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Bitte Luft holen

Die Hochschulrektoren wollen nächste Woche Reformvorschläge zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz beschließen. Die Reaktionen auf die Pläne fallen teilweise heftig aus. Und nun?

DIE EMPÖRUNG IST GEWALTIG, vor allem in den sozialen Medien und vor allem auf Twitter, wo auch der Hashtag "#IchBinHanna" seinen Ursprung hatte. Ein "Skandal" seien die Überlegungen der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) zur Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, eine "Verschlimmbesserung" des schon schlimmen Status Quo. Und das sind noch die netten Kommentare.

Am Dienstag hatten HRK-Präsident Peter André Alt und die für die Universitäten zuständige HRK-Vizepräsidentin Anja Steinbeck im Interview erläutert, welche Vorschläge die deutschen Unichefs voraussichtlich nächste Woche beschließen werden. Wesentliche Elemente: zehn statt der bislang zwölf Jahre als maximale Befristungszeit und für Doktoranden mindestens drei, möglicherweise auch vier Jahre lange Erstverträge.

Tatsächlich sieht eine mutige Strukturreform anders aus. Es handelt sich, um das neuerdings so beliebte Innovationssprech zu benutzen, um das Gegenteil einer disruptiven Innovation, weil es im bestehenden Denken verhaftet bleibt. "Inkrementell" ist der Fachbegriff dafür, bestenfalls ein Schritt nach vorn. Viele (nicht nur befristet angestellte) Wissenschaftler:innen empfinden den Vorschlag allerdings eher als Schritt zurück. Noch dazu kommt ihnen die Sprache, in der er präsentiert wurde, mitunter unangemessen gönnerhaft vor, und all das sagen sie auf Twitter ...

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Kommentare

#1 -

MüderProf | Do., 30.06.2022 - 12:23
Dass sich das deutsche Universitätssystem in seinem Kern verändern wird, ist offensichtlich. Wie bei des Kaisers neuen Kleidern weigern sich die verschiedenen Universitätsstände, das Unvermeidliche zu akzeptieren:



1. Der Mittelbau auf PraeDoc-Ebene hat noch nicht verstanden, dass er abgeschafft werden muss, um die unbefristeten PostDoc-Verträge zu finanzieren. Er wird in einem dritten Ausbildungszyklus nach der Bachelor- und Masterphase auf Stipendienbasis studieren.



2. Die PostDocs haben noch nicht verstanden, dass sie als PostDocs im Mittelbau nicht erwünscht sind. D.h. entweder sie gehen "nach oben" auf den Tenure Track oder "raus".



3. Die Professoren haben noch nicht verstanden, dass das System der ...

#2 -

JP Teitinger | Do., 30.06.2022 - 14:43
Dass eine Reform nicht "gegen die Hochschulleitungen" gelingen kann, ist ein ziemlich schräger Gedanke. Da wird nun ausgerechnet die Seite zum Kompromiss und zur Mäßigung aufgerufen, die am kürzeren Hebel sitzt.

Fakt ist doch: Die Hochschulleitungen handeln seit vielen Jahren gegen die Interessen der Beschäftigten. Sie vertreten sich selbst, nicht die Hochschulen als Ganze, beanspruchen aber stets, für die gesamten Universitäten zu sprechen. Und sie präsentieren nun erneut Vorschläge, die genau so zu deuten sind.

Die Äußerungen und das Auftreten der HRK-Spitze kann man kaum anders bezeichnen als provokant. Dass die Betroffenen sich darüber empören ist nur recht und billig.

#3 -

Roman Stilling | Do., 30.06.2022 - 15:19
@#1 Müder Prof:

Ich kann ihrem Kommentar nicht ganz folgen. Die einzelnen Beobachtungen für die verschiedenen Ebenen scheinen sich zu widersprechen. Und die Schlussfolgerung, wie strebten auf das angloamerikanische System zu, erscheint auch nicht plausibel.

