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Ein Buch in der Tasche, ein neues Selbst im Kopf

In einer Neuköllner Sekundarschule lesen Jugendliche, die einst kein Buch besaßen, heute freiwillig vor. Kapitel einer Lesereise, aufgezeichnet von Ihrer Lehrerin Ada M. Hipp*.
Klassenzimmer mit Schuelerinnen und Schuelern, vorn an der Tafel

Reden über "Arabboy": Güner Yasemin Balci zu Besuch in einer Neuköllner Sekundarschule. Foto: Privat.

"WIRD SIE HEUTE wirklich kommen?", fragen mich einige Jungen und Mädchen meiner 10. Klasse auf dem Schulflur in der ersten großen Pause. Sie sind aufgeregt – freudig, nicht gestresst. Heute werden sie eine öffentliche Persönlichkeit zu Besuch in ihrem Klassenzimmer haben: Güner Yasemin Balci, Autorin des Buches  Arabboy  und Integrationsbeauftragte unseres Bezirks Neukölln.

In der Sonne des späten Septembers liegen ihre vorbereiteten Fragen auf dem Lehrerpult, das Buchcover leuchtet groß an der Tafel. Auf einem runden Tisch vorne im Raum stehen Wasserflasche und Glas bereit, fünf Stühle künden vom bevorstehenden Ereignis. Für meine Schülerinnen ist es der vorläufige Schlusspunkt einer langen Reise – einer Lese-Reise, die zwei Jahre zuvor begann.

Im Juni 2023 schrieb ich in diesem Blog über die Leseleistungen meiner damals siebten Klasse. Ich schrieb darüber, dass von 24 Kindern 20 kein eigenes Buch besaßen. Niemand von ihnen sah damals das Lesen als ein Hobby an. Im Gegenteil, da sie Lesen als langweilig empfanden, kämen sie niemals auf die Idee, dass dies sich auch zukünftig zu einem Hobby entwickeln könnte. Nun sind sie keine Kinder mehr. Nach aktueller Umfrage sind es nun nur noch fünf von ihnen, die bis jetzt kein eigenes Buch ...

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Kommentare

#1 -

Oliver Janoschka | Mi., 12.11.2025 - 17:32

Eine (mich) berührende Erfolgsgeschichte, die in Essenz aufzeigt, wie eine (hart-)näckig erarbeitete Lesepraxis gemeinschaftlich Bildungsprozesse "auslesen" können!! 

Dazu ein Einwurf aus den Niederlanden. Ich bin gerade auf der Rückreise von einer Bildungskonferenz in Den Haague, bei der berufliche und hochschulische Bildung (!) mit rund 2.000 TN rund um Themen digitale Transformation für zwei Tage diskutiert werden. Den Eröffnungskeynote hielt Mpho Tutu, die Tochter des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu rund um die Bedeutung von Ubuntu im Bildungsbereich und adressierte damit die Frage, wie wir gemeinsam Verantwortung für die Werte übernehmen können, die uns als Gesellschaft wichtig sind und wie wir auch im ...

#2 -

Brügelmann, Hans | Do., 13.11.2025 - 10:45

Wir arbeiten in einer Lese- und Schreibwerkstatt mit Menschen "von 6  bis 66", die grundlegende Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Und auch wir merken, wie der bevorstehende mittlere Schulabschluss und die Hoffnung auf eine Lehrstelle plötzlich die Motivation belebt und Kräfte frei setzt, sich auf die Anstrengung des Lesens und Schreibens einzulassen. Auch persönliche Bedeutsamkeit der Inhalte ist ein starker Motor, der in den Schulen viel zu selten genutzt wird.

#2.1 -

Wolfgang Kühnel | Fr., 14.11.2025 - 10:04

Antwort auf von Brügelmann, Hans (nicht überprüft)

Sehr geehrter Herr Brügelmann: Zu meiner Schulzeit (die lag 3 Jahre nach Ihrer) war es eigentlich selbstverständlich, dass fast alle Schüler an "normalen" Schulen selbständig und ohne Anleitung zumindest Bücher der Jugendliteratur lesen konnten (als solche galten z.B. die von Enid Blyton und Karl May, heute sieht man das kritisch). In den 1950er Jahren gab es eine Jugendzeitschrift namens "Rasselbande", später dann "Bravo" und andere. Auch bei denen musste man lesen können. Heute wird es schon bejubelt, wenn sowas in Teilbereichen und mit Anleitung gelingt. Zwischendurch muss es also eine Art von "Niedergang" in diesem Punkte gegeben haben. Haben Sie ...

#3 -

Diana Hellwig | Do., 13.11.2025 - 18:17

Wow, was für eine tolle Lehrerin, die dranbleibt und sich wirklich für die Kinder und Jugendlichen interessiert, die sie unterrichtet. Hut ab vor diesem pädagogischen Selbstverständnis.

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