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Vier Beobachtungen, bevor die Beschlüsse kommen

Am Mittwoch wollen die Regierungschefs von Bund und Ländern neue und voraussichtlich einschneidende Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie vereinbaren.

Teil-Lockdown in Polen. Foto: Queven / pixabay.

WENN BUNDESKANZLERIN Angela Merkel (CDU) und ihre Länderkollegen sich am Mittwoch treffen, wird der Ernst der Lage, den Merkel seit vielen Tagen betont, sich erstmals auch in den ergriffenen Maßnahmen widerspiegeln. Bei der letzten Spitzenkonferenz konnte man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass einige Ministerpräsidenten noch immer dachten, die zweite Corona-Welle werde auf wundersame Weise von selbst abebben.

 

Jetzt befindet sich das Pandemiegeschehen wieder dort, wo es zu Beginn des Shutdowns im Frühjahr war. Es ist noch nicht so extrem wie im April, auch wenn die offiziellen Meldezahlen höher liegen, aber es fehlt nicht mehr viel

 

Doch welche Entscheidungen sind jetzt die richtigen, und welche Schritte könnten sich als kontraproduktiv erweisen? Das Problem ist: Wir wissen es immer noch nicht genau. Außer eines: Ein totaler Shutdown wirkt immer. Doch wenn man diesen nicht beschließt, wenn man einzelne gesellschaftliche Bereiche ausnimmt, gibt es wirklich ausreichend Evidenz, dass gerade diese Bereiche nicht doch zur Virusverbreitung beitragen? Die Antwort kenne ich nicht. Aus Sicht eines Journalisten für Bildung und Wissenschaft kann ich lediglich ein paar Beobachtungen und Gedanken anbieten. 

 

1. Wenn man die erst langsame, dann immer schnellere Ausbreitung des Virus in den vergangenen Wochen auf der Deutschlandkarte verfolgt hat, dann war die Richtung eindeutig: Von Westen und Süden nach Norden und Osten. Anders gesagt: von den Grenzregionen der bereits Wochen früher vor der zweiten Welle erfassten Nachbarländer Niederlande, Belgien, Frankreich, Schweiz und Österreich, später auch Tschechien. Wenig Dynamik kam entgegen aus Dänemark, und auch in den polnischen Grenzregionen blieb es lange eher ruhig. Aktuell anschauliche Beispiele sind die hohen Verbreitungsraten in den bayerischen Grenz-Landkreisen Berchtesgadener Land und jetzt auch Rottal-Inn, der ebenfalls in einen Teil-Lockdown geht.

 

Natürlich gab es Ausnahmen, natürlich machte der Eintrag aus dem grenznahen Ausland nur einen Teil der Pandemientwicklung aus. Grundsätzlich lässt sich aber festhalten: Eine frühzeitige Grenzschließung wäre sicherlich epidemiologisch eine ausgezeichnete Idee gewesen, politisch und wirtschaftlich allerdings hätte sie sich verheerend ausgewirkt. Insofern hat die Politik sie bewusst ausgeschlossen. Um den Preis, den wir jetzt erahnen können. Das soll keine Wertung sein, weil ich ebenfalls für offenen Grenzen eingetreten bin, aber die Feststellung muss man machen. 

 

2. Apropos Berchtesgadener Land: Dort wurden vergangene Woche die Kitas und Schulen geschlossen, während zum Beispiel weiter Gottesdienste abgehalten werden dürfen. Das ist insofern kein Beispiel für eine evizdenzbasierte Corona-Politik, da in Glaubensgemeinschaften bislang deutlich mehr große Corona-Cluster nachgewiesen wurden als in Schulen. Außerdem stellt das Vorgehen in den bayerischen Hotspots wie auch schon in Delmenhorst (Rückkehr zum teilweisen Distanzunterricht) die von Kanzlerin und Ministerpräsidenten beschworene Priorität offener Bildungseinrichtungen in der zweiten Welle massiv in Frage.

 

Und wirkt es? In der Stadt Delmenhorst zumindest haben die gerade zu Ende gegangenen zwei Wochen Herbstferien (= total geschlossene Schulen) keine Inzidenzsenkung bewirkt, es werden immer noch über 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen gezählt. Das deckt sich mit den bundesweiten Zahlen. In den neun Bundesländern, die in den vergangenen zwei Wochen Herbstferien hatten, stiegen die Neuinfektionen unter den 5- bis 19-Jährigen zwischen Kalenderwoche 42 und 43 etwas kräftiger an als in den Bundesländern, in denen die Kinder zur Schule gehen mussten (unter anderem Bayern und Baden-Württemberg, Sachsen). Parallel sank der Anteil der 5- bis 19-Jährigen an allen Neuinfektionen bundesweit – dort, wo keine Ferien waren, jedoch eben noch stärker.

