"Wir haben viel, woran wir anknüpfen können"
Die Bildungsforscherinnen Petra Stanat und Felicitas Thiel erklären, wie der richtige Einsatz von Daten Schule und Unterricht besser machen kann, warum Deutschland dabei hinterherhinkt – und weshalb jetzt eine selten günstige Gelegenheit für echte Veränderungen entsteht.
Felicitas Thiel (links) ist Professorin für Schulpädagogik an der FU Berlin und seit 2021 Ko-Vorsitzende der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK). Petra Stanat (rechts) ist Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und Mitglied der SWK. Fotos: Kay Herschelmann / SWK.
Frau Stanat, Frau Thiel, die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK veröffentlicht heute ihre Empfehlungen zur "datengestützten Entwicklung und Steuerung in Schulen und frühkindlicher Bildung". Stimmt der Eindruck, dass Deutschland bei diesem Thema besonders spät dran ist?
Felicitas Thiel: Der Eindruck stimmt leider. Wir haben seit 20 Jahren Bildungsstandards und das sogenannte Bildungsmonitoring, wir erheben seit langem Daten, vor allem über die bundesweiten Vergleichsarbeiten VERA 3 und VERA 8. Trotzdem erreichen viele Kinder die Mindeststandards nicht, das heißt: Sie können nur unzureichend lesen, schreiben oder rechnen, hinzu kommen große Kompetenzunterschiede abhängig von der sozialen Herkunft. Was auch damit zusammenhängt, dass die Schulen die vorhandenen Daten nicht systematisch nutzen.
Viel Monitoring, wenig Wirkung?
Petra Stanat: Die Kultusministerkonferenz hat eine Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring, die schon seit 2015 bis auf die Ebene der Schulen hinunter skizziert, was möglich wäre. Aber es gab im deutschen Bildungssystem lange eine große Skepsis gegenüber der Erhebung und Nutzung von Schülerdaten, nach dem Motto: "Vom Wiegen wird die Sau nicht fett". Zum Glück hört man den Spruch inzwischen seltener. Viele haben erkannt, dass wir Daten brauchen, wenn wir die Qualität von Schule und Unterricht gezielt entwickeln wollen.
"Die Schulen bekommen die Ergebnisse von VERA und
anderen Lernstandserhebungen und stehen damit oft allein da."
Um was genau damit zu tun?
Thiel: Wenn wir in andere Länder wie Kanada oder Singapur schauen, wo die Schulen viel selbstverständlicher mit Daten arbeiten, lassen sich mindestens drei Empfehlungen ableiten. Erstens eine klare Fokussierung: die Ausrichtung an Bildungsstandards und übergeordneten Bildungszielen. Zweitens die gezielte Unterstützung der Schulen. Im Augenblick bekommen die Schulen die Ergebnisse von VERA und anderen Lernstandserhebungen und stehen damit oft allein da. Sie brauchen aber hochwertige Fördermaterialien und oft auch gezielte fachdidaktische Unterstützung, damit sich Unterricht wirksam verändert. Drittens der sparsame Umgang mit den Daten. Den Schulen sollten möglichst wenige, aber aussagekräftige Daten regelmäßig in verständlicher Form rückgemeldet werden, die möglichst zentral erhoben werden.
Stanat: Ein ganz wichtiger Punkt! Es muss für Qualitätsentwicklung klar sein, um welche Ziele es geht, wer wofür zuständig ist und wer dazu welche Daten braucht. Das dürfen nicht zu viele sein. Diese Tendenz zeichnet sich nämlich im Moment ab: Das Datenthema hat in der Bildungspolitik einen Schub bekommen und nun wird damit begonnen, alle möglichen Daten zusammenzutragen oder neu zu erheben und in Dashboards zur Verfügung zu stellen, die auch gerade aus dem Boden sprießen. Deshalb sagen wir sehr deutlich: Die Bundesländer müssen erst die Ziele festlegen und kommunizieren, dann die passenden Daten bereitstellen und parallel die Schulen in die Lage versetzen, sie effektiv zu nutzen.
Thiel: Darum empfehlen wir als SWK ein Kernpaket aussagekräftiger Daten und verbindliche Routinen zu ihrer Nutzung in den Schulen, etwa per gemeinsamer Auswertung in Fachkonferenzen. Gleichzeitig müssen die Schulen von Berichtspflichten entlastet werden.
Bitte konkreter.
