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"Das ist erschreckend"

Acht Prozent der deutschen Professorinnen und Professoren hatten nach eigenen Angaben in den vergangenen sechs Monaten ein Burnout, berichtet die Hochschulforscherin Yvette Hofmann. Was die neue Studie PROFESS über die Professorengesundheit verrät – und wie Dauerstress und Liebe zum Beruf zusammenpassen.
Portraitfoto Yvette Hofmann.

Yvette Hofmann ist Wirtschaftswissenschaftlerin und leitet die Forschungsstelle für Higher Education Research and Governance an der Ludwig-Maximilians-Universität. Die Ergebnisse der PROFESS-Studie finden Sie hierFoto: Claus Uhlendorf (oh)

Frau Hofmann, auf einer Tagung in Köln haben Sie gerade die erste systematische Befragung zur Professorengesundheit präsentiert. "Wie gesund ist die Wissenschaft?", lautete die Überschrift. Und wie lautet Ihre Antwort?

Ich forsche seit Jahren zur psycho-sozialen Situation von Studierenden, und mich hat immer gewundert, dass es kaum vergleichbare Untersuchungen zum Wohlbefinden der zentralen Hochschulakteure, den Professorinnen und Professoren, gab. Dabei sind sie entscheidend dafür mitverantwortlich, wie gut es den Studierenden geht und auch den wissenschaftlichen Mitarbeitenden.

Im Sinne des amerikanischen Sprichworts: "If Mama ain't happy, ain't nobody happy"?

In gewisser Weise schon. Über 2.000 Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer an 47 staatlichen Universitäten und HAWs haben bei unserer Online-Befragung mitgemacht, dazu haben wir eine Reihe von Experteninterviews geführt. Unsere Methode erlaubt repräsentative Aussagen über die gesamte Professorenschaft in Deutschland. Generell schätzen die meisten Befragten, gut 53 Prozent, ihren eigenen Gesundheitszustand als durchschnittlich ein. Ein kleiner Teil etwa zehn Prozent sagt sogar: sehr gut. 

Ist doch eigentlich ganz erfreulich.

Interessant wird es, wenn wir uns die Antworten genauer anschauen. Nach konkreten Beschwerden befragt, berichten fast 60 Prozent von mentaler Erschöpfung. Mehr als 46 Prozent leiden unter Schlafstörungen, 38 Prozent an körperlicher Erschöpfung, und immer noch 30 Prozent an Antriebslosigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten. Alles klassische Frühindikatoren von Burnout.

"Die allermeisten finden, dass sie an sich einen tollen Beruf haben. 
Aber Gleichzeitigkeit und Umfang der Aufgaben erzeugen großen Druck."

Gleichzeitig sagen 44 Prozent der Profs, sie seien zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit ihrer Arbeitssituation – und nur rund zehn Prozent sind unzufrieden oder sehr unzufrieden. Wie passt das zusammen?

Im ersten Moment denkt man tatsächlich: Das ist ja kontraintuitiv. Einerseits die hohe Arbeitsbelastung: Professorinnen und Professoren arbeiten im Schnitt rund 54 Stunden pro Woche – damit liegen sie ähnlich hoch wie Ärztinnen und Ärzte. Und viele berichten, dass sie am Wochenende oder im Urlaub zusätzlich Fachartikel, Gutachten oder Anträge erledigen. Andererseits gibt ein sehr hoher Prozentsatz an, dass ihr Leben mit Themen angefüllt ist, die sie wirklich interessieren. Kurzum: Die allermeisten finden, dass sie an sich einen tollen Beruf haben. Nur darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Anforderungsprofil in den vergangenen Jahren massiv verändert hat. Gleichzeitigkeit und Umfang der Aufgaben – Lehre, Forschung, Drittmittel, Selbstverwaltung, Führung – erzeugen offensichtlich großen Druck.

Sie sagen, Ihre Umfrage sei repräsentativ. Aber von den über 13.000 angeschriebenen Profs haben nur gut 2.000 mitgemacht. Vielleicht waren das diejenigen, die besonders gern jammern?

