Weiter ja, aber anders

Wenn der Hochschulpakt endet, ist die Gelegenheit da, die Bundesförderung der Hochschulen an den neuen Realitäten auszurichten. Ein Gastbeitrag von Michael Kretschmer.

Michael Kretschmer. Foto: Jan Kopetzky
Michael Kretschmer. Foto: Jan Kopetzky

BESONDERE HERAUSFORDERUNGEN VERLANGEN besondere Lösungen. Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht in Deutschland im Jahr 2011 und der Entscheidung fast aller Bundesländer, den Wechsel zum achtjährigen Gymnasium zu vollziehen, standen die Hochschulen vor einer für sie fast unlösbaren Aufgabe. Wie sollten sie den zu erwartenden Bewerberansturm bewältigen? 

 

Bund und Länder stellen mit dem Hochschulpakt 2020 im Zeitraum von 2007 bis 2023 gemeinsam 38,5 Milliarden Euro für den Ausbau der Kapazitäten an den Universitäten und Hochschulen bereit. Bei der Verabschiedung der ersten Programmphase (2007 bis 2010) gingen viele Beteiligte noch von einer temporären Aufgabe aus. Seit Beginn des Hochschulpakts im Jahr 2007 sind rund 763.000 zusätzliche Studienplätze finanziert worden. Mit dieser finanziellen Kraftanstrengung ist es der Politik gelungen, deutlich mehr jungen Menschen die Möglichkeit eines Studiums zu eröffnen als dies ohne den Hochschulpakt der Fall gewesen wäre. Inzwischen hat allein der Bund 20,2 Milliarden Euro bis zum Jahr 2023 zugesagt, und es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich die Zahl der Studierenden auf einem hohen Niveau stabilisieren wird. 

 

Deshalb ist die im Beitrag von Joybrato Mukherjee gestellte Frage berechtigt, wie es nach dem Auslaufen der inzwischen dritten Phase des Hochschulpakts weitergehen soll. Für die Hochschulen, das Herzstück des deutschen Wissenschaftssystems, sind die zeitlich befristeten Bundesmittel eine feste Planungsgröße geworden. CDU und CSU stehen als verlässlicher Partner an der Seite der Hochschulen und streben nach dem Auslaufen des Hochschulpaktes an, das finanzielle Volumen weiter im System zu halten.

 

Gleichwohl kann es kein einfaches Fortschreiben geben. Notwendig ist eine Ausrichtung an den neuen Realitäten. Dabei geht es darum, die Hochschulen bei einer Erhöhung der Qualität der Lehre, einer verstärkten Kompetenzorientierung im Studium und einer Verbesserung der Berufschancen der Absolventen zu unterstützen. Welche Schritte muss die Wissenschaftspolitik hierfür unternehmen? 

 

Mit der „Bologna-Reform“ wurden europaweit gemeinsame Regeln für Abschlüsse und die länderübergreifende Anerkennung akademischer Leistungen vereinbart. In Deutschland ist der strukturelle Reformprozess an den Hochschulen weitgehend abgeschlossen: Zum Wintersemester 2015/2016 waren 87,8 Prozent aller Studiengänge an Universitäten auf die gestufte Studienstruktur Bachelor und Master umgestellt. Der Anteil der Bachelor- und Masterprogramme an den Fachhochschulen liegt sogar bei 98,7 Prozent. 

 

Allerdings hat die gleichzeitig steigende Zahl der Studiengänge mit dazu geführt, dass Studierende und Arbeitgeber die Übersicht über das Studienangebot zu verlieren drohen. Inzwischen zählt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mehr als 18.000 verschiedene Studiengänge, etwa 10.000 mehr als vor Beginn des Bologna-Prozesses. Diese explosionsartige Zunahme ist nicht allein aus der Zweiteilung der früheren Diplom- und Magister-Studiengänge in Bachelor und Master zu erklären. Bis heute sind allein nochmals rund 1000 neue Fächer hinzugekommen. 

 

Wie ist dies möglich, wenn es doch in Deutschland für alle Studiengänge staatlich vorgegebene Kapazitätsberechnungen gibt? Die Antwort liegt auch im Finanzierungsmechanismus des Hochschulpaktes begründet: Die Finanzzuweisungen erfolgen auf Grundlage der Studienanfängerzahlen. Aus nachvollziehbaren Gründen versuchen die Hochschulen deshalb, möglichst viele Studierende an sich zu zu binden – auch durch immer neue, den vermeintlichen Moden folgende Studiengänge. 

