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Aufregung über ein Symptom

Die DFG erlaubt Künstliche Intelligenz in Gutachten – und erfährt heftigen Gegenwind. Doch die eigentliche Krise ist nicht eine KI-Nutzung, die sinnvoll sein kann, sondern das überhitzte Drittmittelsystem.
Vektorgrafik zeigt Roboter und Mensch an Schreibtischen mit Laptops bei der Zusammenarbeit.

Grafik: pch.vector / freepik.

ALS DIE DEUTSCHE FORSCHUNGSGEMEINSCHAFT (DFG) am 15. Dezember mitteilte, künftig die Nutzung Künstlicher Intelligenz in der Begutachtung zu erlauben, schien das im Vorweihnachtsfieber kaum noch jemand mitzubekommen. Jetzt ist das neue Jahr ein paar Tage alt, und die Nachricht schlägt Wellen, vor allem in den sozialen Medien. "Eine Katastrophe", schrieb der Hohenheimer Lebensmittelchemiker Simon Hammann am Freitag auf BlueSky "Wir entmündigen uns selbst." Wenig später griff "IchbinHanna"-Mitinitiatorin Amrei Bahr den Post auf: Wenn die DFG "sich selbst und die deutsche Wissenschaft nachhaltig beschädigen will, ist sie auf einem außerordentlich guten Weg, Gratulation!" Seitdem brummen die Kommentarspalten, inklusive "#DefundDFG".

Tatsächlich gibt es gute Gründe, die DFG-Finanzierung kritisch zu diskutieren, doch ist sie nur eine Facette eines umfassenderen Problems. Alle beklagen seit vielen Jahren die Schieflage zwischen notorisch unzureichenden Unihaushalten und der dynamisch wachsenden Projektförderung. Der Drittmittel-Anteil an der Hochschulfinanzierung befindet sich laut DFG-Förderatlas 2024 auf historisch hohem Niveau. Derweil zeigt, obwohl Politiker aller Couleur regelmäßig ihr Problembewusstsein betonen, die aktuelle Krise das gewohnte Bild: Knausern bei der Grundfinanzierung, für die vor allem die klammen Länder zuständig sind, aber die üblichen drei Prozent Plus für die DFG, die vom sogenannten Pakt für Forschung und Innovation (PFI) von Bund und Ländern profitiert. Knapp 31.000 Projekte unterstützte 2024 allein die DFG. Allerdings ist die direkte Drittmittelförderung durch die verschiedenen Bundesministerien im vergangenen Jahrzehnt noch weitaus stärker gestiegen.

Die entsprechende Flut an Anträgen auf Forschungsförderung kommt zusammen mit der Überhitzung des wissenschaftlichen Publikationswesens. Auch hier sind sich alle seit langem einig, dass es nicht so weitergeht, und doch werden wissenschaftliche Karrieren weiter neben den eingeworbenen Drittmitteln vor allem über den Umfang an Veröffentlichungen und Zitationen definiert. Beide Systeme, Drittmittelwettbewerb und wissenschaftliche Journals, konkurrieren um dieselbe knappe Ressource: versierte Gutachter. Verschärft wird die Knappheit dadurch, dass Wissenschaftler in beiden Systemen zwar auf die Begutachtung ihrer Arbeit angewiesen sind, ihr eigenes Engagement als Gutachter sich aber kaum karriereförderlich auswirkt. Im Gegenteil, weil ihnen dann die Zeit fehlt, selbst Förderanträge zu formulieren oder Artikel zu schreiben.

Vor diesem Hintergrund könnte man den KI-Vorstoß, beschlossen im DFG-Hauptausschuss, erst einmal pragmatisch sehen, getrieben von der Frage: Wie können wir Gutachtern ihren Job erleichtern und zugleich durch klare Regeln die Qualität der Begutachtungen hochhalten?

Gut, dass die DFG sich ehrlich macht

Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen und konstatieren: Gut, dass die DFG sich ehrlich macht. Die Realität ist doch, dass die meisten Wissenschaftler, ob bei der Literaturrecherche, der Analyse eigener Daten oder der Beschäftigung mit der Forschung anderer, KI-Anwendungen längst und immer stärker einsetzen. Und ganz sicher auch bei der Erarbeitung von Gutachten.

