut FAZ, die HU habe sich längst vom Prinzip der Wissenschaftsfreiheit verabschiedet. Die Hochschulleitung wies das zurück. Zwei Studentinnen wiederum, die die Zentrums-Pläne kritisiert hatten, bezeichnete Baberowski in einem später gelöschten Facebook-Post als "linksextremistische Fanatiker" und "unfassbar dumm" - worauf diese ihn anzeigten.

 

Dem renommierten Evolutionsbiologen Axel Meyer von der Uni Konstanz, ebenfalls unter den 70 Mitgliedern des neuen Netzwerks, hatte sein damaliger Rektor 2015 die Prüfung disziplinarrechtlicher Maßnahmen angedroht. Grund: Meyer hatte in einem FAZ-Artikel die Mehrheit der Studenten als verwöhnt, faul und teils unehrlich beschrieben. "In jeder Hinsicht wird ihnen der Hintern gepudert und mit viel Fürsorge und Verständnis jede Faulheit und Inkompetenz vergeben." Später bat Meyer um Entschuldigung. Die Genderforschung und die Geschlechterpolitik wiederum nahm Meyer mit seinem Buch "Adams Apfel und Evas Erbe" aufs Korn - und wurde 2016 zur Diskussion über das Buch sogar von der damaligen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka eingeladen.

 

Einzelfälle – oder Teil einer
systematischen Schieflage?

 

Beide Beispiele zeigen indes, dass Austeilen und Einstecken im akademischen Diskurs oft dicht beieinanderliegen. Und eine Frage beantworten auch sie nicht: Sind das nur reichlich beachtete Einzelfälle, oder sind sie Teil einer systematischen Schieflage?

 

Systematisch sind in jedem Fall andere Schieflagen im deutschen Wissenschaftssystem. Die zum Beispiel, dass 75 Prozent der Professoren männlich sind und über 90 Prozent einen deutschen Pass haben. Dass in der Corona-Krise Forscherinnen mit Kindern mit zusätzlichen Karriereeinbußen bezahlen. Dass Akademikerkinder immer noch dreimal so häufig den Weg an die Hochschule finden wie junge Menschen, deren Eltern nicht studiert haben.

 

Eine Verengung der Perspektiven und des akademischen Diskurses ist insofern nichts Neues, sondern hat Tradition an deutschen Hochschulen. Statistiken zeigen ganz klar: Meist haben genau jene das Wort, die auch unter den 70 Netzwerk-Mitgliedern die übergroße Mehrheit (59 von 70) stellen - Männer. Zumeist ohne Migrationshintergrund. Vertreter von Fächern wie Jura, Philosophie, Geschichte oder Politologie - mit teilweise langen Traditionen und sicherem universitären Standing. Im Gegensatz zu häufig prekär finanzierten und politisch unter Druck stehenden Disziplinen wie den Gender Studies, die es trotzdem geschafft haben, ihre Themen auf die Agenda zu bringen.

 

Womöglich reflektiert der Gründungsaufruf des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit ja genau das: Die Perspektivenvielfalt in der deutschen Wissenschaftslandschaft nimmt (sehr langsam!) zu. Und denen, die bislang in der Hierarchie unangefochten an der Spitze standen, wird mulmig zumute.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung.


Kommentar schreiben

Kommentare: 9
  • #1

    Wolpers (Dienstag, 09 Februar 2021 09:56)

    "Im Gegensatz zu häufig prekär finanzierten und politisch unter Druck stehenden Disziplinen wie den Gender Studies"

    Really??? In Deutschland gibt es mittlerweile 250 Genderprofessuren. Zum Vergleich: es gibt 191 Pharmazieprofessuren und 113 Professuren in Altphilologie.

  • #2

    Lennart Fröhlich (Dienstag, 09 Februar 2021 10:36)

    Zur Eingangsfrage: Nein, das ist nicht nötig.

  • #3

    unerheblich (Dienstag, 09 Februar 2021 10:47)

    @Wolpers: Danke für die Zahlen. Haben Sie die (oder eine) Quelle zur Hand? Vielen Dank.

    Zum Beitrag: Was rechtfertigt eigentlich, hier von einem "Netzwerk" zu sprechen? Gibt es eine Webseite, sind Aktivitäten geplant, wo findet der Austausch statt?

