Blackbox Bewilligungsausschuss?
Ein hochdekorierter Forscher kritisiert die DFG nach der Ablehnung seines Sonderforschungsbereichs. Eine Geschichte über Vertraulichkeit, Vertrauen und die Wissenschaftlichkeit wissenschaftlicher Vergabeverfahren.
Frank Kirchhoff ist Direktor des Instituts für Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Ulm, Sprecher des "Peptid-Sonderforschungsbereichs" und mehrfach ausgezeichneter Aidsforscher. Foto: Elvira Eberhardt.
ALS ER VON der Entscheidung der DFG erfuhr, war Frank Kirchhoff erst überrascht. Dann enttäuscht. Und später verärgert. Der Bewilligungsausschuss habe sich gegen eine Weiterförderung des Sonderforschungsbereichs Nummer 1279, "Nutzung des menschlichen Peptidoms zur Entwicklung neuer antimikrobieller und Anti-Krebs-Therapeutika", entschieden, teilte DFG-Präsidentin Katja Becker kurz vor Weihnachten 2025 mit Bedauern mit. Das Aus kommt Ende 2026: nach gut neun Jahren und zwei Förderperioden.
Kirchhoff, Direktor des Instituts für Molekulare Virologie an der Universität Ulm, ist Sprecher des SFB. Wenn er erklären soll, woran er und seine Kollegen forschen, ist von körpereigenen Wirkstoffbibliotheken die Rede: winzige Eiweißbruchstücke, Peptide genannt, die in Blut, Lunge, Darm, Plazenta oder Prostata stecken und Bakterien, Viren oder Krebszellen angreifen können. Ein kaum kartiertes Molekül-Universum, das der SFB systematisch ausliest, um Abwehrmechanismen zu verstehen und so auch neue Heilansätze zu entwickeln. Der menschliche Körper als Apotheke gewissermaßen.
400 Seiten lang sei ihr Antrag auf Förderverlängerung gewesen. Zwei Tage lang hätten elf Fachgutachter im vergangenen Mai den Verbund gründlich durchleuchtet, die Vor-Ort-Begutachtung, berichtet Kirchhoff, sei mit zahlreichen exzellenten Bewertungen und einer "enthusiastischen Förderempfehlung" zu Ende gegangen. Und genauso hätten sich dann auch die "Gutachterhinweise" gelesen, die die DFG parallel zum Entscheidungsschreiben verschickte: 18 Seiten voller detaillierter und extrem positiver Aussagen der Fachgutachter. Und nur ein kurzer, sehr allgemein formulierter Abschnitt, der die Ablehnung begründete: Die Alleinstellung und der bisherige Erfolg der Translation im Verbund seien "diskutiert" worden, darüber hinaus die strukturelle Weiterentwicklung des Verbundes "beleuchtet". "Diese Aussagen waren extrem schwammig", sagt Kirchhoff. "Somit als Begründung für die Nicht-Weiterförderung: unverständlich."
Was Kirchhoffs Protest für die DFG unbequem macht
Nun ist es auf den ersten Blick nichts Besonderes, dass sich Wissenschaftler darüber aufregen, wenn ausgerechnet ihr Projekt durch die Begutachtung fällt. Und doch ist die Geschichte um die Ablehnung des SFB 1279 in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Erstens weil schon länger Frust und Klagen zu hören sind: über mitunter als willkürlich empfundene SFB-Vergabeentscheidungen und deren vermeintlich intransparente Kommunikation durch die DFG. Meist allerdings hinter vorgehaltener Hand, weil viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler es kaum wagen, sich offen mit der größten Forschungsförderorganisation Europas anzulegen – bloß nicht den nächsten Antrag gefährden.
Zweitens weil die SFBs zu den zentralen Förderinstrumenten der DFG zählen und zugleich zu ihren traditionsreichsten und renommiertesten: Seit 1968 gibt es das Programm, laut DFG-Jahresbericht wurden 2025 bundesweit 276 Sonderforschungsbereiche mit insgesamt 897 Millionen Euro gefördert – fast ein Viertel des DFG-Haushalts. Jedes Jahr kommen zwischen 20 und 30 neue SFBs dazu, bestehende können bis zu zwölf Jahre laufen.