Stanat: Wichtig sind drei Typen von Daten, mit denen Lehrkräfte regelmäßig arbeiten sollten: Das ist zunächst als Rahmen ein kohärentes Testsystem mit zentralen Lernstandserhebungen. Lehrkräfte sollten eine verlässliche Rückmeldung bekommen, wo ihre Schülerinnen und Schüler in den Kompetenzbereichen stehen, für die es Bildungsstandards gibt, also momentan für Deutsch, Mathematik und Englisch. Möglichst einmal pro Schuljahr, aber unsere Mindestempfehlung lautet: einmal zum Anfang der Grundschule als frühe Diagnostik und einmal zu Beginn der Sekundarstufe I, also am Anfang von Klasse fünf, damit die Lehrkräfte jeweils wissen, welche Voraussetzungen ihre Schülerinnen und Schüler mitbringen.
Zusätzlich zu den bestehenden VERA-Vergleichsarbeiten?
Stanat: Genau. An VERA sollten wir als Frühwarnsystem festhalten. VERA erfasst in der dritten und achten Klasse, wo die Schülerinnen und Schüler im Vergleich zu den Bildungsstandards stehen, die sie ein Jahr später erreicht haben sollten – und wo besonderer Förderbedarf besteht. So bleibt noch Zeit zum Nachsteuern. Lehrkräfte wollen dann aber natürlich auch wissen, inwieweit die Nachsteuerung gewirkt hat. Deshalb umfasst unsere Mindestempfehlung zusätzlich eine Rückmeldung über die anschließende Lernentwicklung der Schülerinnen und Schüler, also eine erneute Testung in der zweiten, vierten und neunten Klasse. Die zweite Art von Daten ist die lernprozessbegleitende Diagnostik im Unterricht selbst. Die ist kleinteiliger und bezieht sich auf konkrete Unterrichtseinheiten: Wie entwickeln sich die Kompetenzen in einem bestimmten Bereich, welche Schülerinnen und Schüler kommen gut mit, wer braucht zusätzliche Förderung? Und drittens sollten auch Befragungen der Kinder und Jugendlichen obligatorisch sein. Es gibt inzwischen gute Instrumente, mit denen Lehrkräfte erfahren, ob sich ihre Schülerinnen und Schüler kognitiv aktiviert fühlen, ob sie störungsfrei lernen können und wo sie sich mehr Unterstützung wünschen. Für die Unterrichtsentwicklung ist das sehr hilfreich.
"Gemeinsame Unterrichtsentwicklung sollte
selbstverständlicher Teil der Schulkultur werden."
Fürchten Sie nicht, dass viele Lehrkräfte sofort abwinken und sagen: Wir sind doch schon überlastet – und jetzt das auch noch?
Thiel: Ich glaube, das eigentliche Problem ist nicht Überlastung, sondern Akzeptanz. Viele Lehrkräfte sehen VERA 3 und VERA 8 und sagen: Was da abgefragt wird, ist doch realitätsfern und passt nicht zu dem, was meine Schülerinnen und Schüler zu dem Zeitpunkt schon können. Darum müssen wir viel klarer kommunizieren, was der Sinn solcher Instrumente ist. Sie sind Frühwarnsysteme.
Stanat: Wenn die Lehrkräfte verstehen, wie sie mithilfe der Daten ihre Arbeit besser machen können, dürfte sich das Überlastungsargument erledigen. Qualitätsentwicklung ist eine Kernaufgabe von Schule. Das Neue ist, dass sie künftig stärker datengestützt geschieht. Wenn ich zum Beispiel digital aufbereitet verfolgen kann, wie sich die Lesefertigkeiten meiner Schülerinnen und Schüler mit der Zeit entwickeln, kann ich gezielter fördern und meinen Unterricht besser planen. Am besten geht das in Teams. Dafür braucht es Kooperationszeiten, in denen Lehrkräfte gemeinsam auf ihre Daten schauen, Unterricht vorbereiten und überlegen, was wirkt und was nicht. Gemeinsame Unterrichtsentwicklung sollte selbstverständlicher Teil der Schulkultur werden.
Das klingt aber schon nach mehr Arbeit.
Stanat: Am Anfang bedeutet das sicher zusätzlichen Aufwand, vor allem an Schulen, in denen bisher wenig Zusammenarbeit in Teams stattfindet. Aber wenn Zusammenarbeit einmal etabliert ist, wirkt sie entlastend, weil Unterricht gezielter und arbeitsteilig vorbereitet wird und man schneller sieht, ob Maßnahmen greifen. Entscheidend ist, dass Lehrkräfte diese Erfahrung machen.