Ich kann mir leicht eine ganz andere Zielrichtung vorstellen. Bei der Einstufung der Promotion als dritter Ausbildungsstufe nach Bachelor und Master würde ich mitgehen, das scheint faktisch bereits der Fall in vielen Bereichen. Aber den Schritt Postdocs, müssten zwangsläufig "up or out" mitmachen, kann ich nicht nachvollziehen. Ich wäre gern langfristig Postdoc geblieben, mit vernünftiger Perspektive und für die wachsende Expertise angemessen bezahlt. Der Druck ...

#4 -

Müder Prof | Do., 30.06.2022 - 16:36
@#Roman Stilling: Vielen Dank für Ihre Anmerkung.



Ich habe in meinen Kommentar das Interview mit der HRK und die aktuelle Diskussion an der HU Berlin einbezogen.



Die Einschätzung, dass die PostDoc-Phase in ein up or out mündet, war aus meiner Sicht nicht normativ gedacht (dass es so sein soll), sondern faktisch (dass es so sein wird). Grund ist, dass ein entfristeter Mittelbau eine Art Zwitterwesen darstellt, der weder zum Professorium noch zum Mittelbau in der Qualifizierungsphase gehört. Die Entfristung gelingt derzeit in Form einer Lehrkraft für besondere Aufgaben mit einer Lehrverpflichtung von 14-18 SWS. Ich habe selten eine LfbA getroffen, ...

#5 -

Michael Liebendörfer | Do., 30.06.2022 - 16:46
Man muss anerkennen, dass einige Hannas hier um ihre berufliche Zukunft bangen und für sie somit wesentlich mehr auf dem Spiel steht als für die Vertretung der HRK.



Auf der anderen Seite scheint mir, dass die Konfrontation mit der HRK und die Reduktion auf zwei Streitparteien von einigen Hannas letztlich auch nur das ausdrückt: es geht um das eigene (wissenschaftliche) Überleben.



Eine vernünftige Moderation kann ich mir kaum vorstellen, ohne dass weitere Interessen und Gruppen berücksichtigt werden, die in der Diskussion bisher allenfalls als Schlagworte fallen, aber nicht vertieft erörtert wurden: Studierende (Lehrqualität), Geldgeber wie Stiftungen, Ministerien oder die DFG ...

#6 -

Geld? | Do., 30.06.2022 - 17:47
@Roman Stilling

"Ich wäre gern langfristig Postdoc geblieben, mit vernünftiger Perspektive und für die wachsende Expertise angemessen bezahlt." - nachvollziehbar

"Ich habe selbst immer wieder erlebt, wie sehr Labs von der Expertise abhängen, die sie selbst aufbauen/ansammeln, und die dann immer wieder kurzfristig wegbricht. Wie das gute Forschung ermöglichen soll, hat mir bisher noch niemand überzeugend erklären können... " - völlig korrekt

Aber: Welche Stellen bekommt die nächste, die übernächste und die überübernächste Kohorte, bis die Dauerstellenpostdocs in Rente gehen? Wenn man mehr Stellen schafft, müssen die auch finanziert werden. Bei gewisser Risikoabschätzung geht das auch dauerhaft über immer wieder ...

#7 -

asdf | Fr., 01.07.2022 - 00:25
Ich bin beim Kommentar von JP Teitinger bzgl. der Opposition zu den Rektoren.



Es erschließt sich mir ferner nicht, warum in beinah JEDEM anderen Arbeitsverhältnis in D der Grundsatz zur unbefristeten Einstellung gilt, aber in den Hochschulen nicht. Als ob deren gesellschaftliche Funktion sich auf Innovation und Professurkaderschmiede beschränken würde, dem sich alles andere unterzuordnen hat... Als ob es keine anderen Institutionsformen gibt, die Forschung betreiben und trotzdem unbefristete Stellen besetzen... Als ob es keine Arbeitnehmerrechte in Deutschland gäbe... Als ob es nicht endlich mal an der Zeit wäre, diesem Freibrief zur Willkür ein Ende zu bereiten.



Man stelle sich ...

#9 -

JP Teitinger | Fr., 01.07.2022 - 18:48
@Geld??

"Welche Stellen bekommt die nächste, die übernächste und die überübernächste Kohorte, bis die Dauerstellenpostdocs in Rente gehen?"



