Sehnsucht nach dem "Markenzeichen"

Sechs Ministerpräsidenten wollen das Diplom zurück. Ihre Kultusminister haben sich jetzt eine Sprachregelung ausgedacht, wie sie die große Debatte um die Studienreform doch noch vermeiden können.

Foto: Tobias Sieben: "Hörsaal", CC BY-NC 2.0

EIGENTLICH WAR ES nur der Wunsch einiger Ministerpräsidenten. Doch für die Kultusministerkonferenz (KMK) sind die paar Zeilen Protokollerklärung ein echtes Problem. Als die Regierungschefs im März dem neuen Staatsvertrag zur Akkreditierung zustimmten, äußerten sechs von ihnen die zusätzliche „Erwartung“: Wenn in den nächsten Monaten die so genannte Musterrechtsverordnung formuliert wird, müsse dabei doch noch „eine für alle Länder tragfähige Lösung zur Anerkennung des Diploms“ erreicht werden.

 
Die Musterrechtsverordnung dient im föderalen Zusammenspiel der Länder normalerweise dazu, eine bundesweit möglichst einheitliche Umsetzung eines Staatsvertrags zu erreichen. Was als Extra-Wunsch einiger Ministerpräsidenten so technokratisch-schwammig daherkommt, ist also in Wahrheit der gefährlichste Angriff, den die Studienreform seit Jahren erlebt hat. Wollen die sechs Ministerpräsidenten aus Bayern, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt eine Art Bologna-Öffnungsklausel nach dem Motto: Bachelor, Master, Diplom – alles dasselbe? Und vor allem, welches Interesse haben sie, die Debatte zum jetzigen Zeitpunkt in dieser Form zu starten?

 

Das haben sich die Kultusminister in den vergangenen Wochen seit dem Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) auch gefragt. Und nicht nur sie: In den Berufsverbänden und an den Universitäten rumort es merklich. Dabei sind es fast ausschließlich die Ingenieure, die die Protokollerklärung in Schwingungen versetzt hat. Hinter den Kulissen lassen mehrere Verbandschefs ihre Mitarbeiter prüfen, welche politischen Optionen sich durch das MPK-Votum bieten. Auch einige Universitätsrektoren, obgleich die meisten sich mit offiziellen Statements noch zurückhalten, zeigten sich hocherfreut. Dresdens TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen etwa sagte, die Diplomingenieur-Studiengänge fast flächendeckend abzuschaffen, sei ein Fehler der deutschen Politik gewesen – "und der Wirtschaft, die dies inzwischen weitgehend bereut". 

 

Dass sich viele Branchenfunktionäre und Wirtschaftsführer nur widerwillig in den Verlust des von ihnen gern zum „internationalen Markenzeichen“ stilisierten „Diplom-Ingenieurs“ gefügt haben, zeigt auch die von 2010 stammende Sammlung von Pro-Diplom-Statements, die bis heute auf der Website des Zusammenschlusses neun Technischer Universitäten, der TU9, abrufbar ist. „Ein ‚Dipl.-Ing.‘ vor dem Namen ist wie ein Stern auf der Haube“, wird dort etwa der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche zitiert. Unter den prominenten Unterstützern auf der Website befindet sich auch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der den „international wertvolle(n) und anerkannte(n) Titel“ zum „Alleinstellungsmerkmal deutscher Bildung“ erklärt und hinzufügt: „Wir wollen speziell dafür einen Weg eröffnen, wie wir dieses internationale Prädikat auch künftig bewahren können.“ >>



>> Womit sich der Kreis zur jüngsten MPK-Protokollerklärung schließt. Wer die langen Linien in der Politik Horst Seehofers gelegentlich vermisst: Hier findet er sie.

 

Ebenfalls 2010 erreichte der öffentlichkeitswirksame Diplom-Einsatz eines anderen Mannes seinen ersten Höhepunkt: Mathias Brodkorb, damals noch hochschulpolitischer Sprecher der SPD im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns, war der Kopf hinter einer damals gemeinsam mit der CDU getragenen Gesetzesnovelle, die den Hochschulen unter anderem die Wiedereinführung von Diplomabschlüssen erlaubte. Auch Brodkorbs Wirken seitdem offenbart eine erstaunliche Kontinuität: Zwischendurch sechs Jahre lang Bildungsminister, amtiert er seit Herbst als Finanzminister – was ihn dem Vernehmen nach nicht davon abhielt, seinen Chef und derzeitigen MPK-Vorsitzenden Erwin Sellering (ebenfalls SPD) in Sachen Diplom loszuschicken.

 

Hinter dem Zeitpunkt der Protokollerklärung steckt dabei weniger Kalkül als eine einfache Prozesslogik: Es war das erste Mal seit Jahren, dass die Ministerpräsidenten überhaupt einen Beschluss zu Studium und Studienreform fassen mussten.

