Eine Notgemeinschaft für die Lehre

Wer die Einheit von Forschung und Lehre wirklich will, unterstützt die Initiative des Wissenschaftsrats. Ein Gastbeitrag von Klaus Diepold.

Foto: Francis Bautista
Foto: Francis Bautista

DIE HOCHSCHULREKTORENKONFERENZ (HRK) hat den Vorschlag des Wissenschaftsrates, eine unabhängige Förderorganisation für lehrbezogene Vorhaben einzurichten, vorschnell als unnötig abgetan. Auch wenn der Vorschlag bisher nur in groben Zügen skizziert wurde, stellt er doch einen konkreten Handlungsauftrag dar an die Gemeinschaft der Lehrenden in allen Arten von Hochschulen, diesen Gedanken aufzunehmen und inhaltlich auszugestalten.

 

Die unabhängige Organisation, die der Wissenschaftsrat anregt, soll wissenschaftsgetragen sein, was bedeutet, dass es sich hier um eine Gemeinschaft der Hochschullehrer und – lehrerinnen handeln würde, die frei von politischen Trends agiert, geprägt vom beruflichen Selbstverständnis und getragen von der Mission der Lehre. In Anlehnung an die Ursprünge der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wäre der Name „Notgemeinschaft der Deutschen Hochschullehre“ denkbar.

 

Die Notgemeinschaft könnte die Verteilung von Fördergeldern für Lehrprojekte, vergleichbar zur Funktion der DFG, übernehmen. Wir haben in den vergangenen Jahren im Rahmen des Qualitätspakts Lehre vielfältige positive Erfahrungen in der Förderung neuartiger Lehrformate gesammelt. Es gibt genügend Argumente und Befunde, die nahe legen, diese Form der Projektförderung dauerhaft weiterzuführen.

 

Die Existenz einer Notgemeinschaft und der damit verbundenen Fördermittel bedeutet keineswegs zwangsläufig, dass sich im Gegenzug Landesregierungenaus der Grundfinanzierung der Hochschulen zurückziehen. Im Gegenteil, die finanzielle Förderung von Lehrprojekten könnte von der Notgemeinschaft auch mit Forderungen nach Verstetigung oder der nachhaltigen Finanzierung angestoßener Projekte durch die Landesregierung oder die Hochschule verbunden werden, sofern Projekte Erfolge nachweisen können. Ähnlich strukturbildende Maßnahmen führt auch die DFG durch, wenn Entscheidungen für die Einrichtung von Sonderforschungsbereichen oder vergleichbarer Verbundprojekte in der Forschung getroffen werden. >>



>> Die Beispiele qualitativ guter und innovativer Lehre entspringen meist der Privatinitiative einzelner Überzeugungstäter und sind selten das Ergebnis institutioneller Strategien. Vergleichbar zur Idee der Forschungsförderung durch die DFG wäre es das Ziel einer Notgemeinschaft, einen fortgesetzten Fluss von Bottom-Up-Initiativen, Ideen und Vorschlägen zu erzeugen, die von einzelnen HochschullehrerInnen ausgearbeitet und umgesetzt würden. An dieser Stelle könnte die Notgemeinschaft neben der Projektfinanzierung auch die Funktion übernehmen, Lehrinnovationen von einzelnen Personen oder Gruppen zu unterstützen, deren Wirksamkeit zu erfassen und die Ergebnisse über die Grenzen von Hochschulen und über Landesgrenzen hinweg zu verbreiten. Dadurch würde die neue Organisation einen nachhaltigen Innovationsprozess für Lehre orchestrieren.

 

Die Aussage, dass es nicht möglich sei, die Qualität akademischer Lehre vernünftig zu bewerten, ist eine Ausrede, die es den Kritikern erlaubt, in fatalistischer Passivität zu verharren. Erstens gibt es sehr wohl Konzepte, die für eine objektive Bewertung von Lehre dienen, und zweitens ist es gleichermaßen schwierig, die Qualität von Forschung objektiv zu bewerten. Aber hier gibt es dennoch einen Kanon von akzeptierten und angewandten Methoden zur Vermessung der Forschungsqualität. Neben der Vergabe von Fördermitteln für die Lehre (Schlagwort „Drittmittel für die Lehre“) böte die angedacht Notgemeinschaft den Rahmen, akzeptierte Standards für die Bewertung der Qualität von Lehre zu entwickeln, zu erproben und zu etablieren.

