Grenzenlos bayerisch

Die Technische Universität München will eine Filiale in Baden-Württemberg eröffnen. Das hat es in der Form noch nie gegeben.

Der Bildungscampus Heilbronn (Foto: Dieter Schwarz Stiftung gGmbH)
Der Bildungscampus Heilbronn (Foto: Dieter Schwarz Stiftung gGmbH)

ES IST EIN hochschulpolitisches Novum: Die Technische Universität München (TUM) will als bayerische Staatshochschule eine Niederlassung in Baden-Württemberg aufbauen. Wie TUM-Präsident Wolfgang Herrmann am Wochenende bestätigte, sollen schon im Wintersemester 2018 die ersten Bachelorstudenten ihr Studium in Heilbronn aufnehmen. „Wir haben bislang acht Standorte in Bayern und einen in Asien“, sagt Herrmann. „Warum also soll in Baden-Württemberg nicht funktionieren, was auch in Singapur geht?“

 

Fest steht: Bislang hat noch nie eine bundesdeutsche Hochschule in Landesträgerschaft ihr Betätigungsfeld über die Grenzen des eigenen Bundeslandes ausgeweitet. Es ist allerdings nicht die erste ungewöhnliche Hochschulkonstruktion unter Federführung der TUM: Erst im Juli 2016 hatte die bayerische Staatsregierung beschlossen, dass Herrmanns Universität künftig die Trägerschaft der (Fach-)“Hochschule Straubing für Biotechnologie und Nachhaltigkeit“ übernehmen soll, die aus dem bisherigen Wissenschaftszentrum Straubing entsteht.

 

Finanziert wird das baden-württembergische TUM-Engagement komplett durch die in Neckarsulm bei Heilbronn ansässige Dieter-Schwarz-Stiftung. Hinter der Stiftung steht die Schwarz-Gruppe, zu der die Lebensmittelketten Lidl und Kaufland gehören. Insgesamt 20 Stiftungsprofessuren spendiert die Stiftung der TUM, von denen 13 in Heilbronn und sieben in Garching bei München angesiedelt sein sollen. Auch die Heilbronner Professoren bekommen einen bayerischen Dienstvertrag mit Einsatzort Heilbronn. >>



>> Hochschulexperten äußern sich gespannt, welche rechtliche Konstruktion die TUM für ihre Expedition raus aus dem Freistaat wählen wird. Vorbilder gäbe es zu Hauf – allerdings nur im privaten Bildungssektor, wo länderübergreifende Hochschulketten fast schon zum Alltag gehören. Auch die TUM und die Lidl-Stiftung wollen offenbar Teil des Betriebs über eine GmbH abwickeln. Wobei die Partner versichern: Alle grundständigen Bachelor- und Masterangebote werden kostenfrei sein. 

 

Die baden-württembergische Niederlassung der bayerischen Uni entsteht auf dem von der Stiftung gegründeten Bildungscampus, auf dem bereits ein eigenständiger Standort der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) verschiedene Bachelorstudiengänge anbietet, außerdem sind landesweit alle DHBW-Masterprogramme im Heilbronner „Center for Advanced Studies“ konzentriert. Auch die Hochschule Heilbronn, eine staatlich finanzierte Fachhochschule, hat ihren größten Standort auf dem Bildungscampus – und die von der Stiftung getragene „German Graduate School“ (GGS), die berufsbegleitende Masterstudiengänge in Management anbietet, allerdings nur auf Fachhochschulniveau.

 

Was im Ensemble bislang fehlte: eine universitäre Einrichtung mit Promotionsrecht. Schon vor Jahren gab Stiftungsgründer Dieter Schwarz deshalb das Ziel aus, einen universitären Partner zu finden. Jetzt können Reinhold Geilsdörfer, der Geschäftsführer der Stiftung, und der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung, Peter Frankenberg, Erfolg vermelden.

 

Frankenberg war bis 2011 Wissenschaftsminister von Baden-Württemberg, Geilsdörfer bis Anfang 2016 Präsident der DHBW. In Geilsdörfers Amtszeit als DHBW-Präsident kam der DHBW-Standort nach Heilbronn, ebenso wie das „Center for Advanced Studies“. Nach seinem Wechsel zur Stiftung musste sich der umtriebige Bildungsmanager gegen Vorwürfe wehren, er habe die DHBW in finanziell schwere Fahrwasser geführt, und sein nahtloser Wechsel zur Stiftung sei zumindest fragwürdig. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen angeblicher Vorteilsnahme wurden eingestellt.