 

Die meisten Wissenschaftsminister in der Kultusministerkonferenz erwischte die Protokollerklärung ihrer Chefs dennoch auf dem falschen Fuß. Auch wenn nur eine Minderheit der Ministerpräsidenten die Anerkennung des Diploms per Musterverordnung gefordert hat, ist der Arbeitsauftrag eindeutig. Bis Ende September soll eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe „Musterrechtsverordnung“ des KMK-Hochschulausschusses ihren Entwurf vorlegen, dann inklusive der Diplom-Bezüge.

 

Um zu verhindern, dass ihnen die Debatte vollends entgleitet, hat das KMK-Präsidium jetzt eine so genannte Sprachregelung ausgearbeitet. Sie ging an alle ministeriellen Pressestellen, als „Grundlage für eine abgestimmte Reaktion auf entsprechende Anfragen der Medien“. In der Sprachregelung heißt es, bei der Protokollerklärung der sechs Länder zum Diplom handle es sich nicht um einen Bestandteil des Beschlusses der MPK zum Akkreditierungsvertrag. Am Ende der entscheidende Satz: „Es ist nicht beabsichtigt, vom System der gestuften Studiengänge abzuweichen.“

 

In der Sprachregelung steckt auch ein Stück Selbstbeschwörung. Hinter vorgehaltener Hand nämlich äußern etliche Wissenschaftsminister und Staatssekretäre schon lange Sympathien für das Diplom. „Der Abschluss hatte schon eine enorm integrative Wirkung“, sagt einer. „Und die findet sich in der unüberschaubaren Vielfalt der Master-Abschlüsse, die an die Stelle des Diploms getreten sind, nicht wieder.“ Dabei gehe es in keiner Weise um die Studienqualität, die sei immer schon abhängig gewesen vom Standort und weniger vom Namen des Abschlusses.

 

Trotz ihrer Diplom-Sympathien hatten die Kultusminister nach Monate langer erbitterter Diskussion fast geschlossen mit 15 Ja-Stimmen für einen Akkreditierungsvertrag votiert, der das Diplom unberücksichtigt ließ – und nur Mecklenburg-Vorpommern enthielt sich. Schon das war übrigens ein Zugeständnis von Brodkorbs Nachfolgerin Birgit Hesse, hatte doch Brodkorb selbst vorher stets mit einem „Nein“ gedroht. Warum die KMK die Reihen so geschlossen hielt? Weil die Minister fürchteten, über die vermeintlich isolierte Anerkennung des Diploms könne eine neue Grundsatzdebatte über die Zukunft des gesamten Bachelor- und Mastersystems in Gang kommen. Weswegen jetzt auch der letzte Satz der KMK-Sprachregelung, siehe oben, so zentral für die Minister ist.

 

Ihre Diplom-Sympathien haben einige Wissenschaftsminister deshalb lieber in anderer Form ausgelebt und ganz ohne die Lautstärke eines Mathias Brodkorb ihren Hochschulen ähnliche Diplom-Möglichkeiten eingeräumt. So bietet die Technische Universität Dresden mit ihrem Rektor Müller-Steinhagen zehnsemestrige Diplomstudiengänge, und erst im vergangenen Jahr hatte die TU Illmenau zwei neue einstufige Diplomstudiengänge eingerichtet. Thüringens Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) kommentierte im Mitteldeutschen Rundfunk: „Wir wollen das Diplom neu definieren.“

 

Der Unterschied zu Mecklenburg-Vorpommern: Bislang hatten Tiefensee und seine sächsische Amtskollegin Eva-Maria Stange (SPD) kein Problem damit, dass ihre Diplom-Studiengänge unter dem KMK-Radar flogen und keine offizielle Anerkennung fanden im Akkreditierungs-Staatsvertrag. Anders übrigens neuerdings Stanges Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU): Er gehörte zu den sechs Unterzeichnern der Protokollerklärung.

 

Womit dem letzten klar sein sollte, worauf die sechs Ministerpräsidenten hinauswollen. Es geht ihnen nicht um den leisen Betrieb einiger Diplom-Studiengänge, der auch so möglich wäre, es geht ihnen um die große Geste, um genau die Grundsatzreform der Bologna-Reform, die die Wissenschaftsminister verhindern wollen.  

 

Und übrigens nicht nur die. Während TU9-Mitglied Müller-Steinhagen sagt, er "begrüße" die Forderung der Ministerpräsidenten, sagt der aktuelle TU9-Chef und Präsident der TU Darmstadt, auch wenn "einige" seiner Rektorenkollegen das anders sähen, mehrheitlich wolle sein Verband nicht mehr hinter der gestuften Studienstruktur zurück. Der Verband halte die Abschaffung des Grades Diplom-Ingenieur immer noch für einen Fehler,  das ja, doch "der Zug ist abgefahren, wir stehen zur Reform." 

