Direkt zum Inhalt

Wer nicht kommt, verliert

Der folgende Artikel über Sinn und Unsinn einer Anwesenheitspflicht im Studium ist auch in der heutigen Ausgabe der ZEIT erschienen. Hier ergänzt um eine Bemerkung am Ende.



Svenja Schulze schwärmte von einem »Meilenstein«. Das neue Hochschulgesetz der rot-grünen Landesregierung bringe an den Hochschulen endlich wieder Freiheit und Verantwortung ins Gleichgewicht, sagte die nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin im Herbst 2014. Den Rektoren war weniger zum Feiern zumute: Sie fühlten sich in ihrer Freiheit beschränkt. Ganz im Gegensatz zu den Studenten: Ihnen brachte das Gesetz eine Unabhängigkeit, die sich Kommilitonen anderswo nur wünschen können. Bis auf wenige Ausnahmen keine Anwesenheitskontrolle mehr in den Vorlesungen und Seminaren, jeder kann so oft fehlen, wie er will. Die Begründung der Ministerin: »Die Studierenden sind Erwachsene. Die können selbst entscheiden, was gut für sie ist.«



Tatsächlich? Rolf Schulmeister, Hochschulforscher an der Universität Hamburg, war von Anfang an skeptisch, als er vom Ende der Anwesenheitspflicht hörte. NRW ist nicht das einzige Bundesland, das die Studenten in die Freiheit entlassen hat. Wohl aber dasjenige, so Schulmeister, das eine »denkwürdig merkwürdige« Kombination zweier Vorschriften im neuen Hochschulgesetz verankert habe. Vorschrift eins: »Die Hochschulen sind dem Studienerfolg verpflichtet.« Vorschrift zwei: besagtes Verbot von »Anwesenheitsobliegenheiten«.



»Wie soll denn das beides zusammengehen?«, fragte sich Schulmeister. »Wie kann man jemandem den Studienerfolg garantieren, der nicht das Studienangebot wahrnimmt?« Der Ehrgeiz des Forschers war geweckt. Jetzt hat Schulmeister eine Metastudie vorgelegt, die 298 Studien zur studentischen Anwesenheit auswertet, aus 25 Ländern und sieben Jahrzehnten. Das Ergebnis: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der Anwesenheit der Studenten in den Lehrveranstaltungen und ihrem Studienerfolg. Konkret: Je nach Studie reichen schon drei verpasste Termine, um signifikant schlechter in Prüfungen abzuschneiden. Laut mehreren Autoren liegt die Schwelle, ab der die Leistung merklich sinkt, bei vier Abwesenheiten. Werte, die weitgehend unabhängig vom Entstehungsort oder Zeitpunkt der Studie sind.



So weit, so trivial? Die NRW-Ministerin Schulze sagt: »Erst wenn eine Studie zeigen würde, dass man Prüfungen besser bewältigt, wenn man nicht anwesend ist, würde ich ernsthaft anfangen, mir Sorgen um die Hochschulen zu machen.« Ben Seel, Vorstandsmitglied beim Studierendenverband fzs, sagt: »Ist doch klar: Wenn ich mich für ...

Sie sehen die gekürzte Fassung dieses Artikels

Der volle Zugang zu Artikeln, die älter sind als vier Wochen, ist nur für registrierte Unterstützer des Wiarda-Blogs vorgesehen.

Sind Sie bereits ein registrierter Benutzer / Unterstützer?
Hier können Sie sich einloggen.

Nein, ich habe noch kein Benutzer / Unterstützer-Konto:
zur Anmeldung

Kommentare

#1 -

Klaus Diepold | Do., 26.11.2015 - 13:50
ich habe ab dem 2.Semester in meinem Studium praktisch keine Vorlesung oder Übung mehr besucht und mir den Stoff mit Hilfe von Büchern und Skripten selbst reingezogen. Ich bin da sicher keine Ausnahme - Anwesenheitspflicht hat für mich im akademischen Leben keinen Platz. Wie die Ministerin sagt, die Studierenden sind erwachsen und als solche sollte wir sie auch behandeln.

#2 -

Klaus Diepold | Do., 26.11.2015 - 14:02
... nicht zu vergessen die kreativen Profs. die wichtige Informationen exklusiv in der Vorlesung platzieren und keine entsprechenden Hinweise in den zur Verfügung gestellten Unterlagen verbreiten. Auf diese Weise werden die Studierenden, die nicht in der Vorlesung sind bei der Prüfung benachteiligt. Das sieht dann in der Studie so aus, dass eine entsprechende Korrelation gibt zwischen Anwesenheit und Studienerfolg. Merke: Korrelation sagt nichts über die kausale Beziehung von Sachverhalten aus!!

#3 -

Michael Büker | Do., 26.11.2015 - 14:10
Es mag der Fall sein, dass einer Anwesenheitspflicht der gute Wille zugrunde liegt, Studierenden eine Verhaltensweise auferlegen zu wollen, die dem Studienerfolg förderlich ist. In der Praxis zeigen sich aber Konflikte zwischen einem selbstbestimmten Leben und Lernen und einer solchen rigiden Vorschrift. Studierende müssen mit Dozenten und Übungsleitern privateste Angelegenheiten diskutieren – Krankheiten, Familienangelegenheiten, soziale Verpflichtungen, politisches Engagement. Ist einmaliges Fehlen noch akzeptabel? Oder zweimaliges, oder dreimaliges? Egal wie die Grenze gewählt wird, sie wird immer Fälle provozieren, zu denen Volljährige einem Rechtfertigungsdruck unterliegen, welcher der Entwicklung einer selbstständigen Lebensführung und Eigenverantwortung entgegen steht.



