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Die WissZeitVG-Eckpunkte sollen "zurück in die Montagehalle", verkündete das BMBF am Sonntagabend. Eine bemerkenswerte Reaktion auf immer lauter werdende Proteste. Warum ist es so gekommen? Und wie sollte es jetzt weitergehen? Ein Kommentar.

MAN KANN sich vorstellen, wie am Wochenende die Telefondrähte heißgelaufen sind zwischen der BMBF-Spitze und den zuständigen Ampel-Wissenschaftspolitikern. Vor allem in den sozialen Medien steigerte sich die Erregung über die am Freitagnachmittag verkündeten Pläne zur Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) immer weiter, Streikaufrufe wurden abgesetzt, mehr als 400 Professorinnen und Professoren solidarisierten sich bis zum Sonntagabend per Offenen Brief unter dem Hashtag "#ProfsfürHanna" mit den Protesten. Und während sich einzelne Abgeordnete, die an der Ausarbeitung der WissZeitVG-Eckpunkte mitgewirkt hatten, noch Twitter-Scharmützel mit Kritikern lieferten, muss im BMBF am Sonntagnachmittag die Entscheidung gefallen sein: Die Debatte läuft uns aus dem Ruder. Wir müssen jetzt reagieren.

Um 17.58 Uhr setzte der parlamentarische Staatssekretär Jens Brandenburg einen Tweet ab. "Der Koalitionsvorschlag zur Reform des #WissZeitVG hat eine Diskussion vor allem zur Höchstdauer der Postdoc-Qualifizierungsbefristung ausgelöst, die wir sehr ernst nehmen", schrieb er. Der "Koalitionsvorschlag" wohlgemerkt – während das Ministerium am Freitagnachmittag noch auf seiner Website meldete: "Das BMBF hat heute seinen Vorschlag für eine Reform des WissZeitVG vorgelegt". Doch das nur am Rande, die entscheidende Botschaft folgte in den nächsten ...

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Kommentare

#1 -

JP Teitinger | So., 19.03.2023 - 23:36
Danke für die Zusammenfassung! Dazu zwei Ergänzungen:

- Die Frage "am Rande" (war es ein Koalitionsentwurf oder ein Ministeriumsentwurf) ist durchaus bedeutsam. Wie konnte es zu diesem Unfall kommen, und was sagt das über die wissenschaftspolitische Expertise der Beteiligten aus, wenn so offenkundig die längst bekannten und weithin kommunizierten Bedürfnisse und Forderungen der Betroffenen vollständig aus dem Blick genommen werden? Wie kann es sein, dass Beteiligte offen auf Twitter sagen, sie hätten mit den entsprechenden Gruppen gar nicht gesprochen oder deren Forderungen seien nicht zu ihnen durchgedrungen? Das berührt grundsätzlich die Qualität der Arbeit der beteiligten Fachpolitiker*innen.

- Was bislang ...

#2 -

ln2 | Mo., 20.03.2023 - 10:40
@JP Teitinger: Vielleicht vertritt aber der WR die größere Gruppe an Interessen, im Vergleich zur Minderheit die auf Twitter etc einfach nur lauter ruft als die anderen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass im naturweissenschaftlichen Breich oder bei Ingenieuren mit Fassungslosigkeit auf die geforderten Einschränkungen der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit. Vor allem betroffene Postdocs (oft aus dem Ausland) haben kein Verständnis für Gesetze und Vorschriften, die ihnen verbieten, so lange wie sie möchten auf einem Gebiet zu arbeiten...im Zweifel so lange bis die wissenschaftliche Frage geklärt ist.

#3 -

Aus einer Berl… | Mo., 20.03.2023 - 11:16


Mir fällt vor allem auf, dass der gesamte MINT Bereich in der Unterschriftenliste unter den offenen Brief "Nivellierung statt Novellierung" extrem unterrepräsentiert ist. Das bestätigt meine Erfahrung, dass die Situation in MINT und in den Geisteswissenschaften vollkommen unterschiedlich ist und auch vollkommen unterschiedlich empfunden wird. Vielleicht wäre es an der Zeit, die Vorstellung aufzugeben, dass es "die Wissenschaft" gibt und in der alle gleich und bzgl Karriereplanung gleich zu behandeln sind. Es verhandeln ja auch nicht die Tarifparteien in der Metallbranche gemeinsam mit den Postzustellern, der IG Bau, oder den Gebäudereinigern.



