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Abschied einer leisen Treiberin

Mit Theresa Schopper verlässt nun wohl auch die einzig verbliebene Initiatorin von "Bessere Bildung 2035“ die Bildungsministerkonferenz. Was das bedeutet.
Theresa Schopper

Bild: Kultusministerium Baden-Württemberg/Lukas Breusch.

ES WÄRE EIN VERLUST für die Bildungspolitik, und das nicht nur in Baden-Württemberg.

Als erstes meldete am Dienstag der SWR, dass sich die Sondierer von Grünen und CDU nicht nur auf 48 Punkte als Grundlage ihrer Koalitionsverhandlungen geeinigt hätten, sondern auch auf die Verteilung der Ministerien. Auch die Nachrichtenagentur dpa berichtete wenig später: Teil des Deals sei, dass die Grünen das Kultusministerium an die Union abtreten.

Es wäre der Abschied von Theresa Schopper nach nur fünf Jahren Amtszeit, in denen sie sich – bei allen Konflikten und Widerständen – als eine der angesehensten Bildungsministerinnen der Republik etabliert hatte. Sie knüpfte dabei an eine bildungspolitische Neuorientierung an, die bereits unter ihrer CDU-Vorgängerin Susanne Eisenmann begonnen hatte, damals als Folge des baden-württembergischen Absturzes in einschlägigen Schulvergleichsstudien.

Schopper hatte das Umsteuern weiter politisch operationalisiert inmitten von Pandemie-Folgen, Lehrkräftemangel (samt übernommener Krise um 1.440 "vergessene" Lehrerstellen) und zusätzliche Integrationsaufgaben. Sie hatte ihre Setbacks, darunter eine von den Lehrerverbänden scharf kritisierte Lehrkräfte-Werbekampagne mit teils unglücklich formulierten Claims. Parallel dazu brachte sie jedoch mit der Bildungsreform 2024/25 eines der größten Reformpakete seit Jahrzehnten auf den Weg, das frühe und verbindlichere Sprachförderung, die Stärkung der Basiskompetenzen sowie eine stärker daten- und diagnosegestützte Steuerung ins Zentrum stellt und im neuen Schulgesetz von 2025 verankert wurde.

Der Versuch eines Paradigmenwechsels

Bundesweit Profil gewann die gebürtige Allgäuerin, politisch bei den bayerischen Grünen sozialisiert, vor allem in den vergangenen anderthalb Jahren. Im Januar 2025, kurz vor der Bundestagswahl, hatte sie zusammen mit ihren Bildungsministerkolleginnen aus Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz unter der Überschrift "Bessere Bildung 2035" einen parteiübergreifenden Vorstoß für einen Paradigmenwechsel in der föderalen Bildungspolitik gewagt.

Der Kern: länderübergreifend wenige, aber dafür verbindliche und messbare Bildungsziele formulieren, darunter 50 Prozent weniger Schüler, die Mindeststandards in Deutsch und Mathe verfehlen, eine Halbierung der Schulabbrecherzahlen oder auch ein Abschwächen des in Deutschland so starken Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Bildungserfolg, gemessen am sogenannten sozialen Gradienten im IQB-Bildungstrend. All das nicht bis irgendwann, sondern bis 2035.

Bildungspolitische Ambitionen, an die sich in dieser Klarheit mindestens seit dem Dresdner Bildungsgipfel von 2008 niemand mehr gewagt hatte. Und deren ernsthaftes Angehen neben vielem anderen zuallererst einen neuen Grad an Zusammenarbeit der Bundesländer untereinander und mit dem Bund verlangt hätte. Das wussten Schopper und ihre Amtskolleginnen genau, weshalb sie die nach der Bundestagswahl anstehenden Koalitionsverhandlungen im Bund als Gelegenheitsfenster begriffen.

Doch führten eben jene Koalitionsverhandlungen dazu, dass von den drei Zugpferden in der Bildungsministerkonferenz der KMK schon vier Monate später nur noch eines übrig war. Karin Prien aus Schleswig-Holstein, bis dahin mächtige Koordinatorin der Unions-Bildungsminister, wurde neue Bundesbildungsministerin; Stefanie Hubig aus Rheinland-Pfalz, Priens Pendant als SPD-Koordinatorin in der BMK, übernahm das Bundesjustizministerium.

Ein Prozess verliert an Schärfe

Ein personeller Aderlass, der – zusammen mit wenig zuvor ausgeschiedenen Bildungsminister-Größen wie Ties Rabe (Hamburg) oder Alexander Lorz (CDU) – schon so massiv war für die mitten im reformatorischen Selbstfindungsprozess steckende Kultusministerkonferenz. Der zugleich aber auch die Hoffnungen, "Bessere Bildung 2035" von innerhalb der BMK kraftvoll voranzutreiben, dämpfte und zu einem guten Stück auf die einzige dort verbliebene Mitautorin Schopper konzentrierte.

