Gutachten mit Haltung
Wie Wissenschaftsministerin Bettina Martin Mecklenburg-Vorpommerns Wissenschaftssystem neu vermessen ließ – und warum der Blick dabei jenseits der nächsten Landtagswahlen geht.
Schloss Schwerin, Sitz des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Wolfgang Pehlemann, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons.
DASS BUNDESLÄNDER ihr Wissenschaftssystem freiwillig extern begutachten lassen, ist so ungewöhnlich nicht. Tatsächlich zählen sogenannte Landesstrukturbegutachtungen laut Website des Wissenschaftsrats sogar zu dessen "wesentlichen Aufgaben". Dabei entstehen teilweise weitreichende Empfehlungen, zuletzt zum Hochschulsystem in Brandenburg, davor in Schleswig-Holstein. Solche Gutachten haben eine doppelte Funktion: Sie sollen Hochschulen und Ministerien neue Ansätze liefern oder diese verstärken – und gegenüber der Haushaltspolitik die Notwendigkeit einer (besseren) Finanzierung unterstreichen.
Erstaunlich eigentlich, dass Landeswissenschaftsministerinnen nicht häufiger zu dem Mittel greifen. In den vergangenen zehn Jahren gerade einmal fünf. Vielleicht aber auch gar nicht so erstaunlich: Ambitionen machen Arbeit.
Was Bettina Martin, SPD-Wissenschaftsministerin von Mecklenburg-Vorpommern, gemacht hat, ist insofern in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Sie hat nicht den Wissenschaftsrat direkt um Empfehlungen gebeten, sondern eine achtköpfige Kommission um zwei ehemalige Wissenschaftsratsvorsitzende: Wolfgang Marquardt und Peter Strohschneider, wobei letzterer den Vorsitz innehatte.
Auch die Liste der übrigen Kommissionsmitglieder vom Hochschulforscher Peer Pasternack über die Primatenforscherin Julia Fischer bis hin zu Ursula Münch, Direktorin der Akademie Tutzing, liest sich eindrucksvoll. Sie garantiert, bei allen Verbindungen zum Wissenschaftsrat, neben hoher Expertise eine maximale politische Unabhängigkeit.
Hinzu kommt, dass Martin den Auftrag erteilt hat, obwohl gut möglich ist, dass sie selbst nicht mehr lange Ministerin ist: Im Herbst steht eine aus Sicht der demokratischen Parteien extrem schwierige Wahl in Mecklenburg-Vorpommern an. Doch genau das, so scheint es, ist der entscheidende Punkt dieser Evaluation. Sie soll, ohne dass man ihr politische Voreingenommenheit vorwerfen könnte, Eckpunkte setzen für ein zukunftsfähiges Wissenschaftssystem. Eckpunkte, die zugleich rote Linien für künftige – möglicherweise rechtsextrem besetzte – Landesregierungen definieren.
Entsprechend ist die Flughöhe des Papiers, wenn von einem integrierten, auf Komplementarität und Kooperation angelegten Wissenschaftssystem die Rede ist, von der Bedeutung einer stabilen Grundfinanzierung anstatt einer kleinteiligen politischen Steuerung, von einer stärkeren Verzahnung von Hochschulen und außeruniversitärer Forschung, von mehr Transfer in eine kleinteilige Wirtschaftsstruktur oder von internationaler Profilbildung im Ostseeraum. Und wenn der Bericht einen langfristigen, ressortübergreifenden Strategieprozess empfiehlt, zielt das weniger auf einzelne Maßnahmen als auf eine politische Selbstbindung über Legislaturperioden hinweg.
Die Hochschulen seien "gesellschaftliche Anker in ihren Regionen und für das Bundesland" und "maßgebliche Gestaltungskräfte für Lebensqualität, kulturelle Aktivität und die demokratische Stabilität", heißt es in dem Gutachten. Peter Strohschneider sagte bei der Vorstellung, die Wissenschaft könne die Demokratie nicht retten, sie könne aber helfen, sie resilienter zu machen durch ihren "epistemischen Pluralismus".
Ein Gutachten, das weniger technokratischer Reformkatalog ist als programmatisches Signal in Zeiten knapper Hochschulbudgets, Wissenschaftsskepsis und einem liberalen Wertesystem unter Druck. Das macht ihn zu einer bundesweit lesenswerten Lektüre. JMW
Dieser Kommentar erschien zuerst im kostenlosen Wiarda-Newsletter.
Kommentare
#1 - Gutachten mit Haltung
Gesellschaftliche Verantwortung beginnt im Inneren jedes Einzelnen – in dem Moment, in dem wir hinschauen und uns als wirksam begreifen.
Visionen sind dabei unser Antrieb. Sie geben Hoffnung, Richtung und Kraft zur Veränderung. Wenn wir Bestehendes ehrlich analysieren und Strukturen neu bewerten, wird Weiterentwicklung möglich.
Mein persönlicher Appell:
Trau dich, größer zu denken als dein Auftrag. Dein Engagement zählt. Deine Vision bewegt. Und genau daraus wächst gesellschaftlicher Wandel.
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