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Fünf Aufgaben für Anja Karliczek

Heute wird die CDU-Politikerin als neue Bundesministerium für Bildung und Forschung vereidigt. "Kann die das?", fragten viele im Vorfeld – so ganz ohne Vorerfahrung und Stallgeruch? Fest steht: Morgen beginnt die Arbeit. Und bei einigen der drängendsten Themen könnte Karliczek ihr Blick von außen sogar helfen. Eine Liste.

Anja Karliczek. Foto: J.-H. Janßen
Anja Karliczek. Foto: J.-H. Janßen

1. Countdown beim Digitalpakt

Fangen wir mit dem größten Zeitdruck an. Der vor anderthalb Jahren versprochene "Digitalpakt Schule" muss endlich umgesetzt werden. Die zwischen BMBF und Kultusministerkonferenz (KMK) ausgehandelten Eckpunkte liegen seit dem Frühsommer in der Schublade. Da müssen sie dringend wieder raus. Die meisten Punkte sind längst klar, mindestens zwei jedoch nicht.

 

Erstens: Werden die Länder mit dem Bundesgeld Tablets und Laptops kaufen? Nein, werden sie nicht. So antwortete zumindest BMBF-Staatssekretär Thomas Rachel auf eine aktuelle parlamentarische Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion. Doch einige Kultusminister sehen das offenbar immer noch anders. Hier muss Karliczek Kurs halten: Endgeräte, die von den Schülern mit nach Hause genommen werden, sind keine Investition im Sinne eines Bund-Länder-Programms. Was nicht zwangsläufig heißt, dass stattdessen die Länder die Kosten übernehmen müssen. Sie können sie auch den Eltern aufbürden, Stichwort: "Bring your own device". Für Familien, die sich das nicht leisten können, könnte (und sollte) das Teilhabepaket angepasst und aufgestockt werden. Finanziert wird das dann aber nicht aus den versprochenen fünf Digitalpakt-Milliarden, sondern aus dem Etat des Bundesministeriums für Arbeit. Und zwar auf Dauer. Mit dem neuen Ressortchef Hubertus Heil (SPD), einem der ausgewiesendsten Bildungspolitiker der Republik, sollte Karliczek an der Stelle doch ins Geschäft kommen können. 

 

Zweiter Knackpunkt: Wie können all die unterschiedlichen Online-Plattformen und Dienstprogramme, die es in den Schulen der Republik bereits gibt, dieselbe Sprache lernen? Wie können Schnittstellen entstehen, die die bundesweite Verbreitung neuer digitaler Bildungsangebote ermöglichen? Nein, die Lösung heißt nicht Bundesbildungscloud. Die Lösung heißt länderübergreifender "Vermittlungsdienst", der die bestehenden Lösungen verbindet, ohne sie obsolet zu machen. Hier kann und muss Karliczeks Ministerium die Entwicklung zusammen mit der KMK pushen, und zwar schlenunigst. 

 

2. Studium und Ausbildung aussöhnen

Die Debatte nervt. Leidet Deutschland unter einem "Akademikerwahn", wie der Münchner Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin seit einem halben Jahrzehnt verbreitet und dabei viel Applaus erntet vor allem aus dem konservativen Lager? Die Debatte nervt nicht nur, sie ist gefährlich: Losgetreten ausgerechnet von einem ehemaligen Vorsitzenden der SPD-Grundwertekommission, verstärkt sie die soziale Schieflage unter den Studienanfängern. Während die Kinder von Akademikern zu über 80 Prozent ebenfalls an die Hochschule gehen und das Gerede von der Studentenschwemme bestenfalls mit einem Achselzucken quittieren, ist für Jugendliche, deren Eltern kein Abitur haben, schon der Weg durchs Gymnasium ungleich härter – bei gleicher Begabung wohlgemerkt.

 

So wird die Entscheidung für ein Studium zu einer weiteren Mutprobe, bei der Mutter und Vater nicht als Rollenvorbild dienen können. Wenn dann noch vermeintliche Bildungsexperten, Politiker und Medien suggerieren, ein Studium sei riskobehafter  – man kann sich vorstellen, wie viele Kinder von Nichtakademikern in Erklärungsnot geraten: sich selbst gegenüber oder gegenüber ihren Eltern, die sie finanzieren sollen. Und wie viele dieser potenziellen Studenten sich aus ihren Zweifeln heraus dann doch gegen ein Studium entscheiden. 