Der dritte Grund ist Kirchhoff selbst. Der Aidsforscher ist nicht irgendein Antragsteller, sondern ein hochdekorierter Wissenschaftler: Leibniz-Preisträger, zweifacher Gewinner von ERC Advanced Grants und einer der meistzitierten Wissenschaftler. Ein Forscher, dessen Stimme Gewicht haben sollte. Und der niemandem mehr etwas beweisen muss. "Ich kann es mir eher als meine jüngeren Kollegen leisten, Wind zu machen", sagt der 65-Jährige. "Und genau deshalb fühle ich mich dazu verpflichtet, ein Problem zu benennen, das viele kennen und doch wenige offen ansprechen."
Damit wird aus dem Fall Ulm eine Grundsatzfrage für die DFG: Wie wissenschaftlich und transparent muss ein Verfahren sein, das über Millionenbeträge, wissenschaftliche Karrieren und die Zukunft ganzer Forschungsverbünde entscheidet?
Die Blackbox am Ende des Verfahrens
Kirchhoff berichtet, wie er und seine Kollegen an der Universität nach der Ablehnung nicht einfach klein beigeben wollten. Mehrere Briefe hätten sie an die DFG geschickt, auch an deren Präsidentin Becker, aber in den Antworten der DFG hätten immer nur dieselben unkonkreten Textbausteine gestanden. Antworten auf ihre spezifischen Nachfragen zur vergleichenden wissenschaftlichen Bewertung und zu konkreten Gründen der Ablehnung gab es nicht.
Was ihn besonders ärgere: Gerade Alleinstellung und Translation sehe er als Stärken ihres SFB an, sagt Kirchhoff, wahrscheinlich seien auch deswegen von den Fachgutachtern keine Fragen dazu gestellt worden. Zwar führe man keine klinischen Studien durch, da diese viel zu teuer seien, doch die seien auch nie Teil des SFB-Arbeitsprogramms gewesen. Dafür gebe es mehrere Patente, und eine Reihe präklinischer Kandidaten sollte in der letzten Förderperiode über Ausgründungen, Partnerschaften und Lizenzverhandlungen in die klinische Entwicklung überführt werden.
Das Problem, sagt Kirchhoff, liege im Verfahren. "Die Empfehlung erfolgt auf Basis einer aufwändigen und detaillierten Fachbegutachtung. Im fachlich breit besetzten Bewilligungsausschuss können dann aber nach kurzer Vorstellung der SFBs neue Fragen und Kritikpunkte aufgeworfen werden." Weil die Sitzungen des Bewilligungsausschusses vertraulich seien und ohne Vertreter der SFBs stattfänden, hätten die betroffenen Wissenschaftler keine Möglichkeit mehr, auf diese Kritikpunkte zu reagieren. "Ein detailliertes Protokoll wird auch nicht geführt, sodass sogar im Nachhinein falsche oder unsachliche Aussagen nicht mehr richtiggestellt werden können – selbst wenn sie am Ende für die Entscheidung ausschlaggebend gewesen sein sollten." Für Kirchhoff ist die Fachbegutachtung hervorragend, der Bewilligungsausschuss jedoch eine Blackbox mit Entscheidungen am Fließband, zumal zu den Vertraulichkeitsregeln die intransparente Kommunikation der DFG komme. "So entsteht der Eindruck, dass die wissenschaftliche Qualität und Bewertung am Ende des Prozesses nicht mehr die entscheidende Rolle spielt."
Was die DFG entgegnet
Die DFG weist diese Vorwürfe zurück. Das SFB-Programm sei hochkompetitiv. In der November-Sitzung 2025 habe der Bewilligungsausschuss über 52 Anträge entscheiden müssen, die alle – wie der SFB 1279 – von den Begutachtungsgruppen zur Förderung empfohlen worden seien und Forschung "auf höchstem Niveau" erwarten ließen. Die verfügbaren Mittel reichten aber nicht, um alle zu bewilligen. Deshalb müsse der Ausschuss die Anträge über alle Wissenschaftsgebiete hinweg vergleichend betrachten und priorisieren. Wissenschaftliche Qualität sei dabei "von maßgeblicher Bedeutung", zugleich würden programmspezifische Anforderungen berücksichtigt. Angesichts des hohen Niveaus könnten bereits kleinere Schwächen dazu führen, dass ein Antrag nicht mehr zur Förderung komme.
Aber: Was genau waren diese Schwächen?
Im konkreten Fall, betont die DFG, seien die Ulmer Verantwortlichen ausführlich informiert worden: durch das übliche Hinweisschreiben mit den Stellungnahmen der Begutachtungsgruppe, durch persönliche Gespräche mit der zuständigen Abteilungs- und Gruppenleitung der DFG-Geschäftsstelle, durch ein Schreiben von Präsidentin Becker und weitere Kommunikation mit den zuständigen Referentinnen.
