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"Geräteklasse für eine Prüfungsfantasie"

Die Bildungsministerkonferenz will die digitalen Hilfsmittel im Abitur neu ordnen. Doch was bedeutet das für Unterricht, Lehrkräfte und die Realität der Klassenzimmer wirklich? Ein Interview mit dem Mathematikdidaktik-Professor Ulrich Kortenkamp.
Portraitfoto Ulrich Kortenkamp

Ulrich Kortenkamp ist Professor für Didaktik der Mathematik an der Universität Potsdam und Mitglied der Kommission "Übergang Schule-Hochschule" der Fachgesellschaften für Mathematik und Mathematikdidaktik. Foto: Lars Holzäpfel.

Herr Kortenkamp, die Kultusministerkonferenz (KMK) hat neue Hinweise zur Verwendung digitaler Hilfsmittel in den Abiturprüfungen veröffentlicht. Verschiedene Fachgesellschaften haben daraufhin Kritik geäußert. Erklären Sie zum Einstieg bitte: Worum geht es überhaupt? Und was will die KMK anders machen als bisher?

Die KMK will vor allem eines: mehr Vergleichbarkeit zwischen den Abiturprüfungen der Länder. Dazu gehört festzulegen, welche digitalen Hilfsmittel zulässig sind: wissenschaftliche Taschenrechner oder leistungsfähigere Systeme, die mehr können als Grundrechenarten. Und die Idee dahinter ist absolut richtig: Wenn Geräte zu unterschiedlich sind, erledigen sie im Zweifel ganze Aufgaben automatisch. Das muss natürlich verhindert werden. Deshalb gab es bisher immer feste Regelungen, welche Hilfsmittel in welchem Teil der Prüfung erlaubt sind.

Bisher gab es: einfache wissenschaftliche Taschenrechner, grafikfähige Taschenrechner und sogenannte Computer-Algebra-Systeme (CAS), die Terme umformen oder Brüche vereinfachen können. Und künftig?

Ab 2030 soll es nur noch zwei Klassen geben: wissenschaftliche Taschenrechner – ohne Grafikfähigkeit – und die sogenannten Modularen Mathematiksysteme, MMS. Und diese MMS sind ein Kunstprodukt. Eine völlig neue Geräteklasse, die es bislang nicht gibt. Ihre Definition besteht im Wesentlichen daraus, dass neben Funktionen, die vorhanden sein müssen, auch sehr viele verboten werden. Auch Funktionen, die im Unterricht eigentlich üblich und sinnvoll sind.

Zum Beispiel?

Ein MMS darf nicht "Nullstellen berechnen", sondern nur Gleichungen lösen. Das soll konzeptionelles Verständnis prüfen. Klingt plausibel, ist aber künstlich. Denn mathematisch kommt es auf das gleiche raus, ob ich die Nullstelle einer Funktion berechne oder die Gleichung f(x)=0 löse. In jedem existierenden Werkzeug ist das selbstverständlich integriert. Solche Verbote sind fachlich willkürlich. Und es gibt keinerlei Erfahrung damit, wie man mit diesem neuen System im Unterricht arbeitet.

Welche MMS gibt es denn überhaupt zu kaufen?

Genau das ist es ja. Die KMK selbst konstatiert auf ihrer Website bei der Liste zugelassener MMS: "bisher keine". Es gibt etablierte Firmen, die seit Jahrzehnten Taschenrechner und CAS-Systeme produzieren. Und es gibt Software wie GeoGebra, die auf Tablets und Computern läuft. Aber all diese Systeme sind derzeit als MMS nicht zulassungsfähig, weil sie zu viel können. Hersteller müssten also völlig neue Geräte bauen, nur für den deutschen Markt. Für etwas, das in der Unterrichtspraxis bislang überhaupt nicht existiert. Das ist ein zentraler Punkt: Wir schaffen eine Geräteklasse, die sich an einer reinen Prüfungsfantasie und nicht am Lernprozess orientiert.

Aber moderne digitale Systeme haben doch alle einen Prüfungsmodus. Sind die Einschränkungen da nicht vergleichbar?

Der Prüfungsmodus ist grundsätzlich sinnvoll: kein Internet, keine Kommunikation, keine automatischen Lösungen, die die ganze Aufgabe erledigen. Aber bei den MMS werden die Beschränkungen zu einem Unterrichtsmodus. Denn wenn Geräte im Abitur nur noch in einer derart extrem eingeschränkten Fassung genutzt werden dürfen, dann werden Lehrkräfte genau diesen Modus im Unterricht einsetzen. Alles andere wäre riskant. Und damit wird der gesamte digitale Fortschritt im Unterricht zurückgedreht.