Das mag man begrüßen oder nicht. In jedem Fall ergibt es mehr Sinn, diesen Umstand aus dem Schatten verschämter Nichtthematisierung zu holen und konkrete Prinzipien für die Nutzung im Rahmen der Begutachtung vorzugeben. Genau das tut die DFG jetzt für die Begutachtung, wie sie es schon 2023 in Hinblick auf die Antragstellung getan hat. Dazu gehört, dass der KI-Einsatz transparent gemacht werden muss. Dass die inhaltliche Verantwortung allein bei den Gutachtern bleibt. Oder dass Antragsinhalte von den Gutachtern nur in solche KI-Systeme eingespeist werden, die diese "nicht dauerhaft und über den konkreten Einsatzzweck hinaus" speichern.

Lässt sich Letzteres überhaupt sicherstellen?, fragen jetzt manche – zu Recht. Nur kann daraus ja nicht folgen, die Notwendigkeit gar nicht erst zu benennen. Richtig eingesetzt, kann KI die Qualität von Gutachten sogar steigern und diese fairer machen. Insofern beschädigt der DFG-Beschluss zur KI-Nutzung bei Begutachtungen nicht die DFG, sondern, wenn, dann tut es die unreflektierte Nutzung Künstlicher Intelligenz durch sich selbst entmündigende Wissenschaftler, die der Beschluss ausbremsen soll. Die dazu gehörige Leitlinie soll bis Ende März veröffentlicht werden.

Dennoch, und da haben die Kritiker wiederum Recht, ist die Entscheidung ein hilflos anmutendes Herumdoktern an der tieferliegenden Krise um die Drittmittelfinanzierung. Diese bleibt wie die DFG selbst wichtig, zur Forschungsförderung in Exzellenz und Breite, aber eben auf der Grundlage einer gesünderen Grundfinanzierung der Hochschulen. 

Was sich wirklich ändern muss

Dass die Bundesministerien ihre direkte Projektförderung verringern, ist dabei, Stichwort zum Beispiel "Hightech-Agenda Deutschland", weder wahrscheinlich noch wünschenswert. Dass alle Bundesländer der Ausstattung ihrer Hochschulen mehr Priorität beimessen, umso mehr. Hierbei könnte der Bund ihnen helfen, womit wir wieder bei der DFG wären: Ein erster wichtiger Schritt sollte sein, die Deutsche Forschungsgemeinschaft aus dem Pakt für Forschung und Innovation herauszunehmen und ihren Haushalt über längere Zeit nicht oder kaum noch wachsen zu lassen. Das bisherige DFG-Budgetplus, aktuell an die 80 Millionen pro Jahr, sollte eins zu eins in die Grundfinanzierung der Hochschulen fließen. Eine langsame, aber stetige Verlagerung wäre die Folge, und mit zurückgehender Grundmittel-Not würde der Zwang sinken, Drittmittel-Anträge zur Kompensation zu stellen. Die Folge: ein geringerer Bedarf auch an Gutachten. Die in dieser Legislaturperiode anstehenden Bund-Länder-Verhandlungen über die Verlängerung von PFI und "Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken" über das Jahr 2030 hinaus bieten hierfür den perfekten Anlass.

Und weil die DFG eine Selbstorganisation der Wissenschaft ist, hat es die Wissenschaft zugleich selbst in der Hand, mutiger alternative Auswahlformate auszuprobieren: Losverfahren etwa, die neben anderen positiven Effekten die Zahl an Vollanträgen und in der Folge wiederum an Gutachten drastisch reduzieren würden. Und je kleiner die Zahl der Gutachten, desto weniger wären die Gutachter versucht, unsachgemäß auf KI zurückzugreifen – was die DFG mit ihrem Beschluss einzuhegen versucht.

"DFG-Fachkollegium 2035" hat Simon Hamann aus Hohenheim am Donnerstag gepostet und dazu einen Videoclip tanzender Roboter gestellt. Doch nicht die Maschinen gefährden die Wissenschaft, auch nicht die KI-Regeln der DFG, sondern ein System, das seine Knappheiten lieber automatisiert als behebt. JMW.

