"Als Länder sind wir misstrauisch, wenn der Bund von einer Idee begeistert ist"

Lange schien es, als würde die Idee einer Deutschen Lehrgemeinschaft von den Landeswissenschaftsministern abgeblockt werden. Jetzt hat sie es in den GroKo-Koalitionsvertrag geschafft – und die Länder reagieren. Sachsens Ressortchefin Eva-Maria Stange (SPD) lobt die Pläne – und stellt Bedingungen.

Foto:  SMWK / Martin Förster
Foto: SMWK / Martin Förster

Frau Stange, als der Wissenschaftsrat Anfang Mai 2017 eine "bundesweite eigenständige Organisation" zur Förderung der Hochschullehre vorschlug, reagierte die sonst nicht für ihre Schnelligkeit berühmte Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mit einer prompten Absage. Weder jetzt noch nach 2020 bräuchten die Hochschulen neue Institutionen, sagte HRK-Präsident Horst Hippler, "sondern vor allem eine klar konzipierte, verlässliche Hochschulfinanzierung in gemeinsamer Verantwortung von Ländern und Bund". 

 

Mit dem zweiten Teil hat die HRK auf jeden Fall Recht. Das Hauptinteresse der Hochschulen, aber auch unser Anliegen als Länder ist zunächst einmal, dass der Hochschulpakt fortgesetzt wird. Ist das sicher und sind wir uns über die Kriterien einig, können wir auch über andere Themen reden.

 

Das hat die HRK so aber nicht gesagt. Deren "Nein" zur neuen Institution war ohne Wenn und Aber. Übrigens sind auch Sie und Ihre Ministerkollegen, obgleich sie ja im Wissenschaftsrat die Empfehlung mitgetragen haben, zum Thema "eigenständige Organisation für die Lehre" bislang vor allem durch Schweigen aufgefallen. Die einzige, die in der Öffentlichkeit immer wieder für die Idee trommelte, war die Wissenschaftsratsvorsitzende Martina Brockmeier. Und stand damit lange ziemlich allein. Warum eigentlich?

 

Intern bei den Sitzungen des Wissenschaftsrats habe ich sehr wohl deutlich gemacht, dass ich der Idee einer solchen Organisation durchaus etwas abgewinnen kann. 

 

Aber warum nur intern? Bundespolitiker wie ihr Parteikollege Ernst-Dieter Rossmann, der gerade zum Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Bildung und Forschung gewählt wurde, haben jetzt sogar dafür gesorgt, dass die Empfehlungen Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden haben. Dort heißt es, der Qualitätspakt Lehre solle verstetigt und "in Anlehnung" an die Vorschläge des Wissenschaftsrats weiterentwickelt werden.

 

Was eine hervorragende Nachricht ist. Aber es ist nun einmal so, dass wir als Länderminister auf derlei Empfehlungen des Wissenschaftsrates mit einer anderen Brille schauen müssen als Vertreter von Bundesregierung und Bundestag. 

 

Können Sie das erklären?

 

Natürlich sind wir als Länder erstmal misstrauisch, wenn der Bund von einer Idee richtig begeistert ist, die auf wettbewerblich vergebene Finanzmittel abhebt. Unser Kernproblem ist doch nicht, dass wir zu wenig Wettbewerb im Wissenschaftssystem haben, sondern dass wir die Grundfinanzierung an den Hochschulen sicherstellen müssen. Die Verwerfungen, die Unwucht zwischen Grund- und Projektmitteln, die alle beklagen, sind doch vor allem  durch die befristeten Bund- Länder-Pakte entstanden: durch den Hochschulpakt und durch die Exzellenzinitiative, die – so sinnvoll und unverzichtbar beide waren – sehr viele befristet Beschäftigte in die Hochschulen gebracht haben. Gute Lehre gibt es aber nur durch finanzielle Kontinuität.

 

Was der Wissenschaftsrat, wie Martina Brockmeier betont, genauso formuliert hat in seiner Empfehlung. Dass die Hochschulen auskömmlich finanziert seien, nennt Brockmeier die "Pflicht", eine eigenständige Förderorganisation für die Lehre sei darauf aufbauend die "Kür". 