Bei einem Thema, das oft als "soft" gilt, über 2.400 Professorinnen und Professoren deutschlandweit zur Teilnahme zu bewegen – und nach Bereinigung der Stichprobe 2.037 auswertbare Fragebögen zu haben, bei denen der Großteil der Fragen beantwortet wurde – das ist keine kleine Gruppe. Natürlich ist die Selbstselektion bei Umfragen ein Thema. Aber wenn eine repräsentativ zusammengesetzte Professorenstichprobe erkennen lässt, dass einiges in Schieflage ist – und zugleich seitens der Befragten betont wird, wie sehr sie ihren Beruf lieben –, dann sollten wir hellhörig werden.

Was genau ist in Schieflage?

Die empfundene Gleichzeitigkeit aller Aufgaben habe ich schon erwähnt. Der zweite Hauptstressor sind die extrem zeit- und warteintensiven Verwaltungsprozesse, die Bürokratie. Ein Professor berichtete, er warte seit Jahren darauf, dass in seinen Büroräumen eine Leichtbauwand entfernt wird, um nach dem New-Work-Prinzip arbeiten zu können. Er hat sogar angeboten, es selbst zu erledigen – und wartet immer noch auf die Genehmigung. Andere berichten von abgesprungenen Stellenbewerberinnen und -bewerbern, weil das Personalreferat zu lange für die Bearbeitung der Einstellungsunterlagen benötigt. Wörtlich wurde uns zurückgemeldet, man habe manchmal den Eindruck, die Professoren seien Dienstleister der Verwaltung – und nicht umgekehrt. Der dritte Hauptstressor ist das Gefühl eines nicht nachlassenden Termin- und Zeitdrucks. Die Gleichzeitigkeit der Aufgaben, das Gefühl, der Bürokratie ausgeliefert zu sein, und der permanente Termindruck, das ist die Kombination, die sich wie ein roter Faden durch die Interviews und die offenen Kommentare zieht.

"Beim Stress schneiden die Naturwissenschaften und die Mathematik am schlechtesten ab, die Sportwissenschaften am besten."

Sehen Sie Unterschiede nach Geschlecht, Alter oder Art der Professur von W1 bis W3?

Wir haben ausschließlich auf Lebenszeit berufene Professorinnen und Professoren berücksichtigt, alles Personen, die den Qualifizierungsprozess bereits lange durchlaufen haben; nur vier hatten gerade frisch Tenure erhalten. Insofern können wir nichts über etwaige Unterschiede zwischen befristeten und unbefristeten Professuren sagen. Geschlechterunterschiede sehen wir dagegen deutlich: In den Kommentaren wird spürbar, dass Professorinnen häufig stärker gefordert sind – etwa weil sie in Gremien oder Berufungskommissionen bei angestrebter Parität oft überproportional eingebunden werden, wenn es in einer Fakultät nur wenige Frauen gibt. Sie berichten auch häufiger von der zusätzlichen Belastung durch Kindererziehung und andere Care-Arbeiten. Und auch beim Alter zeigen sich Unterschiede: Professorinnen und Professoren zwischen 35 und 54 Jahren weisen das höchste Stressempfinden auf, ab 55 Jahren geht dieses dann zurück.

Auffällig ist auch, dass Universitätsprofessoren häufiger über Stress berichten als HAW-Professoren. Woran liegt das? An der HAW ist zum Beispiel das Lehrdeputat viel höher.

Universitäten haben einen deutlich stärkeren Forschungsfokus. Professorinnen und Professoren müssen ihre eigene Forschung kontinuierlich voranbringen, Reputation aufbauen, international sichtbar sein, um in der Scientific Community wahrgenommen zu werden und auch für Rufe infrage zu kommen. Hinzu kommt die Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses, die an Universitäten zahlenmäßig stärker ins Gewicht fällt – auch wegen des Promotionsrechts, das primär dort verankert ist. Darüber hinaus zeigen unsere Daten, dass an HAWs in der vorlesungsfreien Zeit die Arbeitsbelastung spürbar zurückgeht, während sich an Universitäten Forschungs-, Publikations- und Antragsprozesse häufig ohne klare Zäsur fortsetzen. Dadurch gibt es kaum echte Belastungspausen im Jahresverlauf.

Das sind die Erklärungsversuche einer Uniprofessorin wohlgemerkt. Zurück zu den Daten. Lassen sich die Unterschiede beim Stresslevel auch zwischen den Fächern und Disziplinen feststellen?

Im Hinblick auf das Stresserleben schneidet die Fächergruppe Naturwissenschaften/Mathematik am schlechtesten ab, die Sportwissenschaften am besten.

