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Was wichtig wird (Teil 3): Führen Agenturen aus der Innovationskrise?

Eine Bundesagentur für Sprunginnovationen gibt es schon, eine Deutsche Agentur für Transfer und Innovation soll folgen. Sind SPRIND und DATI nur der Auftakt für eine völlig neue BMBF-Förderstrategie?

SIE ZÄHLT zu den zentralen wissenschaftspolitischen Vorhaben der Ampel-Koalition. Und auch zu den ambitioniertesten: die "Deutsche Agentur für Transfer und Innovation", kurz DATI, die SPD, Grüne und FDP auf Seite 20 ihres Koalitionsvertrages in ein paar dürren Sätzen angekündigt haben.


So unspektakulär die Sprache, so gravierend ist das Problem, zu dessen Lösung die DATI beitragen soll. Deutschlands Innovationsschwäche. Die Forschungslandschaft der Bundesrepublik zählt zu den stärksten weltweit und generiert Unmengen neuen Wissens, das auch Grundlage bahnbrechender Geschäftsideen und Wirtschaftszweige werden könnte. Doch die meisten dieser Ideen schaffen es nicht in die Anwendung, und noch weniger davon in so kurzer Zeit, dass Wettbewerber anderswo nicht schon längst das Rennen gemacht hätten. Komplett auf der Strecke bleiben meist die besonders ausgefallenen Einfälle. 

 

Dass Deutschland bei der Corona-Impfstoff-Entwicklung international vorn mit dabei war, ändert wenig an dieser Diagnose. Im Gegenteil: Der überschwängliche Stolz darüber zeigt, wie selten solche Spitzeninnovationen made in Germany geworden sind.

 

Rechnungshofprüfungen, Dienstwege
und Kästchendenken

 

Die Gründe dafür sind vielfältig, sie liegen irgendwo zwischen deutscher Unternehmenskultur und Risikobereitschaft, zwischen dem Selbstverständnis deutscher Wissenschaftler, knappen Wagniskapital und einer staatlichen Förderpolitik, die oft in vertrauten Antragsschemata, Rechnungshofprüfungen, Dienstwegen und Kästchenzuständigkeiten denkt. 

 

Als erster Teil der Lösung wurde 2018 die Bundesagentur für Sprunginnovationen ("SPRIND") gegründet. Sie soll sich auf die wirklichen Querköpfe konzentrieren, die Individualisten, Tüftler und Forscher mit der einen großen, womöglich ein bisschen verrückten Idee. Ideen, die grandios scheitern oder aber Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig verändern können – wie Elon Musks Tesla, Apples iPhone oder Ubers Taxiflotte. Geht so etwas auch in Deutschland? Diese Frage soll SPRIND beantworten. Wenn sie jedes Jahr ein paar wenige Ausnahmeprojekte zum Erfolg führt, aus denen alle paar Jahre eine dieser echten gesellschaftlichen Disruptionen entsteht, wäre das ein grandioser Erfolg.

 

DATI soll der zweite Teil der Lösung sein, mehr in die Breite gehen als SPRIND und systematischer wirken. In der Sprache des Ampel-Koalitionsvertrages bedeutet das, sie soll "soziale und technologische Innovationen insbesondere an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaft und kleinen und mittleren Universitäten" fördern, auch und gerade in Kooperationen mit Startups, kleinen und mittleren Unternehmen, mit sozialen und öffentlichen Organisationen. Sie soll regionale und überregionale "Innovationsökosysteme" schaffen und stärken.

 

Hinter solchen Formulierungen, die für Außenstehende seltsam schemenhaft wirken können, verbirgt sich eine langjährige, teils hitzig geführte Debatte, angefangen mit dem Vorschlag einer "Deutschen Transfergemeinschaft" den der Fachhochschulverbund "Hochschulallianz für den Mittelstand" erstmals 2017 gemacht hat.

 

2018  hat die FDP ihn 2018 in einen – von der damaligen Regierungskoalition abgelehnten – Bundestagsantrag gepackt. Genauer: der Forschungspolitiker Thomas Sattelberger, langjähriger Hochschulallianz-Beiratsvorsitzender und seit wenigen Wochen parlamentarischer Staatssekretär im BMBF. Freilich war er nicht der einzige politische DATI-Treiber: Im März 2021 legten auch die Grünen ein Konzept für eine Innovationsagentur vor, Projektname "D.Innova", entstanden erneut unter Mitwirkung der Hochschulallianz. Ab dem Punkt war klar, dass die neue Agentur eine Chance haben würde, sofern FDP oder Grüne in die Regierung kommen. Jetzt sitzen beide drin. 

