Das fragile Ethos der Unabhängigkeit
Wie politische Eingriffe und systeminterne Verzerrungen die Unabhängigkeit der Forschung bedrohen – und welche Bedingungen Forschung heute wirklich frei machen. Ein Gastbeitrag von Peter Dabrock.

Peter Dabrock ist Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Von 2012 bis 2020 war er Mitglied des Deutschen Ethikrates, von 2016 bis 2020 dessen Vorsitzender. Seit 2017 ist er Mitglied, seit 2022 im Präsidium der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech). Foto: FAU/G. Iannicelli.
WER ÜBER DEN GROßEN TEICH BLICKT, erkennt mit wachsendem Entsetzen, wie in kürzester Zeit die Freiheit der Wissenschaft unter Beschuss gerät. Die besten Universitäten werden mit Milliardenklagen überzogen, Parawissenschaften erhalten Rückendeckung, Forschungsergebnisse sollen nicht mehr in anerkannten Fachzeitschriften erscheinen, sondern in regierungsnahen Publikationsorganen. Politische Steuerung kolonisiert wissenschaftliche Fachlogiken. Zugleich wird die öffentliche Kommunikation, in die auch Forschung eingebettet ist, durch destruktive Algorithmen ausgehöhlt. Emotionen verdrängen Differenzierungen, Aufmerksamkeitslogiken ersetzen Wahrheitsorientierung. Plattformen wie X und Meta lassen zu oder befördern, dass nicht nur Fake News, sondern auch Bullshit die Diskurse fluten. Unter Bullshit versteht der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt sinnfreies Gerede, das sich – anders als Fake News – der Unterscheidung zwischen "wahr" und "falsch" entzieht. Während Lüge und Fake News noch indirekt den Wahrheitsanspruch anerkennen, indem sie ihn aushebeln wollen, will Bullshit das Vertrauen in jede Aussage unterminieren. Wenn niemand mehr darauf vertrauen kann, dass eine Rede auf Wahrheit zielt, wird auch wissenschaftlicher Rede misstraut. Ohne dieses Vertrauen droht Wissen zur Meinung, Wissenschaft zu einer Meinungsmacht – mehr aber ...
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