  • #4

    McFischer (Dienstag, 09 Februar 2021 12:53)

    Zu den Daten:
    https://www.mvbz.org/genderprofessuren
    Ca. 200 Professuren kommen ungefähr hin...
    Aber: Über 150 davon sind 'Teildenominationen', also z.B. VWL mit Schwerpunkten empirische Arbeitsmarkt- und Familienökonomie... und quantiative Geschlechterforschung.
    Zudem sind in der Datenbank auch österreich. Professuren gelistet.
    @Wolpers: Schöner Vergleich... aber zum einen ist das Ausspielen von Fächern immer wohlfeil ("wer braucht 113 Altphilologen?!"), zum anderen wäre es merkwürdig, wenn ein so zentrales Thema wie Geschlecht/Gender nicht wissenschaftlich untersucht werden würde.

  • #5

    Wolpers (Dienstag, 09 Februar 2021 13:04)

    @unerheblich: Hier sind die Quellen

    250 Gender-Professuren (Stand: 2015, mittlerweile wahrscheinlich wesentlich mehr): https://www.focus.de/politik/deutschland/kisslers-konter/tid-31825/herr-professorin-in-leipzig-das-erste-opfer-der-sprachverwirrung-ist-die-grammatik-das-totalitaere-system-der-gender-dogmatiker_aid_1013471.html

    Anzahl in Pharmazie/Altphilologie: https://www.news4teachers.de/2014/10/hochschulen-fast-doppelt-so-viele-professuren-in-gender-studies-wie-in-altphilologie/#:~:text=In%20Deutschland%20gibt%20es%20demnach,Professuren%20in%20Altphilologie%20(113).

  • #6

    David J. Green (Dienstag, 09 Februar 2021 14:30)

    Hat nur wenig mit dem eigentlichen Artikel zu tun, aber das Portal Kleine Fächer (https://www.kleinefaecher.de/) listet die Pharmazie nicht, die Altphilologie aber schon (genauer: Gräzistik und Latinistik). Seit Mai 2018 gelten dort die Gender Studies als mittelgroßes Fach (https://www.kleinefaecher.de/kartierung/kleine-faecher-von-a-z.html#legacy). Dass die Finanzierung der Gender Studies prekär sein soll, war mir nicht bekannt: dass das Fach aber politisch unter Druck steht – in Ungarn etwa, aber im geringeren Umfang auch hierzulande – dürfte hinreichend bekannt sein,

  • #7

    Django (Dienstag, 09 Februar 2021 16:23)

    @unerheblich: Die Rechtfertigung, hier von einem Netzwerk zu sprechen, leitet sich aus der Selbstbeschreibung der Initiator/inn/en ab: http://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/
    Oh bitte danke, der Service war gratis.

  • #8

    tmg (Dienstag, 09 Februar 2021 22:13)

    Im Moment handelt es sich in Deutschland sicher (noch) um Einzelfälle und nicht um eine systematische Schieflage, was ideologischen Druck aus der von Sandra Kostner so bezeichneten linksidentitären Ecke auf einzelne Wissenschaftler betrifft. Allerdings nimmt der Druck zu, und man kann sehr gut im angelsächsischen Bereich beobachten, wohin die Reise gehen kann, wenn ideologische entschlossene Minderheiten das Heft in die Hand bekommen, weil sie unterschätzt werden. Eine gute Quelle für die Zustände dort ist etwa der blog des Philosophen und Rechtswissenschaftler Brian Leiter von der U Chicago:
    https://leiterreports.typepad.com/blog/
    in dem mit zunehmender Frequenz über massive Fälle der Verletzung von Wissenschaftsfreiheit berichtet wird, bei denen einem (Wissenschaftler) die Haare zu Berge stehen.
    Hier in Deutschland ist Freiheit von Forschung und Lehre im Grundgesetz verankert. Allerdings ist auch hier zunehmend zu beobachten, dass mit Agressivität und moralischer Attitüde sachlich absurde und fast schon religiös bekennerhaft formulierte Texte zu Gender-, Diversity- oder Rassismusinhalten in Universitäts- und Fakultätsentwicklungspläne, Leitbilder für Lehre etc, Studiengangsentwicklungspläne und vergleichbare offizielle Dokumente platziert werden. Diese Texte haben durchaus reale Konsequenzen: für die Ressourcenverteilung, für Verpflichtung von Hochschullehrern zur (ideologisch korrekten) Schulung (als Voraussetzung für Leistungszulagen) etc. Dieser Entwicklung muss man Einhalt gebieten. Eine Universität ist keine ideologische Erziehungsanstalt, weder von rechts noch von links noch von irgendeiner anderen Seite.