"Acht Prozent der Befragten geben an, in den vergangenen sechs Monaten 
ein Burnout erlebt zu haben. Diese Zahl ist erschreckend."

Wir reden die ganze Zeit von Stress und Dauerbelastung. Mal konkret: Was macht das mit den Betroffenen? Steigen die Krankschreibungen?

Konkrete Krankheitsquoten haben wir nicht, weil für verbeamtete Lebenszeitprofessorinnen und -professoren keine standardisierten Arbeitsunfähigkeitsstatistiken wie für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte existieren. Aber acht Prozent der Befragten geben an, in den vergangenen sechs Monaten ein Burnout erlebt zu haben. Diese Zahl ist erschreckend. Es verwundert auch nicht, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen wahrgenommenem Stress und der Einschätzung des eigenen Gesundheitsrisikos besteht. Und was ich ganz zentral finde: Viele Professorinnen und Professoren wissen um ihren Einfluss auf die Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitenden. Sie fühlen sich verantwortlich für deren Wohlergehen, sagen aber zugleich, sie wüssten nicht, wo sie die Zeit hernehmen sollen, um noch bessere Mentoren, Chefs oder Vorbilder zu sein. Mehr noch: Nicht wenige erkennen selbstkritisch, dass sie genau das für ihre Mitarbeitenden nicht sind: gute Vorbilder in Sachen Work-Life-Balance.

Wie meinen Sie das?

Wenn die Chefin oder der Chef vorlebt, dass man im Metier Wissenschaft nur dann erfolgreich sein und im internationalen Wettbewerb bestehen kann, wenn man morgens als Erste kommt, abends als Letzte geht und am Wochenende Klausuren korrigiert oder Dissertationsgutachten schreibt – dann prägt das die Arbeitskultur. Das gilt besonders für Universitäten, wo der Forschungsdruck besonders hoch ist. Wir müssen uns fragen, ob dieses Modell wirklich geeignet ist, um wissenschaftlichem Nachwuchs Lust auf eine Hochschulkarriere zu machen.

Mit welchem Ergebnis?

Ich finde es bemerkenswert, wie offen und selbstkritisch sich die Professorenschaft äußert. Anstatt Verwaltungsbashing oder polemische Systemkritik zu betreiben, sagen viele ausdrücklich: Ich müsste öfter Nein sagen, mich klarer abgrenzen, manche meiner Prozesse anders gestalten.

Reflektieren die Befragten genauso kritisch ihre eigene Lehre?

In der Tat! Viele Professorinnen und Professoren sagen: Wir wären bereit unsere Lehr- und Prüfungsformate zu ändern, wenn das dazu beiträgt, den Druck für die Studierenden zu reduzieren. Das ist doch wunderbar, dass diese Bereitschaft da ist. Nur bräuchten sie dafür Zeit, die sie nicht haben. Wirklich helfen würde hier beispielsweise, wenn die Hochschulen den Professorinnen und Professoren Fachdidaktikerinnen und -didaktiker an die Seite stellen würden.

Um was genau zu tun?

Es geht nicht um die intellektuelle Herausforderung einer Lehrformatsänderung; die meisten Professorinnen und Professoren wissen, wie sie ihre Lehre umgestalten könnten. Aber bei durchschnittlich 54 Wochenarbeitsstunden und regelmäßigem Arbeiten am Wochenende ist kaum drin, zusätzlich noch alle Lehrveranstaltungen umzustellen. Eine Vorlesung etwa in ein Peer-Instruction-Format zu übertragen, erfordert eine sorgfältige Konzeptionierung, Planung und durchdachte Fragestellungen. Genau dort könnte didaktische Unterstützung konkret entlasten.

Sie leiten aus der Studie Empfehlungen an Hochschulleitungen und Politik ab. Zum Beispiel?

