"Noch nicht richtig verstanden"

Die Hochschulrektorenkonferenz hat die Idee einer eigenen Organisation für die Lehre in Bausch und Bogen abgelehnt. Die Wissenschaftsratsvorsitzende Martina Brockmeier erklärt, warum die Rektoren ein zweites Mal nachdenken sollten.

Martina Brockmeier. Foto: Alex Schwander
Martina Brockmeier. Foto: Alex Schwander

Frau Brockmeier, am 2. Mai schlägt der Wissenschaftsrat eine „bundesweite eigenständige Organisation“ zur Förderung von Innovationen in der Hochschullehre vor, und nur sieben Tage später sagt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK): Nicht mit uns. Ein Affront?

 

Nein, sondern ein Zeichen dafür, dass unser Vorschlag womöglich noch nicht richtig verstanden wurde. Anders als die HRK impliziert, kann es nicht um ein Entweder-Oder gehen. Also entweder eine neue Organisation oder eine auskömmliche Grundfinanzierung der Hochschulen. Wer unser Positionspapier liest, aber auch zahlreiche Stellungnahmen des Wissenschaftsrates aus früheren Jahren, findet darin immer wieder dasselbe Plädoyer: Die Hochschulen müssen natürlich auskömmlich finanziert werden. Natürlich müssen sie dann auch dafür sorgen, dass genug von dem Geld in die Lehre hineinfließt. Aber all das ist, wenn Sie so wollen, nur die Grundvoraussetzung oder „Pflicht“. In unserem Papier „Strategien für die Hochschullehre“ sprechen wir auch von der „Kür“.

 

Und die Kür ist eine Deutsche Lehrgemeinschaft?

 

Wir verwenden diesen Begriff bewusst nicht, weil wir unseren Vorschlag möglichst offen formulieren wollten. Wir verstehen ihn im Sinne eines Prüfauftrags an Länder und Bund – zu ermitteln, ob und in welcher Form eine eigenständige Organisation zur Förderung innovativer Lehrkonzepte für die Lehre funktionieren könnte. Ich persönlich finde, eine solche Organisation wäre eine wunderbare Sache.

 

Warum finden viele Rektoren das nicht?

 

Ich möchte dazu nur folgendes sagen: In der Forschung funktioniert der Wettbewerb und wird von den meisten als qualitätsförderlich anerkannt. Warum sprechen wir der Lehre die gleiche Logik ab? Mit einer ausreichenden Grundfinanzierung als Basis würde doch keiner gezwungen, Anträge zu stellen, sondern die Organisation wäre ein Angebot an diejenigen, die sich besonders für neue Lehrprojekte und Ideen begeistern können.

 

Das gleiche wurde einst auch in der Forschung gesagt. Und heute muss jeder, der in der Forschung etwas auf die Beine stellen will, einen Projektantrag nach dem anderen stellen.

 

Nochmal: Darum gehören eine angemessene Grundfinanzierung und Programmförderung ja zusammen. Ich glaube, eine eigenständige Organisation für die Förderung innovativer Hochschullehre wäre eine großartige Möglichkeit für alle, die das wollen, sich zu vernetzen und neue Lehrkonzepte über Hochschul- und Fächergrenzen hinweg auszutauschen und auszuprobieren. In der Forschung ist eine derartige Vernetzung die Grundlage allen Arbeitens, in der Lehre aber fehlt sie uns bislang fast völlig.

 

Sie fragen, warum man der Lehre nicht die gleiche Förderlogik zugesteht wie der Forschung. Vielleicht, weil wir in der Forschung anerkannte Qualitätskriterien haben, in der Lehre aber nicht?

 

Das stimmt doch so auch nicht. Die Evaluation von Forschungsleistungen anhand von Publikationsindizes und Zitationen, auf die Sie anspielen, stößt in vielen Fächern längst an ihre Grenzen. Richtig ist aber, dass uns in der Hochschullehre die Kriterien fehlen, um ihre Qualität angemessen beschreiben zu können. Und dass es sicherlich nur ein Einstieg in einen Dialog ist, die Studierenden zu fragen, wie ihnen eine Vorlesung gefallen hat. Aber ist das ein Argument gegen die Organisation, die wir vorschlagen? Ich würde sagen, es ist ein Argument dafür. Denn bislang führen wir die Diskussion darüber, wie wir gute Lehre messen können, nirgendwo strukturiert. Wenn uns eine ergebnisorientierte Bewertung von Hochschullehre gelänge, wäre das ein zusätzlicher Gewinn einer neuen Organisation.

 

Sie wollen den Begriff „Deutsche Lehrgemeinschaft“ nicht in den Mund nehmen, um keine Vorfestlegung zu treffen. Machen Sie dadurch die Idee nicht so abstrakt, dass sie leicht kaputtzureden ist?

