Eine Frage der Zeit

Horst Seehofer will G8 beseitigen. Was er gemeinsam hat mit vielen anderen Gegnern der Schulzeit-Verkürzung: Um Pädagogik  geht es ihm zu allerletzt.

JETZT ALSO BAYERN. Zwar steht noch kein Termin für den Ausstieg aus G8 fest, aber dass der Freistaat Abschied nehmen wird von dem, was Kritiker verächtlich „Turbo-Abi“ nennen, scheint ausgemacht.

 

Horst Seehofer, CSU-Ministerpräsident und selbsterklärter Stimmungsseismograph, ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die vor knapp anderthalb Jahrzehnten beschlossene Schulzeitverkürzung die Wiederwahlchancen seiner Partei schmälert. Weswegen er das Thema im Februar demonstrativ zur „Chefsache“ machte und seitdem die Gespräche um die Zukunft von G8 selbst führt. Sein Kultusminister Ludwig Spaenle, maximal gedemütigt, nehme selbstverständlich an allen Runden teil, wird mitgeteilt.

 

Wer Seehofers Äußerungen der vergangenen Wochen nach einer pädagogischen Begründung für die Rückkehr zu 13 Jahren Schule durchsucht, wird kaum fündig werden. Um Pädagogik geht es Bayerns Regierungschef auch zu allerletzt.

 

Es ist eine der zahlreichen Paradoxien im G8-Streit: Die Erkenntnisse der Bildungsforschung, ihre Bestandsaufnahme der Stärken und Schwächen der Reform, haben die Politik eigentlich nie so richtig interessiert. Weil sie die Lehrer und Eltern nicht interessierte. Da konnten Wissenschaftler noch so oft betonen, dass G8 sich nicht negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirke, dass die Schüler trotzdem noch Zeit für ihre Hobbys hätten, sie genauso fit für die Uni seien und nur geringfügig gestresster. Am Ende zählte nur die Ansage der Verbände in Richtung Politik: Wir wollen das nicht. >>



>> Als G8 eingeführt wurde, habe der neoliberale Zeitgeist die Reform diktiert: Dieser Vorwurf klingt bis heute nach. Das Ziel sei gewesen, jüngere Absolventen für den Arbeitsmarkt zu produzieren. Da ist sogar etwas dran. Tatsächlich waren die deutschen Studienanfänger Anfang des neuen Jahrtausends so alt wie nirgendwo sonst in Europa.

 

War es also ein Argument, für das sich die Bildungspolitik schämen musste? Und stand nicht ohnehin längst an, die überladenen Gymnasiallehrpläne zu entschlacken, sie auf ihre Sinnhaftigkeit für die Welt von morgen abzuklopfen? Tatsächlich ist nach dem übereilten Fehlstart von G8 viel passiert. Die Stundentafeln wurden durchforstet, überflüssige Inhalte weggeschnitten. Gleichzeitig hielt an vielen Gymnasien der Ganztagsunterricht Einzug – wenn auch in vielen Fällen nur die offene Variante, also ohne regulären Unterricht in den Nachmittagsstunden.

 

Eine Rückkehr zum alten G9 dürfe es denn auch nicht geben, sagte Heinz-Peter Meidinger vom Philologenverband im Tagesspiegel – um anschließend doch von „mehr Lernstoff“ und „mehr Vertiefung“ zu reden. Die von der Kultusministerkonferenz vorgegebene Zahl von 265 Jahreswochenstunden bis zum Abitur wolle Bayern künftig überschreiten – um bis zu 19 Stunden. Wie passt das nun wieder damit zusammen, dass viele Lehrer vor allem in den ersten G8-Jahren davor gewarnt hatten, ihre Schüler seien überlastet?

 

Die Wahrheit ist: In der Debatte um G8/G9 passt fast gar nichts zusammen. Was der entscheidende Grund dafür sein dürfte, dass die Schulpolitik in Bayern und anderswo den eingeschlagenen Weg des geringeren Widerstands weitergehen wird. Niedersachsen ist bereits zu G9 zurückgekehrt. In Hessen, Schleswig-Holstein und in Baden-Württemberg ist G8 in unterschiedlichen Ausmaßen durchlöchert, und in Nordrhein-Westfalen spricht die grüne Kultusministerin Sylvia Löhrmann, die die Schulzeitverkürzung lange wacker verteidigt hat, von „G8- und G9-Optionen für alle Gymnasien“. So hofft sie, die 12 Jahre bis zum Abitur auch künftig möglichst flächendeckend anbieten zu können.

 

Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) hat derweil schon einmal klargestellt, dass sich das Land die Mehrkosten, die durch die Rückkehr zu G9 entstünden, leisten könne. Man wünschte sich, eine ähnliche Ankündigung, die Einführung von G8 finanziell zu flankieren, hätte es vor 15 Jahren gegeben.

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