Professorengesundheit muss Chefsache werden. Sie darf nicht nur als individuelles Problem behandelt werden. Natürlich tragen Professorinnen und Professoren auch selbst Verantwortung, das betonen viele ausdrücklich. Aber es darf eben auch nicht allein eine Frage individueller Resilienz sein. Es braucht strukturelle Rahmenbedingungen: klare Prioritäten, realistische Erwartungshorizonte. Wir können nicht dauerhaft erwarten, dass Professorinnen und Professoren auf höchstem Niveau exzellente Forschung betreiben, Drittmittel einwerben, international sichtbar sind und sich zugleich permanent mit Institutionen messen lassen müssen, die ganz andere Strukturen haben – etwa eine deutlich geringere Lehrverpflichtung oder Departmentsysteme. Das Thema muss auf Leitungsebene ankommen und dort verbindlich bearbeitet werden. Allerdings so, dass nicht irgendwelche Alibi-Initiativen gestartet werden – Stichwort Health Washing –, die dann die Professorenschaft parallel zur sowieso vorhandenen Arbeitsbelastung ohne Unterstützung umsetzen soll.

Etwa, indem man das Problem mit der Verwaltung angeht? Womöglich ist die schlicht selbst so überfordert, dass sie zur Belastung für andere wird?

Ich unterstelle keinem eine böse Absicht. Aber ich erlebe selbst gerade, wie viele Stunden ich für Mitarbeiterverträge investieren muss, da fragt man sich schon, ob das nicht einfacher ginge. In den Interviews und Kommentaren wurde uns sehr häufig zurückgemeldet, dass die Verwaltung stark im Regeln-Anwenden und im Nein-Sagen ist, aber weniger bestrebt, nach Lösungen und Alternativen zu suchen. Probleme werden oft an die Professorinnen und Professoren zurückgespielt. Also ja, es handelt sich um eine Führungsaufgabe für Hochschulleitungen: Sie müssen die Verwaltung entlasten und professionalisieren. Es geht aber auch um Haltung. In den 1990er-Jahren wurde intensiv diskutiert, ob Studierende wie Kundschaft behandelt werden sollten. Man kann davon halten, was man will, ich habe aber den Eindruck, dass die Debatte auf Teile der Verwaltung und deren Dienstleistungsverständnis wenig Auswirkungen hatte; so wurde es zumindest von den Befragten zurückgespiegelt. Vielleicht hilft uns die KI ja hier ein Stück weiter. Denn gleichzeitig stehen wir im internationalen Wettbewerb. Gerade an Exzellenz-Universitäten vergleichen wir uns mit Institutionen im Ausland, die weder diesen Umfang an Lehre noch diese ausgeprägte Selbstverwaltung haben. Bei uns kommen die Forschung, die internationale Sichtbarkeit, immer on top auf das, was administrativ ohnehin zu leisten ist.

"Professorengesundheit ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, 
institutioneller Prioritäten und strategischer Verankerung."

Einige Bundesländer scheinen das mit der Professorengesundheit deutlich besser hinzubekommen als andere.

Für den Moment haben wir drei Aspekte nach Bundesländern ausgewertet. Dabei zeigt sich Rheinland-Pfalz in Sachen Arbeitszufriedenheit wie eine Insel der Glückseligen, wo rund 60 Prozent der Professorinnen und Professoren angeben, alles in allem zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Arbeitssituation zu sein. Berlin, Saarland, Brandenburg und Baden-Württemberg sind da die Schlusslichter mit Zufriedenheitswerten zwischen 27 und 37  Prozent. Was das Stressempfinden angeht – dieses ist in Berlin, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg am höchsten, in Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern am niedrigsten. Drittens der allgemeine Gesundheitszustand: In Rheinland-Pfalz schätzen 61 Prozent ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein, in Schleswig-Holstein nur 29 Prozent.

Aber wie erklären Sie das?

Die genauen Zusammenhänge untersuchen wir gerade. Zum Beispiel analysieren wir, welche der 47 teilnehmenden Hochschulen Themen wie Gesundheit oder Healthy Campus bereits strategisch verankert haben. Was schon klar ist: Professorengesundheit ist kein Zufall. Sie ist – bei aller Selbstverantwortung - das Ergebnis politischer Entscheidungen, institutioneller Prioritäten und strategischer Verankerung. JMW

Kommentare

#1 -

McFischer | Fr., 06.03.2026 - 12:46

Guter Beitrag, gutes Interview, wichtige Studie.