 

Gewinner der Akademikerwahn-Debatte sind am Ende also wieder einmal die Akademikerkinder, weil es dank des Wegbleibens ihrer Kommilitonen nicht noch voller an den Hochschulen wird. Profiteure sind aber auch jene Unternehmen, die (wie das dann immer schon schön floskelhaft heißt) "händeringend" nach Auszubildenden suchen, allerdings vielerorts trotzdem extrem wählerisch sind und Absolventen mit Haupt- oder Realschulabschluss kaum noch eine Chance geben. Die Angst der verhinderten first-generation students vor den herbeigeredeten, aber bislang noch nie beobachteten Folgen der vermeintlichen Überakademisierung (Arbeitslosigkeit, sinkende Gehälter) beschert diesen Unternehmen einen beständigen Zufluss an Abiturienten und mindert ihren Azubi-Mangel. Absurd, aber wahr.

 

Sollte die Ausbildung als Karriereoption nicht eigentlich vor allem aus sich selbst heraus strahlen, anstatt auf einen derart schrägen Diskurs angewiesen zu sein? Genau hier kommt Anja Karliczek ins Spiel. Sie hat selbst eine Ausbildung zur Bankkauffrau absolviert, sie war selbst Ausbilderin im familieneigenen Hotel. Im Handelsblatt (Artikel nicht online) hat sie neulich gesagt: "Die berufliche Ausbildung muss attraktiver für junge Menschen werden. Vor allem bei der Dauer brauchen wir mehr Flexibilität." Das ist der Punkt. Die Betriebe müssen sich bewegen, die Ausbildungsordnungen moderner werden. Mehr Geld und neue Ideen werden nötig sein, damit das Prinzip Lehre dem veränderten Leben der jungen Menschen von heute Rechnung tragen kann. Das betrifft auch die "bessere Vernetzung von Berufsausbildung und Studium", die Karliczek im Tagesspiegel zu einem weiteren ihrer möglichen Arbeitsschwerpunkte erklärte.

 

Klar ist: Das System zwischen Hochschulstudium und Lehre tariert man nicht aus, indem man das Studium fälschlicherweise madig macht. Sondern indem Politik und Unternehmen die Lehre (wieder) zu einer ernstzunehmenden Alternative für Abiturienten gleich welcher Herkunft aufbauen. Wer, wenn nicht eine Bundesbildungsministerin Karliczek könnte diesen Prozess aus ihrer Erfahrung heraus mitsteuern und beflügeln? Womöglich erleben wir dann die Überraschung, dass die Studierquote unter Akademikerkindern sinkt – während sie unter Arbeiterkindern steigt. Und Julian Nida-Rümelin müsste sich endlich ein neues Thema suchen. 

 

3. Den Hochschulpakt neu erfinden

Bleiben wir beim Thema Bildungsgerechtigkeit. Noch dieses Jahr müssen Bund und Länder ernsthaft in die Verhandlungen um den Hochschulpakt-Nachfolger einsteigen. Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD erfreulicherweise angekündigt, die Bundesfinanzierung von Studienplätzen zu verstetigen. Was sie nicht vorgegeben haben, ist die Formel, nach der das Geld künftig an die Hochschulen verteilt werden soll. Alle sieben Jahre, soviel steht immerhin fest, sollen die Förderkriterien neu festgelegt werden.

 

Fest steht auch: Da die Studienanfängerzahlen stagnieren und (leicht) zurückgehen werden, kann es künftig nicht mehr allein um eine Pro-Kopf-Finanzierung gehen. Aber um was dann? Klar, um Qualität in der Lehre. Aber wie misst man die? Indem man die Hochschulen mit den "besten Absolventen" belohnt? Mal abgesehen davon, dass die Qualität von Studenten und Lehre so leicht nicht zu messen ist, wäre ein derart simples Belohnungssystem Augenwischerei. Zumindest solange Studienerfolg und soziale Herkunft (siehe oben) noch so eng verkoppelt sind, bekämen in dem Fall nämlich die Hochschulen und Fachbereiche das meiste Geld, die das bildungsnächste (nicht zwangsläufig das talentierteste!) Studentenklientel haben.

