"Großartig" nicht, aber doch bemerkenswert

Internationalisiert sich Deutschlands Wissenschaft wirklich so dynamisch, wie die Politik es behauptet? Ein Blick ins Kleingedruckte der heute veröffentlichten Studie "Wissenschaft weltoffen".

Screenshot von www.wissenschaftweltoffen.de
Screenshot von www.wissenschaftweltoffen.de

ERSTMALS STUDIEREN MEHR als 350.000 Menschen mit ausländischem Pass in Deutschland. Damit werde die von Hochschulen und Politik für 2020 gesteckte Zielmarke schon jetzt übertroffen, berichten Bundesforschungsministerium und Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD) anlässlich der heute erschienenen Jahresstudie „Wissenschaft weltoffen“ – und nutzen die Gelegenheit gleich für ein wenig Eigenlob. „Das ist ein großartiger Erfolg unserer Internationalisierungsbestrebungen und spricht für die Qualität und Attraktivität unseres Wissenschaftssystems und unserer Mobilitätsangebote“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU).

 

Angesichts der tatsächlich erstaunlich guten Zahlen sei es ihr gegönnt: Selbst der von Berufs (Oppositions) wegen kritische grüne Bildungspolitikexperte Kai Gehring zog sich in seiner ersten Reaktion auf Gemeinplätze zurück. „Internationalisierung ist kein Selbstläufer“, erklärte er.

 

Bei aller Freude ist als zweite Reaktion indes ein differenzierterer Blick angebracht. Der fängt schon bei der Zahl 357.800 an, der heute offiziell vom Statistischen Bundesamt vermeldeten Zahl der ausländischen Studenten im Jahr 2017. Sie beinhaltet auch die so genannten Bildungsinländer, also Absolventen deutscher Schulen, die hier dauerhaft leben. Die Studie "Wissenschaft weltoffen" selbst, die jedes Jahr von den Forschern der Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) erstellt wird, führt einen zweiten, korrekteren Begriff an: die internationalen Studenten in Deutschland. Von denen gab es 2014, dem Jahr mit den aktuellsten Zahlen, knapp 219.000 – gegenüber 196.600 2013. 

 

Der Zuwachs von einem Jahr aufs andere ist mit gut 11 Prozent zwar beachtlich, doch der Vergleich mit den anderen vier der fünf größten Gastländer fällt dann doch ernüchternd aus: Die USA kamen 2014 auf 842.384 internationale Studenten, fast 60.000 (!) mehr als im Vorjahr, Großbritannien steigerte sich von bereits erstaunlichen 416.700 auf 428.700, Australien, das nur ein gutes Viertel der deutschen Bevölkerung hat, dafür aber für sein offensives Studentenmarketing bekannt ist, erhöhte binnen Jahresfrist von 249.900 auf 266.000. In Frankreich schließlich fiel das Wachstum mit nur gut 6500 Studenten geringer aus, aber mit 235.000 internationalen Studenten liegt unser Nachbar immer noch vor Deutschland.

 

Aufschlussreich ist auch der Vergleich bei den Doktoranden. Gerade die deutschen Forschungsorganisationen brüsten sich gern für ihren hohen Ausländeranteil, doch im Vergleich der Top 5 ist die deutsche Quote mit Abstand die niedrigste. Deutschland zählte 2013 23.600 internationale Doktoranden an Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen, was einem Anteil von 21 Prozent entsprach (insofern man angesichts der immer noch wenig verlässlichen deutschen Doktorandenstatistik überhaupt einen aussagekräftigen Prozentsatz berechnen kann). Die USA kamen auf 117.800 und 32,4 Prozent, Australien auf 27.800 und 33 Prozent. Großbritannien verblüfft erneut: 45.100 und 41,4 Prozent. Und auch Frankreichs Wissenschaftseinrichtungen hängen in Sachen Internationalität die deutschen ab: 27.80 internationale Doktoranden (39,9 Prozent).

 

Immerhin zeigt der Trend in Deutschland erneut deutlich nach oben: Während in den USA  die Zahl der internationalen Doktoranden von 2013 auf 2014 sogar um 3000 zurückging und in Frankreich (-300) stagnierte, erhöhte sie sich in Deutschland immerhin um fast 1000, stärker als in Australien (+850). Einsame Spitze war allerdings erneut Großbritannien mit einem Zuwachs von 2200 internationalen Doktoranden. 

 

Werfen wir noch einen Blick auf den internationalen Wissenschaftleraustausch. Vergangenes Jahr gab es bei der Pressekonferenz zu „Wissenschaft weltoffen“ ein wenig Verwirrung und schwammige Antworten auf die Frage, ob es in Deutschland denn nun wirklich keinen Braindrain mehr gebe. Auch dieses Jahr heißt es in der DZHW-Studie, Deutschland habe eine „eher ausgeglichene Bilanz“.

 

Konkret zeugen die verfügbaren Statistiken allerdings höchstens von einer stark roten 0. So hat sich das DZHW die Gruppe der international mobilen Autoren wissenschaftlicher Publikationen angeschaut und berichtet für 2014 folgende Zahlen: Während 38.600 publizierende Wissenschaftler neu nach Deutschland kamen, verließen 44.500 die Bundesrepublik. Womit 46 Einreisenden 54 Ausreisende gegenüberstanden. Das Verhältnis in den anderen Top5-Ländern zeigt, dass die USA zwar absolut 9500 publizierende Wissenschaftler hinzugewannen, das Verhältnis Einreisende versus Ausreisende relativ gesehen jedoch mit 52 zu 48 nahezu ausgeglichen war. Deutlich mehr Brain-Gain erlebten Großbritannien mit 54 Einreisenden auf 46 Ausreisende und Australien mit sogar 57 Einreisende auf 43 Ausreisende. 

 

Dass die deutschen Zahlen indes so schlecht nicht sind, zeigt der Vergleich mit dem einzigen anderen europäischen und nicht-englischsprachigen Land: Frankreich verlor 2014 netto 6700 Wissenschaftler, auf 43 Einreisende kamen 57 Ausreisende. 

 

Und wie geht es weiter? Das DZHW zitiert eine aktuelle Prognose des British Council zur Studienmobilität, demzufolge die USA, Großbritannien und Australien auch 2025 noch die wichtigsten drei Gastländer sein werden – gefolgt von Deutschland und Kanada. Frankreich fällt zurück. 

 

Wie Kai Gehring sagte: Internationalisierung ist kein Selbstläufer. Aber Deutschland schlägt sich, wenn auch nicht „großartig“, so doch bemerkenswert gut angesichts starker Konkurrenz. Spannend wird es, wenn erst die Folgen von Trumps Wissenschaftspolitik in den Daten sichtbar werden. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Udo van Lengen, Referent Kai Gehring (Donnerstag, 13 Juli 2017 11:54)

    Warum Internationalisierung kein Selbstläufer ist: Hier das ganze Statement von Kai Gehring - inklusive Plädoyer für ein Einwanderungsgesetz, weltweitem Eintreten für Wissenschaftsfreiheit und Verdopplung der Philipp Schwartz-Initiative. https://kai-gehring.de/2017/07/12/weltoffene-wissenschaft-internationalisierung-ist-kein-selbstlaeufer/