Dass die Befürworter der Initiative auf Länderseite einen schweren Stand hatten, zeigte sich, als Karin Prien in ihrer neuen Rolle auf Bundesseite versuchte, den erneut desaströsen IQB-Bildungstrend im Herbst 2025 als Anlass für den erhofften gemeinsamen Aufbruch zu nutzen. Die Bildungsminister ließen sich, einige bereit, andere widerwillig, auf einen maximal zurückhaltend als "Bund-Länder-Arbeitsprozess" bezeichneten Verhandlungen ein, doch von Gespräch zu Gespräch wurde Priens Rhetorik in Sachen messbarer, verbindlicher Bildungsziele zurückhaltender.

Stattdessen sprach die Bundesministerin von einem "fragilen Pflänzchen", und die im März als Zwischenergebnis vorgestellte "Roadmap" enthielt zwar Haltestellen (= Handlungsfelder), aber weder "Abfahrtszeiten", wie mein Journalistenkollege Christian Füller kommentierte, noch konkrete Zielkoordinaten (sprich Prozentwerte oder Quoten). Kommt noch, kommt noch, beeilte sich Prien gegenüber der Presse zu versichern, gemeinsame Bildungsziele seien "weiterhin Gegenstand des Roadmap-Prozesses", man habe sich aber "noch nicht darauf verständigt, dass es bestimmte sind".

Und Schopper? Wirkte beharrlich im Hintergrund, aber vor der anstehenden Landtagswahl politisch zunehmend geschwächt. Dass sie dabei weniger über große Gesten als über Strukturveränderungen und Steuerungslogiken arbeitete, passt zu ihrer Ausbildung als Soziologin – und prägte auch ihren Politikstil im Kultusministerium. Jetzt muss sie voraussichtlich als letzte verbliebene Initiatorin von "Bessere Bildung 2035" die Bildungsministerkonferenz verlassen. Was es nicht einmal anderthalb Jahre nach diesem bemerkenswerten bildungspolitischen Konzept für dessen Zukunft und Standing bedeutet, bleibt abzuwarten.

Zwischen Hoffnung und Ernüchterung

Hoffnungsvoll kann stimmen, dass parallel – und als Teil des Bund-Länder-Arbeitsprozesses – die Länder sich zur datengestützten Schul- und Unterrichtsentwicklung bekannt haben, wie sie zuletzt in einem vielbeachteten Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK ausbuchstabiert wurde. Was aber wann konkret daraus folgt und inwieweit hier statt einzelner Pioniere ein bundesweiter Aufbruch entsteht, ist offen.

Ermutigend ist zudem, dass bereits mindestens vier Bundesländer eigene Bildungsstrategien vorgestellt haben, die die Ziele von "Bessere Bildung 2035" explizit nennen. Komplett: Bremen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Ein Ziel: Berlin – kontinuierlich mehr Kinder, die die Mindeststandards erreichen.

Mit Blick auf Baden-Württemberg ist dagegen Skepsis und Ernüchterung angebracht. Es ist schon unüblich genug, dass Grüne und Union in ihrem Poker die Verteilung der Ministerien an den Beginn, nicht ans Ende der Koalitionsverhandlungen gesetzt haben, also nicht die Inhalte vor Machtfragen gehen, sondern umgekehrt. Hinzu kommt, dass selbst bei den schlanken 48 Sondierungspunkten die Bildung nur fünfmal und erstmals an Stelle 32 auftaucht.

Theresa Schopper, gerade 65 geworden, war nicht die lauteste Bildungsministerin, aber eine, die wusste, wohin sie wollte. Und wenn es aktuell etwas in der Bildungspolitik braucht, dann genau das: klare Ziele. Und die Hartnäckigkeit, sie zu verfolgen. JMW.

Kommentare

#1 -

Wolfgang Kühnel | Do., 16.04.2026 - 17:42

Ich finde es einigermaßen lächerlich, diese "Ankündigungspolitik" mit den Prozentzahlen so hochzujubeln, wenn auch nicht ansatzweise klar ist, WIE man diese Verbesserungen erreichen will. Auch das Startchancenprogramm wird erstmal nur mit pauschalen Vorschusslorbeeren bedacht, gleichzeitig hört man was von bürokratischen Bremsen. Seit Erfindung der Kompetenzstufen wollen natürlich alle, dass die Verteilung auf diese Kompetenzstufen sich verbessern möge, vielleicht sogar der Stammtisch in den Wirtshäusern. Nur geschieht es bislang nicht, im Gegenteil. Genauso kann man ankündigen, innerhalb von 10 Jahren die Zahl der Verkehrstoten und der Selbstmorde um einen bestimmten Prozentsatz zu senken, ohne zu sagen, WIE das nun gehen soll. 

Und mit 65 Jahren in den Ruhestand zu gehen, ist ja wohl kein beklagenswertes Schicksal. Jüngere Politiker stehen doch bereit, auch mal was zu werden, es dürfte ja sogar parteilose Minister geben. Der grüne Verkehrsminister geht jetzt mit 73 in den Ruhestand, der bisherige Ministerpräsident mit fast 78. 

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