 

Das Kriterium des Studienerfolgs blieb in der Finanzierungsstruktur des Hochschulpaktes lange unberücksichtigt, es gab dafür keine zusätzliche Finanzierung. Die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern haben diesen Handlungsbedarf erkannt, und mittlerweile berücksichtigt der Pakt nicht mehr nur die Studienanfänger, sondern auch die Zahl derer, die ein Studium erfolgreich abschließen.

 

Als CDU und CSU wollen wir die Hochschulen dabei unterstützen, die Bedingungen in Forschung und Lehre insgesamt – also sowohl für Professoren und Lehrende als auch für die Studierenden – zu optimieren. Wir wollen dem Trend zu immer mehr Studiengängen, bei einem sich gleichzeitig verschlechternden Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studierenden und einer alarmierend hohen Zahl von Studienabbrechern, wirkungsvoll entgegentreten.

 

Es bedarf weiterer politischer Kraftanstrengungen, um für alle jungen Menschen, die sich nach ihrem Abitur für eine akademische Ausbildung entscheiden, flächendeckend gute Studienbedingungen zu gewährleisten. Hierfür wird der Bund auch nach Auslaufen des Hochschulpakts im Jahr 2023 die Hochschulen im Rahmen seiner Zuständigkeiten finanziell unterstützen. Die frei werdenden Mittel werden wir schwerpunktmäßig dafür einsetzen, die Qualität in der Lehre substantiell zu verbessern. Dazu gehören neue Konzepte zur Nutzung digitaler Angebote im Hochschul- und Wissenschaftssystem. Gleichzeitig werden wir die Berufsorientierung signifikant ausbauen und die Kompetenzorientierung im Studium stärken.

 

Dies ist für mich eine zentrale Herausforderung in der neuen Wahlperiode: Wenn sich immer mehr junge Menschen für ein Studium entscheiden, dann muss akademische Bildung anders organisiert sein. Denn der überwiegende Teil der Absolventen an unseren Hochschulen strebt eine berufliche Tätigkeit außerhalb des Wissenschaftssystems an. Deshalb wollen wir verstärkt attraktive Ausbildungs- und Studienangebote für die jungen Menschen unterbreiten, für die nach dem Abitur ein wissenschaftlich geprägtes Studium an einer Universität nicht die erste Wahl ist. So entscheiden sich auch immer mehr Abiturienten für ein berufsorientiertes Studium an unseren Fachhochschulen. Dort profitieren sie von einer anwendungsorientierten Forschung und der engen, oft regional verankerten Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Das Erfolgsmodell Fachhochschule wollen wir genauso ausbauen wie das duale Studium, das durch die studienbegleitende Ausbildung und die guten Übernahmechancen in den beteiligten Unternehmen für viele Absolventen besonders attraktiv ist. 

 

Auf diese Herausforderungen muss unser Hochschulsystem ausgerichtet werden. Mit einer solchen Reform leisten wir einen entscheidenden Beitrag für die Sicherung von Zukunftschancen der jungen Generation und unseres Wohlstandes. Und die Voraussetzungen für eine solche Reform liegen vor: Wir haben mit dem neuen Länderfinanzausgleich ab dem Jahr 2020 eine neue finanzielle Grundlage für die Länder geschaffen. Der Bund hat an vielen Stellen finanzielle Verantwortung in einem Ausmaß übernommen, wie es das früher nicht gegeben hat. Nie zuvor hat eine Bundesregierung mehr Geld für Aufgaben zur Verfügung gestellt, die eigentlich Sache der Länder sind. Nun ist es an den Ländern, in ihrer Haushaltspolitik ebenfalls Prioritäten für Hochschulen und Wissenschaft zu setzen. Die Zukunft Deutschlands hängt nicht nur davon ab, ob der Bund sich hier engagiert. Das Geld des Bundes darf nicht das Geld der Länder ersetzen, sondern es muss zusätzlich etwas hinzukommen. Bei Bildung, Forschung und Innovation können wir nur gemeinsam erfolgreich sein.

 

Michael Kretschmer ist ist stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

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