Die Alten sind wirklich frei

Jede Gesellschaftsform in der Geschichte hatte ihre älteren Weisen. Wieso sie in Hochschulen, Wissenschaft und Gesellschaft gerade heute so wichtig sind. Ein Gastbeitrag von Volker Rein.

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DIE WESTLICHEN GESELLSCHAFTEN altern rapide. Seit Jahrzehnten beschäftigten sich die Industriestaaten daher zunehmend mit den daraus entstehenden Herausforderungen, von der künftigen Ernährung über die Gesundheitsversorgung, die Rentensysteme und, damit verbunden, mit der Frage, wie in Zukunft der Übergang aus dem regulären Erwerbsleben geregelt werden sollte. Die wachsende Diskrepanz zwischen gesetzlichem Renteneintritt und dem langjährig erworbenen Wissen Älterer wird dabei immer augenscheinlicher. Auch wenn sie ihren Unterhalt möglicherweise nicht mehr per Erwerbsarbeit sichern müssten: Viele der neuen Alten möchten ihren Erfahrungsschatz trotzdem weiter professionell einsetzen, und sie werden als Experten in den alternden Gesellschaften auch immer stärker nachgefragt. 

 

Im Folgenden möchte ich mich auf die Konsequenzen unserer postmodernen Zeiten speziell für die wissenschaftlich qualifizierten unter den Älteren konzentrieren – und auf ihre Optionen für wissenschaftlich begründete Aktivitäten nach ihrem eigentlichen Erwerbsleben. Hier sei zunächst eine kulturhistorische Einordnung vorangestellt. 

 

Die älteren Weisen in vormodernen Gesellschaften 

 

Ältere Wissensexperten früherer Gesellschaftsformationen lassen sich nicht nach modernen Erwerbsgesichtspunkten von jüngeren Generationen abgrenzen. In bäuerlichen, nach Abstammung und Altersklassen organisierten Gesellschaften diente das Senioritätsprinzip der kulturellen Stabilisierung ihrer materiellen, sozialen und religiösen Ordnung. Demzufolge verfügten die Älteren über das nötige Wissen und die Erfahrung, ihren Gesellschaften Orientierung zu geben und Gefahren abzuwehren. Das Senioritätsprinzip erstreckte sich auch auf die Verehrung der Ahnen, denen Macht über die Lebenden zugeschrieben wurde, und von denen über häufig ältere Spezialisten wie zum Beispiel Priester Rat zu Problemen eingeholt wurde. Die Wissensvermittlung erfolgte mündlich. Weder ‚weise‘ Stammesälteste noch ältere Priester waren davor gefeit, bei ‚falschen‘ Entscheidungen und Ratschlägen zum Teil hart bestraft zu werden.  >>




>> In den Sklavenhalter-Gesellschaften des antiken Roms und Griechenlands konnte sich eine frühwissenschaftlich aktive Gelehrtenschicht herausbilden, die in der Philosophie, Astronomie, Geometrie und anderen Bereichen Erkenntnisse und Überlegungen generiert hat, welche bis heute diskutiert werden und teilweise noch Gültigkeit besitzen. Ihre Vertreter, meist freie privilegierte Bürger, erfreuten sich häufig großem Respekt in Bürgerschaft und Adel, gaben unabhängig von ihrem abstammungsbezogenem Status Orientierung in zentralen gesellschaftlichen Fragen. Doch auch ihnen drohten in Krisenzeiten drakonische Strafen, Verbannung oder sogar der Tod. Nach allem, was bekannt ist, konnten diese Gelehrten ihre Tätigkeit bis ins hohe Alter auch wirtschaftlich autonom ausführen.       

 

Ältere Weise, meist Abkömmlinge privilegierter Schichten aus Adel und Bürgertum, konnten ihren wissenschaftlichen Tätigkeiten auch im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit bis ins hohe Alter und meist alimentiert über kirchliche und fürstliche Zuwendungen nachgehen. Die forschende Neugier der Mönche fand in den Klöstern ihre Grenzen in dem universellen Deutungsprimat der katholischen Kirche über alle Erkenntnisse. Auch die sich entwickelnden säkulare Wissenschaft der Universitäten musste sich über Jahrhunderte immer wieder kirchlichen und fürstlichen Einsprüchen, ebenfalls mit drastischen Sanktionsdrohungen bekräftigt, beugen. Eine Praxis, die bis in die jüngste Zeit hinein auch von autoritären Regimen gepflegt wird.         