 

Man kann das auch andersherum sehen. Wenn wir alles ausbuchstabiert hätten, könnte man uns mit Recht vorwerfen, keine ergebnisoffene Diskussion zu führen. Eine Lehrgemeinschaft legt eine eigene Governance nahe, aber „eine eigenständige Organisation“ wäre durchaus auch innerhalb einer bereits bestehenden Institution denkbar.

 

Als eigene Förderabteilung in der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)?

 

Das ist eine unwahrscheinliche Alternative. Denn erstens müsste jede Institution, an die wir eine neue Organisation andocken wollten, dem erstmal zustimmen. Und zweitens möchte ich wirklich keine Vorfestlegungen.

 

Ist die Diskussion wirklich so ergebnisoffen, wie Sie behaupten? Müssten Sie nicht ganz klar sagen, dass die Idee nur funktioniert, wenn die Politik sich aus der Organisation raushält?

 

Wir sprechen im Positionspapier von einer „eigenständigen“ Organisation. Und eigenständig bedeutet für mich: wissenschaftsgeleitet. In der Begutachtung und Bewilligung von Lehrprojekten darf es keinen Länderproporz geben.

 

Im Positionspapier tauchen mit „Lehrverfassung“ und „Lehrprofile“ erneut Begriffe auf, die der Wissenschaftsrat seit 2015 zu prägen versucht. Trotzdem könnte man den Eindruck bekommen, als hätten selbst viele Prorektoren für Studium und Lehre bislang nicht verstanden, was Sie damit meinen.

 

In der Tat gibt es da Unschärfen in der öffentlichen Wahrnehmung. Mitnichten regen wir an, den Lehrenden irgendwelche praxisfernen Vorschriften von oben zu machen. Was wir uns wünschen, ist eine wirklich grundlegende Debatte, die die ganze Hochschule mit einbezieht und in der sich am Ende dann auch alle auf gemeinsame Ziele verpflichten. Das wäre die gemeinsame Lehrstrategie, und eine Lehrverfassung wird daraus nicht im juristisch einklagbaren Sinne, sondern als eine Maxime, zu der sich die Mitglieder der Universität bekennen.

 

Und was ist dann das Lehrprofil?

 

Das Lehrprofil bricht die Verfassung auf die einzelnen Studiengänge herunter. Nicht im Sinne irgendwelcher Lehrinhalte, die vorgegeben werden, sondern im Sinne eines gemeinsamen Grundverständnisses dessen, welche Kompetenzen die Studierenden mitbekommen sollen und welche Lehrformate und –methoden dabei besonders helfen können.   

 

Ob Lehrverfassung, Lehrprofile oder ihre „eigenständige Organisation“: Im Grunde geht es immer um dasselbe: um eine strategische Aufwertung der Lehre. Ist das vielleicht der Grund für den heftigen Widerstand? Weil festgefügte Hierarchien an den Hochschulen sich verschieben könnten?

 

Das kann und möchte ich nicht bewerten. Aber natürlich haben Sie Recht: Es geht um die verdiente und ihr lange vorenthaltene Wertschätzung der Lehre. Dass da mancher die Sorge hat, ihm werde von oben etwas aufoktroyiert, kann ich nachvollziehen, muss aber gleichzeitig entgegenhalten: Noch viel mehr als Forschung ist die Lehre eine Gemeinschaftsaufgabe aller an den Hochschulen und wesentliches Element für die Nachwuchsförderung. Eine Forschungsstrategie wird an einer Hochschule ohne Probleme diskutiert und akzeptiert. Doch wenn von einer Strategie für die Lehre die Rede ist, reagieren die Leute anders. Das sollte nicht so bleiben.

 

Die Debatte um eine Deutsche Lehrgemeinschaft ist vor sechs Jahren schon einmal versandet. Warum sollte das diesmal anders werden?

 

Weil erstens unser Vorschlag inhaltlich ein anderer ist. Und zweitens, weil es ein neues Gelegenheitsfenster gibt. Der Qualitätspakt Lehre läuft aus, und eine eigenständige Organisation für die Förderung innovativer Lehre wäre eine fast schon logische Folge, um die Paktmittel weiter sinnvoll einzusetzen. Ich weiß, dass einige die Hoffnung haben, die Förderung ihrer Projekte durch den Qualitätspakt könnte verstetigt werden. Aber das war nie die Idee. Das Ziel muss sein, die Mittel dauerhaft für einen Wettbewerb um innovative Formate zu sichern, damit die Reputation der Lehre zu erhöhen und einen Transfer ausgezeichneter Projekte an andere Hochschulen zu ermöglichen.    


DIE IDEEN DES Wissenschaftsrates zu "Strategien für die Lehre" polarisieren nicht nur, sie schieben auch eine überfällige Debatte an – und fördern die Kreativität. So haben die Mitglieder im 

Expertennetzwerk "Lehre hoch n" gleich eine ganze Website gestaltet: "Vorbild Pusteblume: Was Lehre vom Löwenzahn lernen kann".  Sehr sehens- und lesenswert.


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