Der entscheidende Effekt liegt gar nicht in der Prüfung selbst, sondern in der Vorbereitung darauf?

Absolut. "Teaching to the test" ist Realität, und das ist in der Oberstufe auch verständlich. Aber wenn das zugelassene digitale Werkzeug im Prüfungsmodus massiv eingeschränkt ist, dann müssen Lehrkräfte diesen eingeschränkten Modus durchgehend nutzen. Sonst riskieren die Schülerinnen und Schüler im Abitur Fehlbedienungen oder Funktionen, die plötzlich nicht verfügbar sind. Genau das höre ich jetzt schon aus Schulen: Man arbeitet nur noch im Prüfungsmodus. Und damit verlieren wir Kompetenzen, die die Bildungsstandards eigentlich fordern, gerade im Umgang mit digitalen Werkzeugen.

Die Kritik der Fachgesellschaften geht aber noch weiter. Sie halten nicht nur die Lösung für falsch, Sie kritisieren auch den Prozess, wie sie zustande kam. Warum?

Der Prozess ist intransparent im Verborgenen ohne wissenschaftliche Begleitung abgelaufen. Nur auf unser Drängen hin gab es ein einziges Gespräch, doch unsere inhaltlichen Bedenken wurden nicht gehört oder mit Argumenten entkräftet, die fachlich nicht nachvollziehbar sind. Alle relevanten Akteure – GDM, MNU, DMV, DZLM – sagen übereinstimmend: Wir brauchen Transparenz und die gemeinsame Arbeit an Lösungen. Wir reden seit Jahren darüber, wie digitale Werkzeuge sinnvoll in den Unterricht integriert werden. Aber die Regelungen, die jetzt beschlossen wurden, stehen davon völlig losgelöst.

Die Kinder, die 2030 Abitur machen, sind schon in der Mittelstufe. Reicht die Zeit überhaupt noch zum Umsteuern?

Die Deadline ist eigentlich schon überschritten. Lehrkräfte müssen ihre Unterrichtskonzepte anpassen, Fortbildungen finden statt, Hersteller müssen Geräte entwickeln. Wir wissen bis heute nicht, was ein MMS genau darf und was nicht. Das ist keine Situation, in der man strukturiert arbeiten kann. 

Wie erklären Sie sich das Vorgehen der KMK und der Bildungsministerkonferenz?

Das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hat die Richtlinien zuerst formuliert, später hat dann die KMK direktiv übernommen. Der Regelungsbedarf ist da, aber es ist einfach schwer zu überblicken, welche Folgen solche Entscheidungen in der Unterrichtspraxis haben. Das sieht man nicht, wenn man nicht selbst mit digitalen Werkzeugen unterrichtet oder Abituraufgaben entwickelt, und man kann das auch nicht für komplett neu geschaffene Werkzeuge leicht vorhersagen. Darum ist es ein Problem, wenn die Expertise derjenigen, die es wissen, nicht ernsthaft einbezogen wird.

Was wäre denn eine tragfähige Alternative?

Zunächst könnte man die aktuelle Regelung erst einmal beibehalten und die existierenden digitalen Mathematikwerkzeuge so nutzen, wie sie sind. Eine komplette Lösung für alle Zeiten haben wir noch nicht, aber Ansätze, die fachlich diskutiert werden können. Die DMV zum Beispiel sieht eine Möglichkeit darin, den hilfsmittelfreien Teil der Prüfung auszubauen, also dort höhere Ansprüche zu stellen und dafür im anderen Teil auch leistungsfähigere digitale Werkzeuge zuzulassen. Wichtig ist: Solche Entscheidungen müssen ausgehandelt werden, unter Einbeziehung von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Schulpraxis. Und diese Einbeziehung muss mehr sein als eine Alibiveranstaltung. JMW.