 

Großbritannien macht es vor, dass es anders geht. Dort müssen sich Hochschulen seit vergangenem Jahr einer regelmäßigen Evaluation unterziehen, die den Studienerfolg, sprich: die absolute Lehr-Performance einer Hochschule, in Relation setzt zur sozialen Zusammensetzung ihrer Studierendenschaft. Mit dem Ergebnis, dass sich der Einsatz für vermeintlich schwierige Studenten plötzlich bezahlt macht. Weil es jetzt darauf ankommt, was die Studienanfänger mitbringen und was die Hochschule aus ihrem Potenzial macht. In Großbritannien ist die Reputation in den Rankings die Währung, die die (außerhalb Schottlands) teilweise sehr hohen Studiengebühren rechtfertigt. In Deutschland könnte der Hochschulpakt-Nachfolger mit Hilfe von Anja Karliczek zur Währung des Bildungsaufstiegs werden.  

 

4. Schluss mit den Floskeln bei der Wissenschaftskommunikation

Der Koalitionsvertrag enthält eine eigentlich unglaubliche Leerstelle. Genau zweimal kommt das Stichwort "Wissenschaftskommunikation" auf den 179 Seiten vor, und zweimal faktisch ohne Aussage. Schön, dass die Forschungsmuseen nach Meinung von Union und SPD "einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation" leisten. Erfreulich, dass die GroKo "den Dialog von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft intensivieren" will, "neue Beteiligungsformen unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft erproben und die Wissenschaftskommunikation stärken." Aber was soll denn das heißen? Wieso fehlt jede Ankündigung eines konkreten Programms? Wie kann es sein, dass der alten neuen Regierung so gar nicht einfällt zu einem Thema, das in Zeiten von Trump, AfD & Co über die Akzeptanz unseres Verständnisses freier Wissenschaft mitentscheidet? Wie kann es sein, dass im April 2017 beim March for Science unzählige Politiker in der ersten Reihe mitmarschierten? Dass der Bundestagsausschuss für Bildung und Forschung sich in der vergangenen Legislaturperiode in einer Expertenanhörung nach neuen Wegen der Wissenschaftskommunikation erkundigte und der Koalitionsvertrag es dann trotzdem bei ein paar ärgerlich unpräzisen Floskeln belässt? 

 

Anja Karliczek hat in ihren ersten Interviews deutlich gemacht, dass sie den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft fördern möchte. Sollte das mehr als die oft gehörte Rhetorik sein, dann gäbe es da bereits ein paar Ideen. Die womöglich radikalste stammt von Johannes Vogel, dem Direktor des Berliner Museums für Naturkunde. Im Interview mit mir sagte er Anfang des Jahres, nicht nur Washington Post-Journalisten hätten die Maxime "Follow the money." Darum müsse die Politik der Wissenschaft am Ende klar sagen: "Ab jetzt werden zehn Prozent der Mittel für Wissenschaftskommunikation ausgegeben." Man könne mit ein oder zwei Prozent der Etats anfangen, fügte Vogel hinzu. "Erst wird die Wissenschaft sich dagegen sträuben, und in fünf Jahren freuen sich alle, als sei es immer so gewesen." Ein faszinierender wie zugespitzter Vorschlag, zugegeben, aber durchsetzbar wäre er für Karliczek verhältnismäßig einfach: Demnächst verhandelt das BMBF auch die Nachfolge des Paktes für Forschung und Innovation, also das künftige Budgetplus der außeruniversitären Forschungsorganisationen. 

 

5. Wie sozial und innovativ zusammengeht

Nochmal Koalitionsvertrag. Da steht ganz vorn auf Seite fünf: "Wir setzen auf Innovationen und wollen aus technischem sozialen Fortschritt machen." Es ist eines der Buzzwords der vergangenen zwei Jahre: soziale Innovationen. Abgesehen, dass mittlerweile offenbar auch Politiker den Begriff gern in den Mund nehmen, wäre es an der Zeit, das hehre Ziel mit Inhalt zu füllen. Was sind soziale Innovationen und wie fördert man sie? Ein Beispiel liefert die Soziologin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), die zuletzt mit hohem persönlichen Aufwand versuchte, das Thema zu pushen. "Eine soziale Innovation", sagt Allmendinger, "zeichnet sich dadurch aus, dass sie der wachsenden gesellschaftlichen Spaltung entgegenwirkt. Was uns in Deutschland fehlt, sind die sozialen Marktplätze, an denen sich die Menschen aus verschiedenen Schichten, Altersgruppen und Kulturen treffen. Soziale Innovationen fördern also gesellschaftliche Solidarität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt."

