Ein Buch in der Tasche, ein neues Selbst im Kopf
In einer Neuköllner Sekundarschule lesen Jugendliche, die einst kein Buch besaßen, heute freiwillig vor. Kapitel einer Lesereise, aufgezeichnet von Ihrer Lehrerin Ada M. Hipp*.
Reden über "Arabboy": Güner Yasemin Balci zu Besuch in einer Neuköllner Sekundarschule. Foto: Privat.
"WIRD SIE HEUTE wirklich kommen?", fragen mich einige Jungen und Mädchen meiner 10. Klasse auf dem Schulflur in der ersten großen Pause. Sie sind aufgeregt – freudig, nicht gestresst. Heute werden sie eine öffentliche Persönlichkeit zu Besuch in ihrem Klassenzimmer haben: Güner Yasemin Balci, Autorin des Buches Arabboy und Integrationsbeauftragte unseres Bezirks Neukölln.
In der Sonne des späten Septembers liegen ihre vorbereiteten Fragen auf dem Lehrerpult, das Buchcover leuchtet groß an der Tafel. Auf einem runden Tisch vorne im Raum stehen Wasserflasche und Glas bereit, fünf Stühle künden vom bevorstehenden Ereignis. Für meine Schülerinnen ist es der vorläufige Schlusspunkt einer langen Reise – einer Lese-Reise, die zwei Jahre zuvor begann.
Im Juni 2023 schrieb ich in diesem Blog über die Leseleistungen meiner damals siebten Klasse. Ich schrieb darüber, dass von 24 Kindern 20 kein eigenes Buch besaßen. Niemand von ihnen sah damals das Lesen als ein Hobby an. Im Gegenteil, da sie Lesen als langweilig empfanden, kämen sie niemals auf die Idee, dass dies sich auch zukünftig zu einem Hobby entwickeln könnte. Nun sind sie keine Kinder mehr. Nach aktueller Umfrage sind es nun nur noch fünf von ihnen, die bis jetzt kein eigenes Buch besitzen. Derzeit bereiten sie sich auf ihre Prüfungen zur Mittleren Reife vor, da sie sich in ihrem Abschlussjahr an unserer Integrierten Sekundarschule in Neukölln befinden, einem Bezirk, der geprägt ist von einem hohen Anteil an ausländischen sowie migrantischen Mitbürgern. Dies schlägt sich auch an ihrer Schule nieder, die gemeinhin als sogenannte Brennpunktschule angesehen wird.
Schüler aus 20 Nationen, keine deutschen Klassenkameraden
Wir unterrichten hier Schülerinnen und Schüler, die mehr als 20 Nationen angehören und keine deutschen Klassenkameraden haben. Auf Nachfrage hin spricht kaum jemand von ihnen zu Hause durchgehend Deutsch. Zum einen rührt es daher, dass ihre Eltern teilweise gar kein Deutsch verstehen und sprechen können. Zum anderen haben sie Eltern, die zwar hier geboren wurden, jedoch selbst, obwohl eine deutsche Schule besucht, nur fehlerhaft ihre "Muttersprache" Deutsch sprechen können. Denn auch sie sprachen zu Hause vorwiegend die Herkunftssprache ihrer Eltern, die häufig kaum Gelegenheit oder Chance bekamen, einen Deutschkurs zu besuchen bzw. durch werktägliche Arbeit die Sprache unseres Landes zu lernen.
Vereinzelt war es ihren Eltern auch aus familiären Gründen nicht gestattet, die Sprache zu erlernen. Dies ist zum Teil auch heute noch der Fall. In einer Berliner Grundschule verweigert ein bosnischstämmiger Vater seinen drei Töchtern das Erlernen der deutschen Sprache. Er ist der Meinung, dass die Familie nur kurze Zeit in Deutschland verbringen würde und es somit keine Notwendigkeit gebe, diese Sprache zu erlernen. Ginge es nach ihm, würden die Mädchen nicht mal die Schule an sich besuchen.
Zum Glück ist dies in unserer Klasse anders. Hier wollen alle Eltern, dass ihre Kinder erfolgreich die Schule, möglichst mit einem ordentlichen Schulabschluss, beenden. Ein Weg dahin führt über das verstehende Lesen, denn nur so zeigen sie sich in der Lage, die ihnen bei den Prüfungen gestellten Arbeitsanweisungen und Aufgaben zu bearbeiten.
Seit dem Jahre 2023 haben wir fünf Bücher gelesen, die sich die Klasse aus einem von uns bereiteten Angebot aussuchte. Wir nahmen sie mit auf Wandertage und Exkursionen. Bei jeder Gelegenheit, die sich bot, zückten sie die Bücher aus ihren Taschen und es wurde reihum vorgelesen: beim Warten vor einem Museum, auf dem Bahnhof, im Schwimmbad oder auf dem Tempelhofer Feld. Mit jedem Lesen steigerten sich ihre Leseleistungen. Nach den jeweiligen Sommerferien allerdings fielen die Leistungen zum großen Teil auf ihr Ausgangsniveau zurück. Nur bei denen, die tatsächlich unserer Empfehlung folgten, auch die Ferien zum Lesen zu nutzen, merkte man keinen Unterschied. Sie konnten leicht an ihre Leseleistung von vor den Ferien anknüpfen und bekamen teilweise neidische, aber auch anerkennende Blicke ihrer Mitschüler zu spüren.