Kein umfassender Kommentar, aber einige Beobachtungen und Anmerkungen:

1. Ja, die Aufgabenvielfalt und Aufgabenfülle der ProfessorInnen ist enorm. Ein wesentlicher Grund ist das Pyramidenprinzip in der deutschen academia. Nur wenige schaffen es an die Spitze, nur dort zählt man/frau aber als vollwertig, und entsprechend werden alle Anforderungen an diese Spitzenpersonen gestellt: (eigene) Lehre, (eigene) Forschung, Management von Forschungsgruppen und Lehrpersonal, Publikationen, Berufungskommissionen, Expertise für Politik und Verwaltung, akademische Mitbestimmung usw. Vergleiche mit dem Ausland wären hilfreich, wo sich diese Aufgaben viel breiter verteilen, weil die Pyramide halt schon in der Mitte breiter wird.

2. Die Kritik an einer eher hinderlichen Verwaltung ist nicht neu und mag auch in Teilen zutreffen. Allerdings professionalisiert sich der "third space" halt auch deutlich. Jede Hochschule dürfte mittlerweile eine Abteilung haben, die bei Forschungsanträgen unterstützt, besonders für die EU-Drittmittel. Das sind dann halt auch nicht Leute, die reine Verwaltung machen, sondern (besser qualifizierte und besser bezahlte) Personen, die selbst Erfahrung in der Forschung haben. Aber: Sobald solche Stellen ausgebaut werden, kommt aus der ProfessorInnenschaft der Ruf: Bitte keine neue Stelle in die Verwaltung, ist eh schon zu groß, lieber noch drei halbe Doktorandenstellen für meinen Lehrstuhl! 

3. Die Gefahr des Burn-out liegt auch vielleicht daran, dass immer noch das Idealbild von Frau/Herr ProfessorIn als kleines Genie vorherrscht. Er/sie muss halt alles können, intelligent, forschungsaffin, toller Lehrender usw sein - also ein/e Koryphäe im Fach, mit höchster akademischer Reputation national wie international. Das ist nicht nur unrealistisch, sondern leider (a) nicht attraktiv für Menschen, die zB eine Familie haben möchten, Freundeskreise etc., sprich: ein ganz normales, engagiertes aber eben nicht entgrenztes Arbeitsleben führen wollen . Dann (b) trifft es immer noch für Frauen mehr zu, weil die traditionelle familiäre Arbeitsteilung die Frauen mehr belastet als die Männer oder dies gesellschaftlich erwartet wird. Deshalb ist halt "die Koryphäe" mehrheitlich männlich gedacht - das Bild des genialen Professors mit backup durch die Frau zu Hause war halt lange der Standard. 

4. Die angesprochene Freude an der Tätigkeit geht einher mit einer Entgrenzung. Professur ist halt (an Unis) nicht ein 9-5 job. Das ist einerseits der große Reiz der Selbstbestimmung und der Spaß, an der (eigenen) Sache zu arbeiten - andererseits dürfte es psychisch genau die Gefahr des burnouts in sich tragen. Denn den burnout bekommen ja nicht nur diejenigen, die hohe Ansprüche an sich selbst stellen, sondern denen (auch) von außen immer signalisiert wird, wie genial sie doch sind - und warum sie deshalb unbedingt noch dieses und jenes Extra-Amt übernehmen sollten.

#2 -

Andreas Drotloff | Fr., 06.03.2026 - 16:42

Es ist erfreulich zu lesen, dass die befragten Professor*innen grundsätzlich Bereitschaft zeigen, ihre Lehr- und Prüfungsformate zur Minderung des Drucks auf die Studierenden anzupassen. Wenn das tatsächlich Mehrheitsmeinung an den Hochschulen ist, möchte ich eine Maßnahme vorschlagen, die zur Umsetzung keine Kraftakte von individuellen Lehrenden verlangt: die Umstellung der Prüfungsmodalitäten auf das Bielefelder Modell, also die Abschaffung von Maximalstudiendauer und beschränkten Prüfungsversuchen.

Selbstverständlich ersetzt diese Maßnahme keine notwendigen lehr- und prüfungsdidaktischen Reformen, die vielerorts überfällig sind. Aber sie wäre ein dringend benötigtes Ventil, um zumindest für die Studierenden den massiven Druck und die mentale Belastung zu reduzieren, die im aktuellen Hochschulsystem auf ihnen lastet.

