Was heißt eigentlich "Exzellenz"?

Die vergangenen Tage habe ich in Algerien verbracht, genauer gesagt an der Universität von Tlemcen. Dort baut die Afrikanische Union (AU) gerade ein Institut für Wasser- und Energieforschung auf, als Teil der 2011 gegründeten Panafrikanischen Universität und mit kräftiger Unterstützung der Bundesregierung. Bei dem Workshop, den ich moderiert habe, ging es darum, eine Forschungsagenda für das Institut zu entwickeln. Drei Dutzend Experten aus aller Welt, vor allem aber von deutschen und von afrikanischen Universitäten, waren angereist, um miteinander zu brainstormen und unterschiedliche Ansätze und Ideen durchzudiskutieren. Das war schon spannend zu beobachten: Wie kann man einem Institut Leben einhauchen, das zwar schon Studenten ausbildet, aber außer dem Gründungsdekan noch keine einzige Dauerprofessur besetzt hat? Wie kann ein solches Institut all den Erwartungen gerecht werden, die vor allem von afrikanischer Seite formuliert werden: Weltklasse soll es sein, die akademische Elite von morgen hervorbringen, in Freiheit forschen und doch zugleich Fragen behandeln, die von Relevanz für möglichst viele AU-Mitgliedsstaaten sind. Kurzum: ein Hub der internationalen Wasser- und Energieforschung (mit starken Bezügen zu Klimathemen) soll das Institut werden. Bei im Endausbau 12 Professuren wohlgemerkt.


Was mich gewundert hat, war die inflationäre Verwendung des Begriffs „Exzellenz“. Man kennt das aus deutschen Universitäten: Alle wollen exzellent sein, international führend, Leuchttürme der Forschung. Doch zugleich haftet dem Konzept von Exzellenz etwas Schwammiges an, etwas Fragwürdiges vielleicht sogar. Man kann das an der Diskussion über die internationalen Hochschulrankings festmachen, die von den meisten Hochschulrektoren verachtet werden und denen dieselben Hochschulrektoren doch ständig hinterherlaufen. Ähnlich verhält es sich mit der Debatte über Zitationen in internationalen Journals, die immer noch als die harte Währung wissenschaftlicher Reputation ergo wissenschaftlicher Exzellenz gelten: Je mehr Artikel ich als Wissenschaftler in den angesehensten wissenschaftlichen Zeitschriften unterbringe, als desto forschungsstärker gelte ich, und je mehr solche forschungsstarke Wissenschaftler eine Hochschule hat, desto höher steigt sie (vereinfacht gesagt) in den internationalen Hochschul-Ligatabellen. Und das, obwohl Ihnen auf jeder wissenschaftlichen Konferenz fast jeder ernstzunehmende Wissenschaftler zustimmen wird, wenn Sie die Aussagekraft der Zitations-Indizes anzweifeln. Wenn Sie die Flut an Publikationen beklagen, die die Suche nach Relevanz immer dringlicher erscheinen lässt. Doch dann werden dieselben Wissenschaftler Sie ein wenig hilflos fragen: „Aber was ist die Alternative? Wir haben nichts Besseres.“


Diese Frage bringt mich zurück nach Afrika. Vielleicht liegt die große Chance von Neugründungen wie der Panafrikanischen Universität gerade darin, nicht einfach den immer problematischer werdenden Exzellenz-Standards in Europa oder Nordamerika hinterherzuhecheln. Ich will ja gar nicht sagen, dass diese Standards völlig danebenliegen oder keine Berechtigung haben. Aber in ihrer Absolutheit gehen sie fehl und bedürfen dringend einer Ergänzung. Interessante Überlegungen hierzu hat etwa Uwe Schneidewind angestellt mit dem von ihm beschworenen Konzept der „transformativen Wissenschaft“. Könnte diese Ergänzung, diese Formulierung neuer Qualitätsstandards jenseits der ausgetretenen Pfade, nicht gerade das Innovative, das Ungewöhnliche sein, das Neugründungen – ob in Afrika oder anderswo – zur internationalen Forschungsdebatte beisteuern könnten?


Zugegeben: Es mag zu einfach sein, das, was die etablierten Universitäten und Forschungseinrichtungen bislang nicht geschafft haben, von den neuen zu fordern, deren Druck, sich international zu etablieren und Respekt zu verschaffen, doch noch ungleich höher sein muss. Erst recht, wenn sie in Entwicklungsländern angesiedelt sind, deren Wissenschaftssysteme sich allzu oft mit dem Vorwurf mangelnder Effizienz konfrontiert sehen und zugleich auf internationale Fördergelder angewiesen sind, die wiederum – oh Wunder – nach den traditionellen Exzellenzkritierien vergeben werden. Und doch liegt vielleicht gerade hier das Potenzial für die nachhaltigen Aha-Effekte. Ich würde es der Panafrikanischen Universität wünschen.