 

So, wie es bei SPRIND angefangen hat,
kann es nicht weitergehen

 

Bis zu einer Milliarde Euro Budget, raunten die Ampel-Politiker nach Erstellung des Koalitionsvertrages, könnte die DATI im Endausbauzustand haben. Wieviel davon neues Geld wäre, ja, wie die DATI überhaupt aussehen könnte?

 

Viel mehr als das, was der Koalitionsvertrag über sie verrät, ist noch nicht bekannt. Da steht: Die bestehenden Förderprogramme für die HAW sollen "als zentrale Erfolgsfaktoren für die Agentur" ausgebaut werden, also all das, was im BMBF angesiedelt ist, sozusagen als DATI-Grundstock. Und: "Perspektivisch" wollen die Ampel-Koalitionäre dann unter dem Agenturdach auch "relevante Förderprogramme aus den verschiedenen Ressorts bündeln".  

 

Wobei das "perspektivisch" im zweiten Satz die eigentliche Umsetzungshürde verrät: Es geht ums Loslassen. Und um die Bereitschaft der Ministerialbürokratie, die vertraute staatliche Förderpolitik durch etwas Neues abzulösen. Es geht auch um die Frage, wieviel Autonomie SPRIND und DATI brauchen, um zu funktionieren, und wie der Staat weiter Einfluss ausüben kann, ohne die Dynamik der Agenturen zu behindern.

 

Die Ampel-Koalitionäre finden: So, wie es bei SPRIND angefangen hat, kann es nicht weitergehen. "Wir werden die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für die Agentur für Sprunginnovation umgehend substanziell verbessern, damit sie freier agieren und investieren kann", haben sie in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt. Natürlich gibt es SPRIND-Kritiker, die Agenturchef Rafael Laguna de la Vera für eine Fehlbesetzung halten oder sagen: Nicht die Rahmenbedingungen, nicht die vermeintliche Unbeweglichkeit der Ministerien seien das Problem, der Staat sei schlicht und einfach nicht in der Lage, als erfolgreicher Innovator aufzutreten. Darüber hinaus ließen sich Innovationen grundsätzlich nicht planen, disruptive Innovationen schon gar nicht. 

 

SPD, FDP und Grüne dagegen scheinen weiter fest daran zu glauben, dass mehr Autonomie und Freiheit die Antwort für SPRIND ist. Und, davon ist auszugehen, auch für die DATI. Die Argumentation: Gerade weil der Staat als Innovator scheitern muss, müssen seine Förderagenturen agil sein, alle wichtigen Entscheidungen in Eigenregie treffen können. 

 

Neues Zauberwort
"Agenturen"

 

"Das neue Zauberwort der Forschungs- und Innovationspolitik heißt Agenturen", hat der Innovationsforscher Dietmar Harhoff vergangenes Jahr in der ZEIT geschrieben. Agenturen, die unabhängig agieren und die Forschung "strategisch planen, fördern und koordinieren sollen". Und Harhoff, der bis 2019 die Expertenkommission Forschung und Innovation geleitet hat und als einer der Köpfe hinter der SPRIND-Idee gilt, fügte hinzu: "Wenn solche Institutionen jedoch vom Forschungsministerium an die Kette gelegt werden, können sie nicht erfolgreich arbeiten."

 

Lässt man sich auf die Logik der so beschriebenen Agenturen ein, dann wären SPRIND und DATI lediglich der Anfang auf dem Weg hin zu einer Vielzahl auf bestimmte Missionen zugeschnittenen Agenturen, die abseits der Grundlagenforschung die gesamte Forschungs- und Innovationsförderung übernehmen würden. Womit aus dem von der Ministerialbürokratie geforderten Loslassen und dem Verzicht ihre komplette Selbstentmachtung würde. Kann, sollte es soweit kommen? 

 

Man kann das Gedankenspiel sogar noch weitertreiben. Die Dutzenden Ressortforschungsinstitute führen im Moment ein oft eigenartiges Dasein zwischen der Weisungsgebundenheit nachgeordneter Ministerialbehörden und der Forschungseinrichtungen zustehenden Wissenschaftsfreiheit. Der strategisch-wissenschaftliche Wackelkurs des Robert-Koch-Instituts ist das derzeit bekannteste Beispiel dafür. Müssten die Ministerien sie dann nicht auch von der Leine lassen?