 

Womöglich ist die Lösung also gar nicht so kompliziert, und sie wird von einigen in der KMK bereits in Spiel gebracht: Wenn es schon bei der Diplom-Sehnsucht den meisten, die sich auskennen, vor allem nach dem Titel verlangt und kaum einen nach der Wiederherstellung einer überkommenen Studienstruktur, wenn selbst die Befürworter eines Rollbacks von einer „Neudefinition“ sprechen – warum verbindet man nicht beides miteinander?

 

In den Ingenieurwissenschaften an den Universitäten sind die Abbrecherquoten in den vergangenen Jahren drastisch gesunken (leider im Gegensatz zu den Fachhochschulen), was auf das Potenzial der gestuften Studiengänge Bachelor und Master hindeutet. Die Studienreform hat lange überfällige Anpassungen der Studiengänge hin zu einer stärkeren Ausrichtung an den Bedürfnissen der Studenten ermöglicht. Mit den Namen „Bachelor“ und „Master“ indes hat das am wenigsten zu tun. Und so könnte ein Kompromiss darin bestehen, dass solche Diplom-Studiengänge anerkannt werden, die eine gestufte Studienstruktur aufweisen. Sprich: Nach dem Bachelor folgt das Diplom-Studium, das vier Semester umfasst.

 

Schon 2010 verwies der damalige TU9-Präsident Ernst Schmachtenberg, bis heute Rektor der RWTH Aachen, auf das österreichische Universitätsgesetz. Dort sei klar geregelt: Der „Dipl.-Ing.“ ist ein Mastergrad. So einfach kann das sein." Sein Nachfolger Prömel bestätigt auf Anfrage: "Das ist bis heute exakt unsere Position."

 

Tatsächlich: Das Diplom wäre gerettet. Die Studienreform auch. Und alle Beteiligten hätten das Gesicht gewahrt. Sogar Horst Seehofer.


NACHTRAG am 03. Mai 2017:
Dresdens TU-Rektor Hans Müller-Steinhagen sagt, die Diplomingenieur-Studiengänge fast flächendeckend abzuschaffen,  sei ein Fehler der deutschen Politik gewesen – "und der Wirtschaft, die dies inzwischen weitgehend bereut". Der Verband Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA) widerspricht und bezeichnet eine neue Diskussion um den Diplom-Ingenieur als "überflüssig". Nicht der Abschusstitel sei entscheidend, sondern die Inhalte eines Studiums seien es, sagt der stellvertretende VDMA-Hauptgeschäftsführer Hartmut Rauen. "Statt über Titel zu diskutieren, sollte diese Energie in die weitere Verbesserung der Lehre investiert werden.“ Ein bisschen über Titel diskutieren will dann aber auch der VDMA und fordert den Zusatz "of Science in Engineering" nach dem Bachelor- und Mastertitel, um den Ingenieurabschluss auch in Bologna-Zeiten unverwechselbar zu machen. Der Begriff "Ingenieur" sei wichtiger im Dipl.Ing. gewesen als das Wort "Diplom", sagt Hartmut Rauen: "Diese Identitätsstiftung ist genauso umsetzbar mit dem Begriff Engineering." 

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Kommentare: 2
  • #1

    Klaus Diepol (Dienstag, 02 Mai 2017 15:55)

    Diplom hin, Master her - den oft angeführten Markenwert eines deutschen Diplom-Ingenieurs habe ich in 10 Jahren internationaler Forschungs- und Entwicklungstätigkeit persönlich nicht erlebt. Statt dessen war ich als Verantwortlicher stets aufgefordert, amerikanischen Investoren und nicht-deutsch-sprechenden Geschäftspartnern die Abschlüsse meiner Diplom- Ingenieure, Diplom-Informatiker und Diplom-Physiker auf ein international verständliches Format zu übersetzen - eben als "Master-level education". Der internationale Ruf des Dipl.-Ing. ist für mich eher eine Legende.

  • #2

    Karlchen Mühsam (Mittwoch, 03 Mai 2017 20:37)

    Auch wenn Populisten (als solche betrachte ich die 6 Abweichler) sachlichen Argumenten nicht unbedingt sehr aufgeschlossen gegenüber stehen, wäre es in der Tat von Interesse, ob es Studien zum Markenwert des Dipl. Ing bzw. zu den Auswirkungen der geänderten Abschlüsse gibt? Haben Bachelor- und Masterabsolventen national und international größere Schwierigkeiten als die Dipl. Ing-Absolventen?