 

Sicher ist: Für sämtliche Gesellschaftsformen der vergangenen drei Jahrtausende lässt sich nachweisen, wie stark ihr Fortbestehen abhing von der zuverlässigen Weitergabe von erfahrungsbasiertem und systematisierten Wissen durch die Älteren, die damit gerade in Krisenzeiten wichtige Orientierung und auch Innovationen boten.  

 

Und heute?

 

Kehren wir zurück in die modernen Industriegesellschaften. Hier möchte ich zunächst jene als ‚Senior-Weise‘ anführen, die sich auf der Grundlage ihres erworbenen professionellen Status’ nach dem Auslaufen ihrer eigentlichen beruflichen Position weiter wissenschaftlich betätigen und so zur Lösung von Problemen in Gesellschaft und Umwelt beitragen. Damit meine ich unter anderem Professoren und Wissenschaftler, die sich auch in höherem Alter im öffentlichen oder im privatwirtschaftlichen Bereich engagieren.

 

Die wissenschaftlichen Senior Professionals sind, was ihre Ausgangsbedingungen angeht, gegenüber anderen Berufsgruppen sicherlich privilegiert darin, überhaupt weitermachen zu können. Sie haben dank ihrem gesammelten Wissen und ihrer Vertrautheit mit wissenschaftlicher Forschungsmethodik unabhängig von ihrem Sozialversicherungsstatus weiter Zugang zu beruflichen Ressourcen in Forschung und im Publikationswesen und nicht zuletzt auch zu einschlägigen Institutionen. Obgleich Hochschulen zunehmend die nötigen administrativen Voraussetzungen zum Beispiel für Seniorprofessoren schaffen, sind es neben den veränderten Rahmenbedingungen vor allem die individuelle Initiative und die fortgesetzt hochwertigen Leistungen wissenschaftlicher Senior Professionals, die ihrem Weitermachen die gesellschaftliche Akzeptanz sichern. Viele der Alten sind, gerade weil sie frei sind von ökonomischen und institutionellen Zwängen, hochmotiviert, mit ihrer Forschung neues disziplinären und transdisziplinären Wissens zu generieren. Viele erachten dies sogar als ihre gesellschaftlich begründete Selbstverpflichtung zur Aufklärung.

Trotzdem ist die Situation wissenschaftlicher Senior Professionals nicht frei von Problemen. Ähnlich wie in anderen Berufsfeldern sehen sich auch Wissenschaftler im Pensionsalter mit einem besonderen Bewährungsdruck innerhalb der wissenschaftlichen Community konfrontiert. Sie stehen im Wettbewerb um Ressourcen, der auch durch ihren Erfahrungsvorsprung nicht per se abgemildert wird. Einige der jüngeren Kollegen stellen sogar die Berechtigung in Frage, mit der die Alten ihnen weiter Konkurrenz machen wollen. 

 

Anstatt dass jede Hochschule und Forschungseinrichtung ihren eigenen Weg geht in Sachen wissenschaftlich tätiger Senior-Professionals, wäre deshalb die Herausbildung übergreifend gültiger Regelungen wünschenswert, um ihre kulturelle Anerkennung als Statusgruppe zu verbessern. Diese Regelungen könnten zum Beispiel in Anlehnung an die Rahmenbedingungen für verbeamtete Professoren entwickelt werden. Allerdings ist trotz der wachsenden Anzahl von Senior-Professionals und ihrer zunehmenden Sichtbarkeit auch im öffentlichen Raum als Projektverantwortliche, Berater und Sachverständige ist eine solche Entwicklung bisher nicht absehbar.  

 

Richten wir den Blick über die ehemaligen Professoren und Berufswissenschaftler hinaus, so erkennen wir, dass in postmodernen Gesellschaften weitere Akademikergruppen zu den ‚Senior-Weisen‘ zu zählen. Gemeint sind Ruheständler, die nach der regulären Erwerbsphase neugierig auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen bislang weniger vertrauten Fragestellungen sind. Neben einer steigenden Anzahl von Studierenden und Promovenden im Senioren-Alter sind hier auch viele Akademiker jenseits der Erwerbsgrenze anzuführen, die sich zum Beispiel systematisch mit der Geschichte ihres Stadtteils, ihrer Ortschaft oder den verändernden Naturbedingungen in deren Umgebung befassen. Sie alle tragen ausgehend von ihrem persönlichen Interesse zur Weiterentwicklung akademischer Disziplinen und, allgemeiner formuliert, zur gesellschaftlichen Aufklärung bei.