 

Die Kooperation mit der Business School der TU München kommt überraschend. Lange sah es so aus, als würde eine andere Universität in Heilbronn das Rennen machen, genauer gesagt: Die Business School der Universität Mannheim. Man sei bei den Verhandlungen auf einem „sehr guten Weg“, verkündete der Mannheimer Rektor Ernst-Ludwig von Thadden noch im April in der Tageszeitung Heilbronner Stimme. Doch was am Ende laut Stiftungschef Geilsdörfer den Ausschlag für München gab, war die Ausrichtung der TUM „an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik, und genau da sind wir auch unterwegs.“

 

Die Stiftung sei auf die TUM zugekommen, betont denn auch TUM-Präsident Herrmann, „und da sind wir sehr froh drüber.“ 100 Studienanfänger will die TUM jedes Jahr am Heilbronner Standort in ihren Bachelor-Studiengang „TUM BWL“ aufnehmen, Herrmanns Sprecher zufolge der am schnellsten wachsende Studiengang der TUM überhaupt. Er speist sich zu 70 Prozent aus den Wirtschafts- und zu 30 Prozent aus den Technik- und Naturwissenschaften. Während in Heilbronn größtenteils Professuren mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt entstehen sollen, sollen die Studenten im Laufe ihres Studiums für ein Semester nach München-Garching umziehen, um dort schwerpunktmäßig die Technikfächer zu studieren. Die Stiftung will dafür sogar ein eigenes Wohnheim in Garching einrichten.

 

Zusätzlich zum Bachelorstudiengang sollen verschiedene TUM-Master angeboten werden, alle an der Schnittstelle zwischen Technik und Wirtschaft. Forschung in Familienunternehmen, Entrepreneurship und die Bewältigung des digitalen Wandels: Das seien die angestrebten Schwerpunkte in Heilbronn, sagt Gunther Friedl, Dekan der federführenden TUM-Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, und schwärmt von der mittelständischen Wirtschaftsstruktur in Baden-Württemberg. „Die haben wir so in Bayern nicht.“ Und genau das mache die Sache für die TUM so interessant. Viele Unternehmen in und um Heilbronn seien dazu noch Autozulieferer, die sich inmitten eines enormen Technologiewandels befänden – hin zu neuen Antriebstechniken und zum autonomen Fahren. „Auch das ist extrem spannend für unsere Forschung und Lehre.“ Zusätzlich zu den 100 Masterstudenten pro Jahr rechnet Friedl mit insgesamt etwa 40 Doktoranden, so dass im Vollbetrieb rund 1000 junge Leute am Heilbronner TUM-Standort studieren könnten. Ein Teil der Studiengänge wird kostenfrei sein, zusätzlich soll es Executive- und Weiterbildungs-Master geben – zum Vollkostenpreis.

 

Und was kostet all das den bayerischen Steuerzahler? Keinen Cent, versichert Dekan Friedl. „Im Gegenteil: Dadurch, dass auch in München zusätzliche Professuren entstehen, profitiert der Freistaat eher noch in der Gesamtschau.“

 

Bayerns Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) sei von Anfang an in die Pläne eingebunden gewesen, sagt TUM-Präsident Herrmann. „Und er unterstützt sie voll und ganz.“ Spaenles baden-württembergische Amtskollegin Theresia Bauer (Grüne) hingegen war bis zum Freitag offenbar nicht informiert. Juristisch bewegen sich die Kooperationspartner damit wohl im grünen Bereich: Die Standortgründung einer auswärtigen Hochschule ist in Baden-Württemberg gegenüber dem zuständigen Ministerium nur anzeige-, nicht aber genehmigungspflichtig. Ob es strategisch klug war, die Ministerin so lange außen vor zu lassen, steht auf einem anderen Blatt.

 

Am Wochenende sagte Bauer lediglich, sie kenne die Heilbronner TUM-Pläne bislang nur in den Grundzügen, zum konkreten Modell könne sie noch nichts sagen, „wir werden es prüfen.“ Wenn am Ende jedoch die Qualität stimme und der Standort Heilbronn von dem zusätzlichen Bildungsangebot profitiere, so Bauer, „dann werden wir sicherlich keine Einwände haben.“

 

Verschnupft sein dürfte hingegen Mannheims Rektor von Thadden, denn noch vergangene Woche liefen hinter den Kulissen Gespräche, Mannheim zurück ins Rennen zu bringen. Nicht nur verschnupft, sondern tief besorgt sind sie an der German Graduate School“ (GGS). Deren Präsident Dirk Zupancic hatte schon im vergangenen Herbst hingeworfen, wegen „Differenzen über die strategische Ausrichtung“, wie es hieß. Jetzt kündigte Geilsdörfer an, dass die GGS im neuen TUM-Standort aufgehen werde. „Aber wir werden allen Mitarbeitern die Möglichkeit des Übergangs in die neue Einrichtung eröffnen.“ Allerdings müssten sie sich neu bewerben, einen Automatismus werde es nicht geben.