Warum wird diese Frage nicht überall gestellt, wo unbefristete Stellen vollkommen gängig sind?

Auch bei unbefristeter Beschäftigung gibt es jede Menge Gründe, zu wechseln: Aufstieg mit anderen Aufgaben, bessere Bedingungen woanders (man stelle sich vor, es gäbe wirklich einen Lockwettbewerb um die Besten!), Umzug mit Partner*in aus anderer Branche, Neuorientierung mit anderen Interessen uvm.

Das passiert in allen möglichen Bereichen ganz gewöhnlich. In der Wissenschaft genauso.

Nur: Es gäbe den Wechsel, weil die Betroffenen ihn *wollen*, nicht weil sie dazu gezwungen werden. ...

#10 -

UniVerwaltungsMA | Mo., 04.07.2022 - 11:23
Kurze Frage an @JPTeitinger, @asdf, @Literaturwissenschaftlerin, @RomanStilling: Gibt es denn Vorbild-Modelle in anderen Ländern für Ihre Vorstellungen?

Ich kann (als nicht promovierter "Laie" in der Frage) Ihre Wünsche nachvollziehen. Rational aber leuchten, aufgrund der verschiedenen Realitätszwänge, die Argumente von @Geld und @MüderProf ein.

Außer es gibt BestPractice-Modelle anderswo, die funktionieren? Vorbilder helfen beim Wandel!

#11 -

JPTeitinger | Mo., 04.07.2022 - 16:09
@UniVerwaltungsMA

Es gibt funktionierende Strukturen, die viele (nicht alle!) der Schwierigkeiten abmildern, etwa im Benelux-Raum, in Skandinavien, in Großbritannien, den USA und durchaus auch schon hier und da in Deutschland. Man muss das Rad nicht neu erfinden.

Was früher der "Akademische Rat" war (muss natürlich nicht verbeamtet sein), was heute "Lecturer" oder "Senior Lecturer" sind, Universitair Hoofddocent in den Niederlanden usw. - Positionen also, die unbefristet besetzt sind, ohne dass es Professuren sein müssen. Und Positionen, die nicht als "Ausstattung" wie der Privatbesitz von Professor*innen behandelt werden.

Im Detail muss man hinschauen, welche genauen Aufgaben diese Stellen jeweils beinhalten, aber ...

#12 -

Roman Stilling | Mo., 04.07.2022 - 16:20
@Geld? --> das, was JPTeitinger sagt ;-)

Ergänzend: Ja klar, verschiebt sich der Bottleneck nach vorher, nämlich ans Ende der Promotion. So wie es in allen anderen Arbeitsbereichen auch der Fall ist: Nach der Ausbildung wird man nicht selbstverständlich im selben Betrieb (oder auch nur derselben Branche) übernommen. Es wird auch weiterhin Mobilität und Dynamik im Arbeitsmarkt Wissenschaft geben, aber natürlich gibt es dann Verschiebungen, wenn Postdocs eine Dauerperspektive haben. Das ändert an der Finanzierung überhaupt nichts.

Das Argument der Wissenschaft ist halt bisher: Es darf keine Dauerstellen geben, weil nur der konstante Austausch andauernde Kreativität garantieren würde. Das ist ...

#13 -

NLerfahrung | Mi., 06.07.2022 - 21:01
@JPTeitinger:

Es mag sein, dass die Strukturen z.B. in den Niederlanden eine frühere Entfristung erlauben (das aber auch erst seit dem letzten Jahr) und nebenbei aufgrund des Stufenmodells (ähnlich wie im TV-L) durchaus auch finanziell ein interessanteres Modell vorliegt als es in vielen deutschen Bundesländern für Professoren existiert, wo ja oft nur durch einen weiteren Ruf bessere Konditionen verhandelt werden können.



Aber: Aus eigener Erfahrung kann ich sehr wohl sagen, dass gerade in den Niederlanden doch immer noch ein sehr hierarchisches Denken vorherrscht und man z.B. als Universitair Docent dort deutlich weniger unabhängig arbeitet als man es (je nach Professor) ...

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