Kommentare

#1 -

Gast | Mo., 12.01.2026 - 14:02

Der Kommentar trifft das hier beschriebene Problem in klarer Weise. Ich werde meine Gutachten zwar auch weiterhin ohne KI schreiben, aber das eigentliche Problem ist die bisherige Drittmittelförderung. 

#3 -

Gast | Fr., 16.01.2026 - 09:01

"Ein erster wichtiger Schritt sollte sein, die Deutsche Forschungsgemeinschaft aus dem Pakt für Forschung und Innovation herauszunehmen und ihren Haushalt über längere Zeit nicht oder kaum noch wachsen zu lassen." Glauben Sie denn wirklich, dass - sofern der Geldregen tatsächlich an den Unis ankommen würde - (Uni-Finanzierung ist Ländersache und nur über wenige Ausnahmen, z.B. Art. 91 b GG möglich) dieses Geld tatsächlich bei den Forschenden ankommen würden? No way! Erst würden damit Gebäude saniert. Auch wichtig. Aber es würde nicht in Personalmittel für Forschung fließen, sprich, uns Forschende keinesfalls vom Schreiben von Drittmittelanträgen entlasten! Und die Verknüpfung, wie "KI-Hinweise für Gutachtende" mit "unzureichende Grundfinanzierung an Universitäten" zusammenhängt, müssen Sie mir nochmal erklären.

Mitglied seit

1 Jahr

#3.1 -

jmwiarda Fr., 16.01.2026 - 09:15

Antwort auf von Gast (nicht überprüft)

Es gibt da einen recht einfachen Weg: Man könnte den Aufwuchs der DFG (oder eher einen Teil davon) nutzen, um den Zukunftsvertrag zusätzlich zu dynamisieren. Und ja, das käme der Lehre, nicht der Forschung zugute. Meines Erachtens zu Recht. Hätte einen interessanten Nebeneffekt: Hier müssten die Länder 50 Prozent kofinanzieren. Bei der DFG 42 Prozent. Ergo: Für jeden Bundeseuro müssten die Länder sogar etwas mehr kofinanzieren – ein gewisser Nettogewinn für die Hochschulen. Beste Grüße!

#3.1.1 -

Gast | Sa., 17.01.2026 - 09:52

Antwort auf von jmwiarda

Das ist ein Vorschlag, den man durchaus diskutieren könnte, aber was hat das dann mit erlaubter KI bei Gutachten zu tun?

Ich versuche das mal: Es bräuchte eventuell insgesamt weniger Gutachten (und dann vielleicht keine KI??), wenn die Hochschulfinanzierung von Professuren verstärkt würde, also z.B statt nur zwei Landesstellen für eine Professur nun drei. Dann würde möglicherweise etwa ein Antrag in drei Jahen weniger gestellt (von wievielen ist unklar, das ist ja sehr individuell).  Aber die Unis müssten dann entscheiden WER den Personalaufwuchs bekommt (allen Profs dies zu gewähren ist uptopisch und wegen Verbrauchsmitteln schreibt man ja meist keinen DFG-Antrag!). Und was machen die Unis dann? Sie brauchen Gutachter:innen!

#3.2 -

Aus einer Berl… | Fr., 16.01.2026 - 11:03

Antwort auf von Gast (nicht überprüft)

 

Ich finde die Problembeschreibung im Artikel auch zutreffend - aber kann den vorgeschlagenen Maßnahmen keinesfalls zustimmen. In vielen Bundesländern wird praktisch jeder Euro, der vom Bund zur Stärkung der Unis an die Länder fliesst, entweder gar nicht weitergeleitet oder sehr bald an anderer Stelle gekürzt. Wenn solches Geld in die Sanierung von Gebäuden fliuessen würde, wäre man ja schon sehr froh - tatsächlich kommt aber (mittelfristig) überhaupt nichts an. Dieses Schicksal würde ich auch für Mittel befürchten, die vom DFG Budget an die Länder umgeleitet wird.

 

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