Nur dass laut Kirchhoff dabei die immer gleichen Formulierungen und Allgemeinplätze wiederholt worden seien.
Dass keine Wortprotokolle aus Begutachtung und Ausschusssitzung erstellt würden, begründet die DFG mit dem Prinzip der wissenschaftlichen Selbstverwaltung: Gutachter und Gremienmitglieder bräuchten einen vertraulichen Raum, um sich frei äußern zu können. Das diene nicht nur dem Verfahren, sondern habe auch eine Schutzfunktion für Antragstellende. Den Vorwurf der Intransparenz hält die DFG für unbegründet; sie verweist vielmehr auf "größtmögliche Transparenz" in ihren Antworten.
Vertrauen braucht Nachvollziehbarkeit
Die Bitte des Wiarda-Blogs, Einsicht in Entscheidungsschreiben, Hinweisschreiben und weitere Korrespondenz zu gewähren, lehnte die DFG jedoch im Gegensatz zu Kirchhoff ab. Man könne ihr "aus grundsätzlichen und über den Einzelfall hinausgehenden Gründen" nicht entsprechen. Es müsse "zum Schutz der Verfahren der DFG und damit zum Funktionieren grundlegender Ideen und Prinzipien der wissenschaftlichen Selbstverwaltung einen vertraulichen Raum für den Austausch aller Beteiligten" geben.
Kirchhoff wiederum sieht sich durch die DFG-Antwort bestätigt. Es gehe ihm, sagt er, "in erster Linie nicht um die Ablehnung, sondern um die fehlende Nachvollziehbarkeit der Entscheidung". Dass das SFB-Programm hochkompetitiv sei und nicht alle sehr guten Anträge gefördert werden könnten, sei bekannt. Entscheidend sei aber, dass ein wissenschaftlich außerordentlich positiv bewerteter Antrag im Bewilligungsausschuss scheitern könne, ohne dass konkrete wissenschaftliche Schwächen oder nachvollziehbare Gründe genannt würden.
Die Entscheidung werde die DFG nicht zurücknehmen, das sei ihm klar, sagt Kirchhoff. In seinem SFB sei das Vertrauen in DFG-Verfahren weitgehend zerstört, das mache es ihm sehr schwer, die jüngeren Kollegen "weiter für die akademische Wissenschaft zu begeistern", sofern sie sich jetzt nicht ohnehin einen Job außerhalb der Uni suchen müssten. Deshalb gehe es ihm längst nicht mehr um den Einzelfall, "sondern um strukturelle Verbesserungen – etwa mehr Wissenschaftlichkeit und Transparenz der Entscheidung und die Möglichkeit, neue fachliche Fragen im Ausschuss direkt zu adressieren".
Eines scheint klar: Vertrauen in Verfahren entsteht nicht durch Vertraulichkeit allein. JMW.
Kommentare
#1 - Entscheidung treffen
Neben der Vorhaltung, dass sein SFB hätte bewilligt werden sollen, wird mir nicht klar, wie die Entscheidung - die Kommunikation lasse ich außen vor - hätte besser getroffen werden sollen. Wenn bspw. 50 förderwürdig sind, aber nur 20 gefördert werden können, und es einem gemischten Gremium mit gemischten Anträgen natürlich schwerfällt, in einem Vergleich zu einem Ergebnis zu kommen. Dann sind es entweder Nuancen, die die DFG anführt, aber angezweifelt werden können, oder es muss am Ende das Los entscheiden. Das kann man als fairer, einfacher und transparenter bezeichnen. Es nimmt dem Bewilligungsausschuss jedoch einen Teil ihrer Rolle und perspektivisch vermutlich die Möglichkeiten, ernstzunehmende Nuancen auch Gewicht zu verleihen, weil man sich von einer differenzierteren Bewertung langsam verabschiedet und nur noch die Fachgutachter/innen bewerten lässt.
#2 - Alter Wein in neuen Schläuchen
Vielen Dank für den interessanten Einblick und die Erörterung. Die Diskussion über Transparenz der Bewertungsentscheidungen erinnert mich an Friedhelm Neidhardts schöne, etwas ältere und dennoch immer noch lesenswerte Studie "Selbststeuerung in der Forschungsförderung. Das Gutachterwesen der DFG". Ob der Ruf nach Transparenz wirklich hilft oder stattdessen nur eine weitere transparente Vorderbühne der Entscheidungsdarstellung erzeugt und dabei die weiterhin intransparente Entscheidungsfindung auf eine neue Hinterbühne verschiebt bleibt abzuwarten.