 

Auf meine Anfrage hin kündigten TUM und Dieter-Schwarz-Stiftung an, ihre Pläne noch am Dienstag in einer Pressemitteilung öffentlich zu machen. Ein Vorbild für den Rest der Republik? Werden jetzt auch andere staatliche Hochschule den Schritt in ein anderes Bundesland wagen, wenn der doch juristisch gesehen offenbar so einfach ist? Herrmann und Geilsdörfer zumindest sehen sich in einer Vorreiterrolle, und der langjährige CDU-Wissenschaftsminister Frankenberg sekundiert: „Es ist doch gut, wenn mal einer über die gedankliche Barriere eines solchen Projekts überwindet.“ Es seien, sagt Frankenberg, „viele Konstellationen“ vorstellbar, in dem es für ein Bundesland günstiger wäre, mit der Hochschule eines anderen Bundeslandes in Kooperation zu treten, als selbst von Grundauf ein praktisch identisches Studienangebot aufzubauen. „Es ist eher komisch, dass das bislang noch keiner gemacht hat.“

 

Wahrscheinlicher ist indes, dass Herrmanns Rektorenkollegen erst einmal abwarten und genau hinschauen, ob und wie das neue baden-württembergisch-bayerische Zweiergespann seine Idee in die Praxis umgesetzt bekommt – und nebenbei noch die drohenden Konflikte beruhigt. Die eigentliche Arbeit an ihrem gemeinsamen Projekt, so sieht es aus, hat heute erst begonnen.


NACHTRAG AM 1. AUGUST:

Die Sozialdemokraten im baden-württembergischen Landtag bezeichnen es als "unglücklich", dass keine Kooperation mit einer baden-württembergischen Universität zustande gekommen sei. In einer parlamentarischen Anfrage wollte die SPD-Fraktion Ende Juni vom Wissenschaftsministerium wissen, welche Rolle Bauer bei den Verhandlungen gespielt habe.

 

Die Stuttgarter Nachrichten hatten zuvor in einem Kommentar befunden, die Universität Mannheim habe – "an der kurzen Leine des Hochschulministeriums von Theresia Bauer" – die große Chance auf eine Millionenförderung aus baden-württembergischen Stiftungsmitteln vertan.

 

Bauers Ministerium antwortete: Es sei gar nicht zu einem zwischen Mannheim und der Dieter-Schwarz-Stiftung abgestimmten Konzept gekommen, das dem Wissenschaftsministerium hätte vorgelegt werden können, daher könnten auch die damit verbundenen Chancen nicht beurteilt werden. "Sollte sich der Begriff „kurze Leine“ auf den Hinweis auf zu beachtende rechtliche Rahmenbedingungen beziehen, weist das Ministerium dies zurück, da die Einhaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen eine Selbstverständlichkeit sein muss."


Auch wollte die SPD wissen, ob Bauer Nachahmer in Form weiterer grenzüberschreitender Hochschulprojekte erwarte. Das sei "in nennenswertem Maße" grundsätzlich nicht zu erwarten, antwortete das Ministerium. Der Fall Heilbronn bleibt also nach ministerieller Auffassung ein Einzelfall. 

 

Die hochschulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Gabi Rolland sagte, es mache es für den Heilbronner Hochschulstandort selbst keinen Unterschied, ob nun künftige Universitäts-Campus aus München oder Mannheim gesteuert werde, doch der ""Hochschulkosmetik des Landes hätte diese außerordentliche Förderung "sehr gut zu Gesicht gestanden. Deshalb ist es einfach nur schade, dass dem Land auf dieser Art und Weise der Zugang zur Finanzierung von 20 Stiftungsprofessuren sowie vermutlich weitere Gelder verloren gehen."


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Kommentare: 1
  • #1

    Dennis Hillemann (Dienstag, 06 Juni 2017 10:17)

    Vielen Dank für den spannenden Beitrag. Die Entwicklung überrascht nicht, da die rechtlichen Voraussetzungen für solche Zweig-Niederlassungen in vielen Bundesländern vorliegen und recht niedrig sind. Bald schon werden dann einige in anderen EU-Ländern akkreditierte Hochschulen mit ihren (gebührenpflichtigen) Studiengängen folgen, letztlich fast aus der Grundlage der gleichen rechtlichen Regelungen. Es geht also mit solchen länderübergreifenden Angeboten erst los.