Verunglimpfte Hoffnungsträger

Die Moderatoren im "TV-Duell" zeichneten das Bild einer Bildungs- und Sozialkatastrophe unter Geflüchteten. Fahrlässig – und noch dazu unwahr.

Geflüchtete am Flughafen Köln-Bonn im September 2015. R. Spekking: "27. September 2015-0038.jpg", CC BY-SA 4.0 

DAS KOMMT DABEI heraus, wenn vier Moderatoren zwei Kandidaten gegenübersitzen und versuchen, sich gegenseitig in ihrer vermeintlichen Volksnähe zu übertrumpfen. Dass beim "TV-Duell" zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz gestern Abend ein beachtlicher Teil der Sendezeit auf die Themen "Flüchtlinge" und "Migration" entfiel, war nicht überraschend. Überraschend, ja bestürzend war, wie sich der Tenor der Fragen glich. Mein Kollege Bernd Ulrich von der ZEIT fasste die Schieflage schon nach wenigen Minuten in einem Tweet zusammen: "Zu #Flüchtlingen wird wieder nur von rechts gefragt." 

 

Flüchtlinge als Sicherheitsrisiko, als Belastung für die Sozialkassen, als vermeintliche Enttäuschung, weil sie sich nicht als das "Gold" erwiesen hätten, zu dem Schulz sie laut Moderator Claus Strunz einst erklärt hatte (wobei der SPD-Parteichef zu Recht auf sein von Strunz verstümmelte Original-Zitat von Mitte 2016 hinwies): Wer den vier Moderatoren lauschte, musste der Meinung sein, dass wir es praktisch nur mit radikalen Analphabeten zu tun haben, die da seit Herbst 2015 zu uns nach Deutschland gekommen sind. Wie wohltuend, dass sich die Kandidaten in diesem Punkt untereinander ebenso einig waren wie ihre Fragesteller auf der anderen Seite: Merkel wie Schulz betonten bei allen Herausforderungen die großartige Bereicherung, die wir durch die allermeisten Einwanderer und Flüchtlinge erfahren.

 

Fast schon ärgerlich ist, wenn Fragen nicht nur einen Drall bekommen, sondern auch auf einer so nicht haltbaren Faktenlage beruhen. Diese lässt sich nämlich wie folgt zusammenfassen: Der Bildungsstand der Geflüchteten, die zwischen 2013 und Anfang 2016 nach Deutschland eingereist sind, ist so schlecht nicht. Er ist von Person zu Person und Herkunftsland zu Herkunftsland extrem unterschiedlich, aber vor allem ist er etwas, auf dem man aufbauen kann. >>



>> Konkret: Erst vor wenigen Tagen haben Forscher erste Ergebnisse der bislang umfangreichsten Befragung unter Geflüchteten veröffentlicht, es flossen die Daten von 4816 Erwachsenen und 5717 Kindern ein. Demzufolge hatten 64 Prozent der Menschen einen Schulabschluss, 35 Prozent sogar den Abschluss einer weiterführenden Schule. 20 Prozent der Geflüchteten konnten zudem einen Hochschulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen. Erstaunlich ist die niedrige Zahl der Analphabeten. Die Forscher gehen davon aus, dass insgesamt nur acht Prozent der Geflüchteten nicht richtig lesen und schreiben können, besonders viele davon stammen aus Afghanistan und zum Teil aus Irak und Syrien. Acht Prozent – ein ähnlicher Wert wird auch für in Deutschland zur Schule Gegangene vermutet. 

 

Durchgeführt wurde die Studie "Geflüchtete Familien" (GeFam) von Forschern am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), am Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) und am Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sind die Zahlen, die sie zu Tage befördert haben, so schlecht?