Viele Grüße
#3 - Verständlich, aber fehlgeleitet
"Es gehe ihm, sagt er, "in erster Linie nicht um die Ablehnung, sondern um die fehlende Nachvollziehbarkeit der Entscheidung"."
Das sagt jeder. Im Effekt geht es aber natürlich um die Entscheidung und nur darum.
Man kann nicht alles transparent machen, das ist ärgerlich, aber unhintergehbar. Jede noch so lange Begründung wird den Frust am Ende nicht tilgen.
#3.1 - SFB Verfahren
Sie irren sich. Natürlich gibt es bei einer positiven Entscheidung keinen Frust. Bei einer negativen Entscheidung möchte man jedoch die Gründe verstehen – insbesondere wenn die wissenschaftliche Begutachtung extrem positiv gelaufen ist. Der Hauptgrund dafür ist nicht, den eigenen Frust zu reduzieren, sondern den Beteiligten erklären zu können, was man hätte besser machen können. Wenn man seinen Nachwuchsforschern und -forscherinnen sagt: „Sehr gut reicht nicht, man muss exzellent sein“, und dann trotzdem scheitert und keinerlei tatsächliche Erklärung bekommt, ist es sehr schwer, diese weiter für die akademische Forschung zu motivieren.
Den letzten Teil Ihrer Antwort finde ich schwer nachvollziehbar. Transparenz ist nicht nur möglich, sondern sollte (was den Inhalt, nicht die Namen angeht) Standard sein! Hier wird ja auch der Vorschlag gemacht, besser zu losen – das wäre meiner Meinung nach keine Verschlechterung. Besser wäre es allerdings, die Sprecher/innen online für Rückfragen oder neue Kritik verfügbar zu halten. Das sollte technisch kein Problem sein und das Risiko willkürlicher Entscheidungen auf Basis unzureichender oder falscher Informationen reduzieren.
#3.1.1 - ?
Nach meiner Erfahrung werden Begründungen nicht akzeptiert bzw. angezweifelt, bestritten, am eigenen Antrag widerlegt usf. Das ist aus individueller Sicht nachvollziehbar, für die Förderung aber nicht ertragreich. Folge ist eine Begründungsspirale, die prinzipiell endlos ist.
Dasselbe gilt für Transparenz. Man kann immer mehr fordern, weiter nachfragen. Schon aus pragmatischen Gründen sind Grenzziehungen unvermeidbar. Losen geht natürlich immer.
#4 - DFG
Wie die meisten der mir bekannten Wissenschaftler bin ich oft enttäuscht über abgelehnte Projekte und extrem glückich über bewilligte Projekte (auch wenn man das schon mal als „normal“ empfinden mag…)
Als Gutachter freue ich mich über einen geschützten Rahmen, in dem ich mich frei äußern kann.
Wie sähe ein „besseres“ Entscheidungsfindung aus? Ich denke, dass wir - auch oder gerade im internationalen Vergleich - extrem stolz auf „unsere“ DFG sein sollten und können - auch wenn manchmal nicht das rauskommt, was wir uns erhoffen.
#4.1 - SFB Verfahren
Es geht mir nicht darum, die DFG zu kritisieren – ich verdanke ihr sehr viel und stimme Ihnen zu, dass sie oft hervorragende Arbeit leistet. Ebenso teile ich Ihre Auffassung, dass Gutachterinnen und Gutachter einen geschützten Raum benötigen, in dem sie sich frei äußern können.
Mein Punkt ist, dass Entscheidungen auf einer möglichst vollständigen Informationsgrundlage beruhen sollten. Wenn nach einer extrem aufwendigen, detaillierten und weitgehend transparenten wissenschaftlichen Begutachtung die endgültige Entscheidung davon abhängt, dass im kurz informierten breit fachlich breit besetzten Ausschuss – aus welchen Gründen auch immer – neue Kritikpunkte oder Fragen aufgeworfen werden, ohne dass diese eingeordnet oder beantwortet werden können, ist dies sicherlich nicht optimal.
Verbesserungen wären aus meiner Sicht neben mehr Transparenz bei den Entscheidungsgründen die Möglichkeit für Sprecherinnen und Sprecher, zu neu im Ausschuss aufgeworfenen Kritikpunkten kurzfristig online Stellung zu nehmen (wie es z. B. bei ERC-Anträgen bereits der Fall ist). Zudem sollten die wissenschaftlich am besten bewerteten Verbünde nur dann infrage gestellt werden, wenn substanzielle neue Einwände vorliegen. Dies dürfte ohne nennenswerten Mehraufwand umsetzbar sein.
