Absichtlich wolkig

Rechnet man nach, wie viele Milliarden nötig wären, damit Deutschland das 3,5-Prozent-Ziel erreicht, weiß man, warum Union und SPD es nicht getan haben.

Wie viel ausgewählte Staaten für Forschung und Entwicklung aufwenden. (Prozent der Wirtschaftsleistung). Quelle: OECD, EUROSTAT. 

MÖGLICH IST ES. Südkorea macht es vor. Zwischen 2004 und 2014 hat das Land seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung von unspektakulären 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung auf über 4 Prozent katapultiert, Tendenz: weiter stark steigend. Deutschland hangelte sich derweil von knapp 2,5 auf knapp 3 Prozent hoch. Behäbig, aber stetig. Und besser als viele andere Staaten. 

 

Dass Erfolg hungrig macht, zeigt das im GroKo-Koalitionsvertrag vorgegebene neue Ziel: 3,5 Prozent sollen es nun sein. Bis 2025. Und stolz loben sich die Vielleicht-Koalitionäre, dass sie schon zwei Milliarden reserviert haben, mit denen sie die ersten Zwischenschritte bis 2021 finanzieren wollen. Macht pro Jahr 500 Millionen.

 

Bei allem Respekt: Viel wert ist ihre Ankündigung bislang nicht. Erstens sieht sich Deutschland die 3-Prozent-Marke seit nunmehr drei Jahren von unten an und überspringt sie einfach nicht, was auch mit der guten Wirtschaftsentwicklung zu tun hat. Zweitens müssten Wirtschaft und Staat ihre Ausgaben bis 2025 fast doppelt so schnell steigern wie in den vergangenen zehn Jahren, die schon als goldene Dekade der Forschungsfinanzierung gelten. >>



>> Um die tatsächlichen Größenordnung zu verdeutlichen, ein paar Rechenbeispiele. 2016, das sind die jüngsten verfügbaren Zahlen, haben Unternehmen, Hochschulen und Staat 92,4 Milliarden Euro für F&E ausgegeben, der Privatsektor trug davon knapp 68 Prozent. Unterstellen wir nun, dass die nominale Wirtschaftsleistung bis 2025 im Schnitt der vergangenen zehn Jahre (1,4 Prozent Inflation + 1,3 Prozent reales Wirtschaftswachstum=insgesamt 2,7 Prozent pro Jahr) steigt. Dann müsste unser Land 2025 für die 3,5 Prozent rund 141,4 Milliarden Euro lockermachen – 49 Milliarden mehr als heute. Nehmen wir optimistisch an, dass die Wirtschaft weiter gut zwei Drittel trägt, müssten Staat und Hochschulen immerhin noch 15,7 Milliarden drauflegen. Pro Jahr. Das entspräche ziemlich genau dem gesamten Budget des BMBF in 2016.

 

Falls Sie nach all der Rechnerei noch dabei sind, folgen Sie mir noch die letzten Meter. Klar: Ein gutes Stück des Staatsanteils, zuletzt gut 40 Prozent, entfällt auf die Länder. Denen droht aber in den 2020er Jahren die Schuldenbremse, so dass der Bund, wenn die GroKo ihre vollmundigen 3,5-Ankündigung ernst meint und nicht auf Kosten der Länder machen will, eher zwei Drittel des Zuwachses übernehmen müsste. Und im Übrigen, was eine eigene Kolumne wert wäre, schwer die Daumen drücken müsste, dass die Unternehmen wirklich die Hauptanstrengung schultern. 

 

Wie sich demgegenüber die eingeplanten zwei Milliarden auf vier Jahre ausnehmen? Unterstellen wir acht gleiche Schritte zwischen 2017 und 2025 von knapp 3 auf 3,5 Prozent, so würden die ersten vier davon den Bund bis 2021 zusammengerechnet knapp 4,5 Milliarden kosten (wenn er denn tatsächlich zwei Drittel des staatlichen Wachstums übernähme). Das Versprechen der Groko wäre demnach zu weniger als der Hälfte finanziert. Hinzu kommt, dass das nominale Wirtschaftswachstum für 2018 aktuellen Prognosen zufolge bei knapp fünf Prozent liegen wird und damit weit über meiner Annahme. Womit das 3,5-Ziel für Staat und Privatwirtschaft noch teurer würde als das Ergebnis meiner Rechenbeispiele.

 

Schon diese Abweichung zeigt: Keiner weiß, wie Wachstum und Inflation sich genau in den nächsten Jahren entwickeln werden. Doch angesichts der Dimension der von mir zitierten Zahlen wird verständlich, warum Union und SPD es bei wolkigen Versprechungen belassen haben. Und welch gesamtgesellschaftliche Anstrengung es kosten würde, wirklich die 3,5 Prozent zu erreichen. Umso wichtiger, die Koalitionäre in den kommenden Jahren so oft wie möglich mit ihren Versprechungen von heute zu triezen.

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst und leicht gekürzt in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel. 


Hauptsache hoher F&E-Anteil?

Dass die Unternehmen mehr als zwei Drittel des Forschungsbudgets tragen, ist eine große Leistung der deutschen Wirtschaft. Allerdings zeigt der Blick auf die Details, dass ziemlich genau ein Drittel der nichtstaatlichen F&E-Ausgaben (21,9 Milliarden Euro) von der KFZ-Industrie verantwortet werden. Mit teilweise überraschenden Effekten: Das von seiner Wirtschaftsleistung unterdurchschnittliche Niedersachsen erreicht schon jetzt den GroKo-Zielwert von 3,5 Prozent und liegt damit im Vergleich der europäischen Regionen mit der höchsten Forschungsintensität auf Platz 5 – vor Bayern, das erst auf Rang 8 folgt. So hat es vor wenigen Tagen das Statistische Landesamt Baden-Württemberg mitgeteilt. Verglichen wurden 98 EU-Regionen, auf Platz 1 – wenig  überraschend: Baden-Württemberg mit 4,9 Prozent Anteil an der Wirtschaftsleistung. Es folgen die Südosterreich, Ostschweden und auf Platz 4 Berlin.

 

Niedersachsen knapp hinter Berlin, das Autoland vor dem Hightechland Bayern: Nicht dass die Forschungsausgaben

der Automobilindustrie (und ich spare mir an dieser Stelle das allzu billige Eingehen auf die umstrittenen Abgas-Tierversuche) per se nicht zukunftsträchtig sind. Doch es ist die Frage erlaubt, wieviel der nationale wie internationale Vergleich anhand der bloßen Prozentwerte tatsächlich wert ist. Angaben des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft zufolge deckten die drei forschungsstärksten Branchen KFZ-Bau, Elektroindustrie und Maschinenbau 2016 sogar 56,5 Prozent der sogenannten internen FuE-Aufwendungen in Deutschland ab.

 

Der Stifterverband betont indes, dass eine Konzentration auf wenige Branchen im Bereich FuE international nicht außergewöhnlich sei. Deutschland liege im Vergleich zu anderen Ländern sogar "eher im Mittelfeld" – mit einer wichtigen Einschränkung: Hohe Konzentrationen seien sonst eher bei kleineren Ländern mit niedrigen FuE-Ausgaben zu finden. Besonders schlecht schneidet Deutschland übrigens bei den Ausgaben für Dienstleistungsinnovationen ab.



Genaue Quellenangabe der Infografik: OECD, EUROSTAT. Berechnungen und Schätzungen des NIW in Schasse et al. (2016): "R&D Intensity (R&D share of GDP, South Korea).png", CC0

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