 

Senior-Weise, ihre Rolle und Optionen in der Postmoderne 

 

Allen ‚Senior Weisen‘  gemeinsam ist die Neugier, sich auch in der dritten Lebensphase mit Themen und Fragestellungen wissenschaftlich systematisch auseinanderzusetzen. Mit ihren Erkenntnissen sind sie anschlussfähig an den Kanon der jeweils relevanten akademischen Disziplinen. Sie engagieren sich mit dem Wunsch, zur Weiterentwicklung akademischen und gesellschaftlichen Wissen beizutragen. Dies ist ganz im Sinne der Grundsätze der akademischen Selbstverpflichtung und steht sicherlich auch im Einklang mit ihrem Bedürfnis nach Anerkennung ihrer Leistung. 

Das Phänomen der akademischen Senior-Weisen und ihrer Antriebskraft lässt sich sicherlich auch als Spätfolge des Bildungsaufbruchs der 1960er und 1970er Jahre erklären. Dieser ging mit der Öffnung der Hochschulen für breitere Bevölkerungskreise und dem Postulat gesellschaftlich verantwortlicher Bildung nicht nur in der Akademia einher, das bis heute in allen Bildungsgesetzen Deutschlands seinen Widerhall gefunden hat.

 

Wie nachhaltig das Engagement der Senior-Weisen im Sinne der Gesellschaft sein kann, hängt nicht nur von ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz und ihrer erwähnten ökonomischen Autonomie ab. Weiterentwickelte Rahmen- und Statusregelungen für ältere wissenschaftliche Tätige innerhalb der Akademia (Seniorprofessoren, Senior-Lehrbeauftragte und Senior-Forscher), aber auch außerhalb (Forscher, Berater und ähnliche Tätigkeitsfelder zum Beispiel im Kontext von Vereinen, öffentlichen Einrichtungen, oder Stiftungen) wären eine wichtige Absicherung. Es wird spannend sein zu beobachten, ob angesichts der zunehmenden Ökonomisierung von Bildung und Wissenschaft diese wissenschaftlich und wirtschaftlich autonom agierenden Seniors von den hauptberuflichen Wissenschaftlern eher als Konkurrenten oder als geachtete unabhängig-aufklärende Korrektive gesehen werden.         

 

Im Vergleich zum Status der vormodernen Weisen scheinen die Rahmenbedingungen in den postmodernen Gesellschaften jedenfalls trotz aller bekannten Krisen und ihren Folgen für wissenschaftlich tätige Senior-Weisen heute gut zu sein. Sie können mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung in den unterschiedlichsten Disziplinen innerhalb der Akademia wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen als post-moderne ‚säkulare Priester‘ wissenschaftlicher Aufklärung wirken. So können sie durch Forschung und Beratung gegen postfaktisch begründete Einflüsse und Ängste wichtige gesellschaftliche Beiträge leisten und Orientierung geben. 

 

Wichtige Voraussetzungen für den Erfolg ihrer aufklärenden Tätigkeit und ihrer Akzeptanz sind schließlich auch die entsprechende Weiterentwicklung des Verständnisses von Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft und die gleichzeitige Bekräftigung eines für aufklärerische Zwecke notwendigen Maßes an Autonomie von Wissenschaft. Hierfür sind nachhaltige demokratisch-rechtsstaatliche Rahmenbedingungen und ein breiter gesellschaftlicher Konsens unabdingbar, wenn Sanktionen gegen missliebige Erkenntnisse, wie sie aus vormodernen, aber auch aus modernen autoritären  Regimen und parziell sogar aus liberalen demokratischen Gesellschaften bekannt sind, nicht wirksam werden sollen. 

 

Alle Senior-Weisen können jedenfalls durch ihre aufklärende Tätigkeit einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass erfahrene Ältere in den postmodernen Gesellschaften bei möglichen Fehlentwicklungen Orientierung geben und Korrekturen anmahnen können, wie es ihrer Rolle in allen gesellschaftlichen Formationen der Spezies Homo sapiens immer entsprach.  

 

Volker Rein ist Bildungs- und Kulturwissenschaftler und arbeitet am Bundesinstitut für Berufsbildung.