 

Denkbar wäre darüber hinaus, spezielle Förderinstrumente für die Lehre zu entwickeln. Vergleichbare Prozesse hat die DFG ebenfalls durchlaufen. Erfolgreiche Förderinstrumente wie die seit 1968 eingerichteten Sonderforschungsbereiche hat sie sukzessive getestet, bewertet, angepasst und verfeinert.

 

Die Produktivität in der Forschung wird zum Teil durch das Volumen der eingeworbenen Drittmittel erfasst. Wenn es Drittmittel für die Lehre gäbe, könnten diese in vergleichbarer Weise als einfaches Maß dienen, um die Innovationskraft eines Hochschullehrenden zu messen und diesen persönlichen Erfolg karrierewirksam werden zu lassen. Das wäre ein Beitrag zur Reduzierung der Reputationsunsymmetrie zwischen Forschung und Lehre. Für einen jungen Hochschullehrer (zum Beispiel in einem Tenure-Track-System) könnte es sich somit erstmals wirklich lohnen, sich neben der Forschungstätigkeit auch für die Weiterentwicklung der Lehre zu engagieren.

 

DFG-finanzierte Mitarbeiterinnen in Forschungsprojekten werden wie selbstverständlich auch zur Lehre herangezogen. Mittlerweile ist diese Querfinanzierung von Lehrveranstaltungen sogar zur Notwendigkeit geworden, weil sonst an vielen Stellen die Lehre nicht mehr geleistet werden könnte. Was per se nicht schlecht ist: Ein maßvolles Engagement in der Lehre bietet Doktoranden und Doktorandinnen vielfältige Möglichkeiten, außerfachliche Qualifikationen und Erfahrungen zu sammeln, was zu ihrer Bildung und Ausbildung beiträgt. In gleicher Weise wäre es vorstellbar, dass Mitarbeiterstellen aus Lehrprojekten zu finanzieren. Diese Mitarbeitenden können sich über die Arbeit am Lehrprojekt hinaus auch in der Forschung engagieren und dadurch die Möglichkeit bekommen, sich akademisch zu qualifizieren. Dieser Ansatz entspräche einer neuen Interpretation des Begriffs „Einheit von Forschung und Lehre“.

 

In diesem Zusammenhang sei auf das Wirken des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft zusammen mit der Baden-Württemberg-Stiftung hingewiesen, die im Rahmen eines Fellowprogramms für Innovation in der Hochschullehre bereits eindrucksvolle Vorarbeit geleistet haben. Hier wurden Initiativen von einzelnen Lehrenden finanziell gefördert, gleichzeitig wurden die Lehrenden in einer lebendigen Gemeinschaft der Fellows vernetzt. In diesem Netz werden Erfahrungen, Ideen und Gedanken über alle Fach- und Landesgrenzen hinaus ausgetauscht, das Thema Lehre wird nachhaltig thematisiert. Auch hier werden Anstrengungen unternommen, die Wirksamkeit der Lehrinnovationen zu erfassen und die dafür nötigen Maßstäbe zu entwickeln. Zudem veranstaltet der Stifterverband jährlich eine Lehr-/Lern-Konferenz, die sich ausschließlich den praktischen Fragen der Lehre widmet. Eine existierende Vorlage als Startpunkt zur Gestaltung einer Notgemeinschaft existiert also längst.

 

Die vorgeschlagene Lehrgemeinschaft ist eine überfällige und alternativlose Initiative, die es zu entwickeln und auszugestalten gilt.

 

Klaus Diepold ist Professor für Datenverarbeitung an der TU München und erhielt 2012 ein Fellowship für Innovationen in der Hochschullehre.

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Kommentare: 1
  • #1

    Mathias Magdowski (Samstag, 10 Juni 2017 20:13)

    Wie wäre es, statt "Drittmittel für die Lehre" auszugeben, einfach mal den akademischen Mittelbau vernünftig und langfristig zu finanzieren. Der Rest (mehr Engagement in der Lehre durch mehr freie Zeit, mehr Zeit für lehrstuhlübergreifenden, fakultätsübergreifenden und universitätsübergreifenden Austausch bezüglich der Lehre, vorhandene Idee und Konzepte für die Lehre lieber "gut kopieren als schlecht selber machen") ergibt sich dann von ganz allein.