Wo Fakten allein eben nicht reichen

Wenn es um Essen geht, ist Gentechnik ist immer noch das Sorgenthema der Deutschen schlechthin – während andere Risiken massiv unterschätzt werden. Was folgt daraus für die Wissenschaft?

DIE UMFRAGE ERSCHIEN pünktlich zum Science March, und doch hat sie bislang kaum einer wahrgenommen. Dabei ist der "BfR-Verbrauchermonitor", den das Bundesinstitut für Risikobewertung alle sechs Monate veröffentlicht, alles andere als eine gewöhnliche Konsumentenumfrage. Es geht darin nicht um irgendwelche Vorlieben, Gewohnheiten oder die neusten Luxustrends; der Verbrauchermonitor handelt von Ängsten, falschen Wahrnehmungen und echten Risiken. Was lässt die Menschen in Deutschland um ihre Gesundheit fürchten? Wo vermuten sie die größten Gefahren für sich und ihre Familie?

 

Die Ergebnisse der repräsentativen Studie sind aus Sicht der Wissenschaft besorgniserregend. Zumindest wenn die Wissenschaft ihr am Samstag in die Innenstädte herausgerufenes Ziel, sich den Nicht-Wissenschaftlern stärker erklären zu wollen, ernst nimmt.

 

Bei der Frage nach den größten gesundheitlichen Risiken kommen im "Verbrauchermonitor" noch die nachvollziehbaren Antworten: zuerst das Rauchen, dann Klima- und Umweltbelastungen, ungesunde Ernährung, Alkohol. Als nächstes aber wollte das BfR von den Verbrauchern wissen, von welchen "Gesundheits- und Verbraucherthemen" sie überhaupt schon einmal gehört haben. 93 Prozent pickten "gentechnisch veränderte Lebensmittel" aus der ihnen präsentierten Liste – von keinem zweiten Thema hatten die Befragten häufiger gehört. Mit deutlichem Abstand folgten gefährliche Zusätze und Bakterien in Lebensmitteln (74 Prozent und weniger). Und welche Themen beunruhigen die Befragten am meisten? 56 Prozent antworteten wiederum: gentechnisch veränderte Lebensmittel, der zweithöchste Wert nach Antibiotikaresistenzen (59 Prozent). Fast am Ende der Skala: mangelnde Lebensmittelhygiene zu Hause, um die sich nur 13 Prozent Gedanken machen.

 

Warum das besorgniserregend ist? Weil es der Wissenschaft, den zuständigen Behörden, aber auch den Medien offenbar nicht gelungen ist, den Menschen zu vermitteln, wo die wirklichen Risiken für ihre Ernährung liegen. Und ihnen gleichzeitig zu verdeutlichen, dass es absolute Sicherheiten und Wahrheiten in der Forschung nie geben kann.

 

Genau diese aber, so scheint es, erwarten die Menschen von der Gentechnik, zu der man ja persönlich stehen kann, wie man mag. Fest steht indes: Obwohl seit über 40 Jahren daran geforscht wird, hat bislang keine Studie eindeutige Belege für eine gesundheitliche Gefährdung von Menschen durch gentechnologisch veränderte Lebensmittel, etwa den so genannten "Gen-Mais", gefunden. So sagen es zumindest die allermeisten Forscher in großer Übereinstimmung. Was nicht bedeutet, dass es die Gefahren nicht gibt, aber sollten sie da sein, verstecken sie sich sehr gut.

 

Weniger einig sind sich die Wissenschaftler beim Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, das gerade (aber nicht nur!) beim Anbau von Genmais eingesetzt wird. Während die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) Glyphosat 2015 als "wahrscheinlich krebserzeugend" einstufte, halten viele Experten eine solche Aussage für nicht falsch, aber wenig informativ, weil man diese Potenzialaussage richtigerweise über sehr viele Lebensmittel, zum Beispiel über rotes Fleisch, treffen könne. Am Ende komme es wie überall auf die Dosis an. Der BfR-Pestizidexperte Roland Solecki sagte in der Süddeutschen Zeitung (nicht online): "Richtig angewendet löst Glyphosat keinen Krebs aus." >>



>> Bei anderen potenziellen Risiken fällt der Expertenstreit wiederum flach. Beispiel Kräutertees. Viele von ihnen enthielten in Tests aufgrund versehentlich mitgeernteter Wildkräuter so genannte Pyrrolizidinalkaloide, mit denen sich die Pflanzen in der Natur vor Fressfeinden schützen. Die Wissenschaftler vermuten einmütig, dass die Stoffe beim Menschen Krebs verursachen können. Besonders verbreitet sind Pyrrolizidinalkaloide übrigens in Babytees. 

