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Was ist richtig?

Auch beim Thema Schulen gehen die Meinungen über die geplante Bundesnotbremse weit auseinander. Dem RKI-Chef sind die Regelungen zu lasch, viele Kinderärzte und Psychologen halten automatische Schulschließungen dagegen für nicht notwendig und schädlich.

IST ES GERECHTFERTIGT, dass Kitas und Schulen erst ab einer Inzidenz von über 200 in den Notbetrieb gehen müssen? So steht es im vom Bundeskabinett beschlossenen Infektionsschutzgesetz, das im Schnelldurchlauf Bundestag und Bundesrat passieren soll. Doch wird nicht nur zwischen den Ländern heftig darüber diskutiert. Einigen ist eine Inzidenz von 200 viel zu spät, andere wollen sich gar keine Grenzwerte vorschreiben lassen

 

RKI-Chef Lothar Wieler und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kritisierten die geplante Regelung vor allem in Bezug auf die Bildungseinrichtungen als unzureichend. Die Grenzwerte seien zu hoch, sagte Wieler am Donnerstag. Zunächst müsse die dritte Welle gebrochen werden, erst dann könne man mit Testen und anderen Maßnahmen die Pandemie kontrollieren und an Öffnungen denken.

 

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach twitterte, er sehe das "mittlerweile genauso". Die Kombination von Wechselunterricht und zweimal Testen in der Woche sei fast nirgendwo ausreichend vorbereitet. Oft würden die Tests den Schülern nur mit nach Hause gegeben und dann ohne Anleitung durchgeführt. "Da Kinder und Eltern auf absehbare Zeit keine Impfung erwarten können, ist die geplante Strategie, die Schulen bis zu einer Inzidenz von 200 offen zu halten, zu riskant." Wenn im Bundesdurchschnitt die Inzidenz bei 200 liege, sei sie bei Kindern und Eltern schon viel höher.

 

Gesundheitsexperten protestieren
gegen automatische Schulschließungen

 

Rund 50 Kinderärzte, Psychologen, Therapeuten und Virologen aus der gesamten Bundesrepublik haben derweil in einem Offenen Brief an die Regierungschefs aus Bund und Ländern gegen die Pläne für automatische Schul- und Kitaschließungen protestiert. Zusammengebracht wurden die Unterzeichner von der "Initiative Familien", die sich für offene Bildungseinrichtungen einsetzt.

 

"Wir wenden uns ausdrücklich gegen jede Art von automatischen Einschränkungen des Regelbetriebs in Schulen und KiTas in Abhängigkeit von Melde-Inzidenzen im Infektionsschutzgesetz", heißt es in dem Brief. Verschiedene Studien aus dem In- und Ausland hätten gezeigt, dass auch bei hoher Virusverbreitung in der Bevölkerung mit den bestehenden Hygienemaßnahmen das Ansteckungsrisiko in Schulen und KiTas gering sei. Hinzu kämen Schnelltest- und Impfprogramme für Lehrer:innen und Erzieher:innen, um das Infektionsrisiko weiter zu verringern. Aufgrund der stark steigenden Testzahlen bei Kindern könnten Eintragungen des Virus in KiTas und Schulen auch bei steigenden Infektionszahlen in der Umgebung gut entdeckt werden. "Die erneute Schließung der KiTas und Schulen ist demnach nicht notwendig."

 

Ganz im Gegenteil: Es sei ist dringend nötig, Schulen und KiTas geöffnet zu lassen bzw. zu öffnen, "denn die Solidarität, die wir Kindern bereits seit Monaten abverlangen, geht auf Kosten ihrer Bildungs- und Entwicklungschancen, ihrer psychischen Gesundheit und ihrer körperlichen Unversehrtheit." Es gebe klare Hinweise, dass die Gewalt in Familien im Lockdown steige.

 

Mit eingeschränkt arbeitenden Bildungs- und Betreuungseinrichtungen und Jugendämtern fehle der wichtigste Weg zur Nachverfolgung. Die Unterzeichner beobachteten seit Wochen einen starken Anstieg an Angst- und Schlafstörungen, Depressionen und Suizidgedanken unter Kindern und Jugendlichen. "Die negativen Langfristfolgen anhaltenden Unterrichtsausfalls für Bildungs- und Entwicklungschancen der betroffenen Kinder, ihre späteren Erwerbsmöglichkeiten, ihre Gesundheit und Lebenserwartung sind umfassend dokumentiert und belegt. Dass der Distanzunterricht auch an den Bedürfnissen leistungsstärkerer Kinder vorbeigeht und zusätzlich zu einer Verschärfung der Bildungsungerechtigkeit führt, ist unbestritten." Vermehrt zeigten sich auch die erheblichen Schwachstellen im Wechselmodell. "Infektionsschutz zu Lasten der Gesundheit und der Entwicklungschancen von Kindern muss dringend ein Ende haben!" 

 

OECD: Deutschland hat Digitalisierung
dramatisch verpennt

 

Und die Unterzeichner kritisieren die Versäumnisse der Politik: "Wenn das Impfen aus logistischen Gründen oder aufgrund politischer Entscheidungen nur langsam vorankommt, kann dies nicht bedeuten, dass Kinder noch länger ihr Recht auf Bildung, ihre Entwicklungschancen und ihre Gesundheit zur Disposition stellen müssen."

 

Eine diese Woche vorgestellte OECD-Umfrage unter ihren Mitgliedsländern hatte ergeben, dass die Entscheidung, ob Länder ihre Schulen während der Pandemie geschlossen haben, nicht vom Infektionsgeschehen des jeweiligen Landes abhing. Einige Staaten hätten trotz sehr hoher Inzidenzen die Schulen offen gehalten, andere bei deutlich niedrigeren Inzidenzen geschlossen.

 

Unstrittig seien laut OECD die erlittenen Lernverluste und die Einbußen in der persönlichen und sozialen Entwicklung durch die Schulschließungen. Deutschland schnitt vor allem bei der Digitalisierung des Unterrichts schlecht ab. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher bescheinigte der Bundesrepublik, die Entwicklung im Vergleich zu anderen Ländern dramatisch verpennt zu haben. 

 

Einigung: Corona-Paket für Kinder
und Jugendliche wird zwei Milliarden schwer

 

Gestern beschloss nach Tagesspiegel-Informationen ein informeller Bildungsgipfel im Kanzleramt, das geplante Nachhilfe-Paket für Kinder und Jugendliche auf zwei Milliarden Euro zu verdoppeln und auszuweiten. "Bei unserem heutigen Gespräch im Kanzleramt haben wir uns darauf verständigt, die Kinder und Jugendlichen, die besonders unter der Corona-Pandemie, unter Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Einrichtungen leiden, mit einem Maßnahmenpaket zu unterstützen, und zwar in dem von der SPD geforderten Volumen von zwei Milliarden Euro", sagte SPD-Chefin Saskia Esken der Zeitung.

 

Neben Esken waren Bundeskanzlerin Merkel (CDU), Bundesbildungsministerin Karliczek (CDU) und Bundesfamilienministerin Giffey (SPD) bei dem Treffen dabei. 

 

Besonders wichtig sei es, dass es in dem Programm nicht primär nur um die Überwindung von Lerndefiziten gehe, "sondern dass wir mit derselben Priorität die psychischen und sozialen Belastungen der Kinder und Jugendlichen auffangen, die aus Corona heraus entstanden sind", sagte Esken – weshalb das Paket neben Nachhilfe-Maßnahmen auch die frühkindliche Bildung, die sozialpädagogische Begleitung an Schulen und auch auf Ferienfreizeiten und Sommercamps umfassen werde. 





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