 

Nochmal: Deswegen finde ich die Idee an sich gut. Aber wir müssen eben erstmal sicherstellen, dass der Bund wirklich den Hochschulpakt verstetigt. Es darf nicht passieren, dass wir jetzt bejubeln und zustimmen, dass der Qualitätspakt Lehre wie auch immer fortgesetzt wird, und am Ende der Hochschulpakt als Teil der Grundfinanzierung außen vor bleibt. 

 

Sehen Sie die Gefahr?

 

Ich glaube, es gibt auf der Bundesseite eine wirkliche und ehrliche Bereitschaft, in die Grundfinanzierung der Hochschulen einzusteigen. Wenn wir über gute Lehre reden, dann ist allen klar, dass deren Voraussetzung vor allem und überwiegend in guten und verlässlichen Arbeitsbedingungen für die Lehrenden besteht. Warum soll ich mich als junge Wissenschaftlerin, die vielleicht auf einen Halbjahresvertrag sitzt, in Sachen Hochschullehre weiterqualifizieren, wenn ich nicht weiß, ob ich überhaupt an der Hochschule bleiben kann? Insofern ist es extrem erfreulich, dass die potenziellen Koalitionäre ebenfalls im Koalitionsvertrag verankert haben, dass der Hochschulpakt auf Dauer gestellt werden soll. Sobald die Regierung steht, müssen wir ausverhandeln, was das heißt und nach welchen Kriterien der Bund die Hochschulen mitfinanziert. 

 

Und bis dahin geht die Hinhaltetaktik in Wissenschaftsratsempfehlung weiter?

 

Nein, ich glaube, wir werden das am Ende im Paket verhandeln. Wichtig ist, dass wir dieses Jahr zu einem Abschluss kommen. Wir brauchen Planungssicherheit bei der Hochschulfinanzierung.

 

Dann lassen Sie uns mal darüber sprechen, wie eine solche eigenständige Organisation zur Förderung der Hochschulehre, Arbeitstitel "Deutsche Lehrgemeinschaft", konkret aussehen könnte, welche Aufgaben sie hätte. Wenn die Länder so misstrauisch sind, der Bund könnte sie hier über den Tisch ziehen: Warum folgen Sie dann den Empfehlungen des Wissenschaftsrates nicht in Eigenregie und gründen als Ländergemeinschaft ohne den Bund eine solche Organisation? 

 

Das ist ein interessanter Gedanke. Aber auch ziemlich unrealistisch. Ich halte es für schwierig, dass die 16 Länder das allein hinbekommen würden. Es ist eine gute und bewährte Vorgehensweise, dass der Bund sich im Rahmen eines Bund-Länder-Pakets an einer solchen Initiative beteiligt. Erst das gäbe einer solchen neuen Institution auch die nötige Unabhängigkeit.  

 

Um was genau zu tun? Im Koalitionsvertrag steht, die neue Regierung, so sie zustande kommt, wolle "innovative Hochschullehre, den hochschulübergreifenden Austausch und die Übertragung erfolgreicher Konzepte wettbewerblich fördern." Betonung auf Wettbewerb – den Sie eben sehr kritisch kommentiert haben.

 

Sobald die Zukunft des Hochschulpakts geklärt ist, spricht aus meiner Sicht nichts gegen einen solchen Wettbewerb, der aber eben nicht auf die Finanzierung von Studienplätzen und Kapazitäten insgesamt abheben darf, sondern der gute Ideen fördert und zur Geltung bringt. Es geht darum, dass eine Deutsche Lehrgemeinschaft das, was wir als Best Practice bezeichnen, zu identifizieren hilft und überregional weiterverbreitet. Dass sie Anreize für Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter setzt, sich stärker als bislang für exzellente Hochschullehre zu engagieren. 

 

Was meinen Sie mit Anreizen?