 

Das kann viele Gründe haben, zumal in denjenigen Bundesländern, die Ferien hatten, in den Wochen zuvor ein stärkerer Rückgang zu beobachten war. Es zeigt aber auch: Die Wirkung isolierter Schulschließungen, während der Rest der Gesellschaft offen bleibt, ist mehr als fragwürdig. Das sollten die Regierungschefs zusätzlich zu Ihren Prioritäts-Versprechungen an Kinder und Familien am Mittwoch auf jeden Fall bedenken.

 

3. Ein jetzt verhängter gesamtgesellschaftlicher Shutdown ähnlich dem im Frühjahr würde die Infektionszahlen voraussichtlich innerhalb von vier bis sechs Wochen massiv senken. Allerdings um einen Preis, der sozial und psychologisch noch höher sein dürfte als im Frühjahr, weil es jetzt dunkel und kalt ist und die Menschen weniger draußen sein können. Weshalb, wenn die Maßnahmen gelockert werden, ein Rebound-Effekt wahrscheinlich wird: Die Menschen würden nach sozialen Kontakten und dem Aufenthalt im öffentlichen Raum dürsten, und die Zahlen könnten schon vor Jahresende wieder hochschießen. So dass in den ersten Monaten des neuen Jahres schon der nächste Shutdown fällig würde. 

 

Das wissen die Regierungschefs. Doch was folgt daraus? Womöglich nicht schon jetzt die maximal möglichen Maßnahmen (alles zu, auch die Schulen) zu beschließen, sondern Einschränkungen nur für bestimmte gesellschaftliche Bereiche, von denen man den größten Beitrag zur Eindämmung und einen möglichst geringen sozialen Schaden erwartet. Massive Kontaktbeschränkungen zum Beispiel für private Treffen, die Schließungen von Restaurants und Bars sowie das Verbot von Veranstaltungen aller Art (inklusive Sport) vor Publikum? Erste Details eines solchen möglicherweise geplanten "Teil-Lockdowns" (BILD) sickern derzeit gerade durch. Aber, siehe oben, weiß man wirklich, welche Auswahl an Maßnahmen die beste wäre? 

 

So oder so würde eine solche Teil-Strategie vermutlich dazu führen, dass die Corona-Zahlen weniger stark absinken oder, im schlechteren Fall, sogar noch weiter steigen könnten – bis zu dem Punkt, ab dem ein totaler Shutdown wirklich unvermeidbar würde. Umgekehrt könnte dieses Zeitspiel den Regierungschefs insofern attraktiv erscheinen, weil es die Chance erhöht, dass es bei einem solchen Shutdown im Winterhalbjahr bliebe.  

 

4. In der Gesamtabwägung wird es im Laufe des Winters mit hoher Wahrscheinlichkeit doch irgendwann wieder auf einen gesamtgesellschaftlichen Shutdown herauslaufen – doch wagen die Regierungschefs ihn schon jetzt? Wenn nicht, dann sollten sie die Gesellschaft ehrlich auf die weiter hohen Infektionszahlen und absehbar auch auf deutlich mehr Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 vorbereiten – und gut argumentieren. Etwa damit, dass ein zweimaliger Shutdown im Winter verheerend für Wirtschaft und Sozialsysteme und damit ebenfalls für die Gesundheit der Menschen wäre. Dass wir jetzt als Gesellschaft noch etwas Zeit gewinnen müssen und die Bekämpfung der Pandemie im Winterhalbjahr mehr ein Marathon ist, weswegen die beschlossenen Maßnahmen auch so sein müssen, dass man sie länger durchhalten kann.

 

"Augen zu und durch" als Kommunikationsstil wird jetzt jedenfalls nicht mehr funktionieren. Und – hier spricht am Ende noch einmal der Bildungsjournalist: Wenn die Politik ihren Versprechungen nur halbwegs treu bleiben will, muss gelten: Die Schulen bleiben auf, bis die Gesellschaft insgesamt zumacht. Ausnahme sind Gebiete, die wegen besonders hohen Infektionszahlen in einen regionalen Komplett-Shutdown gehen müssen. Doch selbst wenn die Gesellschaft irgendwann auch bundesweit noch einmal komplett zumachen muss, sollten zumindest die kleinsten Kinder weiter zur Kita und die Grundschüler weiter zum Unterricht gehen können.

 

Andere Länder wie Irland oder Italien machen es vor. Ja, offene Kitas und Grundschulen würden, obgleich kleinere Kinder sich laut vieler Studien und Statistiken deutlich seltener infizieren, dazu führen, dass die Pandemie langsamer an Dynamik verliert. Aber das müsste eine Gesellschaft, die in ihrer Jugend ihre Zukunft sieht, akzeptieren können. 

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Kommentare: 1
  • #1

    tutnichtszursache (Mittwoch, 28 Oktober 2020 12:16)

    Wenn man die Privatpartys unterbinden will, muss man m.E. eine Ausgangssperre verhängen, z.B. von 21 bis 5 Uhr.