"Stunde Null"?
Mit einem neuen Verhaltenskodex reagiert der Historikerverband auf strukturelle Probleme in der Promotionsbetreuung. Die Empfehlungen reichen von Betreuungslimits bis zu Ombudsstellen – und zeigen, wie tief die Defizite im Wissenschaftssystem reichen.

Bild: Pexels / pixabay.
Mir ging es wie dem deutsch-amerikanischen Ökonomen Rudi Bachmann, als ich zum ersten Mal vom Mitte Mai beschlossenen Verhaltenskodex des Historikerverbandes hörte. Der ZEIT-Newsletter "Wissen3" berichtete am Montag darüber, sprach von einer potenziellen "Stunde Null" in der geschichtswissenschaftlichen Fächerkultur: Das verabschiedete Leitbild habe es in sich.
"Gerade gelesen", postete Bachmann daraufhin auf "X". "Die deutschen Historiker wollen die Zahl der DoktorandInnen pro Prof auf 10 (!!!) begrenzen. Um Machtmissbrauch zu begrenzen." Und weiter: "10? Wie soll man selbst 10 DoktorandInnen wirklich adäquat betreuen? Das ist doch nicht seriös." Auf die Frage Bachmanns kann man nur entgegnen: Es gibt keinen Grund und keine Rechtfertigung, egal in welchem Fach, eine derart große Zahl von Doktoranden parallel zu haben. Nicht zehn und erst recht nicht noch mehr.
Es ist, wie der Historikerverband es in seinem Leitbild "Machtmissbrauch in der Geschichtswissenschaft verhindern" formuliert: "Eine fach- und personengerechte Betreuung und Förderung ist für Betreuer:innen zeitaufwändig und arbeitsintensiv. Eine nur formale Übernahme solcher Betreuungspflichten führt zwangsläufig zu unklaren Verantwortlichkeiten ...
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Kommentare
#1 - Letzte Bastion
Die Historiker erscheinen mir an den Universitäten in vieler Hinsicht oft wie die letzte Bastion der "alten Universitäten" (prä 1970er). Lehrstühle mit entsprechenden Hierarchien, isolierte Fachkulturen, Ablehnung von Bologna, Hüter der reinen Geisteswissenschaften, viele habilitierte PDs in akademischer Reserve...
Insofern überraschen die eigenen Befunde nicht - aber es ist gut, dass sie überhaupt diesen reflexiven Blick gewagt haben.
#2 - Doktoranden
Die genannten Probleme scheinen mir hausgemacht zu sein, aber nicht primär von den Geschichts-Professoren, sondern von jenen Kräften, die immer größere Teile des universitären Personals durch Drittmittel finanziert sehen wollen, so eben auch Doktorandenstellen. Drittmittel bringen Geld und auch Prestige, das ist in allen Fächern so. In den Ingenieurfächern ist es übrigens nicht selten, dass ein Institut mit einem Professor als Leiter 50 Leute beschäftigt, die meisten als Doktoranden aus Drittmitteln. Nach der Promotion gehen sie in die Industrie. Das ist eine win-win-Situation: Der Institutsleiter ist dann bei der Hochschulleitung besonders angesehen, sein Prestige strahlt bis in die Industrie aus, ...
#4 - Seltsame Initiative
Mir ist völlig unklar, welche Verbindung zwischen dem gemeldeten Fehlverhalten (Wutanfälle, Diskriminierung) und der Zahl von Doktoranden bestehen soll. Vermutlich, weil es keine gibt.
Auch sonst würde ich keinem Wort hier zustimmen. Weshalb haben einzelne Profs viele Doktoranden? Weil die Leute bei diesen Profs promovieren wollen, weil sie deren Arbeit fasziniert, weil sie ein Thema erschließen wollen, dass diese Profs auch bearbeiten, weil diese Profs vielleicht auch Mittel haben (Drittmittel, die sie haben müssen und ausgeben müssen - was aber eigentlich nichts mit Doktoranden zu tun hat, sondern mit der "unternehmerischen Universität"...)
Dass ausgerechnet dieselben Profs meist sehr wenig Zeit ...
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