Beste Grüße aus Berlin

#5 -

BUSchneider | Mo., 20.03.2023 - 14:30
Andere Kommentatoren haben es schon angemerkt: Die Kampagnen "#IchbinHanna" und jetzt auch "#ProfsfürHanna" werden vorrangig von einer Fachkultur (Sozialwissenschaften) und dort vorrangig von einem Fach (Soziologie) getragen.



Natürlich sind diese Fächer wichtig - aber vorrangig die Gesellschaft und die durch sie repräsentierte Politik muss entscheiden, in welchem Umfang. Alleine die Unterschriftenliste unter den genannten offenen Brief zeigt die zahlenmäßig sehr breite Aufstellung dieser Fachkultur - andere Fächer können davon und von einer solchen Mobilisierungsfähigkeit nur träumen. Auch die Verankerung dieser Fächer in Gewerkschaften und Wissenschaftsorganisationen ist signifikant.



Die Forderung nach Dauerstellen und einem Befristungsrecht, welches dieses ermöglicht, ist aus der ...

#6 -

René Krempkow | Mo., 20.03.2023 - 17:32
Es gibt derzeit viel Aufregung im Web hierzu. Ich versuche deshalb, möglichst kühl die Frage zu beantworten: Kann die Regierungskoalition mit den vorgelegten Eckpunkten die formulierten Ziele des Koalitionsvertrags erfüllen? Dies will ich anhand von zwei zentralen Versprechen mit Zahlen und Fakten prüfen:



1. Zum Knüpfen der "Vertragslaufzeiten von Promotionsstellen an die gesamte erwartbare Projektlaufzeit“: Dazu heißt es im Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN 2021), die Promotionsdauer betrage im Durchschnitt 5,7 Jahre (ohne Medizin, die eine Sonderrolle einnimmt). Dies geht aus vorliegenden Befragungsstudien hervor. Doch selbst wenn man diese anzweifelt (s. auch selbstkritisch BuWiN 2021: 136f.), spiegeln drei Jahre auch nach ...

#7 -

René Krempkow | Mo., 20.03.2023 - 17:33
... [Fortsetzung von obigem Kommentar]



- Verkürzung der Höchstbefristungsdauer für Promovierte auf drei Jahre nur bei gleichzeitiger Schaffung einer deutlich breiteren Basis von Dauerstellen für Daueraufgaben, z.B. mindestens zehn Prozentpunkte mehr unbefristete Stellen (oder mit Tenure Track unter Anrechnung der Postdoc-Zeit) in einer überschaubaren Zahl von Jahren (z.B. eine Legislaturperiode, max. zwei), in diese Richtung gingen übrigens auch frühere Vorschläge des Wissenschaftsrats (2014);

- Abschaffung der Tarifsperre, so dass die Tarifpartner – wie in anderen Branchen auch – frei über die angemessensten tariflichen Regelungen verhandeln können;

- Veröffentlichung der Ergebnisse der Evaluation des Gesetzes ca. 5 Jahre nach Inkrafttreten und ...

#8 -

aus dem MINT Bereich | Mo., 20.03.2023 - 18:11
Ich kann im Übrigen nicht bestätigen, dass die Forderung nach mehr Dauerstellen hauptsächlich nur Geisteswissenschaften betrifft. Im Gegenteil: Ich beobachte, dass man die Abwanderung ins Ausland oder in die Industrie im MINT Bereich einfach als selbstverständlich hinnimmt. Der Unterschied zu den Geisteswissenschaften mag sein, dass hier die Jobsuche nach Beendigung der akademischen Karriere erfolgreicher ist, aber viele extrem kompetente und gut ausgebildete Menschen verlassen die Akademie ungern, werden aber durch die Umstände dazu gezwungen. Niemand aus den MINT-Fächern schafft es in nur wenigen Jahren genug Arbeit aufzubauen, um danach zu einer festen Stelle berufen werden zu können. Und auch hier ...

