Und wir brauchen sie doch

Mark Zuckerberg, Sergey Bryn und Elon Musk verändern unsere Welt, ihre Macht macht uns Angst. Bei aller berechtigten Kritik sollten wir aber nicht vergessen, dass schon früher einige der wichtigsten Innovationen erst durch Unternehmer wie sie Wirklichkeit wurden.

Links: Der Berliner Hinterhof, in dem der Siemens-Konzern seinen Anfang nahm. Rechts: Die Garage der Familie Jobs in Palo Alto. 

EIN HINTERHAUS IN BERLIN, Schöneberger Straße 33, ein paar schäbige Räume im ersten Stock. Hier eröffneten zwei junge Männer an einem Herbstmorgen im Jahr 1847 ihre erste Werkstatt. Auf das Firmenschild schrieben sie „Telegraphen-Bau-Anstalt von Siemens & Halske“. Der hauptberufliche Offizier Werner Siemens, der vor Ideen sprudelte, und der Mechaniker Johann Georg Halske, der die Ideen zu funktionierenden Apparaten zusammentüftelte: Heute gelten sie als eines der Traumpaare der Industrialisierung, und der später geadelte Werner von Siemens als einer der größten deutschen Erfinder und Unternehmer des 19. Jahrhunderts. 

 

Wenn Microsoft, Apple, Google & Co ihren Gründungsmythos pflegen, klingen die Geschichten, die sie verbreiten, wie moderne Nacherzählungen der frühen Siemens-Jahre – nur dass ihr Hinterhaus ein Computerraum der Harvard-Universität war, ein kleines Büro in Palo Alto oder die Garage von Steve Jobs Eltern in Los Altos. Steve Jobs und Steve Wozniak, Sergey Brin und Larry Page, Bill Gates oder Mark Zuckerberg: Sie sind die Siemens und Halkes unserer Zeit. Und wie aus der Hinterhofwerkstatt von damals innerhalb weniger Jahrzehnte ein Weltkonzern entstand, der ganzen Stadtvierteln seinen Namen gab, wie Siemens und Halske dabei mithalfen, Berlin zum weltweit innovativsten Industriestandort des frühen 20. Jahrhunderts zu machen, so prägen die Hightech-Giganten von heute das Silicon Valley, und das Silicon Valley prägt die Art, wie wir alle künftig leben werden.

 

Ihre Macht scheint grenzenlos: Gegründet vor 40, 30 – oder im Fall von Facebook – vor gerade mal 14 Jahren, sind allein die fünf größten Unternehmen im Silicon Valley an der Börse so viel wert, wie ganz Deutschland jährlich an Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet. So überwältigend ihre wirtschaftliche Potenz ist, so umfassend ist auch ihr Anspruch, unseren Alltag zu revolutionieren mithilfe von Künstlicher Intelligenz, Big Data oder virtueller Realität. Ein Anspruch, den viele so faszinierend finden wie zunehmend auch beklemmend. >>



>> Genau diese Mischung von Macht, Geltungsanspruch, Faszination und alltäglicher Popularität ist es, die auch die überbordenden Empörung erklärt, mit der Menschen in aller Welt auf den Facebook-Datenskandal reagieren. Mehr als 50 Millionen private Nutzerdaten von Facebook-Nutzern sind rechtswidrig an Cambridge Analytica geflossen, eine Firma, die darauf aufbauend eine Prognose-Software für Wählerverhalten entwickelte – die dann in Trumps Wahlkampf eingesetzt worden sein sollen. Neuen Vorwürfen zufolge soll Facebook auch die Telefonhistorie von Android-Nutzern über Jahre gespeichert haben.

 

Doch es ist nicht nur die fremde Macht über ihre Daten, die vielen Menschen Angst macht. Ganze Forschungsgebiete würden inzwischen von Microsoft, Apple, Google, Facebook und Amazon dominiert, warnte neulich zum Beispiel Christian Stöcker auf Spiegel Online. Sie und ihre chinesischen Pendants Alibaba und Tencent hätten das Wissen, das Geld und die Macht, um die Konstruktion und den Betrieb lernender Systeme voranzutreiben. Mit "abenteuerlichen Summen" würden Startups mit eigenen, möglicherweise zukunftsweisenden Ideen einfach aufgekauft, gleichzeitig jagten die Giganten den Hochschulen und Forschungsinstituten das Personal ab. "Die Schaffung von Wissen selbst wird privatisiert", folgert Stöcker. "Auch wenn die Unternehmensforscher viel veröffentlichen – am Ende wird der Shareholder-Value das öffentliche Interesse im Zweifel schlagen."

 

Unternehmer, die mit ihren Erfindungen und ihrem Sendungsbewusstsein unser Leben beeinflussen, die Unmengen an Geld in ihre Forschung stecken und sich dabei von ihren Profitinteressen treiben lassen: Klingt gefährlich neu und ist eben doch eine ganz alte Geschichte. Was mögen zum Beispiel die Bürger von Groß-Lichterfelde bei Berlin gedacht haben, als sie am 15. Mai 1881 die gerade für den Publikumsverkehr freigegebene elektrische Eisenbahn bestiegen, entwickelt von Werner von Siemens, die später zur ersten dauerhaft betriebenen elektrischen Straßenbahn der Welt wurde? Und was war mit denen, die nicht kamen an jenem Tag? Wie viele von ihnen hatten Angst vor den technologischen Umwälzungen ihres Alltages, die jeden Tag spürbarer wurden? 

