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Die unterschätzte Kraft der Bürokratie

Warum das zeitgeistige Rufen nach Entbürokratisierung der Wissenschaft gefährlich werden kann – und nicht jede abgeschaffte Vorgabe eine gute ist. 
Vektorgrafik zeigt acht verschiedene Szenen im Büro zur Visualisierung von Buerokratie.

Illustration: macvector / freepik.

ES VERGEHT KAUM EIN TAG, an dem nicht auch in der Wissenschaftspolitik eine neue Forderung nach Bürokratieabbau auf dem Tisch landet. Die wichtigsten Wissenschaftsorganisationen hatten vor der Bundestagswahl den Ton vorgegeben und unter der Überschrift " Wissenschaft braucht Freiheit! " eine umfangreiche Liste mit Vorschlägen präsentiert. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina folgte drei Tage nach dem Urnengang, ihr Diskussionspapier trug den Titel " Mehr Freiheit – weniger Regulierung" . Der schwarz-rote Koalitionsvertrag griff das Schema dann dankbar auf und versprach unter dem Stichwort "Innovationsfreiheitsgesetz": "Wir geben der Forschung mehr Freiheit und entfesseln sie von kleinteiliger Förderbürokratie." 

Die Begriffe "Freiheit" und "Entbürokratisierung" sind also eine feste Bindung eingegangen. Kein Wunder: Das Narrativ, zu viele Regeln und Vorschriften lähmten Forschung und Innovation, wirkt auf den ersten Blick unwiderstehlich. Entsprechend energisch äußert sich auch Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU): dass es beim Bürokratieabbau "fünf nach zwölf" sei. Oder, wie sie neulich dem Magazin des Beamtenbundes sagte: "Wir investieren in Zukunft statt in Formulare." Jede Stunde, die nicht in unnötige Anträge fließe, sei eine Stunde ...

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Kommentare

#2 -

Marco Winzker | Do., 27.11.2025 - 10:22

Bürokratieabbau bedeutet ja nicht, keine Bürokratie zu haben. Es bedeutet Prozesse der Verwaltung regelmäßig auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen. Der hlb hat hierzu ein lesenswertes Buch zusammengestellt ("Schwarzbuch Bürokratie an Hochschulen für angewandte Wissenschaften: Probleme – Verursacher – Lösungen").

Es ist doch wie bei der Sommerzeit. Einführen geht einfach, abschaffen ist schwierig.

#2.1 -

Steffen Prowe | Do., 27.11.2025 - 16:41

Antwort auf von Marco Winzker (nicht überprüft)

Danke Marko für den Hinweis auf die gelungene HLB-Publikation! Und danke Herr Wiarda fürs Thema!

Ich empfehle zudem das Buch Bürokratopia von Julia Borggräfe, einer Organisationsentwicklerin und Juristin, die sagt „wie Bürokratie unsere Demokratie retten kann“. Und wir alle müssen mehr Mut zu „brauchbarer Illegalität“ aufbringen, intelligent gemacht können solche neuen Wege wegweisend werden, wie wir es im Bereich der Digitalisierung zu Corona-Zeiten positiv erlebt haben.

#3 -

Bettina Hörstrup | Do., 27.11.2025 - 11:18

Danke für diesen Artikel. Ich halte es für extrem wichtig, auch an dieser Stelle nicht in eine Pauschlierung zu verfallen, wie es - aus meiner Sicht - die Antidemokraten tun. Bürokratie ist als Begriff hat ein ausschließlich negatives Image und das hat auch seine Gründe. Aber es gibt eben auch die wünschenswerten Seiten wie eben Transparenz (im Sinne einer Überprüfbarkeit) oder Regelkonformität (also Vereinbarkeit mit unserem Recht). Vielleicht brauchen wir auch neue Begriffe, um diese wünschenswerten Effekte der richtig verstandenen Bürokratie sichtbar zu machen. Gleichwohl müssen die überbordenden Verfahren und Verfahrensschritte unbedingt kritisch hinterfragt und mutig reduziert oder auch abgeschafft ...

#4 -

Carsten Roller | Do., 27.11.2025 - 12:21

Leider zu kurz gesprungen. Bürokratie kann genauso missbraucht werden, um gesellschaftliche Verantwortung, Gleichstellung, Redlichkeit, Compliance oder internationale Standards abzuwerten. Jeder Paragraph zu viel wird von Rechtsverdrehern jeglicher Provenienz für die eigenen Zwecke umgedeutet. Bürokratie auf den Sockel der Freiheit zu heben, ist ein Armutszeugnis.

Gerade der "Ermessenspielraum" von Überwachungsbehörden wird heute schon genutzt um die Forschung zu kujonieren, sei es im Gentechnikrecht, beim Tierwohl oder z.B. durch das Gesetz zur Umsetzung der Verpflichtungen nach dem Nagoya-Protokoll und zur Durchführung der Verordnung (EU) Nr. 511/2014, das mit den zu erwartenden weiteren Auswüchsen zu ABS und DSI die internationale Erforschung der Biodiversität ...

#6 -

Andreas Drotloff | Do., 27.11.2025 - 14:11

"Bürokratie schützt vor Willkür. Sie schützt vor dem Durchregieren. Sie schützt die Wissenschaft selbst – gerade dann, wenn Versuche politischer Einflussnahme Überhand zu nehmen drohen. Und sie schützt Minderheiten, die keine Lobby haben."

"Denn ohne Regeln dominieren Machtstrukturen, nicht die Freiheit."

Ja! Einfach ja! Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag zu einer Debatte, die viel zu oft nur eine Richtung (nämlich eine undifferenzierte Forderung nach "weniger Papierkram") kennt. 