#9 -

Eric Marioth | Mo., 20.03.2023 - 18:38
Mann kann die Debatte um das WissZeitVG stark verkürzen, in dem man sich die interpretierende Rechtsprechung anschaut:

1. Es besteht dringender bedarf den Begriff der "Qualifizierung" auf das einzig sinnvolle akademische Ausbildungsziel der Promotion zu begrenzen. Für den dann folgenden Karriereschritt der Habilitation ist eine Befristung nicht nötig, schließlich handelt es sich um Personal, das im Unibetrieb verbleiben möchte und offenbar auch dafür geeignet ist zu habilitieren.

2. Die Drittmittelbefristung des WissZeitVG wurde im Eckpunktepapier überhaupt nicht erwähnt. Sie ist im TzBfG ausreichend bedacht, eine Notwendigkeit besteht nur aus Gründen der Bequemlichkeit der Arbeitgeberseite sich nach 2 Jahren entscheiden zu ...

#10 -

Michael Liebendörfer | Mo., 20.03.2023 - 01:00
Die Kommentare hier sind substanziell, danke an alle!



Die Fachspezifika kann man m.E. nicht länger ausblenden (vgl. #3, #5). Die Fächer unterscheiden sich erheblich, z.B. hinsichtlich Habilitation, außeruniversitärem Arbeitsmarkt, Dauer bis zur Fähigkeit, wirklich eigenständig zu forschen, oder Notwendigkeit von Forschung in Teams.



Die "geteilte Vision" kann ich mir kaum über alle Fächer identisch vorstellen. Teils aber werden dieselben Lösungen für verschiedene Probleme funktionieren. Frühere Karrieresicherheit könnte in MINT die Uni-Karriere attraktiver für die Besten machen und in der Soziologie den schmerzlichen Abschied erträglicher.



Ohnehin ist auffällig, dass sich die Diskussion vor allem um Bleibeperspektiven dreht, wo klar ist, dass ...

#11 -

Lehramtshanna | Mo., 20.03.2023 - 20:10
Den Beitrag von BUSchneider möchte ich als Vertreterin eines als "weich" bezeichneten Faches (Germanistik - Lehramt) so nicht stehen lassen und gebe Folgendes zu bedenken:



Wollen Sie, dass an deutschen Universitäten die Lehrkräfte von morgen wie bisher von mehrheitlich fast gleichaltrigen Doktorand:innen und jungen Postdocs "ausgebildet" werden, die sich im Kampf um eine unbefristete WiMi-Stelle oder eine Juniorprofessur ein Engagement für gute Lehre kaum leisten können?



Wer will, dass seine eigenen Kinder in der Schule von gutqualifizierten Lehrkräften unterrichtet werden, sollte in der universitären Lehramtsausbildung endlich mit dem Befristen, Sparen und Prekarisieren aufhören. Gerade hier werden erfahrene Dozent:innen auf unbefristeten ...

#12 -

Wie bitte? | Di., 21.03.2023 - 11:49
@Eric Marioth: Ich zitiere Sie: "Für den dann folgenden Karriereschritt der Habilitation ist eine Befristung nicht nötig, schließlich handelt es sich um Personal, das im Unibetrieb verbleiben möchte und offenbar auch dafür geeignet ist zu habilitieren."



Wie kommen Sie denn auf diese Idee? Die Mehrheit der Leute, die nach Promotion im Unibetrieb verbleiben wollen, ist dafür ungeeignet, was die Forschung und fortgeschrittene Lehre betrifft. Da tummelt sich eine riesige Menge an Mittelmaessigkeit, die typischerweise unter falschen Versprechungen ihrer Betreuer animiert werden, weiterzumachen.

#13 -

Eric Marioth | Di., 31.10.2023 - 19:28
@Wie bitte?

...der Habilitation folgt ja nicht zwingend ein Ruf. Aber Sie haben recht, in der universitären Realität kenne ich mich nicht ausreichend aus, um eine generelle Einschätzung über die wissenschaftliche Exzellenz der dort beschäftigten Mitarbeitenden zu geben. Meine vielleicht naive Schlussfolgerung war: Wer als Post-Doc weiter beschäftigt werden soll, hat schließlich eine Qualifikation nachzuweisen, die für eine Habilitation vorauszusetzen ist. Wer diese aus Sicht der aufnehmenden Institution nicht besitzt, soll auch nicht als Post-Doc eingestellt werden. Diese Praxis sollte sich meiner Meinung nach durchsetzen, um genau das zu verhindern, was Sie beschreiben und zur Zeit oft bedauerliche Praxis ist: ...

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