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Kommentare: 6
  • #1

    Klaus Diepold (Sonntag, 25 Oktober 2015 13:50)

    Die ewige Frage nach der Exzellenz in Universitäten - ich habe auch keine Antwort auf die Frage, welche Maße dafür geeignet sind. Ich denke nur hin und wieder, dass diese Diskussion in die falsche Richtung führt, wenn Zitationen, H-Faktoren, Impact-Faktoren, DFG-Förderatlas etc. als Maße für Exzellenz dienen und damit der Bezug zur Gesellschaft, zur Realität verloren geht. Welche bahnbrechenden Innovationen und Problemlösungen sind von exzellenten Universitäten produziert worden und was ist der Return-of-Investment ? Das erscheint mir wie ein Fußballspiel bei dem die Eckstöße gezählt werden ...

    Universitäten in Afrika könnten eine echte Chance bieten etwas Neues zu versuchen und dabei zu gewinnen. Investoren weisen oft darauf hin, dass es in Afrika möglich ist die ein oder andere Innovation schneller voran zu bringen, weil es keine bestehende Infrastruktur gibt, die gegen Neuerungen verteidigt werden muss. Vielleicht lässt sich Vergleichbares mit Unis erzielen, wenn es gelingt eigene, neue Wege einzuschlagen, und sich nicht von der Forderung nach zweifelhafter Exzellenz verführen zu lassen.

  • #2

    Josef König (Sonntag, 25 Oktober 2015 21:53)

    Lieber Herr Wiarda,

    meines Erachtens ist "Exzellenz" zu einem Modewort geronnen, hinter dem die Jagd nach dem Gelde steht. Erfunden von einer SPD-Wissenschaftministerin aus dem Bedürfnis, Aufmerksamkeit zu gewinnen, indem sie die deutschen Universitäten zu Reformen zwingt (was ihren Nachfolgern zum Teil auch gelungen ist), spricht jede Uni heute sich Exzellenz zu, weil sie nach dem Gelde schielt.
    Dabei sind Rankings, H-Wert, Zitationstabellen hauptsächlich in den Naturwissenschaften, wo die Messung leidlich "funktioniert" von Wert, nicht aber in den "weichen Wissenschaften", die nun künstlich jene nachahmen.
    Da Geld und aus diesem die Aufmerksamkeit gewonnen wird, werden wir das Modewort "Exzellenz" so lange weiter traktieren und traktiert sehen, bis ein neues Finanzierungsmodell für Unis sich etabliert, das das ständig fortschreitende Missverhältnis zwischen sinkender Grundfinanzierung und steigenden Drittmitteln aufhebt bzw. wieder in ein normales und vernünftiges Lot bringt. Das aber kostet jenes Geld, das Politikern und "Exzellenz-Unis" keine zusätzliche Aufmerksamkeit bringen kann - also können wir bis zum so genannten "Sankt-Nimmerleinstag" warten..
    Übrigens, ist Ihnen schon aufgefallen, dass es in Wikipedia nur den Artikel zu "Exzellenz" als "Titel" aus dem Mittelalter gibt; nicht aber den für "Exzellenz (Wissenschaft)"; immerhin ist dieser als Platzhalter schon da und wartet darauf, dass Sie oder ich oder andere "Berufenere" ihn schreiben ;-)
    Lockt Sie das? ;-)

  • #3

    Jan-Martin Wiarda (Montag, 26 Oktober 2015 09:22)

    Lieber Herr Diepold,
    vielen Dank für Ihr Weiterdenken an dieser Stelle. Ich würde mir wünschen, dass Sie und ich Recht haben und Afrika hier tatsächlich etwas Neues hervorbringen kann. Mein Eindruck auf dem Workshop war aber doch so, dass die Exzellenzsprech in Europa und Amerika ihre Verlockungen hat...
    Lieber Herr König,
    das ist ja spannend, dass es den Begriff "Exzellenz" (Wissenschaft) bei Wikipedia noch nicht gibt. Und irgendwie auch verräterisch angesichts der Sprachgewalt, mit der das Wort bei wissenschaftspolitischen Debatten jeder Art herausgehauen wird, oder? Frau Bulmahn hat aber auch nicht viel mehr gemacht, als sich dem internationalen Diskurs anzuschließen an dieser Stelle, und das sehr erfolgreich.
    Wobei ich nochmal ganz klar sagen möchte: Ich bin nicht gegen die Exzellenzinitiative und die Bemühungen um Exzellenz an sich, hier sind in den vergangenen 10 Jahren auch wirklich großartige Veränderungen an deutschen Hochschulen angestoßen worden. Ich würde mir nur eine breitere und nachdenklichere Diskussion wünschen über Begrifflichkeit und Zielvorstellungen einer für das 21. Jahrhundert geeigneten Universität.

