Die Folgen der Empörung
Der Streit um die Kunstakademie Düsseldorf zeigt, wie ein überdehntes Antisemitismusverständnis die Hochschulen unter Druck setzen kann. Auf der Strecke bleiben Differenzierung und Freiheitsräume für Kunst und Wissenschaft. Ein Gastbeitrag von Lothar Zechlin.

Lothar Zechlin ist Professor für Öffentliches Recht im Ruhestand und ehemaliger Rektor deutscher und österreichischer Universitäten. Foto: Lichtschacht / Essen.
SOGAR DIE HOCHSCHULREKTORENKONFERENZ sah sich veranlasst, die "Wahrung der Hochschulautonomie" anzumahnen. Jeder Hochschule stehe das Recht zu, "im Rahmen der Gesetze selbst über die Formen des wissenschaftlichen Diskurses zu befinden", erklärte HRK-Präsident Rosenthal Mitte März . Politik und Gesellschaft sollten den Menschen, "die an den Hochschulen ihrer Verantwortung zur Wahrung der Wissenschafts- und Kunstfreiheit auch unter schwierigen Bedingungen engagiert nachkommen, den nötigen Respekt entgegenbringen und den Rücken stärken".
Der Anlass für diese deutlichen Worte waren die Auseinandersetzungen über ein Filmgespräch, das am 21. Januar an der Kunstakademie Düsseldorf mit der palästinensischen Regisseurin Basma al-Sharif stattgefunden hatte. Ihr Kontext besteht in dem Gaza-Krieg, der heftige Kontroversen um die Einhaltung des Völkerrechts und die deutsche "Staatsraison" nach sich zieht. Von ihnen werden vor allem Universitäten und Kultureinrichtungen erfasst, denn sie sind Bühnen, auf denen der Kampf um die Deutungshoheit in aller Öffentlichkeit verhandelt wird. Das Ziel der HRK war, über alle Skandalisierungen hinweg die "Hochschulen als freien Diskursraum" (Rosenthal) für die argumentative Austragung der Kontroversen zu sichern.
Wie in einem Brennglas macht der Konflikt um die Kunstakademie deutlich, wie schwierig es werden kann, dieser Aufgabe nachzukommen, insbesondere wenn Antisemitismusvorwürfe im Raume stehen. Ronen Steinke, SZ-Redakteur und Jurist, kritisiert die Absage zahlreicher Hochschul-Veranstaltungen anderswo mit der "Ängstlichkeit vieler Uni–Leitungen". Das Hauptproblem komme "aus den Universitäten selbst. Man muss den Mut haben, sich seines Grundgesetzes, seiner Wissenschaftsfreiheit auch zu bedienen".
Wohl wahr, Mut ist erforderlich. Das subjektive Wollen muss aber auch durch objektives Wissen über tatsächlichen und vermeintlichen Antisemitismus sowie den Schutzbereich der Meinungsfreiheit gestützt werden, wie der Düsseldorfer Fall eindrücklich zeigt.
Hochschulen im Kreuzfeuer
Die Filmregisseurin al-Sharif hat einen palästinensischen Familienhintergrund, ist in Frankreich und den USA aufgewachsen, hat einen US-amerikanischen Pass ...
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Kommentare
#1 - Hinter den Antisemitismus…
Hinter den Antisemitismus-Vorwürfen steckt aber noch etwas anderes: der Kampf um die Leitung der Kunstakademie. Brandes hat während der Wahl mehrfach gegen Fioretti agiert, um jemand anderen einzusetzen, und dies fühlt sich wie ein Racheakt an. Siehe https://www.zeit.de/news/2023-02/08/rektoren-wahl-an-kunstakademie-muss-wiederholt-werden
#2 - Quellenkunde hilft
Absolution? - Daniel Marwecki | Wallstein Verlag https://share.google/jmLvSdSoXLoONwwKZ
#3 - Bitter nötige Verteidigung unserer Grundrechte
Von den Kritikern und Kritikerinnen pro-palästinensischer öffentlicher Äußerungen hört man leider nichts über die verbrecherische Politik der jetzigen israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern in den besetzten Gebieten. Dabei kann man sich sogar aus jüdischen Quellen informieren: den Internetseiten der jüdischen NGO Peace Now und den Analysen der jüdischen Soziologin Eva Illouz.
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