 

Mehr Steuerung oder

mehr Autonomie?

 

Vieles spricht dafür, und doch ist die Sache noch um einiges komplexer. Und auch widersprüchlicher. So will dieselbe Ampelkoalition, die so auf Freiheit und Autonomie bei den neuen Agenturen pocht, die außeruniversitären Forschungsorganisationen von Max Planck über Leibniz bis hin zu Fraunhofer und Helmholtz stärker an die Kandare nehmen. Weil es vor allem in den Parlamenten eine verbreitete Unzufriedenheit mit deren Performance in den vergangenen Jahren gibt. Wobei? Erstens: bei der Personalpolitik. Bei der Frauenförderung zum Beispiel, aber auch beim Umgang mit vermeintlichen oder tatsächlichen Fällen von Führungsversagen und Machtmissbrauch. Zweitens: Beim Brückenbauen zwischen Grundlagenforschung und Anwendung, zwischen Wissenschaft und Markt. Also bei der Innovation.

 

Max Planck & Co sollen zwar ihr regelmäßiges Budget-Plus über den Pakt für Forschung und Innovation behalten, doch: "Wir werden... Transparenz über den Stand der Zielvereinbarung herstellen und Mechanismen entwickeln, um sie künftig verbindlicher zu machen." Den Außeruniversitären droht damit zwar kein Mikromanagegement von oben, aber nach mehr Steuerung klingt das sehr wohl. Weniger Autonomie als Lösung einer von der Politik kritisierten Führungs- und Innovationskrise der Außeruniversitären? Wenn gleichzeitig bei SPRIND, und womöglich auch bei DATI, die Losung heißt: je weniger ministerielle Steuerung, je mehr Autonomie, desto besser?

 

Die Antwort wird stark davon abhängen, wie die konkrete Governance bei der DATI aussehen wird. Vielleicht ist es ja auch so, dass der Vergleich mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen gar nicht passt. Dass eine andere Analogie viel besser ist. Wie nannte die Hochschulallianz noch ihre ursprüngliche Idee? "Deutsche Transfergemeinschaft". Als Analogie zur Deutschen Forschungsgemeinschaft, die zuständig ist für die Förderung der Grundlagenforschung und dies in wissenschaftlicher Selbstverwaltung tut – mit Universitäten und Forschungseinrichtungen als Mitglieder. So beschrieb es Thomas Sattelberger dann damals auch in dem FDP-Antrag. 

 

Könnte aus der DATI doch die
Deutsche Transfergemeinschaft werden?

 

Wird die DATI eine solche Transfergemeinschaft werden? Mehr DFG als SPRIND? Wer würde dann ihre Mitglieder bestimmen? Und würde dadurch der Konflikt zwischen Autonomie und Verbindlichkeit als staatlich finanzierte Einrichtung abgemildert? Wahrscheinlich ja. Dafür hätte sie womöglich andere Konflikte. Die zwischen den großen und kleinen Universitäten zum Beispiel und mit den HAW, wie sie hinter den Kulissen schon jetzt heftig um die erhofften DATI-Fleischtöpfe geführt werden.

 

Fest stünde jedenfalls: Eine Agentur in dem von Harhoff und anderen gedachten Sinne wäre die DATI dann wohl nicht mehr. Vermutlich würden ihre Förderentscheidungen stärker dem Mainstream folgen, weniger mutig ausfallen. Und dass weitere Agenturen folgen werden, würde unwahrscheinlicher. 

 

Die neue Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) wird sich, unterstützt vom DATI-Vordenker Thomas Sattelberger, entscheiden müssen. Die schon in den nächsten Monaten zu klärende Frage, wie die neue Agentur aussieht, reicht weit über diese selbst hinaus. Sie könnte die Grundlinien der Forschungs- und Innovationsförderung der nächsten Jahrzehnte vorzeichnen. 

 

Nachtrag am 17. Januar 2022: Zu der auch in meinem Artikel vertretenen These, die Idee einer deutschen Transferagentur sei 2017 im Rahmen der "Hochschulallianz für den Mittelstand" entwickelt worden, gibt es auch eine andere Version. Tatsächlich hatte die Mitgliedergruppe der Fachhochschulen/HAW in der Hochschulrektorenkonferenz schon 2016 nach einer Konferenz eine Arbeitsgruppe zu dem Thema eingesetzt und Mitte 2017 ein Positionspapier mit dem Titel "Vorschlag zur Gründung einer Deutschen Transfergemeinschaft (DTG)“ veröffentlicht".



