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Die offene Flanke der Wissenschaft

Die Replikationskrise ist in der Wissenschaft seit Jahren bekannt – doch jetzt wird sie zum politischen Hebel. Ein Gastbeitrag von Sebastian Tillmann über Forschung, Vertrauen und die Gefahr ideologischer Vereinnahmung.
Portraitfoto con Sebastian Tillmann

Sebastian Tillmann ist Referent für Diversity an der Universität Konstanz und promovierter Organisationsforscher. Auf seinem Blog  Nullhypothese analysiert er wissenschaftskulturelle Debatten und strukturelle Probleme der Diversity-Forschung – mit einem besonderen Blick auf Replikationskrisen und empirische Evidenz. Foto: Ines Janas.

ALS US-VIZEPRÄSIDENT JD Vance am 24. Mai twitterte , es gebe eine "außergewöhnliche Reproduzierbarkeitskrise" in der Wissenschaft, traf mich das mit voller Wucht. Nicht weil er unrecht hätte – sondern weil er verdammt noch mal recht hat. Einen Tag zuvor hatte Präsident Trump die Executive Order " Restoring Gold Standard Science " unterzeichnet, die wissenschaftliche Standards per Dekret neu definiert und dabei gezielt gegen Diversitätsmaßnahmen, COVID-Leitlinien und Klimaforschung schießt. Die Replikationskrise wird zur politischen Waffe.

Es war absehbar, dass populistische Akteure die Replikationskrise früher oder später für sich entdecken würden, gerade weil sie reale Schwächen der Wissenschaft adressiert, ohne offen wissenschaftsfeindlich zu wirken. Wer das Universitätssystem delegitimieren will, findet hier eine offene Flanke: ein Angriffspunkt, der scheinbar sachlich daherkommt, aber enorme politische Sprengkraft entfalten kann. Nun ...

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Kommentare

#1 -

Leif Johannsen  | Di., 17.06.2025 - 17:12

Bravo! Ein Beitrag, der voll ins Schwarze trifft: "Unter diesem existenziellen Druck wird jede Publikation zur Überlebensfrage." Ich glaube aber, dass dieses nur fuer jene nachvollziehbar ist, die den Interessenkonflikt selbst ausgefochten haben: Suche nach der Wahrheit vs Publikationsdruck durch Projektlaufzeiten bzw. befristeten Vertraegen.

#2 -

Edith Riedel | Di., 17.06.2025 - 19:42

Ganz herzlichen Dank, Sebastian Tillmann, für diesen schonungslos offenen Artikel. Die Implementierung von Maßnahmen im DEI-Bereich, die nur mangelhaft wissenschaftlich belegt sind, tut dem Bereich einen Bärendienst. Man muss gar nicht so weit gehen, die AfD hier als möglche Nutznießerin zu zitieren. All diejenigen an deutschen Hochschulen, die keine Lust auf Diversity haben (und das sind soooo viele), können auf diesem Hintergrund "endlich" laut sagen, was sie immer schon sagen wollten - alles unwissenschaftlich, und deswegen sofort einzustellen.

#3 -

Benedikt Fecher | Fr., 20.06.2025 - 13:06

Mit einigen Leerstellen im Artikel tue ich mich sehr schwer.

1) Replizierbarkeit wird pauschal als Qualitätsmaßstab gesetzt, obwohl sie nur für bestimmte Disziplinen angemessen ist. In anderen Feldern, etwa der Diversitätsforschung, gelten zurecht andere Kriterien. Heads up: Ich bin kein Kenner der Diversitätsforschung. Dass aber ausgerechnet eine nicht-wissenschaftliche McKinsey-Studie als Beleg für Schwächen der Wissenschaft dient, ist bedenklich. 

2) Auch Präregistrierung ist kein Allheilmittel: Sie kann sinnvoll sein, schränkt aber explorative Forschung ein und ist auch nur für bestimmte Studiendesigns geeignet.

3) "Die Krise" ist kein Phänomen der Gegenwart, im Gegenteil: Heute gibt es dank moderner Infrastrukturen und interner Reformen ...

#3.1 -

Sebastian Tillmann | Mo., 23.06.2025 - 08:56

Antwort auf von Benedikt Fecher (nicht überprüft)

Lieber Herr Fecher,

vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen, auf die ich gerne eingehe.

1) Replizierbarkeit:

Ich stimme zu, dass Replizierbarkeit nicht in allen Disziplinen den gleichen Stellenwert einnimmt. Mein Artikel bezog sich allerdings auf die empirisch arbeitenden Wissenschaften. In diesen sind Replizierbarkeit und Reproduzierbarkeit grundlegende Qualitätsmerkmale. Natürlich können auch methodisch saubere Studien Ergebnisse liefern, die sich später nicht replizieren lassen. Aber dass in vielen Feldern die Replikationsraten erschreckend niedrig ausfallen, deutet auf systemische Probleme hin, die bessere Methoden und Anreizstrukturen notwendig machen.

Zur Diversitätsforschung: Auch hier sollte, sofern empirisch gearbeitet wird, meines Erachtens dieselben methodischen Standards gelten wie in ...

#4 -

McFischer | Di., 01.07.2025 - 10:57

Guter Austausch hier. 

Eine Anmerkung, die gerade bei DEI-Forschung relevant ist: Auch qualitative und insbesonders qualitativ-interpretative Sozialforschung muss - und kann - ihre Qualitätsansprüche offen legen. Eine teilnehmende Beobachtung in einer case study hat einen anderen Anspruch an die Replizierbarkeit als eine datenbasierte Studie. Aber auch im ersten Fall können Methodenauswahl und -anwendung offen gelegt werden, empirisches Material (anonymisiert) zur Verfügung gestellt werden usw.

 

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