  • #9

    CA (Mittwoch, 10 Februar 2021 11:48)

    "Hier in Deutschland ist Freiheit von Forschung und Lehre im Grundgesetz verankert. Allerdings ist auch hier zunehmend zu beobachten, dass mit Agressivität und moralischer Attitüde sachlich absurde und fast schon religiös bekennerhaft formulierte Texte zu Gender-, Diversity- oder Rassismusinhalten in Universitäts- und Fakultätsentwicklungspläne, Leitbilder für Lehre etc, Studiengangsentwicklungspläne und vergleichbare offizielle Dokumente platziert werden. Diese Texte haben durchaus reale Konsequenzen: für die Ressourcenverteilung, für Verpflichtung von Hochschullehrern zur (ideologisch korrekten) Schulung (als Voraussetzung für Leistungszulagen) etc. "

    Zu dem Netzwerk fallen mir verschiedene Fragen ein, die jedoch den Umfang eines Kommentars sprengen würden. Daher nur ein paar Überlegungen meinerseits. Meine Wahrnehmung ist: die Freiheit von Forschung und Lehre wird generell sehr gerne ins Feld geführt, wenn es um Veränderungen geht, die nicht gefallen bzw. nicht dem eigenen Handeln und Denken entgegenkommen. Ähnlich wie bei dem Netzwerk, das Herr Wiarda sehr gut hinterfragt hinsichtlich systematischer und nicht nur persönlich empfundener Einschränkungen, frage ich mich: Wo finde ich ein Beispiel von agressiven und moralisch aufgeladenen Inhalten in Leitbildern für Lehre oder Entwicklungsplänen? Welche deutsche Hochschule hat tatsächlich eine verpflichtende Teilnahme an (meiner Meinung nach sinnvollen) Weiterbildungen zu Diversity in die Leistungsvereinbarungen integriert? Wie würde so etwas überhaupt entstehen angesichts dessen, dass eigentlich solche Regelungen nie ohne die Zustimmung der Gremien eingeführt werden? Und warum wird scheinbar lieber ein Stellvertretungskampf geführt, wenn das eigentliche Problem doch offenbar die zunehmende Verwettbewerblichung im Hochschulsystem darstellt und auch als solches benannt wird (inklusive der Verpflichtung von Drittmitteleinwerbungen in Leistungsvereinbarungen)? Besteht die Überzeugung, dass daran eh nichts zu ändern ist, aber an der Vorgabe zur gendersensiblen Schreibweise schon? Betrachtet man die Grundlagen von Diversity - d.h. die Macht- und Ungleichheitsstrukturen - so scheint es mir, dass es - wie Herr Wiarda auch passend resümiert - der Soziologe Aladin El-Mafaalani mit seinem Integrationsparadox die aktuellen Entwicklungen nicht nur im Kontext von Migration perfekt zusammenfasst:
    "Die erste Generation der Einwanderer saß noch am Katzentisch und hielt sich bescheiden zurück. Das galt insbesondere für die sogenannten "Gastarbeiter", von denen viele häufig noch lange von einer Rückkehr in ihre ehemalige Heimatträumten, während die Alteingesessenen den Tisch für sich allein hatten. Ihre Kinder aber, die zweite Generation, beanspruchten für sich einen Platz am Tisch und ein Stück vom Kuchen. Die dritte Generation, die Enkel der Migranten, möchte nun mitentscheiden, welcher Kuchen auf den Tisch kommt, und über die Tischregeln mitbestimmen. Damit potenzieren sich die Konflikte. Denn Probleme existieren nicht losgelöst von gesellschaftlichen Wahrnehmungen. Sie resultieren aus dem empfundenen Missverhältnis zwischen Erwartungen und Ansprüchen auf der einen und der erlebten gesellschaftlichen Wirklichkeit auf der anderen Seite." (Quelle: https://de.qantara.de/inhalt/aladin-el-mafaalani-das-integrationsparadox-aufstand-am-katzentisch)