#3 -

Fumarius  | Fr., 06.03.2026 - 16:55

Auch hier wäre es interessant zu reflektieren, in welchem Maße die klassische 'Funktionshäufung' bei deutschen Professor*innen einen Beitrag leistet: Neben der Forschung und der Lehre sind sie eben immer auch Vorgesetzte und "Chefs" mit entsprechenden Verantwortungen und Pflichten; und bei so manchen scheinen mir diese grundsätzlich schon als 'lästig' empfunden zu werden. Könnte nicht auch hier ein Department-Modell helfen, in dem a) Personal- und Bugdetverantwortung anders verortet wird, b) kompetente Vollzeitunterstützungsstellen fürs 'Bürokratische' bestehen und c) numerisch mehr Professurenstellen bestehen,  die selbstständige Lehre,  Prüfungen, Selbstverwaltung und Promotionen besser aufteilen könnten?

#3.1 -

Wolfgang Kühnel | So., 08.03.2026 - 19:51

Antwort auf von Fumarius (nicht überprüft)

Dazu gehört jedenfalls auch die freiwillige Funktionshäufung durch Nebentätigkeiten, bezahlte Gutachten von externer Seite, Mitgliedschaften in wichtigen Kommissionen (z.B. StäWiKo). Manche haben nebenbei private und gewinnorientierte Unternehmen, dafür ist dann immer Zeit. Ein Informatik-Professor in Berlin (inzwischen verstorben) hatte ein Unternehmen mit Hunderten von Leuten, seine eigentliche Lehrtätigkeit wurde oft genug von Mitarbeitern übernommen:

https://www.tagesspiegel.de/berlin/teles-chef-sigram-schindler-1232995.html

Was die Professuren für Frauen betrifft, so haben interessierte Kreise das immer als einen Traumberuf dargestellt und offensichtlich vergessen, dass es auch mal Stress geben kann. Dasselbe gilt für die schon uralte Werbung für MINT-Fächer: Die Abiturientinnen mögen doch bitte MINT-Fächer studieren. Dort aber kann es auch mal Stress (und mangelndes Selbstwertkonzept, wenn andere besser sind) geben, was man bei der Werbung ebenfalls verschwiegen hat. Und schon wird gejammert und psychologische Unterstützung eingefordert.

Vielleicht gehört zur Wahrheit eben auch die Erkenntnis: Eine Professur ist gut geeignet für stress-resistente Leute, für andere weniger. Das gilt aber auch für viele andere "höhere" Funktionen. Eine Dauerstelle im Mittelbau ist in der Regel bequemer.

 

#3.1.1 -

Björn Alpermann | Do., 12.03.2026 - 14:55

Antwort auf von Wolfgang Kühnel (nicht überprüft)

Sehr geehrter Herr Kühnel,


Ihre Argumentation halte ich nicht für stichhaltig, da sie im Wesentlichen aus „victim blaming“ besteht: Wer dem Stress einer Professur nicht gewachsen ist, sei eben von Natur aus zu wenig resilient oder habe schlicht den falschen Beruf gewählt. Die Mär der gemütlichen Stellen im Mittelbau, auf denen man sich „einkuscheln“ könne, wurde ja auch schon längst als Scheinargument entlarvt:
https://arbeitinderwissenschaft.substack.com/p/gemutlich-einkuscheln-ein-ichbinhanna

So wird nur der Leitsatz „Nur die Harten kommen in den Garten“ verfestigt statt an den beschriebenen Missständen etwas zu ändern.


Mit freundlichen Grüßen 

Björn Alpermann

#3.1.1.1 -

Berliner Uni | Mo., 16.03.2026 - 10:54

Antwort auf von Björn Alpermann (nicht überprüft)

 

Hallo,

ich kann dem verlinkten Artikel keine Argumente gegen "einkuscheln" entnehmen ausser (neben sehr viel Polemik):

a) dann müsste das Einkuscheln ja auch bei Profs eintreten und

b) es gäbe keine Unterschiede in den Arbeitszeiten zwischen  befristeten und unbefristeten MitarbeiterInnen

Zu a): Dem wird doch meistens auch gar nicht widersprochen. Auch viele ProfessorInnen werden im Laufe der Jahre nicht produktiver. Das ist aber kein stichhaltiges Argument in der Diskussion um Mittelbaustellen (sondern doch eher "whataboutism"). Man kann gerne fordern, auch Profs nicht mehr zu verbeamten.