#5 - Völlig richtig!
Herr Kirchhoff hat völlig recht. Meiner Meinung nach fehlt jedoch ein wichtiger hausgemachter Punkt: Bei Begutachtungen herrscht mittlerweile eine völlig irrationale Noteninflation. Vor lauter exzellenten Noten sieht man den Wald nicht mehr. Neben dem intransparenten Bewilligungsausschuss muss noch mehr die Rolle der DFG-Referent:innen hinterfragt werden. Wenn es so weitergeht, schafft sich die DFG tatsächlich selbst ab. Antragsteller und als Gutacher schüttelt man nur noch den Kopf.
#6 - Oder doch würfeln? Thinking out of the black box...
Tja, ist halt so. Offenbar wurden 41 von 52 Anträgen genehmigt, und die elf abgelehnten werden schon alle auch gut gewesen sein. Man sollte dem Bewilligungsausschuss ermöglichen, Anträge auch in einen Lostopf zu tun, dann hätten die Antragsstellenden hier (wenn es keine wirkliche Kritik an einzelnen Anträgen gegeben hätte) knapp 80% Erfolgschance gehabt, und es wäre frei von Irrationalitäten und Biases gewesen. Also ein ernsthaftes Plädoyer dafür.
Aber trotzdem erspart das nicht die Grundsatzdiskussion, wie Wissenschaft (hier eigentlich: Grundlagenforschung) am Besten staatlich gefördert wird, bzw. was dieses "Beste" ist. Meiner Meinung gehört dazu: Clusterförderung abschaffen und dadurch die "kleineren" (oder nicht: übergroßen) Formate stärken und Ressourcen auf weniger Formate konzentrieren und darin aber breiter streuen. Und verhindern, dass immer mehr fachfremde Erwartungen (Gleichstellung, Wissenschaftskommunikation, Transfer - die mir alle wichtig und sympathisch sind) nichtfachliche Querschüsse "aus niedrigen Motiven" ermöglichen - diese also aus der Endbewertung im überfachlichen Bewilligungsausschuss rausnehmen. Und die Flaschenhälse früher organisieren: mehr Restriktionen und Hürden für Antragstellende, schnellere und unaufwändigere Selektionen der Themenvorschläge.
Hürden: Man könnte die oben genannten Kriterien zur Veränderung der Wissenschaft vorverlagern auf Mindestbedingungen zur Antragstellung: als PI kann dann niemand mitmachen, wer (nach einer Karenzzeit von zehn Jahren nach Promotion) mehr als zwanzig Publikationen pro Jahr als Autor veröffentlicht, weniger als durchschnittlich eine erfolgreiche Promotion pro Jahr betreut oder noch nie einen DFG-Antrag gestellt hat. Antragsstellergruppen, die den Durchschnitt ihres Faches bei Geschlecht oder Internationalität nicht halten werden nicht zugelassen. Für Transfer und WissKomm werden past performance der Beteiligten von fachfremden auf "hinreichend" abgeklopft. Es würde Gejammer über "closed shop" geben, aber wer nachdenkt sieht, dass dadurch Ungerechtigkeiten end of pipe verringert werden.
Themen: Und man könnte in den Fachkollegien (oder digital in noch breiterem Rahmen, die Abstimmungstools gibt es ja) "Themenmärkte" organisieren, wo (nach einer Übersicht über die gegenwärtige Themenlandkarte) über schnelle Pitches der potentiellen Antragstellenden SFB-Themen diskutiert (ist das wirklich ein heißes Thema, ist es SFB-reif, ist der Zuschnitt die richtige Klammer, wer kann das in Deutshcland beforschen) werden, die in den nächsten zwei Jahren beantragt werden könnten - und wer hier keinen Mindestzuschlag bekommt, kann sich zwei Jahre Antragsarbeit sparen (dann aber das Verfahren weiter wie bewährt). Es gibt max. zwanzig neue SFB pro Jahr: wenn man einmal im Jahr fünfzig potentielle Themen durchwinkt, wachsen noch genug Blumen?
Sorry für die spontane Ausführlichkeit. Aber die DFG-Verfahren halten nicht Schritt mit der Wissenschaftsdynamik und es braucht mehr Denken "out of the black box".
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