Abschied von "Helmholtz 2020"

Vergangene Woche hat der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen zur Zukunft der Zentren für Gesundheitsforschung vorgelegt. Fast beiläufig beendet er damit die jahrelange Debatte um eine Sonderrolle für Helmholtz im Wissenschaftssystem.

Foto: Sitz der Helmholtz-Geschäftsstelle in Berlin. Jörg Zägel: "Spree-Palais", CC BY-SA 3.0

WENN DER WISSENSCHAFTSRAT ein Papier schreibt, ist dessen Tragweite nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Das mag an den sperrigen Titeln liegen, mit denen das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern seine Wortmeldungen versieht. So werden auch die "Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung",  die der Wissenschaftsrat vergangene Woche veröffentlicht hat, bislang nur unter den Medizinern heftig diskutiert. Dabei haben sie eine Bedeutung, die weit über die Fach-Community hinausreicht: Sie markieren das endgültige Ende der 2012 mit viel Aufsehen verkündeten Strategie "Helmholtz 2020". Am wenigsten überrascht davon dürfte die Helmholtz-Gemeinschaft selbst gewesen sein, denn die Geschichte von "Helmholtz 2020" war von Anfang man eng mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) verknüpft. 

 

Zunächst ein paar Sätze zu den DZG. Sechs von ihnen gibt es bundesweit, eingerichtet wurden sie zwischen 2009 und 2012, als Annette Schavan (CDU) Bundesforschungsministerin war. Vereinfacht ausgedrückt sind die meisten Zentren auf Dauer angelegte Netzwerke mit Universitäten, Unikliniken, Krankenhäusern und außeruniversitären Forschungsinstituten als Partner. Ihre Mission lässt sich zusammenfassen mit dem derzeit populärsten Buzzword in der Gesundheitsforschung: Translation. Anders formuliert: Forschungsergebnisse, die im Labor gewonnen werden, sollen schneller als bislang im Klinikalltag ankommen, Patienten schneller von den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren. Es ist ein Deal mit Vorteilen auf beiden Seiten. Die Ärzte in den Krankenhäusern kommen an die Highend-Wissenschaft, die Forscher (vor allem die nicht-universitären) kommen an die Patienten. „Mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung ist ein wertvoller Mehrwert für das deutsche Wissenschaftssystem geschaffen“, sagte die Wissenschaftsratsvorsitzende Martina Brockmeier vergangenen Woche. So weit, so diplomatisch.

 

Mehr als 40 Standorte und über 80 Partnereinrichtungen sind vernetzt über die sechs Zentren, die an neuen Therapien für die großen Volkskrankheiten wie Krebs oder Diabetes forschen. Pro Jahr fördert allein der Bund die DZG mit 230 Millionen Euro, und zwar auf Dauer. Die Länder legen nochmal rund 23 Millionen drauf. Einen speziellen Fall stellt das Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) dar, da es mit seiner Gründung zugleich zum Helmholtz-Zentrum wurde. 

 

Nun zu der organisatorischen Besonderheit der fünf übrigen DZG: Die Partner sind nicht alle gleich. In jedem der Verbünde hat ein Helmholtz-Zentrum die Funktion des Geldverteilers übernommen. Helmholtz erhält die DZG-Millionen vom Bund und reicht sie dann weiter an die anderen Partner. Besonders in den Anfangsjahren hatte diese Vormachtstellung zu erheblichem Verdruss an den Universitäten geführt. Von einer "Gutsherrenattitüde" war die Rede, von einem allzu breitbeinigen Auftreten der Helmholtz-Forscher und einer nur vermeintlichen Augenhöhe aller Partner, die nur in Festreden betont, im Alltag jedoch nicht gelebt werde.

 

 

Die DZG als Inspiration für "Helmholtz 2020"

 

Das Misstrauen gegenüber Helmholtz verstärkte sich, als die größte deutsche Forschungsorganisation 2012 ihr Strategiepapier "Helmholtz 2020" veröffentlichte, "als Angebot an die Politik", wie der damalige Helmholtz-Präsident Jürgen Mlynek betonte. Weitere "bundesfinanzierte, nationale Einrichtungen nach dem Vorbild des Karlsruher Instituts für Technologie KIT" sollten entstehen, mit Helmholtz-Zentren und Universitäten als Fusionspartner. Wo lokal die kritische Masse fehle, seien dezentrale, projektförmig oder sogar institutionell finanzierte Netzwerke "anzustreben": Die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung wurden zur Inspiration für "Helmholtz 2020" und zur Blaupause für weitere Wissenschaftsdisziplinen.