Zu b): Dieses Argument ist schwierig, da Arbeitszeiten praktisch immer auf freiwilligen Selbstauskünften beruhen. Aus meiner Sicht sind das keine verläßlichen Fakten.

Vielleicht habe ich was übersehen? Interessant wären zum Beispiel Studien, die die Publikationsleistungen vergleichen (was natürlich auch diverse Schwierigkeiten hat, bite nach Fächern unterschieden etc.).

Der Verdacht des "Einkuschelns" (ich zitiere das Wort hier zum Bezug, will es mir aber nicht zu Eigen machen) liegt schon nahe: Man ist faktisch unkündbar, die Universität wird auch nicht geschlossen werden, es gibt recht schnell keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr, es gibt keine Honorierung besonderer Leistung. Das sind natürlich alles Missstände des öffentlichen Dienstes, aber solange die bestehen, sollte man sie aus der Diskussion doch auch nicht raushalten.

Beste Grüße

 

#3.1.2 -

D. Bediako | Do., 12.03.2026 - 21:36

Antwort auf von Wolfgang Kühnel (nicht überprüft)

Frau wundert sich, dass Bezeichnungen wie diese und die dazugehörigen Vorurteile im 21. Jahrhundert unwidersprochen stehen bleiben. Frauen in gehobenen wissenschaftsbezogenen Positionen brauchen in der Regel ebenso wenig oder viel psychologische Unterstüzung wie Männer. Was sie allerdings brauchen, um in solche Positionen aufzusteigen und sich dort zu halten, ist die Art von Entlastung, die Männer in der Regel haben: jemand, die:der die Sorgearbeit übernimmt oder sie wenigstens paritätisch teilt. Nicht umsonst hat die Nobelpreisträgerin Prof. Nüsslein-Volhard eine Auszeichnung für ihr Stipendienprogramm für junge Naturwissenschaftlerinnen erhalten, das explizit Mittel für Hilfe im Haushalt und zusätzliche Kinderbetreuung bereitstellt. Das ist ein Gamechanger, nicht die m.E. aus der Luft gegriffene Behauptung, gestresste Professorinnen in MINT-Fächern wollten psychologische Unterstützung.

#3.1.2.1 -

Wolfgang Kühnel | Fr., 13.03.2026 - 16:56

Antwort auf von D. Bediako (nicht überprüft)

"... aus der Luft gegriffene Behauptung, gestresste Professorinnen in MINT-Fächern wollten psychologische Unterstützung."

Dazu hatte ich nichts behauptet, ich meinte die falschen Darstellungen als "Traumberuf" speziell für Frauen mit konsequentem Verschweigen der Nachteile. Gewiss gibt es heute auch stress-resistente Professorinnen mit Multifunktionärs-Aufgaben und Ambitionen, Uni-Präsidentinnen zu werden. Aber das ganze Thema Stress wurde ja (vor dem obigen Artikel) auch immer gemieden. Mir fällt nur auf, dass immer mehr von der Notwendigkeit psychologischer Unterstützung für Student/innen die Rede ist. An jeder Hochschule gibt es die offenbar in organisierter Form. Da nimmt allgemein die Larmoyanz zu (was auch auf heutige Schüler zuzutreffen scheint), gleichzeitig aber wurde und wird Reklame für das Studium der MINT-Fächer gemacht, wobei man dann wieder die Abbruchquoten beklagen und nach Schuldigen suchen kann. Ganz ohne gelegentlichen Stress ging das wohl noch nie ab. Heute lese ich Überschriften wie "Tipps und Unterstützung für ein stressfreies Studium".

Vielleicht sollte man aber mehr die Veränderungen in Richtung "Hamster im Laufrad" kritisieren, die wohl inzwischen auch die Professor/innen treffen (mich als Oldie noch weniger). Wer bitte hat uns die beschert und mit welcher Begründung? 

Und man sollte nicht vergessen, welchen Stress es in anderen Berufen geben kann, z.B. bei Krankenhausärzten, Verkehrspiloten, Feuerwehr, Polizei usw. Alles ist relativ.

Zu #3.1.1: Der angegebene Link führt bei mir auf eine Fehlermeldung.