Selbst die Klassenfahrten waren nicht buchfrei
Die Anzahl derer, die freiwillig laut vorlesen wollten, steigerte sich mit jedem Buch, das wir lasen. Auch unsere Klassenfahrten waren nicht "buchfrei", zum Teil zu ihrem Leidwesen. Denn während andere Klassen nach dem gemeinsamen Abendessen sich zu ihren Freizeitaktivitäten, einschließlich Handyerlaubnis, begaben, hieß es für unsere Klasse: eine Stunde lesen – entweder im großen Rahmen mit der ganzen Klasse in der Cafeteria oder im Garten der Jugendeinrichtung oder auf dem Zimmer, wo sie einander vorlasen. Lasen wir gemeinsam im Garten, so waren sie zunächst den scheelen Blicken der Kinder aus anderen Klassen ausgesetzt, die um uns herumschlichen. Zunehmend jedoch blieben sie für einige Minuten stehen, dann setzten sich einige dazu und lauschten den Vorlesenden. Am dritten Tag wurden wir gefragt, ob und wann wir die nächste Leserunde machen würden. Und so lasen wir dann täglich im Garten.
Dieses tägliche Lesen brachte nicht nur Erfolge im lauten Lesen, sondern den Kindern war anzumerken, dass sie mit jeder verbesserten Leseleistung, das heißt ihren vorgelesenen Abschnitt ohne Fehler zu meistern, ein Stück selbstbewusster wurden. Auch diejenigen, die besondere Schwierigkeiten mit der Aussprache von Wörtern, dem Einhalten der Satzenden und fließendem Lesen hatten, meldeten sich vermehrt zum Vorlesen.
Im Februar dieses Jahres wählte die Klasse das Buch Arabboy von Güner Yasemin Balci aus. Im September haben wir es ausgelesen. Wir beschäftigten uns anschließend sehr intensiv mit dem Inhalt des Buches, schließlich wohnen die meisten von ihnen genau an den Orten, die im Buch beschrieben sind. In einem TV-Interview erfuhren die Kinder, dass Frau Balci Integrationsbeauftragte ihres Bezirkes Neukölln sei. Davon wussten die Schülerinnen und Schüler zuvor nichts. Hatten sie allein mit der Aussprache dieses Wortes Integrationsbeauftragte schon einige Schwierigkeiten, fiel es ihnen schwer, mit dem Begriff überhaupt umzugehen. Niemand von ihnen schien zu ahnen, was die Arbeit einer Integrationsbeauftragten beinhalten könnte.
Auf gedanklichen Umwegen kamen sie von ihrem Schultyp der Integrierten Sekundarschule darauf, dass sich Integrationsbeauftragte um die Integration von Menschen mit Einschränkungen kümmerten. Niemandem von ihnen kam es in den Sinn, dass es sich bei dieser Arbeit um die Eingliederung und Unterstützung von Menschen mit Migrationshintergrund handeln könnte. Sie selbst hörten zum ersten Mal davon, dass sie und ihre Familien in unserem Land als Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund gelten.
Der Tag, an dem Frau Balci kommt
Nahezu täglich gehen sie an ihrem Rathaus vorbei und finden es interessant, dass dort die Frau sitzt und arbeitet, deren tolles Buch sie gerade gemeinsam gelesen haben. So schrieben sie Leserbriefe an Frau Balci, in denen sie ihr erzählten, wie sehr ihnen ihr Buch gefallen hat, welche Passagen sie besonders interessiert haben und was sie spannend fanden. Sie schrieben zum Beispiel: "Positiv gefallen hat mir Raschids Mutter Leila, weil sie bis zum Ende an Raschids Seite war." Oder: "Die gesamte Klasse liest seit der 7. Klasse Bücher, um unser Leseverständnis zu verbessern. Das machen wir bis heute." Oder: "Wir haben uns auch vorgenommen, als nächstes Buch Aliyhas Flucht zu lesen, da wir in der Klasse viele Bücher lesen und Ihre uns besonders beeindrucken." Die Briefe gaben sie persönlich im Rathaus ab, verbunden mit einer Einladung zu einer Gesprächsrunde in die Klasse – als schönen Abschluss unserer Lesezeiten.
Und nun ist dieser Tag gekommen. Frau Balci tritt ins Klassenzimmer, lächelt, begrüßt die Schülerinnen und Schüler, die sie mit staunenden Augen anblicken. Für die Gesprächsrunde haben sie Fragen vorbereitet: Sie wollten wissen, was sie in ihrer Kindheit im Rollbergviertel besonders bewegt hat, ob sie noch Beziehungen dorthin hat oder sogar noch in Neukölln wohnt. Sie fragten, ob sie Raschid aus ihrem Buch persönlich kannte, ob sie immer schon Bücher schreiben wollte und welchen Rat sie den Lesenden mit auf den Weg geben möchte. Sie interessierten sich für ihren Beruf der Journalistin und dafür, inwieweit sie als Journalistin mit Migrationshintergrund Probleme bei der Ausübung ihrer Tätigkeit bekommen habe.