 

Noch gefährlicher ist mangelnde Hygiene im Haushalt. Die so genanntem Campylobacter- Bakterien lösen ansteckende Durchfallerkrankungen aus, weswegen jedes Jahr geschätzte 75.000 Menschen klinisch versorgt werden müssen, insgesamt erleiden rund eine Million Menschen in Deutschland pro Jahr eine Lebensmittelvergiftung. BfR-Präsident Andreas Hensel nannte kürzlich in einem Interview mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe ein Beispiel: "Eine Gruppe junger Leute trifft sich zum Grillen. Da fasst einer den rohen Hühnerschenkel an und nimmt dann mit der gleichen Hand das fertige Würstchen vom Grill. Wer das isst, nimmt genügend Bakterien für fünf Tage Durchfall auf. " 

 

Auch eine erneute Ehec-Epidemie wird durch mangelndes Gefahrenbewusstsein der Konsumenten wahrscheinlicher. Sobald rohe tierische und pflanzliche Lebensmittel im Kühlschrank nicht getrennt würden, steige das Risiko, sich mit der bakteriellen Darmerkrankung anzustecken, sagte der Mikrobiologe Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene am Universitätsklinikum Münster, laut dpa – das gelte erst recht, wenn die Leute sich nicht häufig genug die Hände wüschen. 

 

Die Risiken in Sachen Ernährung scheinen also klar verteilt – und trotzdem sorgen sich die Menschen in Deutschland seit vielen Jahren konstant vor allem um die Folgen der Grünen Gentechnik – und kaum um die Gefahren ihres eigenen gedankenlosen Verhaltens. Was läuft da falsch? Und welche Verantwortung trägt dafür die Wissenschaft? Das BfR selbst gibt in seiner Pressemitteilung zur Studie folgende, auf den Science March gemünzte Antwort: Die Ergebnisse des aktuellen Verbrauchermonitors zeigten, "wie wichtig es ist, Erkenntnisse und überprüfbare Resultate aus der Forschung stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken." 

 

Wobei das womöglich nur ein Teil der Antwort ist. Die Wissenschaft kommuniziert die aufgezählten Erkenntnisse zu Kräutertees, Ehec oder Kühlschrankhygiene ja längst aktiv in die Öffentlichkeit hinein. Wer (und das noch nicht mal besonders aufmerksam) die Nachrichten verfolgt, kommt an den Warnhinweisen nicht vorbei. Umgekehrt sagt die Forschung jedem, der es hören will oder auch nicht, dass keine belastbaren Belege zu den Gefahren zum Beispiel der Gentechnik existieren. Doch während die real vorhandnen, enormen Schadenpotenziale der alltäglichen Lebensmittelhygiene von vielen Leuten ignoriert werden, wird aus den nicht bis zum letztem ausschließbaren Restrisiko der Gentechnik für weite Teile der Bevölkerung eine Bedrohung fundamentalen Ausmaßes. 

 

Warum? Weil häusliche Hygiene irgendwie vertraut ist und man über Leute, die von der Toilette kommen, ohne sich die Hände zu waschen, den Kopf schüttelt, um es dann gleich wieder zu vergessen. Weil ein bisschen Durchfall ja jeder mal hat und das mit dem Krebs im Kräutertee seltsam abstrakt bleibt. Umgekehrt kommt die Grüne Gentechnik daher als etwas Undurchschaubares, in seiner Komplexität kaum Begreifbares, über das man keine Kontrolle hat, von dem man fürchtet, das wirtschaftliche Potenzial dahinter könnte Wissenschaft und Politik korrumpieren, nicht die ganze Wahrheit über die Gefahren zu sagen. 

 

Gegen dieses dumpfe Gefühl kommt die Wissenschaft nicht an, indem sie einfach noch mehr auf die Faktenbasis pocht. Dieses dumpfe Gefühl geht nur weg, wenn sich die Wissenschaft der Gesellschaft auf Augenhöhe nähert. Wenn aus einem "Belehren" ein "Voneinander Lernen" wird. Ein Gespräch statt einer Einweg-Kommunikation. Um den Leuten ein Stück Kontrollgefühl zurückzugeben. Dann sinkt ihre Angst, und die Akzeptanz nimmt zu. 

 

Bei der Gentechnik ist diese Chance versäumt, und das in Deutschland wohl endgültig. Stand 2017 existiert kein einziger Freilandversuch mehr mit gentechnisch veränderten Pflanzen in der Bundesrepublik. Die weltweit führenden Genforscher tun ihre Arbeit abseits von Deutschlands Hochschulen und Universitäten.

 

Doch, und ausgerechnet hier macht der aktuelle BfR-Verbrauchermonitor Mut, die Wissenschaft erhält gerade eine zweite Chance. In der Szene ist es schon seit Jahren das neue Zauberwort: Genom Editing. Die Genschere werde Aids und Krebs heilbar machen, die Gefahr zunehmender Antibiotikaresistenzen beseitigen, so erhoffen es sich zumindest die Vorreiter der neuen Technik. Das mag übertrieben sein, doch um es herauszufinden, muss das Potenzial des Genom Editings erstmal ausgeforscht werden. Doch geht das überhaupt im Gentechnik-feindlichen Deutschland? Möglicherweise ja. Denn laut BfR-Zahlen ist das Genom Editing nur 14 Prozent der befragten Verbraucher überhaupt ein Begriff bislang. Und lediglich sieben Prozent machen sich Sorgen darum.

  

Mit anderen Worten: Hier kann die Wissenschaft noch vieles, vielleicht alles richtig machen in Sachen Wissenschaftskommunikation. Die Frage ist, wie lange noch. 


Fotonachweise:

Azri: "fridge", CC BY-NC-ND 2.0; Oregon Department of Agriculture: "Corn Field", CC BY-NC-ND 2.0

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