 

Durch die DZG auf den Geschmack gekommen, wollte die Forschungsorganisation Helmholtz erst richtig in die Forschungsförderung einsteigen und noch mehr Gelder an die Universitäten verteilen, als eine Art kleinere DFG für die Programmforschung. Diese "Programmförderaktivität" solle die "klassische Projektförderung des Bundes um eine zusätzliche strategische Dimension ergänzen", heißt es in "Helmholtz 2020". Und: Auch künftig werde Helmholtz eine "international herausragenden Architektenrolle übernehmen". Große Worte, große Ambitionen. Und von den Wissenschaftspolitikern in Bund und Ländern zeigte sich mancher durchaus beeindruckt.>>



>> Weniger beeindruckt waren viele an den Hochschulen. Der Deutsche Hochschulverband (DHV) warnte vor einer "Helmholtzifizierung des Wissenschaftssystems". Sollten die Pläne umgesetzt werden, sagte DHV-Präsident Bernhard Kempen Ende 2012, "würde die Tektonik des bislang diversifizierten Wissenschaftssystems mit gleichberechtigten Partnern aus universitärer und außeruniversitärer Forschung Schaden nehmen." 

 

Der Wissenschaftsrat selbst reagierte erstmals im Juli 2013 auf das umstrittene Strategiepapier und verlangte, "die Aufgabe der Forschungsdurchführung" müsse von der der Forschungsförderung institutionell getrennt bleiben. Mehr Klartext sprach das Gremium im Oktober 2015, als es seine "Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Programmorientierten Förderung der Helmholtz- Gemeinschaft" vorlegte, wobei der Titel täuschte, denn tatsächlich ging der Wissenschaftsrat in seinen Aussagen weit über interne Governancefragen hinaus.

 

Angesichts der Größe der Helmholtz-Gemeinschaft und ihrer besonderen Beziehungen zur Politik sei es von zentraler Bedeutung, schrieb der Wissenschaftsrat, dafür Sorge zu tragen, dass "die Vielfalt des deutschen Wissenschaftssystems gewahrt und die Autonomie der anderen wissenschaftlichen Einrichtungen nicht beeinträchtigt werden". Und dann der entscheidende Satz: "Von der Empfehlung, die Mittel der Helmholtz-Gemeinschaft im Sinne einer extramuralen Förderung zu nutzen, um einen systemweiten Wettbewerb zu initiieren, nimmt der Wissenschaftsrat deshalb Abstand." 

 

 

"Konfliktträchtige Doppelrolle"

 

Vergangene Woche nun verwies der Wissenschaftsrat auf den Bundesrechnungshof, der "die Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten für den Bund als hauptsächlichen Zuwendungsgeber" vor allem im so genannten DZG-Vereinsmodell als unzureichend ungestuft hatte. Auch sei die Doppelrolle der Helmholtz-Zentren als Zuwendungsempfänger und Zuwendungsgeber konfliktträchtig. Weiter berichtete der Wissenschaftsrat: "Die besondere Position der Helmholtz-Zentren kritisieren auch einige beteiligte Einrichtungen, die ein asymmetrisches Verhältnis der in den DZG zusammenwirkenden Mitglieder bzw. Partner problematisieren."

 

Im Ergebnis – und in logischer Fortsetzung seiner Empfehlungen von 2013 und 2015 – plädierte der Wissenschaftsrat dafür, die projektförmige Weiterleitung von Fördergeldern durch Helmholtz zu beenden und künftige Deutsche Zentren für die Gesundheitsforschung direkt zu finanzieren, als eigenständige, zuwendungsfähige Vereine. Ein zweiter Aspekt der aktuellen Empfehlungen ist für Helmholtz nicht weniger pikant: Der Wissenschaftsrat halte es nicht für gerechtfertigt, kann man in seinem Papier nachlesen, "wenn im Weiterleitungsmodell ein Ausscheiden der fördermittelweiterleitenden Helmholtz-Zentren als wissenschaftlicher Partner grundsätzlich nicht möglich wäre.“

 

Anders formuliert: Künftig sind auch DZG ohne Helmholtz vorstellbar, ein Helmholtz-Zentrum als automatischer Ankerpartner ist nicht länger gesetzt. Damit nahm der Wissenschaftsrat einen weiteren Kritikpunkt der Universitäten auf: Wie könne es sein, protestierten sie in den Anfangsjahren, dass alle Partner ihre wissenschaftliche Qualität beweisen müssten, um DZG-Mitglied zu werden, nur Helmholtz nicht?

 

 

Nicht beabsichtige Folgen einer hitzigen Debatte?

 

Als einer der Köpfe hinter "Helmholtz 2020" und als entschiedener Verfechter der DZG gilt Otmar D. Wiestler, bis 2015 Chef des zu Helmholtz gehörenden Deutschen Krebsforschungszentrums (DFKZ), das sogar direkter Träger eines DZG geworden ist, des Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK). Seit 2015 ist Wiestler Präsident der gesamten Helmholtz-Gemeinschaft. Wie reagiert er auf das Votum des Wissenschaftsrates? "Herr Wiestler möchte zu diesem Thema derzeit nicht öffentlich Stellung nehmen", lautet die Antwort aus der Helmholtz-Geschäftsstelle.

