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Ja, da steckt eine gewisse Hybris drin

Innerhalb weniger Wochen haben Berlins große Universitäten ihre Führung neu gewählt. Gelingt Julia von Blumenthal, Günter Ziegler und Geraldine Rauch gemeinsam ein neuer Aufbruch für die Wissenschaft der Hauptstadt?

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Artikelbild: Ja, da steckt eine gewisse Hybris drin

Drei Präsident*innen sollt ihr sein: Julia von Blumenthal, Günter M. Ziegler und Geraldine Rauch (von links). Foto: Stefanie Terp.

Frau von Blumenthal, Frau Rauch, Herr Ziegler, Sie zu dritt in einem Raum: Ist das eine Premiere?

Ziegler: Frau von Blumenthal kenne ich natürlich, wobei es eine Weile her ist, dass wir uns persönlich getroffen haben.

von Blumenthal: Wir sehen uns regelmäßig bei der HRK. Ganz normal.

Ziegler: Und Ihnen, Frau Rauch, bin ich zweimal bei Treffen der Berlin University Alliance (BUA) kurz begegnet. Ansonsten kenne ich Sie bislang leider vor allem nur als Online-Kachel.

Rauch: Aber im echten Leben waren wir drei noch nie zusammen. Toll, dass das heute geklappt hat!

Herr Ziegler, hätten Sie sich das vor einem halben Jahr vorstellen können: Zwei der drei großen Berliner Unis mit neuen Chefinnen, nur Sie bleiben im Amt?

Ziegler: Ganz ehrlich: nein. Ich habe Sabine Kunst an der Humboldt Universität als gesetzt gesehen und ging davon aus, dass Christian Thomsen an der Technischen Universität wiedergewählt wird.

Frau von Blumenthal, Sie kennen die HU gut. Hier waren Sie bis 2018 Professorin und Dekanin, danach wurden Sie Uni-Präsidentin an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Wie hat sich der Wissenschaftsstandort Berlin seitdem aus der Außenperspektive gemacht?

"Aus der Distanz einer kleineren Stadt erkennen Sie die politische Dynamik und die mediale Aufmerksamkeit in Berlin erst richtig. An der Peripherie geht doch manches gelassener zu."

von Blumenthal: Vor allem habe ich eine funktionierende Berlin University Alliance gesehen. Als ich wegging, war weder sicher, dass sie kommt, noch dass sie in der Exzellenzstrategie erfolgreich sein würde. Und die wissenschaftlichen Kooperationen reichen ja weit über die BUA hinaus, sie verbinden die Universitäten untereinander und mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Das ist beeindruckend, vor allem wenn Sie aus der Distanz einer etwas kleineren Stadt darauf schauen. Dann erkennen Sie die ungeheure politische Dynamik und die mediale Aufmerksamkeit erst richtig – mit all ihren Vorzügen ...

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Kommentare

#1 -

Fragezeichen | Di., 22.03.2022 - 10:30
Wünsche allen Dreien viel Erfolg - die Berliner Universitäten können es brauchen.
Bei Frau von Blumenthal bin ich etwas skeptisch - wenn ich mir ihren Lebenslauf ansehe, entdecke ich wenig Forschung (fast nur Veröffentlichungen in - deutschen - Sammelbänden), wenig Innovation, aber viele Posten. Ob das den nötigen Innovationsschub für die HU bringt? Mal abwarten, vielleicht hat sie gute Hochschul-Management-Qualitäten.

#2 -

Friedrichshainer | Di., 22.03.2022 - 11:10
Gibt es eine "Boston University Alliance"? Nein. Dito für die Bay Area, etc. Die Unis dort sind exzellent geworden durch Wettbewerb. Zweitens ist es schon im Ansatz falsch, daß Verwaltungsbeamte in einer Zentrale -die selbst nicht forschen- Forschern vorschreiben sollen, an welcher "grand challenge" sie zu arbeiten haben und wie. Innovation entsteht bottom up in Freiheit, nicht umgekehrt durch Planwirtschaft.

#3 -

Alter Grieche | Di., 22.03.2022 - 11:57
"und ja, da steckt eine gewisse Hybris drin, das spornt an und das ist gut so."

@Günter Ziegler

Haben Sie jemals eine griechische Tragödie auf der Bühne gesehen?

Wikipedia definiert "Hybris" übrigens so: "Man verbindet mit Hybris häufig den Realitätsverlust einer Person und die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Leistungen oder Kompetenzen, vor allem von Personen in Machtpositionen."

#4 -

Berliner | Di., 22.03.2022 - 13:26
Schönes Interview zur richtigen Zeit. Mir gefallen die Aufbruchstimmung, die Einordnung der Themen und das dialogische Miteinander.