 

Vergangenes Jahr war Allmendinger zum ersten Mal Juryvorsitzende beim "Innovationspreis Berlin Brandenburg" und hat gleich erstmal einen neuen Preis für Soziale Innovationen durchgedrückt. Erhalten hat ihn "filmfriend", ein Startup, das es Bibliotheksnutzern ermöglicht, sich allein mit ihrer Bibliotheksausweisnummer und einem Passwort einzuloggen und das gesamte Filmangebot zeitlich unbeschränkt zu nutzen. Innovativ sei das, lobt Allmendinger,  weil es Bibliotheken wieder für eine junge Zielgruppe relevant mache, finanzielle Zugangshürden beseitige und keinerlei benutzerbezogenen Daten erhebe.  "Und viertens, womöglich sogar am wichtigsten, finden Sie dort nicht eine Actionserie neben der anderen, sondern eine gut kuratierte Auswahl hervorragender Spielfilme und Dokumentationen."   

 

"filmfriend" ist in mehrfacher Hinsicht typisch: Eine soziale Innovation, die aus der technischen folgt. Die neue Bezugspunkte in der Gesellschaft schafft. Und die, so wichtig sie ist, doch so unspektakulär daherkommt, dass sie weniger strahlt als all die neuen Gadgets auf der Elektronikmesse. Gut möglich, dass eine Bundesforschungsministerin Karliczek mit ihrer praktischen Berufserfahrung den Wert solcher Erfindungen besser einzuschätzen weiß als manch theoretischer Physiker oder promovierte Molekularbiologin. Die Aufgabe der neuen Ministerin wird sein, die dafür passenden Förderinitiativen zu entwickeln. 

 

PS: Die gebundene Ganztagsschule

Dieser Punkt läuft außer Konkurrenz, weil nach ersten Äußerungen bei folgendem Thema von Anja Karliczek kein Impuls zu erwarten ist. Womöglich wird eine ihrer großen Leistungen aber auch daran bestehen, sich als lernfähig zu erweisen. Im bereits zitierten Tagesspiegel-Interview sagte die neue Ministerin, sie sei "über den Kampf für Kitaplätze und Nachmittagsbetreuung in der Schule... überhaupt in die Politik" gekommen. Soweit, so gut. Dann jedoch erteilte Karliczek der gebundenen Ganztagsschule mit verpflichtendem Nachmittagsunterricht eine Absage: "Kinder und Eltern müssen frei entscheiden können, sie wissen selber am besten, was gut für sie ist." Das ist die typische Position aus der Mitte der Gesellschaft, die sie sich leisten kann. Dabei sagen die meisten Bildungsforscher, dass nur die gebundene Ganztagsschule die soziale Spaltung im Land verringern kann, weil so bildungsferne Kinder viel besser erreicht werden. Dass vielerorts trotzdem die freiwilligen Betreuungsangebote vorherrschen, liegt –zugespitzt formuliert – daran, dass viele Akademikereltern ihre Kinder lieber weiter zum Klavierunterricht schicken wollen, zum Fußball oder zur privaten Nachhilfe. So werden die Bedürfnisse der Starken wieder einmal über die der Schwachen gestellt in der Bildungspolitik. Es wäre Zeit, diese Logik zu durchbrechen. Doch ob Anja Karliczek auch dafür die Richtige ist? Wir werden sehen. 


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Kommentare: 4
  • #1

    Joachim Sucker (Dienstag, 20 März 2018 09:06)

    Warum hört Bildungspolitik scheinbar nach dem Studium auf?
    Warum keine Aufgaben im Feld der allgemeinen- oder beruflichen Weiterbildung ?
    Nach dem Studium oder der Ausbildung beginnt die per Magnete Bildungskette. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung ein MUSS.

  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Dienstag, 20 März 2018 09:13)

    Komplett einverstanden! Ich freue mich über weitere Ergänzungen meiner fünf Punkte.

  • #3

    MH (Mittwoch, 28 März 2018 12:22)

    Es hangeln sich immer noch zu viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz von 2016 löst dieses Problem nicht.

  • #4

    MH (Mittwoch, 28 März 2018 12:24)

    Ich habe den leisen Eindruck, dass Frau Karliczek diesen Blogeintrag gelesen hat: http://www.zeit.de/2018/14/anja-karliczek-bildung-schulen-umbau-deutschland