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Warum die Schulstruktur plötzlich wieder spannend wird

Im Podcast sprechen die Bildungswissenschaftler Anne Sliwka und Albrecht Wacker über das Konzept der Neuen Sekundarschule für Baden-Württemberg – und warum die Idee dahinter weit über den Südwesten hinausweist: Was müssen Schulen können, wenn Gesellschaft, Schüler und Bildungsanforderungen sich längst verändert haben?
Collage aus dem Cover des

Foto Anne Sliwka (oben): privat. Foto Albrecht Wacker (unten): Wolfgang Much.

BRAUCHT BADEN-WÜRTTEMBERG eine Neue Sekundarschule? Also eine neue Schulart, in der Haupt- und Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen zusammengeführt werden – neben dem Gymnasium als zweiter Säule? Klingt nach der nächsten Schulstrukturdebatte im Südwesten. Doch meine Gäste Anne Sliwka und Albrecht Wacker sagen: Hinter dem Vorschlag steckt mehr. Und genau das macht diese Folge von "Wiarda wundert sich" auch für Zuhörer außerhalb Baden-Württembergs spannend.

"Es geht ganz klar um eine Schulmodernisierungsdebatte", sagt Sliwka, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Heidelberg, international vergleichende Bildungsforscherin und Mitglied der aus Wissenschaft, Schulpraxis und Schulverwaltung bestehenden Arbeitsgruppe "Neue Sekundarschule", die das Konzept ausgearbeitet hat. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage, was gute Schulen und erfolgreiche Schulsysteme ausmacht – in Deutschland, aber auch im Vergleich mit Ländern wie Kanada, Estland oder Singapur. "Der Punkt ist nicht, wie wir die Schule nennen, sondern wie sie organisiert ist."

Wacker, Professor für Schulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und ebenfalls Mitglied der Konzept-AG, ergänzt: "Wir brauchen eine Qualitätsdebatte." Es gehe um die Erreichung von Standards, "aber es geht auch um die geeigneten Schulstrukturen, die dies ermöglichen". Genau hier wird es auch für den Rest der Bildungsrepublik interessant: Wie lange kann Bildungspolitik so tun, als ließen sich sinkende Leistungen, wachsende Heterogenität, Lehrkräftemangel und Bildungsungleichheit bearbeiten, ohne auch über die Strukturen und Rahmenbedingungen an den Schulen zu sprechen?

Was die Wissenschaftler vorschlagen: Anstelle der in Baden-Württemberg besonders kleinteiligen Schulstruktur solle es nach der vierjährigen Grundschule künftig zwei gleichwertige Schularten geben – das neunjährige Gymnasium und die Neue Sekundarschule. Also ein Zwei-Säulen-Modell, wie es so ähnlich schon in anderen Bundesländern existiert. Allerdings mit einem besonderen Qualitätsversprechen: verbindlicher Ganztag, multiprofessionelle Teams, professioneller Umgang mit Heterogenität, starke berufliche Orientierung und zugleich verlässliche Wege bis zum Abitur.

Der Zeitpunkt ist politisch brisant. Im März waren Landtagswahlen in Baden-Württemberg; die Arbeitsgruppe hatte sich schon deutlich vorher gegründet, die Koalitionsunterhändler kannten das Konzept. Doch im Koalitionsvertrag taucht die Neue Sekundarschule nicht auf. Vom Tisch sei das Thema deshalb nicht, beteuert Wacker. Die Werkrealschule verliere weiter an Bedeutung, die G9-Rückkehr verändere das System, und irgendwann werde die Strukturfrage neu aufbrechen.

In einer neuen Regionalstudie haben Wacker und Kollegen exemplarisch für die Landkreise Calw, Ludwigsburg, Reutlingen und Tübingen durchgerechnet, was das für Kommunen und Schulträger bedeuten würde: Aus 89 heutigen Standorten von Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen könnten etwa 65 Neue Sekundarschulen entstehen; weil viele Fusionen auf bestehenden Schulcampus möglich wären, würde die Zahl der tatsächlichen Standorte nur geringfügig zurückgehen. Eine Neue Sekundarschule könne Konkurrenz reduzieren und Ressourcen stärker auf Schul- und Unterrichtsqualität lenken, sagt Wacker.

Sliwka verweist auf internationale Beispiele, auf Schulsysteme, die Bildungsentscheidungen länger offenhalten und zugleich leistungsstark sind. Das Argument, stärkere Schüler würden in heterogeneren Lernumgebungen automatisch ausgebremst, hält sie für "unterkomplex". Entscheidend sei, wie Schulen pädagogisch, personell und organisatorisch aufgestellt seien. "Wir müssen darüber sprechen, wie Schulen im Jahr 2040 aussehen, damit Deutschland seinen Wohlstand halten kann, damit Deutschland seine Demokratie sichern kann." Und sie macht die Debatte noch grundsätzlicher: "Wenn wir das Versprechen der sozialen Mobilität aufgeben, dann geben wir auch den Glauben an die Demokratie auf."

Ein Podcast über eine baden-württembergische Reformidee, die zur gesamtdeutschen Bildungsfrage führt: ob unsere Schulen noch zur Zukunft passen, auf die sie junge Menschen vorbereiten sollen. JMW



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Kommentare

#1 -

Hartmut Esser | Do., 18.06.2026 - 14:43

… und wieso sieht man nicht nach, was zB mit Bayern und Sachsen ist, bevor man BW mit solchen Experimenten nach 2012 noch weiter in die Tinte reitet?

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