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Kommentare: 1
  • #1

    Josef König (Dienstag, 23 Januar 2018 12:09)

    Vielen Dank an Volker Rein für diesen notwendigen Beitrag - und an Jan-Martin Wiarda, dass er ihn veröffentlicht. Der Beitrag zeigt, wie elementar es ist zu fragen, welche Rolle in Zukunft einer steigenden Zahl älterer Personen zufallen kann oder soll.
    Dennoch greift der Beitrag m.E. viel zu kurz und beschränkt sich nur auf in der Wissenschaft tätige Personen, insbesondere Professoren. Damit unterwirft sich der Beitrag der Gefahr eines einseitigen Lobbyismus für Wissenschaftler*innen. Aber was ist mit den vielen Menschen, die jenseits des 65. Geburtstages, vielleicht sogar des 70. noch weiter sinnvoll arbeiten - und ja, auch für ihre Arbeit eine angemessene Anerkennung haben wollen, egal ob sie sich monetär, emotional oder gesellschaftlich darstellt?
    Doch zunächst gilt es auch die Implikationen zu früher zu korrigieren: Die Zahl der Menschen, die im Altertum und Mittelalter - ja bis in die Zeit nach der Aufklärung ein hohes Alter erreichte, war per se privilegiert und "weise". Schon für diese "Leistung" erhielt sie Anerkennung - waren es nur seltene Exemplare ihrer/unserer Spezies. Denn im Durchschnitt starben die Menschen damals nach heutigen Maßstäben sehr "jung", egal ob durch Krankheiten, Kriege oder ...
    Heute stehen wir aber vor einer "umgekehrten Alterspyramide". Die Zahl der älteren (älter als 60) ist inzwischen höher als die Zahl der unter 20jährigen. Das bedeutet: Alte arbeiten zu lassen (oder sie dazu zu veranlassen, sofern sie es wollen und können!) ist kein Akt der Gnade, sondern eine zunehmende gesellschaftliche und ökonomische Notwendigkeit - zumindest für die nächsten ca. 20 Jahre, wenn nicht das Rentensystem zusammenbrechen soll. (Anschließend muss man vermuten, dass die Roboter beginnen werden, die Menschen überflüssig zu machen - es gibt Schätzungen, dass ab 2050 mehr als 80 Prozent aller Tätigkeiten von Robotern und Algorithmen übernommen werden - und was dann Menschen - Panem et circenses ??)
    Ökonomisch aber sehen wir heute - zumindest für Deutschland und vielleicht große Teile der "älteren" Welt (auch Japan, China, etc.), dass der Zeitraum von Ausbildung und Rentenzeit doppelt so lang ist, wie die Zeit geleisteter "rentenpflichtiger" Arbeit. Wenn man bis ca. 30 studiert und ab 65 in Rente geht und bis 90 (demnächst lebt), hat man fast doppelt so lang von Transferzahlungen profitiert, wie man sie selbst als Erwerbsarbeit zur Verfügung gestellt hat. Das kann sich keine Gesellschaft ökonomisch erlauben.
    Es kommt also m.E. weniger darauf an, für die Professoren gemeinsame "Regelungen" zu erfinden, wie sie als Senior-Prof etc. weiter ihre Erfahrungen in den "Dienst der Gesellschaft" stellen soll, als vielmehr darauf an, wie man den Eintritt in die Rentenphase völlig neu gestaltet - und dabei auch die Bedürfnisse der heranwachsenden bzw. an ihrer Karriere "bastelnden" Generationen berücksichtigt. Das muss m.E. die Erhöhung des Renteneintrittsalters für Gesunde und noch "im Saft" Stehende sein (bei entsprechender Flexibilisierung der Rentenhöhe), das können "weiche" Übergänge sein wie etwa die allmähliche Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit, auch allmähliche Übergabe von Verantwortung an Jüngere verbunden mit die Übernahme anderer Aufgaben (statt Leitung Beratung z.B.) usw. Und - so peinlich es für die Älteren klingen mag, dazu gehört auch eine vernünftige, intelligente und frei von Diskriminierung erfolgende "Prüfung" ihrer Leistungsfähigkeit - wie etwa ein "Führerschein-auf-Probe" nach dem 70 etc.
    Nur zur Info: Ich selbst vollende in Kürze das 70, Lebensjahr, bin mit 65 als Pressesprecher der Ruhr-Uni Bochum verrentet worden und leite seitdem den Informationsdienst Wissenschaft (idw-online.de). Diese Geschäftsführung gebe ich Ende September dieses Jahres auf und kann mir sehr wohl vorstellen, eine neue Tätigkeit aufzunehmen oder als selbständiger Berater zu arbeiten - sofern ich mich weiter so fit fühle und Lust habe, sinnvolle Aufgaben zu übernehmen, und sie nachgefragt werden.
    Und zur Erinnerung: Schäuble ist 75, Adenauer war 73, als er erstmals zum Bundeskanzler gewählt wurde, Prof. Herrmann (TU München) ist nur ein Tag jünger als ich und es ist noch nicht abzusehen, dass er die Präsidentschaft seiner Uni abgibt - weitere Beispiele gefällig? ;-)