"Man fragt sich: Wieso wird dem überhaupt nachgegangen?"

Die Leibniz-Preisträgerin Britta Nestler berichtet von ihren Monaten unter falschem Verdacht und fordert Konsequenzen für den Umgang mit anonymen Whistleblowern.

Die nachgeholte Preisverleihung am 04. Juli im Festsaal der Leopoldina in Halle. Links DFG-Präsident Strohschneider, rechts Bundesforschungsministerin Wanka. In der Mitte: Britta Nestler. Foto: DFG/Falk Wenzel
Die nachgeholte Preisverleihung am 04. Juli im Festsaal der Leopoldina in Halle. Links DFG-Präsident Strohschneider, rechts Bundesforschungsministerin Wanka. In der Mitte: Britta Nestler. Foto: DFG/Falk Wenzel

VOR VIER WOCHEN hat die Karlsruher Materialforscherin Britta Nestler mit fast viermonatiger Verspätung den Leibniz-Preis erhalten, nachdem sich die gegen sie anonym erhobenen Anschuldigungen wissenschaftlichen Fehlverhaltens als falsch erwiesen hatten. "Der bittere Preis der Integrität", hatte ich daraufhin geschrieben, und ein Kollege von Nestler, Peter Gumbsch, forderte in einer Replik auf meinen Kommentar, die Wissenschaft braucht einen Kodex für den Umgang mit anonymen Anschuldigungen.

 

Spätestens seitdem hat fast jeder, mit dem man über Nestlers Fall redet, gute Ideen, was sich aus ihm lernen ließe. Zum Beispiel, dass endlich die nationale Plattform zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten kommen müsse, die der Wissenschaftsrat 2015 gefordert hatte, um Ermittlungen bundesweit zu dokumentieren und den Umgang mit Vorwürfen zu standardisieren. Ausgerechnet jetzt wurde jedoch bekannt, dass die Allianz der Wissenschaftsorganisationen einer solchen Plattform eine Absage erteilt hat, wie vergangenen Donnerstag meine Kollegin Christine Prußky in der ZEIT berichtete. Man sehe keinen "klaren Mehrwert", erklärte Helmholtz-Präsident Otmar D. Wiestler, zurzeit Sprecher der Allianz. 

 

Andere meinen, es wäre besser, wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) jetzt ihre gesamten Ermittlungsergebnisse in Sachen Britta Nestler öffentlich machen würde, schon um der Beschuldigten willen. Sagt zum Beispiel die Berliner Informatikprofessorin Debora Weber-Wulff, a.k.a. "WiseWoman", eine aktive Mitarbeiter von VroniPlag Wiki, das schon zahlreiche Plagiatsfälle dokumentiert hat. Weber-Wulff meint, dass das deutsche Wissenschaftssystem immer noch an zu wenig Transparenz leide, was Plagiate begünstige. 

 

Doch was sagt Britta Nestler selbst? Ich habe sie gefragt. Am schlimmsten, sagt sie, sei das Gefühl der Machtlosigkeit gewesen, nachdem die Preisverleihung an sie ausgesetzt worden war und der zuständige DFG-Ausschuss seine Ermittlungen aufgenommen hatte. „Man weiß, man ist unschuldig, und doch traut man dem System nicht. Man fragt sich: Wieso wird dem überhaupt nachgegangen?“

 

Über die Vorwürfe, die der namenlose Tippgeber am Freitag vor der Preisverleihung an die DFG schickte, will Nestler nicht im Einzelnen reden, nur dass sie bis 1999 zurückreichen. Die jüngsten beziehen sich auf 2013. Klar ist: Der Verleumder verfolgt ihre Arbeit und die ihrer Forschergruppe seit langem. Der Stoß Papier, den er an die DFG schickte, umfasste offenbar hunderte Seiten inklusive zahlreicher Anlagen. 

 

DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek, die dem Ausschuss zur "Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ vorsitzt, sagt, irgendwann habe sie selbst ein Verdacht beschlichen: Da versteckt sich jemand hinter dem Anschein eines Whistleblowers, um sich zu rächen. „Das war ein ungutes Gefühl. Man ahnt etwas und kann doch nichts tun.“ Nichts tun, weil die Vorwürfe so konkret und sachlich vorgetragen gewesen seien, versehen mit konkreten Hintergrundwissen über Abläufe und Verfahren an Nestlers Institut, "um eine Untersuchung gemäß unseren Senatsrichtlinien zwingend zu machen.“

 

Eine unmögliche Situation für die zu Unrecht Beschuldigte, aber auch eine unmögliche Situation für die DFG. Also kann man doch nichts lernen, musste alles so laufen, wie es gelaufen ist? Nicht ganz, sagt Britta Nestler: „Die DFG lässt immer noch anonyme Hinweise zu. Das muss aufhören.“ 

 

Dass man anonymen Whistleblowern überhaupt Gehör schenke, entgegnet, Dorothee Dzwonnek, sei die Reaktion auf eine Reihe von Fällen, in denen „Menschen in gutem Glauben und zum Wohl der Wissenschaft Hinweise gegeben haben und als Folge persönliche Nachteile erlitten.“ Trotzdem müsse die DFG über Konsequenzen nachdenken.