Ich fürchte auch, viele Entscheidungsträger*innen wären nicht bereit, die naheliegende Alternative zur Bürokratie zu akzeptieren, die Willkür und Durchregieren verhindern kann: eine diverse, handlungsfähige und gelebte Hochschuldemokratie, in der alle Status- und ...

#7 -

Franka Listersen | Do., 27.11.2025 - 18:02

Der angeblich nach rechts driftende Zeitgeist (den ich jedenfalls in der Academia nicht erkennen kann) wird problematisiert, aber der seit viele Jahren nach links driftende Zeitgeist war und ist offenbar kein Problem. Klima, Diversität, Internationalismus sind eben auch Agenden und nicht neutrale Blickwinkel. Nur dass sie, anders als etwa konservative Agenden, als selbstverständlich verkauft werden.

Und "Gleichstellung" ist nicht so unproblematisch, wie sie verkauft wird, denn es gibt durchaus erhebliche Kritik an diesem Ansatz der "Gleichmacherei", die auf Quoten setzt, statt die individuelle Entscheidung des Einzelnen zu respektieren.

Im Übrigen ist doch für Wissenschaft die Erkenntnis, um nicht zu sagen: ...

#7.1 -

Wolfgang Kühnel | Sa., 29.11.2025 - 11:11

Antwort auf von Franka Listersen (nicht überprüft)

Ich sehe auch so eine Tendenz in unseren Medien, eine Einflussnahme von Politik auf die Hochschulen und die Wissenschaft immer dann für gut zu erklären, wenn sie im Interesse einer Politik links von der Mitte ist. Da wird dann gejubelt, wie schön es doch ist, jetzt eine Diversitäts-Bürokratie einzurichten mit Diversitäts-Beauftragten, Prorektoren für Diversität und auch Diversität als wichtigem Bestandteil von DFG-Anträgen (angeblich erhöht das die Exzellenz). Wenn aber nach einer Weile gefragt wird, was das alles nun gebracht hat und ob das wirklich so segensreich gewirkt hat, dann wird das für "Populismus" erklärt, und damit gilt es als schlecht, ...

#8 -

Dominik Fischer | Do., 27.11.2025 - 21:17

Wichtig sind auch die Organisationsstrukturen die um/durch die Bürokratie entstanden sind. Prüft eine Abteilung(-sleitung) den Vorgang, entsteht daraus nicht unbedingt Macht, aber mindestens Bedeutung im Organisationsgefüge.

Was aber geschieht nun, wenn sich herausstellt, dass genau diese Prüfung künftig nicht mehr nötig ist? Bedingt dies nicht zwangsläufig Gedanken des Überflüssigwerdens? 

Und dadurch wird schwierig zu entscheiden, wo Prozesse tatsächlich verschlankt werden können, oder wo es die kritische Prüfinstanz tatsächlich benötigt.

Daher gilt es meiner Ansicht mitzudenken, dass Menschen auch bei Maßnahmen zum sinnvollen Bürokratieabbau gefühlt oder real um ihre Bedeutung fürchten. Dies kann - bewusst oder unbewusst - Sperrkräfte auslösen, auch ...

#9 -

Johannes Freud… | Do., 27.11.2025 - 21:49
Wenn sich die Wissenschaft vor politischer Einflussnahme schützen will, muss sie den Bürokratieabbau selbst vorantreiben, differenziert und sachorientiert. Viele der bestehenden Regeln sind wichtig, wie der Artikel und auch einige Kommentare schön darlegen, aber Nichtstun ist genau so riskant: Wenn wir jetzt nicht aufräumen, erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit für die Motorsäge von außen. Und das wäre fatal!

#10 -

Elbe | Fr., 28.11.2025 - 13:58

Ich erspare mir Anmerkungen dazu, was Bürokratie im Hochschulalltag wirklich bedeutet - etwas, wovon selbst viele WiMis teils noch wenig mitkriegen.

Stattdessen: Die Kritik der Leopoldina ist selbstverständlich richtig. Nachhaltigkeit, Gleichstellung usw. usf. sind wichtig, aber haben dennoch in den meisten Anträgen und Verwaltungsvollzügen nichts zu suchen, weil sie den Kern der Sache in keiner Weise betreffen. 

Aber natürlich geht es auch gar nicht primär darum, dies sind ja nur Triggerthemen. 

Grundsätzlich muss ich Herrn Roller zustimmen. Die Bürokratie zerstört viel - und sie wird niemanden schützen, wenn es hart auf hart kommt. Man kann sogar das Gegenteil sicher annehmen: ...

#11 -

McFischer | Fr., 28.11.2025 - 16:55

Gelungener Artikel, der hier erfreulich viel Resonanz findet, unterstützende und kritische. Einige Überlegungen von mir:

1. Die gescholtene "Förderbürokratie" hat auch etwas mit Verantwortung (accountability) zu tun. Wenn eine Hochschule, ein Forschender öffentliche Gelder in Anspruch nimmt, ist auch über deren Verwendung Buch zu führen und Rechenschaft abzulegen. Sind wir mal ehrlich: wie hoch ist der Anteil an Forschungsgeldern, die letztlich ohne Ergebnisse, ohne Impact genutzt wurden? 

2. Gleichsam gilt: auch die "Bürokratie" ist natürlich zur Rechenschaft verpflichtet, denn auch sie nimmt Gelder in Anspruch.

3. Die ungute Kombination von Trump/Musk hat gezeigt, was ein lauter Ruf nach "radikalem Bürokratieabbau" ...

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