Kommentare

#1 -

Hans-Georg Weigand | Do., 11.12.2025 - 18:53

Tja, was soll man dazu sagen? Da beschäftigen sich Mathematikerinnen und Mathematiker, Mathematikdidaktikerinnen und Mathematikdidaktiker sowie Lehrkräfte (auf der ganzen Welt) seit Jahrzenten mit dem Einsatz digitaler Technologien im Unterricht, da wurden theoretische Grundlagen erarbeitet und zahllose praktische Erfahrungen gesammelt. Und dann werden von der KMK bzw. dem IQB ohne Einbeziehung dieser Fachleute Regeln und Regularien für Taschenrechner und Taschencomputer aufgestellt, die weltweit einmalig sind und die zu einer eingeschränkten Nutzung und damit einer eingeschränkten Vorstellung digitaler Technologien im Unterricht führen. Das ist genau das, was wir auf einem sich schnell wandelnden Technologiesektor gerade nicht anstreben. Man stelle sich vor, in der Medizin oder Ernährungswissenschaft würden wissenschaftliche Erkenntnis so ignoriert wie das hier der Fall ist. Die Folge wäre ein Sturm der Entrüstung. Man kann also hoffen, dass Stimmen wie die von Ulrich Kortenkamp von denen gehört werden, die kommende Entscheidungen bzgl. des Rechnereinsatzes im Unterricht zu treffen haben. Denn es gilt das, was U. Kortenkamp zum Schluss des Interviews sagt, dass es „eine komplette Lösung für alle Zeiten noch nicht gibt“. Technologische Errungenschaften sind immer zeitgebunden. Das lässt hoffen, dass bald die Zeiten für Veränderungen auch bei den Richtlinien der KMK kommen.

#2 -

Wolfgang Kühnel | Fr., 12.12.2025 - 23:16

Sowohl der Artikel wie auch der Kommentar #1 lassen zwei Dinge außer Acht:

1. Die Diskussion um solche Geräte wird nicht rein "wissenschaftlich" geführt, sondern sehr wohl auch aus handfesten Interessen heraus, nämlich denen der Hersteller einerseits und derjenigen Didaktiker andererseits, die ihre ganze Karriere darauf aufgebaut haben. Herr Weigand zählt nicht dazu, wohl aber andere, die jetzt groß auftrumpfen und bestimmte Geräte empfehlen oder ablehnen. Eine neue "Expertokratie" macht sich breit. Über digitale Geräte und allerlei Software im Unterricht lassen sich trefflich neue didaktische Dissertationen schreiben (so wie über die Inklusion und andere Neuerungen ja auch).

2. Die ganze Diskussion ist eingebettet in eine Digitalisierungs-Hype sondergleichen. Überall lesen wir was von der neuen "Kultur der Digitalität", in der das Konzept Schule "völlig neu gedacht" werden muss, mit "digitaler Bildung" und einer neuen "Lern- und Prüfungskultur", in der nichts mehr so ist wie vorher und die uns den großen Segen in Form der Chancengerechtigkeit und der Demokratisierung bringt. Ich empfehle ein gesundes Misstrauen gegen solche Heilsversprechen. Welchen empirisch nachweisbaren Nutzen haben denn z.B. die bisherigen Taschenrechner in der Schule gebracht?

#2.1 -

Ulrich Kortenkamp | Mo., 15.12.2025 - 12:31

Antwort auf von Wolfgang Kühnel (nicht überprüft)

Lieber Herr Kühnel,

nun ja, der Punkt 1 wird ja durchaus auch wissenschaftlich diskutiert – ich erinnere an den wunderbaren Artikel von Peter Bender (1987). Die wirtschaftlichen und sonstigen Interessen hinter dem zunehmenden Einsatz von digitalen Werkzeugen in der Schule sind in der Mathematikdidaktik und anderen Wissenschaftsgebieten auch heute noch ein Thema, und darum ist es ja um so schlimmer, wenn diese Expertise nicht herangezogen wird. Ihre Beschwerde darüber, dass sich Dissertationen mit dem Einsatz digitaler Werkzeuge im Unterricht befassen, kann ich angesichts ihrer Forderung nach empirischen Ergebnissen zum Nutzen (oder nicht-Nutzen) von Taschenrechnern im Unterricht nicht nachvollziehen, denn diese sollten ja schon mit wissenschaftlichen Methoden gewonnen werden, und dann können diese durchaus als Prüfstein zur Promotion dienen. Die Kritik an einem "Digitalisierungs-Hype" hingegen schon, gerade darum ist es ja so wichtig, sich sachlich damit auseinanderzusetzen. Die Technologie zu ignorieren, die uns tagtäglich umgibt und die wissenschaftliche Befassung damit verächtlich zu machen ist aber sicher kein guter Weg, sich dem "Hype" entgegen zu stellen.