 

Über welche genau, habe ich gestern in meinem Artikel über den Fall Nestler in der Süddeutschen Zeitung aufgeschrieben. Dort schildere ich auch im Detail, was sich zwischen dem Eingang des anonymen Schreibens in der Bonner DFG-Geschäftsstelle und der Absage der Preisverleihung an Nestler zugetragen hat. Und ich berichte, was Generalsekretärin Dzwonnek zu dem Einwand Weber-Wulffs sagt, die DFG hätte die Ehrung durchziehen, ermitteln und erst bei Bestätigung der Vorwürfe den Preis gegebenenfalls zurückzuziehen müssen.

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Kommentare: 2
  • #1

    ST (Dienstag, 01 August 2017 11:43)

    Sehr geehrter Herr Wiarda,

    mich macht der Fall – und das, was Sie zu Recht schreiben – ziemlich nachdenklich. Denn solche Versuche eines ‚Rufmords‘ sind wirklich schlimm. Was die konkreten Folgen für Frau Nestler waren, das haben Sie ja in der SZ geschrieben (http://www.sueddeutsche.de/bildung/wissenschaft-man-weiss-man-ist-unschuldig-und-doch-traut-man-dem-system-nicht-1.3605214). Den psychischen Druck kann ich mir leibhaft vorstellen.

    Es gibt aber m.E. ein Aspekt, der in der Diskussion noch nicht angesprochen wurde: Der wissenschaftliche Habitus. Zumindest scheint der mir eine auffällig große Leerstelle – vielleicht sogar „Tabu“? – in der Diskussion darzustellen. So schlimm der Fall von Frau Nestler ist, so hat doch die Vergangenheit mit Blick auf Plagiate u.ä. immer wieder gezeigt, dass insbesondere die Damen und Herren Professorinnen und Professoren „im Wissenschaftssystem“ offenbar ein Problem nicht nur mit wissenschaftlich guter Arbeit, sondern auch im Umgang mit entsprechenden Fehltritten haben. Üblicherweise werden Probleme erst geleugnet. Wenn es nicht mehr zu leugnen geht, werden Fehltritte relativiert oder die Verantwortung woanders gesehen etc. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Da gibt es diesen Nimbus der unantastbaren Wissenschaftler, an dem darf nicht gerüttelt werden. Whistleblower haben es deshalb sehr schwer und ganz besonders schwer, wenn sie von anderen Hierarchie-Ebenen her kommen (z.B. wiss. MitarbeiterIn vs. Prof.). Das ist die andere Seite der Medaille.

    Mein Eindruck ist jedenfalls, dass nach außen hin Sensibilität für diese Problematik simuliert wird (Richtlinien für gute wissenschaftliche Arbeit, Ethik-Kodexe etc.), dies aber nach innen hin selten wirklich integer gelebt wird. Dabei ist es sicher auch ein Problem, dass die Prüfung von Vorwürfen letztlich immer im System bleibt. Das wird sich aus nahe liegenden Gründen nicht so einfach lösen lassen (woher soll die Expertise zur Einschätzung von Fehlverhalten sonst kommen?). Aber es liegt m.E. auf der Hand, dass dies diverse Schwierigkeiten nach sich zieht.

    Abschließend will ich mir noch erlauben, darauf hinzuweisen, dass die Beurteilung der Gesamtsituation unvollständig bleibt, wenn nicht auch die prekäre Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses berücksichtigt wird. Denn gerade deshalb ist ein Whistleblower-Schutz notwendig. Mehr noch, hier könnte die wissenschaftliche Gemeinschaft sicher auch mehr tun, um entsprechende Whistleblower vor dem „Absturz“ zu bewahren.

    Letzteres ist auch, was mich bei der Diskussion so ratlos macht. Wir sollten solche Fälle wie Frau Nestler nicht zum Anlass nehmen, gleich wieder ins andere Extrem zu kippen und einer notwendigen Whistleblower-Kultur Steine in den Weg zu legen.

  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Dienstag, 01 August 2017 11:56)

    Sehr geehrte/r ST,

    vielen Dank für Ihre ausführliche und ausgewogene Rückmeldung. Ich stimme Ihnen – eigentlich – in jedem Punkt zu. Deshalb hatte ich ja meinen ersten Kommentar zum Fall Nestler mit der Überschrift "Der bittere Preis der Integrität" versehen. Wir BRAUCHEN diese Transparenz, wir BRAUCHEN sie gerade angesichts der von Ihnen beschriebenen Habitus-Probleme. Ich werde mich dem Thema demnächst noch einmal in einem längeren Artikel (Stichwort "Simulation" von Sensibilität) widmen. Und die Whistleblower-Möglichkeit ist, wie Sie schreiben, gerade aus Sicht des Nachwuchses unverzichtbar. Allerdings – und daher das "eigentlich" in meinem ersten Satz: Wir müssen eben auch eine Möglichkeit finden, Missbrauch der Whistleblower-Rolle mit solch eklatanten Folgen zu vermeiden oder ahnden zu können. Ich finde die Idee, die Frau Nestler formuliert hat, diskussionswürdig in dem Zusammenhang. Wichtig ist: Die Diskussion muss geführt werden.

    Beste Grüße,
    Ihr Jan-Martin Wiarda