Aufzeichnungen von Vorlesungen im Internet zu verfolgen ...

#4 -

Klaus Diepold | Sa., 28.11.2015 - 10:29
jetzt habe ich mir den Schulmeister-Bericht angesehen - nomen est omen - sehr schulmeisterlich. Ehrlich gesagt, schwillt mir bei dieser Diskussion der Hals. Ich finde die ganze Grundhaltung gegenüber Lernenden (aus dem Eltern-Ich heraus) vollkommen falsch und nicht mehr zeitgemäß. Nach den Worten Schulmeisters gehöre ich offensichtlich zu Klasse der ideologisch Argumentierenden - und dazu stehe ich - keinerlei Anwesenheitspflicht - ich will mein eigenes Scheitern selbst verantworten. Ich will mich nicht als Studierenden sehen, der anhand eines sozial-wissenschaftlich verschwurbelten Durchschnittsbild der Studierenden von Unis gegängelt und geschulmeistert wird. Dann mache ich lieber einige MOOCs in Kalifornien mit und sammle ...

#5 -

Jan-Martin Wiarda | Mo., 30.11.2015 - 11:09
Lieber Herr Diepold, lieber Michael, vielen Dank für die engagierten und wichtigen Diskussionsbeiträge. Das Thema polarisiert, und das ist aus Sicht eines Journalisten natürlich immer besonders spannend. Letzten Endes liegt der Diskussion eine fast philosophische Fragestellung zugrunde: Was genau heißt (Wahl-)Freiheit aus Sicht von Studenten, und sind alle in der Lage, sie gleichermaßen zu nutzen? Ich stehe ja eher auf dem Standpunkt, dass es womöglich sinnvoll sein könnte, für bestimmte Veranstaltungen vor allem in den unteren Semestern eine Pflicht beizubehalten. Ausnahme: Die Universität stellt wirklich gute Online-Angebote zur Verfügung oder hilft den Studenten, sie anderswo zu finden. Dann würde ich ...

Neuen Kommentar hinzufügen

Ihr E-Mail Adresse (wird nicht veröffentlicht, aber für Rückfragen erforderlich)
Ich bin kein Roboter
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Vorherige Beiträge in dieser Kategorie


  • allgemeines Artikelbild - Der Wiarda Blog

Das große Zählen

Woran genau scheitern eigentlich deutsche Studienanfänger? Klar, fragt man Professoren, können die mit jeder Menge Anekdoten aufwarten – von Germanistikstudenten, die in einem zweiseitigen Essay 12 Rechtschreibfehler unterbringen. Von Ingenieur-Erstsemestern, die in der Mathe I - Prüfung nicht mal den Dreisatz richtig anwenden. Oder auch von Möchtegern-Biologen, die Chemie nach der 10.


  • allgemeines Artikelbild - Der Wiarda Blog

Bildungsökonom: Bildungsstand der Flüchtlinge niedriger als vermutet

Heute erscheint in der ZEIT ein Interview, das ich mit dem Bildungsökonomen Ludger Wößmann geführt habe. Wir sind vor ein paar Wochen auf einer Konferenz in München zufällig ins Gespräch gekommen, und da erzählte er mir von den ernüchternden Ergebnissen zum Bildungsstand syrischer Schüler.


  • allgemeines Artikelbild - Der Wiarda Blog

Flüchtlinge an die Uni: Das Ende der Meritokratie?

Vielleicht ist es gut, in diesen Tagen nicht den Kern der Flüchtlingsdebatte aus den Augen zu verlieren. Rechtskonservative Politiker mögen sich fragen, ob wir zu viele Feinde unserer Lebensart ins Land lassen. Verantwortliche Politiker fragen sich etwas Anderes: Wie schaffen wir es, den Neuankömmlinge gerade jetzt...


Nachfolgende Beiträge in dieser Kategorie


  • allgemeines Artikelbild - Der Wiarda Blog

Weg mit dem NC?

Wieder Theresia Bauer. Erst neulich hat sie mit ihrem Vorschlag, einen Exzellenzbonus an die forschungsstärksten Hochschulen zu verteilen, die Debatte um die Zukunft der Exzellenzinitiative aufgemischt. Jetzt denkt sie erneut laut nach und stellt die überragende Rolle der Abiturnoten bei der Studienplatzvergabe in Frage.


  • allgemeines Artikelbild - Der Wiarda Blog

Ein Hoch auf die Struktur!

Die ZEIT hat vergangenen Donnerstag das Ergebnis ihrer Crowdsourcing-Aktion unter Doktoranden und Postdocs veröffentlicht, und die ersten Deutungen sind die erwartbaren. Dass 81 Prozent der fast 7000 Teilnehmer angaben, sie spielten mit dem Gedanken, aus der Wissenschaft auszusteigen, wird (wieder mal!) als Warnsignal...


  • allgemeines Artikelbild - Der Wiarda Blog

Abschied vom Lehrstuhl?

Vor einigen Tagen hatte ich an dieser Stelle eine Lobeshymne auf die strukturierte Promotion verfasst. Der Kernsatz: Mehr Karrierechancen für Nachwuchsforscher in und nach der Postdoc-Phase sind schön und wichtig. Genauso wichtig: Wir brauchen insgesamt weniger Doktoranden, und wir brauchen noch mehr strukturierte Promotionsprogramme.