Ihren Seitenhieb gegen "Inklusion und andere Neuerungen" finde ich unsachlich und aus der Zeit gefallen, mit dieser Position entwerten sie Ihre sicher in manchen Punkten berechtigte Kritik. Schade.

Ulrich Kortenkamp

Zum Nachlesen:
Bender, P. (1987). Kritik der Logo-Philosophie. Journal für Mathematik-Didaktik, 8(1–2), 3–103. https://doi.org/10.1007/BF03338711

#2.1.1 -

Wolfgang Kühnel | Mi., 17.12.2025 - 19:04

Antwort auf von Ulrich Kortenkamp (nicht überprüft)

Ich fände es wunderbar, wenn der zitierte Artikel von Herrn Bender, verfügbar auch unter  

https://scispace.com/pdf/kritik-der-logo-philosophie-52iyofzizm.pdf

nicht nur hier, sondern in den einschlägigen neuen Publikationen zur angeblich alternativlosen Nutzung digitaler Geräte im Unterricht zitiert und beachtet würde. Aber genau das Gutachten der SWK zur "Digitalisierung im Bildungssystem" von 2022 führt in dem über 20-seitigen Literaturverzeichnis Bender gar nicht auf. Ein Zufall kann das kaum sein, ich nehme an, man sammelte vorwiegend Material FÜR mehr Digitalisierung, kritische Töne werden systematisch unterdrückt. Aber der OECD Lernkompass 2030 ist aufgeführt. Aus dessen Einleitung (in der deutschen Version) geht hervor, dass die sich selbst so nennende "Zivilgesellschaft" aus den Stiftungen von Bertelsmann, Telekom etc. besteht. Da stellt sich die alte Frage "Cui bono?".

Von Seite 9:  Als "sekundäre Motive" führt Bender u.a. auf:

a) Die Schule ist ein nicht zu vernachlässigender Markt für Hersteller und Vertreiber von Computer--Hardware, --Software  und --Zubehör.

e) Für zahlreiche Lehrer und Didaktiker wird das Steckenpferd der Computerei auf einmal zu einer berufs-relevanten Tätigkeit aufgewertet.

Genau so habe ich den ersten Punkt in meinem Kommentar #2 gemeint.

Von Seite 93:  Da sieht jemand den Schöpfer der Logo-Philosophie "in der Nähe eines schlitzohrigen Verkäufers, der sein Modell ständig und auf peinliche Weise über den grünen Klee lobt und mit nicht einlösbaren pädagogischen und gesellschaftsutopischen Versprechen verknüpft."

Genau das wollte ich mit meinem zweiten Punkt ausdrücken, unter Verwendung der neueren Terminologie des "Forum Bildung Digitalisierung", das ist ein Zusammenschluss von zehn unternehmensnahen Stiftungen von Bertelsmann, Telekom, Vodafone usw. Dabei konnte auch Herr Bender vor fast 40 Jahren nicht die Dynamik der neuen "Digitalisierung von Schule" ahnen, auch von dem "Digitalpakt" mit Milliarden Euro des Steuerzahlers war noch nicht die Rede. Alles erscheint jetzt gegenüber der LOGO-Philosophie als in einem gigantischen Maßstab vergrößert.

Ich sehe Anzeichen, dass die Inklusion ein Modethema ist. Zum Sinn oder Unsinn der Inklusion (oder anderen Themen wie der Ganztagsschule) habe ich nichts gesagt. Aber es fällt schon auf, dass die Flut von Publikationen dazu genau in dem Moment einsetzte, als in der großen Politik die Inklusion beschlossen war. Plötzlich gab es ja auch Lehrstühle dafür, es gab Referate dafür in Ministerien und NGOs, ganze Karrieren hingen daran, alle fühlten sich verpflichtet, den "inklusiven Unterricht" und die "inklusive Bildung" zu preisen, kritische Töne wurden unterdrückt, obwohl der praktische Verlauf der Inklusion gar nicht so glorreich war und ist. So bestimmt indirekt die Politik, was in der Wissenschaft als richtig zu gelten hat. Das sind dann eben die "Heilsversprechen", bei denen hinterher nie überprüft wird, ob sie auch nur annähernd eingehalten wurden. Nach jedem Modethema kommt ein neues Modethema.

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