Sie beschreiben das so, als gäbe es die Technologie für diese Art der lernbegleitenden Diagnostik längst.
Thiel: Tatsächlich sind schon viele Tools auf dem Markt, aber das Problem ist, dass sie oft weder an den Bildungsstandards orientiert sind noch an fachdidaktischen Konzepten von Lernprogression. Wir brauchen aber aussagekräftige adaptive Diagnosesysteme, die direkt Rückmeldungen geben und auch Fördermaßnahmen vorschlagen können. Der Einsatz von KI kann hier sehr hilfreich sein. Als SWK haben wir empfohlen, digitale Zentren aufzubauen, in denen Fachdidaktiker, Psychometrikerinnen und EdTech-Unternehmen zusammenkommen, um tragfähige Anwendungen zu entwickeln – ähnlich wie wir es aus der medizinischen Forschung kennen, wo Grundlagenforschung und Anwendung eng verzahnt sind. Leider sind wir mit diesem Vorschlag in der Politik bisher nicht auf offene Ohren gestoßen. Mit den vom Bundesbildungsministerium geplanten fünf Kompetenzcluster "Digitales Lehren und Lernen" wird keine nachhaltige Struktur geschaffen.
Wenn man all das, was Sie sagen, zusammenfasst, klingt das nach einem einzigen riesigen Transformationsprojekt: Die Lehrkräfte sollen ihren Unterricht anders planen, sie sollen anders zusammenarbeiten, die Schulleitungen sollen das Ganze organisieren. Das wird auch die Arbeit der Schulaufsicht verändern, und die Bundesländer müssen sich viel stärker als bislang absprechen.
Thiel: Lassen Sie uns doch mal optimistisch sein. Der frühere Bundespräsident Gauck hat uns alle ausdrücklich ermutigt, mehr die positiven Entwicklungen zu sehen. Also: Alle Bundesländer sagen, dass sie stärker datengestützt arbeiten wollen. Wenn die Politik ihre eigenen Aussagen ernst meint, braucht sie dafür aber einen Plan. Uns ist völlig klar, dass man nicht alles gleichzeitig umsetzen kann. Aber es ist wichtig, das System als Ganzes anzuschauen, damit man nicht an einzelnen Stellen etwas entwickelt, was am Ende nicht zusammenpasst. Die Rolle der Schulaufsicht ist dabei mit ausschlaggebend, aber es gibt für sie bereits ein neues Leitbild, das die Länder miteinander vereinbart haben.
Und das besagt?
Thiel: Wenn man in die Schulgesetze schaut, ist der Zusammenhang zwischen Unterstützung und Controlling eigentlich gut beschrieben, und in Ländern wie Baden-Württemberg und Hamburg oder teilweise auch Berlin sieht man, wohin die Reise geht. Dort schaut die Schulaufsicht die Daten gemeinsam mit den Schulen an, und auf dieser Grundlage trifft sie mit den Schulen Zielvereinbarungen – wozu gehört, dass die Schulaufsicht die nötige externe Unterstützung für die Schule vermittelt. In Österreich oder in Schleswig-Holstein erhalten Schulen zusätzliche Ressourcen, wenn sie sich auf bestimmte Entwicklungsziele verpflichten. Umgekehrt erhält die Schulaufsicht die Daten der Schulen nur auf höherer Ebene und nicht bis hinunter zu den einzelnen Klassen und Schülern, damit die Gestaltungsspielräume der Schulen nicht durch die Hintertür wieder eingeschränkt werden. Wenn wir so ein System, das Gestaltungsspielräume und Rechenschaftspflicht verbindet, nicht hinbekommen, werden sich auch die Schülerleistungen nicht signifikant verbessern.
"Wir haben es in Schule mit einer vulnerablen Klientel zu tun,
und wir müssen alle miteinander sicherstellen,
dass Kinder und Jugendliche nicht abgehängt werden."
Mir ist noch nicht ganz klar: Reden Sie von Schulen, die freiwillig datengestützter arbeiten wollen, oder muss die Bildungspolitik solche tiefgreifenden Veränderungen verbindlich vorgeben?