 

Jetzt kann man einwenden: 36 Prozent haben laut Studie gar keinen Schulabschluss. Ja, auch das stimmt. Und unter diesen 36 Prozent befinden sich sogar 11 Prozent, die in ihrem Heimatland keinerlei Schule besucht haben, und elf Prozent der Befragten verfügen lediglich über eine Bildung auf Grundschulniveau. Die Forscher haben das Bildungsniveau der Flüchtlinge zudem auf einer international vergleichbaren Skala eingeordnet mit dem Ergebnis, dass es bei 56 Prozent als vergleichsweise niedrig einzustufen ist, bei 30 Prozent als mittel und bei 13 Prozent als hoch. 

 

Am Ende aber zählt, dass mindestens zwei Drittel der nach Deutschland geflüchteten Erwachsenen mittelfristig sehr gut in den Arbeitsmarkt zu integrieren sein dürften. Zumal die Studie von hohen Bildungsaspirationen berichtet: Knapp die Hälfte der Befragten ist daran interessiert, einen (weiteren) Schulabschluss in Deutschland zu machen, zwei Drittel streben einen beruflichen Abschluss an, darunter viele Menschen aus Eritrea, Somalia, Afghanistan und dem Irak. Aus Syrien Geflüchtete, von denen viele bereits ein vergleichsweise gutes Bildungsniveau vorweisen können, wollen besonders häufig studieren. Die Zahlen deuteten darauf hin, schreiben die Forscher, "dass sich die derzeitige Qualifikationsstruktur der Geflüchteten mittelfristig deutlich verändern wird, selbst wenn nur ein Teil der Befragten tatsächlich in Allgemein- und Berufsbildung investiert."

 

Die größtenteils vom BMBF finanzierte Befragung der Geflüchteten ist übrigens als so genannte Längsschnittstudie angelegt, das heißt: Sie wird jedes Jahr wiederholt werden und es den Forschern erlauben, die tatsächlichen Bildungs- und Karriereverläufe der Geflüchteten verfolgen zu können. Die Ergebnisse der ersten Befragungswelle, die am vergangenen Mittwoch veröffentlicht wurden, hätten zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen können. Sie zeigt die Herausforderungen und das Potenzial, das die Geflüchteten für unsere Gesellschaft darstellen. Klar ist es immer beides. Aber es ist beschämend, wenn vier Journalisten es nicht hinbekommen, in einer Debatte über Flüchtlinge die eine, die entscheidende Frage zu stellen: Wie helfen wir den Menschen, für unser Land das zu leisten, was sie zu leisten imstande wären? Wie helfen wir ihnen, anders formuliert, die Bildung zu erhalten, die sie offenbar wollen und zu der sie berechtigt sind?

 

Ein Glück, dass die Kandidaten sich nicht zu ähnlich einseitigen Antworten haben verleiten lassen.


HEUTE UM 10 UHR VERKÜNDEN BUNDESFORSCHUNGSMINISTERIN JOHANNA WANKA (CDU) UND MAX-PLANCK-PRÄSIDENT MARTIN STRATMANN, WELCHE DREI MAX-PLANCK-SCHOOLS 2018 AN DEN START GEHEN SOLLEN. DAS HAPPY END EINER MONATELANGEN DEBATTE. 

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Kommentare: 1
  • #1

    McFischer (Montag, 04 September 2017 08:43)

    Danke für diesen wohltuenden Beitrag! Dies war auch mein Eindruck: es war weniger Merkel vs. Schulz, als Journalisten vs. Merkel/Schulz. Wenn ich hinterher in allen Besprechungen, Kommentaren etc. höre, dass das 'Duell' zu langweilig war, die beiden Kandidaten sich zu sehr gegenseitig bestärkten etc., dann muss ich nur sagen: Es ist hervorragend, zwischen zwei wirklich gut qualifizierten, erfahrenen und menschlich integeren Kandidaten wählen zu können! Klar, im Detail gibt es sicherlich doch mehr Unterschiede zwischen SPD und CDU/CSU als gestern zu Tage trat - aber in Zeiten des Populismus sind mir zwei unaufgeregte, überlegte Spitzenleute sehr recht. Und dass auch im Bereich 'Flüchtlinge' beiden ähnliche Positionen hatten - umso besser.