 

Dem Manager-Magazin sagte Wiestler schon vor zwei Jahren, dass in der "hitzigen Debatte" über "Helmholtz 2020" der Eindruck eines "überhöhten Anspruchs" der Helmholtz-Gemeinschaft erwachsen sei, "der gar nicht beabsichtigt war". Auch sein Vorgänger Mlynek hatte sich im Nachgang von "Helmholtz 2020" um Deeskalation bemüht und die Bedeutung gleichberechtigter Kooperationen hervorgehoben. 

 

Das jüngste Papier sei keine Anti-Helmholtz-Empfehlung, betont denn auch Beatrix Schwörer, Abteilungsleiterin Medizin beim Wissenschaftsrat. "Es handelt sich mehr um eine Weiterentwicklung der DZG, die wir vorschlagen, weil sich die Rahmenbedingungen seit der Gründungsphase grundlegend geändert haben."

 

Tatsächlich wäre eine Direktfinanzierung der Zentren noch vor wenigen Jahren verfassungsrechtlich unmöglich gewesen. Die Zentren und auch "Helmholtz 2020" entstanden in einer Phase, in der offen war, wie das Wissenschaftssystem in ein paar Jahren organisiert sein würde. So argumentierte auch Wiestlers Vorgänger Mlynek bei der öffentlichen Präsentation der Strategie im September 2012: Der Wissenschaftsstandort Deutschland stehe vor einer bedeutenden Zäsur, das Auslaufen der Exzellenzinitiatve 2017 und "die Frage, in welcher Weise der Pakt für Forschung und Innovation und Hochschulpakt weitergeführt werden, erfordern die Entwicklung einer klaren Zukunftsperspektive." 

 

 

Die Zukunft kam anders als gedacht

 

Die Zukunftsperspektive kam, aber anders als damals gedacht, in Form der Änderung des Grundgesetzes: Ende 2014 hoben die Große Koalition im Bund und die 16 Landesregierungen das Kooperationsverbot für den Bereich der Hochschulen auf, indem sie den Artikel 91b des Grundgesetzes neu fassten. Seitdem darf der Bund Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen der Länder dauerhaft mitfinanzieren. Und so braucht es den Umweg Helmholtz nicht mehr – was der Wissenschaftsrat schon in seinen Helmholtz-Empfehlungen 2015  sehr deutlich zum Ausdruck gebracht hatte: Bezogen auf die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung formulierte das Gremium damals, nach Änderung von Artikel 91b könnten künftig "Modelle für die Zusammenarbeit von Helmholtz-Zentren und Universitäten entwickelt werden, in denen beide Partner direkt von Bund und Ländern gefördert werden."

 

Über das bisherige Finanzierungsmodell der DZG sei einfach der Lauf der Zeit hinweggegangen, sagt auch Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages (MFT). "Helmholtz wird für die Zentren weiter eine wichtige Rolle spielen, aber bei der Einrichtung neuer DZG wäre Helmholtz nur noch einer von mehreren wissenschaftlichen Partnern, die sich anbieten." 

 

Helmholtz als einer unter anderen, nicht mehr als primus inter pares: Mit seinen Plänen zur Zukunft der DZG konkretisiert der Wissenschaftsrat also lediglich, was er schon 2015 angekündigt hatte – und räumt nebenher "Helmholtz 2020" endgültig ab. Ein bemerkenswert beiläufiger, fast unbemerkt gebliebener Schlussstrich für ein so kontrovers gestartetes Strategieprojekt.

 

Selbst DHV-Präsident Kempen, der zu Beginn von "Helmholtz 2020" so scharf gegen Helmholtz schoss, kommentierte die Empfehlungen nur noch auf Nachfrage, aber mit Genugtuung: "Ein Rückschlag für die Helmholtz-Gemeinschaft" sei das Plädoyer des Wissenschaftsrats", sagt Kempen. Eine "Top-Down-Steuerung, die Forschungsinhalte vorgibt", vertrage sich eben nicht mit der universitären Wissenschaftskultur.  


Wobei das mit dem Rückschlag fast schon nicht mehr stimmt, denn selbst Otmar D. Wiestler ist in den vergangenen Jahren nicht nur rhetorisch von "Helmholtz 2020" abgerückt, auch er hat inhaltlich offenbar längst davon Abschied genommen. In seiner "Agenda des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft 2016-2020" taucht "Helmholtz 2020" als Begriff nicht mehr auf.

 

Ironisch ist, dass sich die vermeintlich durch Helmholtz' Führungsanspruch entstandenen Konflikte innerhalb der DZG über die Jahre weitgehend erledigt zu haben scheinen. "Die Partner in den DZG haben einen guten Arbeitsmodus miteinander gefunden", sagt Wissing. Und Beatrix Schwörer sagt, die beteiligten Helmholtz-Zentren hätten ihre wissenschaftliche Kompetenz in den vergangenen Jahren auf vielfache Weise unter Beweis gestellt. "Deshalb müssen sie meines Erachtens innerhalb der DZG auch nicht besonders geschützt werden."


In eigener Sache: Ich habe von Januar 2013 bis Juli 2015 den Bereich Kommunikation und Medien der Helmholtz-Gemeinschaft geleitet.

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