Was bewegt 2022 die Bildungs- und Forschungspolitik?
Eine sechsteilige Artikelserie zum Jahresauftakt

 

Teil 1: Auf der Suche nach den Bildungseuros

Im ersten Teil meiner neuen Serie geht es um Geld – und um die Frage, wieviel davon die Pandemie-Bewältigung für Kitas, Schulen und Hochschulen übriglässt. (03. Januar 2022) >>>

 

Teil 2: Neue Dynamik in der Debatte über Schulschließungen

Rechtfertigen Omikron und absehbare Rekord-Inzidenzen, dass Kinder und Jugendliche wieder von zu Hause lernen müssen? Über diese Frage wird in den nächsten Wochen noch erbitterter gestritten werden. Wann ich persönlich für Schulschließungen plädieren werde – und wann nicht. (05. Januar 2022) >>>

 

...und voraussichtlich am 14. Januar:

Teil 4: Zukunftsmodell Ausbildung?

Die meisten Abiturienten wollen studieren. Gleichzeitig bleiben jedes Jahr viele Tausend junge Menschen ohne jeden Ausbildungsabschluss. Dazwischen kriselt das international angeblich so bewunderte duale System. Schafft die Ampel den Umschwung?


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Kommentare: 4
  • #1

    Elmar Neitzert (Mittwoch, 12 Januar 2022 18:39)

    Der Ansatz von Arbeitsauslagerungen aus den Ministerien im Rahmen der Forschungsförderung ist nicht so neu, wie es hier klingt. Bereits seit vielen Jahren wickeln (teilweise beliehene) Projektträger Förderprogramme ab.

    Insofern wäre eine Agentur nichts wirklich neues.
    Wenn man wirklich eine "Entflechtung" will, dann muss der Einschnitt tiefer gehen und die Budgethoheit komplett auf eine Agentur übergehen und vor allem muss man sicherstellen, dass das bereits hier benannte Problem des Haushaltsreechts gelöst wird.

    Das jedoch geht nur mit dem "Hüter" des Bundeshaushaltes, sprich dem BMF oder - um es ganz oben aufzuhängen - mit der Mehrheit des Parlaments ...

    Man darf gespannt sein ...

  • #2

    Kreuzberger (Donnerstag, 13 Januar 2022 13:51)

    Sie zitieren den Koalitionsvertrag zu SPRIND selektiv: Denn es ist auch eine zeitnahe Evaluation der Agentur geplant (S. 21). Eine solche wollte SPRIND zwar unbedingt vermeiden, doch sie ist dringend nötig. Immerhin arbeitet diese Organisation jetzt im vierten Jahr, ohne daß --bei beträchtlichem Overhead-- auch nur ein erster Erfolg wenigstens in Sichtweite wäre. Zudem produziert SPRIND ohne Not Negativschlagzeilen: Angeblich sind immer andere schuld an der eigenen Misere, und das muss laut hinaus posaunt werden, in selbstgerechten und defensiven Interviews. So zerstört man seine eigene Reputation, wenigstens unter Kennern dieses sehr speziellen Themas. Und natürlich lassen BMBF, Rechnungshof et al. sich den Schwarzen Peter nicht einfach von SPRIND zuschieben -- daher nun die Evaluation, die wenig schmeichelhaft für die Agentur ausfallen dürfte.

  • #3

    Nörgler (Sonntag, 16 Januar 2022 14:02)

    Das Einzige, was SPRIND bisher gelungen ist, ist die Selbstdarstellung auf der eigenen Webseite.

  • #4

    Erfinder (Montag, 17 Januar 2022)

    @Nörgler

    Ist nicht gerade das ein weiteres Warnsignal? Wer als Innovationsagentur so viel Geld und Zeit für die eigene Selbstvermarktung ausgibt, setzt die falschen Prioritäten.

    Auf der SPRIND-Homepage werden die Ausgaben der Agentur nicht transparent gemacht. Insbesondere erfährt man fast nichts über Marketing- und andere Verwaltungsausgaben. Mit Ausnahme spärlicher Angaben zu Geschäftsführergehältern, aus denen hervorgeht: Rafael Laguna verdient 1. deutlich mehr als der Bundeskanzler und 2. fast dreimal soviel wie die zweite Geschäftsführerin Alina Allritz. Einige der vergebenen Aufträge sind aufgeführt, aber ohne die dazugehörigen Ausgaben.