Stanat: Das hängt davon ab, über welche Elemente wir sprechen. Zentrale Lernstandserhebungen wie VERA und die von uns beschriebenen weiteren standardbezogenen Tests sollten auf jeden Fall verpflichtend sein. Wir haben es in Schule mit einer vulnerablen Klientel zu tun, und wir müssen alle miteinander sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche nicht abgehängt werden, dass sie die Mindeststandards erreichen und gut weiterlernen und am Ausbildungssystem teilhaben können. Daneben gibt es aber Entscheidungen, die in der Hand der Schulen liegen sollten, vor allem bei der lernprozessbegleitenden Diagnostik. Wobei es hier nicht um das Ob gehen darf, sondern nur um das Wie und Schulen klare Hinweise brauchen, welche der vielen Diagnoseinstrumente, die auf dem Markt sind, etwas taugen. Innerhalb ihrer Freiräume sollten Schulen und Lehrkräfte selbst entscheiden können, wo sie genauer hinschauen, wo sie Tiefenbohrungen machen und sich gezielt weiterentwickeln wollen – immer verbunden mit der Möglichkeit, dafür Unterstützung zu bekommen.
Was ist mit der regelmäßigen Befragung der Schülerinnen und Schüler, die Sie vorschlagen?
Thiel: Die sollte verpflichtend sein, und zwar als zentrale Erhebung. Gerade um die Schulen zu entlasten, sollte das nicht jede Schule selbst organisieren müssen. In Baden-Württemberg gibt es dafür bereits gute Lösungen mit validen digitalen Instrumenten, bei denen die Daten automatisch aufbereitet werden und Lehrkräfte schnell eine Rückmeldung bekommen. So etwas sollte einmal im Jahr stattfinden, damit man etwas über die Qualität der Prozesse im Unterricht weiß. Wichtig ist, dabei auch das sozial-emotionale Lernen stärker in den Blick zu nehmen. Wenn man sich Studien wie COPSY oder das Schulbarometer anschaut, sieht man, dass rund ein Fünftel der Kinder psychisch belastet ist. Auch solche Aspekte kann man mit zentralen Erhebungen relativ einfach erfassen. Es ist im Grunde nicht anders als in der Medizin: Auf der Basis einer Diagnose wird über eine wirksame Förderung entschieden.
In der Medizin gibt es aber nichts, was mit der Kultushoheit der Länder vergleichbar wäre.
Stanat: Ich bin mir nicht sicher, ob der Föderalismus an sich das Problem ist. Die Bildungsmonitoring-Gesamtstrategie ist ja nicht schlecht, wobei wir empfehlen, sie im Sinne unseres Gutachtens zu ergänzen. Es reicht aber nicht, in eine Gesamtstrategie zu schreiben, dass zu bestimmten Zeitpunkten überall Daten erhoben werden sollen. Sondern es braucht auch konkrete Umsetzungsstrategien, und die Länder starten hier auf sehr unterschiedlichen Niveaus. Einige sind schon weit, andere haben sich längst auf den Weg gemacht, und wieder andere fangen jetzt erst an. Wichtig wäre, dass man stärker nutzt, was bereits vorhanden ist, und Synergien schafft, statt alles sechzehnmal neu zu entwickeln. Dann wirkt das Ganze auch weniger wie eine Mammutaufgabe.
Thiel: Ich bin überzeugte Föderalistin. Kanada ist auch ein föderaler Staat, dort machen die Provinzen vieles unterschiedlich, und trotzdem gibt es eine klare gemeinsame Ausrichtung. Im Sinne eines Wettbewerbsföderalismus kann das sogar ein Vorteil sein. Man könnte auch fragen: Wenn wir alles zentral regeln, welcher Standard würde sich dann durchsetzen? Hamburg oder Berlin? Das ist keineswegs ausgemacht. Unsere Botschaft ist eher eine andere: Klare Standards müssen von den Ländern gemeinsam definiert und viele Diagnose- und Fördertools sollten allein aus Ressourcengründen gemeinsam entwickelt werden.
Ein Punkt, der in Deutschland schnell zum Totschlagargument wird, ist der Datenschutz. Wie wollen Sie die Datenschützer ins Boot holen?
Stanat: Ich hoffe, dass sich dabei ein Verständnis von ermöglichendem Datenschutz durchsetzt. Datenschutz ist natürlich sehr wichtig, aber man kann ihn entweder so auslegen, dass er vor allem verhindert, oder so, dass er sinnvolle Entwicklungen möglich macht. Die Bildungsseite muss plausibel erklären, warum bestimmte Daten notwendig sind und welche Daten miteinander verknüpft werden müssen, um Qualität gut weiterentwickeln zu können. Dass dies möglich ist, zeigen andere Staaten. Es bewegt sich auch bei uns durchaus etwas, das sieht man am Beispiel der im schwarz-roten Koalitionsvertrag angekündigten Schüler-ID. Dazu hat ein intensiver Austauschprozess zwischen Bildungswissenschaft, Bildungspolitik und Datenschutz begonnen, der hoffentlich in nicht allzu weiter Ferne zu einem guten Ergebnis kommen wird.