 

Handelte Siemens aus Eigennutz? Und ob. Sollten wir heute froh sein, dass er es tat? Keine Frage. Vor allem das von ihm entdeckte dynamoelektrische Prinzip ermöglichte es, dass die Städte das mittelalterliche Schwarz der Nacht endgültig hinter sich lassen konnten. Was für ein Anblick mag es gewesen sein, als der Berliner Oberbürgermeister Max von Forckenbeck am 20. September 1888 auf der Leipziger Straße die ersten 36 Strom-Bogenlampen einschalten ließ?

 

Die Frage, ob Forschung und Fortschritt ohne unternehmerischen Eigennutz segensreicher sind, lässt sich ziemlich eindeutig beantworten: Veränderung und Fortschritt lassen sich in ihrer langfristigen Wirkung nie planen – weder von Unternehmern noch von Grundlagenforschern. Als Antoine Henri Becquerels, Marie und Pierre Curie Ende des 19. Jahrhunderts die Erforschung von Kernreaktionen vorantrieben, waren Hiroshima und Tschernobyl lediglich zwei Namen auf der Landkarte. Und als Berta Benz im August 1888 mit ihren beiden Söhnen Eugen und Richard im Benz-Patent Motorwagen Nummer 3 die weltweit erste Auto-Fernfahrt unternahm, dachte keiner an Feinstaub in deutschen Innenstädten.

 

So wenig Angst vor Veränderung als Ratgeber taugt, so hilfreich ist eine gesunde und grundsätzliche Skepsis angesichts von Mark Zuckerberg und anderen allzu begeisterten Jüngern des technologischen Fortschrittes, die zu selten nach der gesellschaftlichen Bedeutung oder auch nur nach der gesetzlichen Grundlage dessen fragen, was sie da preisen und vorantreiben. Die nötigen Gesetze, um das Handeln von Facebook & Co einzuhegen, sind ja da. Die Frage ist allerdings, wie sie gegenüber international agierenden Konzernen durchgesetzt werden können.

 

Doch lassen wir den aktuellen Facebook-Skandal einmal beiseite: Wer heute – und das zu Recht! – misstrauisch zum Beispiel Googles Einfluss aufs Weltgeschehen beobachtet, sollte zwischendurch mal an Leute wie Werner von Siemens denken. Oder an Emil Rathenau und die von ihm gegründete Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft, die AEG. Oder an Thomas Edison und seine General Electric Company. Die wissenschaftliche Dynamik und die (leider nur technische und nicht gesellschaftliche) Innovationsfreude des späten Kaiserreiches gehen auf Siemens, Halske, Rathenau & Co zurück. Auf Unternehmer also mit privaten Profitinteressen, die in Konkurrenz mit den noch jungen Vereinigten Staaten um die Weltmarkführerschaft wettinnovierten. Unternehmer, die sicherlich auch häufig übers Ziel hinausschossen.

 

Wie unser Alltag heute ohne sie aussehen würde, vermag man sich nicht vorstellen. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der legendäre Vorläufer der Max-Planck-Gesellschaft und früher Inbegriff öffentlich finanzierter Spitzenforschung, wurde hingegen 1911 überhaupt erst gegründet.

 

Die Geschichte des Werner von Siemens hält indes noch eine weitere Lehre bereit. Heute existiert das auf ihn zurückgehende Unternehmen bekanntlich noch. Sein Börsenwert liegt allerdings aktuell bei gerade mal knapp hundert Milliarden Euro. Ein Siebtel von Apple. Übermacht ist also vergänglich. Übrigens ist der Börsenwert von Facebook nach dem Skandal um fast 100 Milliarden Dollar abgerutscht. Womöglich vorübergehend. Und doch liefert dieser Einbruch einen ersten Vorgeschmack: Auch die Tech-Giganten von heute mögen morgen gänzlich durchschnittliche Weltkonzerne sein. 

 

Dieser Beitrag erschien heute zuerst im Tagesspiegel. 


Fotonachweise: www.siemens.com/presse – Wally Gobetz: "California - Los Altos: 2066 Crist Drive", CC BY-NC-ND 2.0

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Kommentare: 1
  • #1

    Klaus Diepold (Mittwoch, 04 April 2018 09:09)

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Die privatwirtschaftlichen Beiträge zur Wissenschaft und zu unserer gesellschaftlichen Entwicklung werden weithin nicht immer gewürdigt, und sind doch unverzichtbar.

    Die Vergänglichkeit von Vormachtstellungen einzelner Unternehmen sieht man auch schön an der aktuellen Position von Microsoft oder auch IBM, die zu ihren Hochzeiten ähnlich dominant waren die GAFA heute.