     

#3.1.3 -

#IchBinTina | Fr., 13.03.2026 - 04:00

Antwort auf von Wolfgang Kühnel (nicht überprüft)

Fun Fact, Herr Kühnel: Schon die Tatsache, dass es die PROFESS-Studie gibt, bestätigt Ihre Befürchtung, dass "für Nebentätigkeiten immer Zeit ist", denn die wurde von einer großen Krankenkasse in Auftrag gegeben: https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/studie-gesunde-hochschule-2213500. 

Das ist dann aber etwas, was in die Verantwortung der Selbstverwaltung fällt. Ein Kommentar in einem Blog schreibt sich leicht, haben Sie auch das Rückgrat Ihre Kritik im Akademischen Senat zu thematisieren?

Es ist ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite ist Auftragsforschung tatsächlich sinnvoll, weil so realitätsnahe Fragen bearbeitet werden, die "der Elfenbeinturm" sonst wahrscheinlich nicht aufgreifen würde. Auf der anderen Seite mutet es aber befremdlich an, wenn eine Studie, die als Nebentätigkeit ausgeführt wurde, Überlastung von Professor*innen konstatiert. Die Krankenkassen machen das nicht für den Erkenntnisgewinn, sondern aus betriebswirtschaftlichem Kalkül: Durch solche Aufträge erreichen sie die namentliche Nennung im redaktionellen Teil der Zeitungen (Herr Wiarda hat klugerweise darauf verzichtet, den Auftraggeber zu nennen). Da ich selbst in diesem Bereich tätig war und bei eben jener Krankenkasse versichert bin, bezweifele ich sehr, dass solche Aufträge dem Wirtschaftlichkeitsprinzip gerecht werden. Mit steigenden Beiträgen mehrt sich auch die Kritik an der Zahl der Krankenkassen, die alle ein eigenständiges Marketing betreiben. 

#4 -

Michael Liebendörfer | Fr., 06.03.2026 - 22:00

Ich finde es erschreckend und nicht wissenschaftlich, wenn man Repräsentativität behauptet und auch auf eine präzise begründete Nachfrage hin nicht begründet, wie man zu diesem Schluss kommt. Das sich bei einer Studie mit freiwilliger Teilnahme durch eben diese Freiwilligkeit Verzerrungen ergeben, hat man schon oft erlebt. Daran ändert ein großes Sample nichts, solange es nicht an eine volle Ausschöpfung der angestrebten Gruppe grenzt.

#4.1 -

Y. Hofmann | Di., 10.03.2026 - 16:34

Antwort auf von Michael Liebendörfer (nicht überprüft)

Repräsentativität ergibt sich in unserem Fall aus dem probabilistischen Stichprobendesign und nicht aus einer vollständigen Teilnahme. Mit ‚repräsentativ‘ beziehen wir uns auf dieses Verfahren, bei dem Einheiten der Grundgesamtheit definierte Auswahlwahrscheinlichkeiten und Designgewichte hatten, um eine unverzerrte Schätzung zu ermöglichen. Mögliche Verzerrungen durch freiwillige Teilnahme wurden durch den Vergleich zentraler Stichprobenmerkmale mit verfügbaren Merkmalen der Grundgesamtheit geprüft.

#4.1.1 -

Michael Liebendörfer | Mo., 16.03.2026 - 12:14

Antwort auf von Y. Hofmann (nicht überprüft)

Vielen Dank für die Erläuterungen! 

Ich bin inhaltlich nicht völlig überzeugt. Selbst bei Ausschluss von Abweichungen zur Grundgesamtheit hinsichtlich gewisser Merkmale (welcher?!), ggf. erreicht durch Gewichtung, kann passieren, dass sich eben genau das erhobene Merkmal anders verhält. Aber die Bedenken sinken deutlich, wenn solche Abgleiche vorgenommen wurden. Schade, dass das im Interview nicht gleich gesagt wurde. Schön, dass Sie das nachgetragen haben. Vielen Dank.

#4.1.2 -

Ulrich Kortenkamp | Sa., 21.03.2026 - 13:00

Antwort auf von Y. Hofmann (nicht überprüft)

Mir erscheint aber die Stichprobe offensichtlich verzerrt: Wenn 8% der Professor:innen einen Burnout in den letzten 6 Monate hatten, dann könnte man daraus bei einer repräsentativen Stichprobe doch im Mittel auf einen Burnout alle 6 1/4 Berufsjahre schließen. Das halte ich wohl doch für sehr hoch, denn dann müssten ja eigentlich alle im Burnout enden. Oder?

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