 

Nehmen Sie den Begriff des Hochschullehrers. Da steckt der Lehrer drin, aber wenn wir ehrlich sind, haben die meisten unserer Professorinnen und Professoren das Lehren nie gelernt. Und zur Wahrheit gehört ebenso, dass es wissenschaftlich abgesicherte Kriterien, was genau qualitativ hochwertige Lehre ausmacht, bislang gar nicht gibt. An beiden Stellen müsste eine Deutsche Lehrgemeinschaft ansetzen. Idealerweise wäre es dann irgendwann bei der Bewerbung um einen Lehrstuhl so, dass ich nicht nur mit meinen Drittmitteln für Forschungsprojekte glänzen kann, sondern mir auch eine Projektförderung durch die Deutsche Lehrgemeinschaft die nötigen Reputationsgewinne bringt. Weil dann klar ist, dass ich wirklich hervorragende Lehre mache – auch weil wir sie tatsächlich definieren können. Wenn das gelänge, wäre das hervorragend. Aber es ist ein weiter Weg. 

 

An welchen Stellen versprechen Sie sich für die Qualität der Hochschullehre die wichtigsten Impulse?

 

Seit einigen Wochen haben wir, wie ich finde, unnötigerweise eine neue Debatte über Sinn und Unsinn der Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen. Ich als Ministerin bin äußerst skeptisch, dass gesetzliche Vorgaben hier einen Fortschritt bringen. Ich glaube vielmehr, dass wir den Studierenden einen Grund geben müssen, ihre Vorlesungen freiwillig zu besuchen. Das wird aber nur gelingen, wenn wir die tradierten Formate, vor allem die Frontal-Vorlesung, hinterfragen und weiterentwickeln. Die Digitalisierung ist für ein solches Neudenken der Lehre geradezu ideal, aber eben kein Selbstläufer: Wie schaffen wir es, den Lernstoff auch digital so aufzubereiten, dass Präsenzveranstaltungen frei werden für den echten Austausch mit den Dozenten über das Gelernte? Wie kann es gelingen, dass die Hochschullehrer, ganz im Sinne unseres vielzitierten Ideals von der Einheit von Forschung und Lehre, den digitalen Lernstoff mit ihren neusten Erfahrungen aus der Forschung ergänzen oder dass umgekehrt die Studierenden das Gelernte ganz praktisch anhand von Forschungsprojekten nachvollziehen können? Die Beantwortung solcher Fragen könnten wir durch eine neue Institution forcieren. Gute Beispiele gibt es dafür bereits. Aber da komme ich dann schon wieder bei meiner Skepsis an.

 

Wieso? Das klingt doch alles sehr gut.

 

Das tut es, aber eines darf eben nicht passieren: dass der Bund mit dem Hinweis darauf, dass wir ja jetzt eine solche Organisation haben, die Fördermittel vergibt, die Debatte über gute Lehre totschlägt nach dem Motto: Wir haben das Problem gelöst. Wirklich gelöst wird es nur durch eine bessere Dauerfinanzierung und mehr Dauerstellen. 

 

Wie groß ist der Zeitdruck?

 

Größer, als manche es zugeben wollen. Wir müssen in diesem Jahr zum Abschluss kommen, wenn wir nicht eine massive Verunsicherung an den Hochschulen auslösen wollen. Ich halte das für möglich. Die Länder haben ja ihr Vorschläge vorgelegt, wie die Förderkriterien beim Hochschulpakt aussehen könnten. 

 

Sie meinen: die SPD-regierten Wissenschaftsministerien. Aus der Union fehlen entsprechend detaillierte Vorschläge bislang.

 

Die Länder liegen nicht weit auseinander. Klar ist, dass die Ausgangsposition jetzt eine andere ist als 2006, als wir mit dem Hochschulpakt ein absehbares Studierendenhoch aufgrund doppelter Abiturjahrgänge und starker Alterskohorten im Westen abfangen mussten. Für die nächsten Jahre wissen wir, dass die Studierneigung hoch bleibt, bei rund 50 Prozent eines Jahrgangs, aber dass die absoluten Zahlen auch im Westen heruntergehen. Im Osten haben wir diese Entwicklung schon hinter uns. Das Geld aus dem Hochschulpakt brauchen wir aber trotzdem, sonst wird uns der Qualitätssprung in der Lehre nicht gelingen. Und weil gute Lehre keine vorübergehende, sondern eine dauerhafte Aufgabe ist, muss und wird das die Bundesbeteiligung auch sein. Alles andere ist Verhandlungssache. Fest steht: Jetzt muss der Bund sich bewegen. 

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