Thiel: Ich möchte ein anderes ermutigendes Beispiel nennen. In Hamburg gibt es ein Projekt namens "Drei für eins". Da geht es um Schülerinnen und Schüler, bei denen die Probleme so groß sind, dass neben der Schule noch andere Partner eingebunden werden, also die Jugendhilfe oder medizinisch-therapeutische Einrichtungen. Dabei ist es gelungen, dass die beteiligten Stellen unter Wahrung des Datenschutzes ihre Daten austauschen dürfen, obwohl sogar die sogenannten Rechtskreise andere sind. Dadurch arbeiten alle in die gleiche Richtung. In Hamburg funktioniert das. Deshalb denke ich, wir brauchen mehr solche Pilotprojekte, um auch Juristinnen und Juristen zeigen zu können: Es gibt Wege, wie man datenschutzrechtliche Anforderungen einhält und trotzdem sinnvoll mit Daten arbeitet.
"Erst wenn die Länder eine Strategie entwickeln,
wer welche Daten wofür braucht, entsteht Kohärenz."
Im Moment kommt vieles zusammen. Das Startchancen-Programm ermutigt Brennpunktschulen, neue Wege zu gehen, die enttäuschenden Ergebnisse der IQB-Bildungstrends haben zusätzlichen politischen Handlungsdruck erzeugt. Bund und Länder verhandeln gerade über Antworten – und über verbindliche, messbare Bildungsziele. Ist das eine selten günstige Konstellation, damit aus Ihren Empfehlungen tatsächlich etwas folgt?
Stanat: Das hoffe ich. Wir haben viel, woran wir anknüpfen können, von VERA bis hin zu einzelnen Diagnosetools für den Unterricht. Das müssen wir systematischer zusammenführen und sicherstellen, dass sich die Instrumente auf unsere übergreifenden Ziele, die Bildungsstandards, beziehen.
Thiel: Im Moment sagen tatsächlich alle Länder: datengestützte Unterrichts- und Schulentwicklung. Das sollte sich aber nicht darauf beschränken, dass jetzt überall mit großer Euphorie Dashboards entwickelt werden, in die alle möglichen Daten eingespeist werden. Erst wenn die Länder eine Strategie entwickeln, wer welche Daten wofür braucht, entsteht Kohärenz. Deshalb hoffen wir, dass unser Gutachten in diesem Sinne als eine Art Arbeitsdokument genutzt wird – in den Ministerien ebenso wie in der Praxis der Schulen.
Interview: Jan-Martin Wiarda
Nach dem Honeymoon kommt die Roadmap
Kommentare
#1 - nichts Konkretes
"Lehrkräfte sollten eine verlässliche Rückmeldung bekommen, wo ihre Schülerinnen und Schüler in den Kompetenzbereichen stehen, für die es Bildungsstandards gibt, also momentan für Deutsch, Mathematik und Englisch."
Eigentlich sollte man annehmen, dass die Grundschullehrer wissen, was ihre Schüler können und was nicht. Wenn man aber große Ankündigungen macht, dann müsste auch klar sein, WIE etwaige Defizite beseitigt werden können. Dazu lese ich nichts Konkretes, sondern nur "heiße Luft". Was sollen denn "hochwertige Fördermaterialien" sein? Gibt es die bisher nicht?
Es wird immer von den Mindeststandards geredet. Aber wissen Lehrer auch konkret, was ihre Schüler können sollen, um diese zu erfüllen? Wo steht das eigentlich mal in verständlicher Form? Die KMK hat nur Regelstandards in Form von "Wunschlisten" beschlossen, da steht dann etwa für die Grundschule: "Die Schülerinnen und Schüler formulieren einfache Texte verständlich, kohärenzstiftend, strukturiert und sprachlich angemessen." Alles klar? Wird das dann in dem Monitoring auch getestet? Und wie wäre das bei den Mindeststandards? Das Problem der mangelnden Deutsch-Kenntnisse bei Kindern mit nicht-deutscher Familiensprache wird nur durch ein Postulat ("... müssen, wenn ihre Deutschkenntnisse noch gering sind, ... im Rahmen von Angeboten ... Grundlagen für schulisches Lernen in der Unterrichtssprache Deutsch geschaffen und kontinuierlich gesichert werden.") abgetan, ohne konkret zu werden. Und da sollen nun die gesammelten Daten wie ein "Deus ex machina" hilfreich sein?
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