  • #4

    Josef König (Dienstag, 27 Oktober 2015 09:45)

    Lieber Herr Wiarda,
    ich habe auch nichts gegen die ExIni, wünschte mir sowohl bei Politikern als auch bei Journalisten eine "Abrüstung", wenn es um Begriffe und insbesondere Superlative geht. Wenn Sie sich erinnern, so nannte sich über Jahrzehnte das Hochschulgesetz NRW so "Gesetz über die Hochschulen in NRW" oder ähnlich, und es wurde nur "novelliert". Pinkwart hat dann daraus ein "Hochschulfreiheitsgesetz" daraus gemacht (Was denn nun? Ist das Gesetz frei von Hochschulen? Übrigens, das beste seit langem) und Svenja Schulze hat es in "Hochschulzukunftsgesetz" umbenannt (wie lang dauet die Zukunft? Bis zu ihrer Abwahl nach vier Jahren?) Und wofür? Um die eigenen politischen Prämissen in den Vordergrund zu schieben und Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen.
    Und so auch die ExIni? Warum nicht bescheidener von eine Initiative zur Verbesserung der Qualität sprechen? Klingt sachlich, bringt aber kein Schlagwort, also kein "schlagendes Argument"?
    In diesem Sinne ... Herzlich Josef König

  • #5

    Josef König (Donnerstag, 29 Oktober 2015 09:44)

    Lieber Herr Wiarda,
    zur ExIni muss ich doch noch was nachtragen: Gestern Abend (28.10.15) habe ich einen Vortrag von Prof. Peter Strohmeier, inzwischen Seniorprofessor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Ruhr-Universität Bochum, moderiert. Er sprach über "Wer schafft es an die Uni", ein sehr hörenswerter Vortrag mit interessanten statistischen Daten. In der Diskussion wurde er gefragt, wie sich die Unis durch der ExIni verändert hätten und warum viele Studierende dort "fremdeln". Seine Antwort war ganz eindeutig: Er habe im Fakultätsrat vorgeschlagen, Mentoren für Studierende und mehr Zeit für die Lehre zu finden, und seine jüngeren, engagierten Kollegen haben das zurückgewiesen mit dem Hinweis: "Wir haben dafür keine Zeit. Wir werden vom Rektorat auf Exzellenz getrimmt, und wir werden nur nach Drittmitteln, Zitationsindexen und Veröffentlichungen in A-Journals beurteilt." und er fügte sinngemäß hinzu, dass sein alter Lehrer Prof. Franz-Xaver Kaufmann nach seiner Emeritierung vor 19 Jahren inzwischen acht wichtige und gewichtige Bücher geschrieben habe, aber nach heutigen Maßstäben keine Chance haben würde, auch nur einen Listenplatz bei einer Berufung zu ergattern".
    Ich bin nicht gegen die ExIni, sie hat viel bewegt, aber sie hat auch ziemliche Verwerfungen erzeugt und viele Frustrationen hinterlassen.
    Viele Grüße Josef König

  • #6

    Tim Flink (Donnerstag, 03 November 2016 09:45)

    Lieber Herr Wiarda,

    die von Ihnen aufgeworfene Frage lässt sich wissenssoziologisch bzw. genealogisch beantworten. Nein, Exzellenz ist nicht ausschließlich auf Qualitätsunterschiede (Wissenschaftler-Jargon: vertikale Differenzierung) aus, sondern in ihr schlummert die Idee US-amerikanischer Kybernetik. Exzellenz ist unmittelbar nach dem Sputnik-Schock (1957) in den USA als Forderung nach individueller Selbstverbesserung und -optimierung (v.a. in der Bildungspolitik) aufgekommen und war paradoxerweise egalitär gemeint; kurzum: Wer das Potenzial zur Selbstoptimierung hat, steht - für die Gemeinschaft - auch in der verdammten Pflicht, das beste aus sich 'rauszuholen. In den 1980er Jahren ist die Idee der Selbstoptimierung zuvorderst in den Business Schools und in Unternehmen verbreitet worden. Auslöser war u.a. ein Buch von Tom Peters und Roger Waterman, ehemals McKinsey & Company Berater mit dem Titel "In search of excellence: lessons from america's best-run companies". Was hat dies nun mit Wissenschafts- und Hochschulpolitik zu tun? Eine offensichtliche Deutung ist, dass durch den Exzellenzbegriff ein Wettbewerb um knapper gewordene Ressourcen euphemisiert werden kann, die Last der Verantwortung aber liegt nun bei den 'Agents' - Institutionen und Individuen also. Sie sind ganz im Sinne der kybernetischen Formel eben zur Selbstoptimierung verdammt. Exzellenz ist gewissermaßen der rhetorische Trojaner für einen agonalen Wettbewerb geworden.

    Weiterführend empfehle ich zwei Werke:

    Peter, Tobias (2013): Governing by Excellence. Karriere und Konturen einer politischen Rationalität des Bildungssystems. Die Hochschule. Journal für Wissenschaft und Bildung 2: 21–39.

    Flink, Tim & Simon, Dagmar (2014): Erfolg in der Wissenschaft: Von der Ambivalenz klassischer Anerkennung und neuer Leistungsmessung. In D. Hänzi, H. Matthies & D. Simon (Hg.), Erfolg - Konstellationen und Paradoxien einer gesellschaftlichen Leitorientierung, Leviathan Sonderheft 42(29), S. 123-144.

    Herzliche Grüße,
    Tim Flink