Im Anschluss ließen sich alle das kurz zuvor erworbene und von ihnen für die nächste Leserunde ausgewählte Buch Aliyhas Flucht von Frau Balci signieren, die sich mit persönlichen Widmungen und Einzelgesprächen sehr viel Zeit für sie nahm.
Irgendwann verabschiedet sich Güner Yasemin Balci, doch der Eindruck bleibt. Meine Schülerinnen und Schüler haben erlebt, dass eine Autorin aus ihrer Nachbarschaft, eine Frau mit ähnlichem Hintergrund, aus Worten etwas geschaffen hat, das Menschen bewegt.
Zwei Jahre Lesen haben diese Klasse verändert – und auch mich. Aus Kindern, die anfangs kaum ein Buch besaßen, sind Jugendliche geworden, die über Figuren und Themen diskutieren, die Parallelen zu ihrem eigenen Leben erkennen und Sprache als Werkzeug begreifen. Sie lesen jetzt nicht nur, um Aufgaben zu bestehen, sondern um die Welt zu verstehen. Und ich habe gelernt, dass Beharrlichkeit und gemeinsame Rituale – ein Buch in der Tasche, eine Stunde am Abend – mehr bewirken können als jedes Leseprogramm.
Ein Kapitel ihrer Lesereise endet, wenn sie nächstes Jahr die Schule verlassen. Und vielleicht beginnt für manche von ihnen nun ein neues.
*Ada M.Hipp ist Sekundarschullehrerin. Ihr Name wurde geändert.
Kommentare
#1 - Berührt
Eine (mich) berührende Erfolgsgeschichte, die in Essenz aufzeigt, wie eine (hart-)näckig erarbeitete Lesepraxis gemeinschaftlich Bildungsprozesse "auslesen" können!!
Dazu ein Einwurf aus den Niederlanden. Ich bin gerade auf der Rückreise von einer Bildungskonferenz in Den Haague, bei der berufliche und hochschulische Bildung (!) mit rund 2.000 TN rund um Themen digitale Transformation für zwei Tage diskutiert werden. Den Eröffnungskeynote hielt Mpho Tutu, die Tochter des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu rund um die Bedeutung von Ubuntu im Bildungsbereich und adressierte damit die Frage, wie wir gemeinsam Verantwortung für die Werte übernehmen können, die uns als Gesellschaft wichtig sind und wie wir auch im Kleinen durch unser Handeln einen Unterschied im großen System machen können.
Danke für das Teilen dieser beeindruckenden Geschichte und für das Illustrieren, wie viele Facetten das Engagement für unser Bildungswesen aufzeigt- in einer Zeit, in der die Aufmerksamkeit leider viel zu häufig ganz woanders hingeht!
#2 - Beeindruckend - und ermutigend.
Wir arbeiten in einer Lese- und Schreibwerkstatt mit Menschen "von 6 bis 66", die grundlegende Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Und auch wir merken, wie der bevorstehende mittlere Schulabschluss und die Hoffnung auf eine Lehrstelle plötzlich die Motivation belebt und Kräfte frei setzt, sich auf die Anstrengung des Lesens und Schreibens einzulassen. Auch persönliche Bedeutsamkeit der Inhalte ist ein starker Motor, der in den Schulen viel zu selten genutzt wird.
#2.1 - Woher kommt das Problem?
Sehr geehrter Herr Brügelmann: Zu meiner Schulzeit (die lag 3 Jahre nach Ihrer) war es eigentlich selbstverständlich, dass fast alle Schüler an "normalen" Schulen selbständig und ohne Anleitung zumindest Bücher der Jugendliteratur lesen konnten (als solche galten z.B. die von Enid Blyton und Karl May, heute sieht man das kritisch). In den 1950er Jahren gab es eine Jugendzeitschrift namens "Rasselbande", später dann "Bravo" und andere. Auch bei denen musste man lesen können. Heute wird es schon bejubelt, wenn sowas in Teilbereichen und mit Anleitung gelingt. Zwischendurch muss es also eine Art von "Niedergang" in diesem Punkte gegeben haben. Haben Sie eine Idee, wodurch und wann es passierte, dass Schüler sich nicht mehr auf die "Anstrengung des Lesens" einlassen wollten? Gerüchte besagen, dass das sogar schon Gymnasiasten betrifft. Gab es eventuell zwischendurch eine Negativpropaganda, so in Richtung von "Bücher lesen ist uncool und altmodisch" ? Welche Rolle mag da die Schulpädagogik gespielt haben? Warum hat man nicht rechtzeitig und systematisch gegengesteuert, wo wir doch schon länger eine wissenschaftsbegleitete und evidenzbasierte "Steuerung im Bildungswesen" haben?
#3 - Tolle Lehrerin
Wow, was für eine tolle Lehrerin, die dranbleibt und sich wirklich für die Kinder und Jugendlichen interessiert, die sie unterrichtet. Hut ab vor diesem pädagogischen Selbstverständnis.
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