Der Kommentar #2 offenbart Halbwissen über die Organisation des Berliner Exzellenzverbundes. Weder ist der Wettbewerb zwischen den Unis ausgeschaltet, noch wurden die Grand Challenges von Verwaltungsbeamten vorgegeben. Einzelne Aspekte angelsächsischer Wissenschaftslandschaften punktuell mit Eigenheiten des deutschen Wissenschaftssystems vergleichen zu wollen, halte ich ebenfalls für zu kurz gesprungen.

#5 -

45 | Di., 22.03.2022 - 14:49
@Friedrichshainer - "Innovation entsteht bottom up in Freiheit, nicht umgekehrt durch Planwirtschaft."



Gähn. Ideologischer Ladenhüter, der vielleicht für FDP-Parteitagsreden taugt, aber wissenschaftsgeschichtlich nicht haltbar ist. Vielmehr ist eine nüchterne, Bestandsaufnahme gefragt. Frau Rauch stellt in diesem Zusammenhang eine interessante These auf: "Ich mag es nicht, dass in der öffentlichen Darstellung oft so getan wird, als seien möglichst viele befristete Stellen die Voraussetzung für Exzellenz in der Wissenschaft. Exzellenz entsteht gerade auch dadurch, dass Wissen in der Institution gehalten wird über Personen, die auf Dauer da sind." Leuchtet sofort ein - Unternehmen bemühen sich doch auch darum, gute Leute langfristig zu ...

#7 -

#7 | Mi., 23.03.2022 - 18:50
@Friedrichshainer und auch @Fragezeichen



Es zeigt sich m.E. mehr und mehr, dass die Hybris der akademischen Selbstverwaltung aka Forschende und Lehrende an ihre Grenzen stößt, wenn es darum geht, in der Wissenschaftspolitik zu bestehen.

Ein:e gute:r Forscher:in ist bei weitem kein:e gute:r Manager:in! Das komplexe Zusammenspiel, Zug- und Fliehkräfte der Politik und Strategien zu verstehen, dabei haushälterische Fähigkeiten zu besitzen, ohne nach der Amtszeit die Uni auf die nächsten 15 Jahre in den Konkurs zu schicken - dazu braucht es mehr als forscherische Freiheit.

Und es zeigt sich leider mittlerweile zu oft, dass Unileitungen meinen, sie können das alles und ...

#8 -

Friedrichshainer | Do., 24.03.2022 - 10:25
@#7



Haben Sie sich schon einmal aus der Nähe (!) angesehen, wie Universitäten funktionieren, die tatsächlich international als exzellent anerkannt sind? Stanford zum Beispiel. Die haben eine ganz schlanke Verwaltung, aus gutem Grund. Mir ist auch kein Präsident oder keine Führungskraft dort bekannt, die "Hochschulmanagement" studiert hätte: Man kann nämlich gute Forschung überhaupt nicht "managen" im klassischen Sinn. Ich empfehle Ihnen, einmal dringend über den staats- und funktionärslastigen Berliner Tellerrand hinaus zu schauen.



@45



Von Wissenschaftsgeschichte scheinen Sie wenig Ahnung zu haben. Ein Beispiel aus der Glanzzeit der deutschen Wissenschaft: Sind etwa Hilberts Durchbrüche auf dem Mist einer "Göttingen University ...

#10 -

naja | So., 27.03.2022 - 14:45
@Friedrichshainer

Genauso ist es, wie Sie es beschreiben. Top-Ideen und Top-Resultate in der Wissenschaft sind noch nie vom Wissenschaftsmanagement initiiert worden. Diese irrige Idee kann sich nur bei Leuten halten, die noch nie selbst oder erfolgreich geforscht haben. Das sind dann typischerweise dieselben, die sich im Wissenschaftsmanagement tummeln.

#11 -

McFischer | Do., 07.04.2022 - 14:49
"Man kann nämlich gute Forschung überhaupt nicht "managen" im klassischen Sinn."

Nun ja, aber ein europäischer Förderantrag schreibt sich nicht so nebenher, nur weil man auf dem Fachgebiet ein*e gute*r Forscher*in ist. Das ist mittlerweile dermaßen komplex und sie brauchen zig Partner aus Hochschulen, Wirtschaft, Politik... das geht ohne entsprechende Professionalisierung nicht.

@Friedrichshainer:

David Hilpert ist ein schlechtes Beispiel, würde ich meinen. (a) ein Forschungs- und Uni-Kontext, der vor über 100 Jahren bestand, ist mit heute kaum mehr vergleichbar; (b) gerade die Mathematik ist ein Fach, in dem noch stark die individuelle Forschungsleistung möglich ist, das lässt sich kaum auf ...

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