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Die Schwäche der Konkurrenz ist nicht unsere Stärke

Bei der GAIN wirbt Deutschland offensiv um die Talente aus der US-Forschung. Doch Trumps Kampf gegen die Wissenschaft beseitigt weder die Schwächen deutscher Karrierewege noch die Folgen der knappen Hochschulfinanzen hierzulande.
GAIN-Poster

Screenshot von der GAIN26-Website.

ALLE JAHRE WIEDER GAIN, die Jahrestagung des German Academic International Network in den USA. Wer noch nie dabei war, kann sie sich vorstellen wie eine Mischung aus Recruiting-Event, Roadshow und Klassenausflug. Hunderte junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nordamerikanischer Universitäten, die wissen wollen, was deutsche Hochschulen und Forschungsinstitute ihnen zu bieten hätten.

Sie treffen auf eine Dichte deutscher Rektorinnen und Präsidenten und föderaler Politprominenz, die, das ist das Verblüffende, sich so kaum einmal bei einem Event in Deutschland einstellt. Aber, mit Ausnahme der Corona-Zeit, jedes Jahr aufs Neue Ende August wahlweise in Boston oder – wie dieses Mal – in San Francisco. Das ist der Aspekt des Klassenausflugs oder – noch passender – Klassentreffens: Man fährt hin, nicht nur um Talenten zu begegnen. Sondern auch seinesgleichen. Dass man in den Tagen drumherum seine US-Kontakte pflegen, Forschungsinstitute und Hightech-Unternehmen besuchen kann,  macht die Sache zusätzlich attraktiv.

Allein neun Landeswissenschaftsministerinnen und -minister hatten sich für die Tagung am vergangenen Wochenende angekündigt, ein BMFTR-Staatssekretär, sechs Mitglieder des Bundestagsforschungsausschusses und die meisten Chefs der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen. Dazu viele weitere Fachleute aus Hochschulen, Forschungsinstituten und Förderern. Und natürlich die Postdocs. Die je nach Teilnahmerangabe (fast) schon in der Minderheit waren. Insgesamt waren nach Angaben der Veranstalter AvH, DAAD und DFG über 500 Teilnehmer dabei, die Eventplattform wies zuletzt sogar über 640 Registrierungen aus. In jedem Fall – so viel Superlativ muss jedes Jahr aufs Neue sein – sei die aktuelle Ausgabe eine der bisher größten GAIN-Tagungen überhaupt gewesen.

Es gab mal eine Zeit, da waren fast alle Panels und Workshops auf Deutsch, man richtete sich explizit an rückkehrwillige Deutsche. Vielleicht weil man implizit glaubte, es brauche schon zusätzlich den Heimwehfaktor, um als Wissenschaftsstandort attraktiv zu sein. Die Zeit ist zum Glück lange vorbei.

Bleibeargumente trotz Trump

Lange vorbei vor der diesjährigen GAIN-Tagung war zum Glück auch die kurze Phase des krisengewinnlerischen Überschwangs, in der man glaubte, dank Trumps Kampf gegen die Wissenschaft in Scharen Spitzenwissenschaftler nach Europa locken zu können. Der Phase verdankt das BMFTR sein "1000-Köpfe-Plus-Programm", das richtigerweise in Umsetzung und Fokus am Ende viel breiter geworden ist, so dass nur eine kleine Minderheit der bisher 401 Geförderten zuvor in den USA tätig war.

Was darin liegt, dass exzellente Wissenschaftler und bedrohte Forschungsgebiete anderswo in der Welt ebenfalls in ausreichender Menge zu finden sind, aber auch dass die US-Wissenschaft selbst unter Trump und trotz Drohgebärden, Anpassungsdruck und Förderkürzungen für viele Betroffene immer noch ausreichend Bleibeargumente liefert. Die eigentliche Chance für Deutschland liegt deshalb aktuell womöglich weniger darin, junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den USA anzulocken, als jene für sich zu gewinnen, die gerade erst entscheiden, ob sie in die USA oder anderswohin gehen. Nur muss das Angebot dann stimmen.

Der Vorsitzende der Wissenschaftsministerkonferenz, Bayerns CSU-Wissenschaftsminister Markus Blume, ebenfalls in San Francisco anwesend, konstatierte zwar laut Table Media einen "enormen Abfluss an Talent aus den USA" und führte unter anderem Zahlen an, die die frühere Präsidentin der National Academy of Sciences, Marcia McNutt, in ihrem Eröffnungsimpuls genannt hatte: In den ersten Monaten 2025 seien die Bewerbungen aus den USA nach Kanada um 41 Prozent, ins Ausland insgesamt um 32 Prozent gestiegen.

Sich auf das deutsche Abenteuer einlassen

Man könnte aber auch sagen: Solche Prozentsteigerungen allein sagen wenig darüber aus, wie groß die tatsächlichen Wanderungsbewegungen sind. Die absoluten Bewerbungszahlen, auf denen die von McNutts zitierten Werte beruhen, hat Nature Careers im Frühjahr 2025 ausdrücklich nicht veröffentlicht. Aus deutscher Sicht könnte man dann noch selbstkritisch hinzufügen: Wir sollten nicht die Schwäche der Konkurrenz mit eigener Stärke verwechseln.

Denn international bekannt ist Deutschland als attraktiver Standort vor allem für Doktoranden. Und als unsicherer für Postdocs. An den Hochschulen sind 90 Prozent des promovierten wissenschaftlichen Personals unter 40 befristet beschäftigt. Solange es hier viel zu wenig ausgebaute, transparente Karrierepfade gibt, kaum Dauerstellen jenseits der Professur, dafür eine ausgeprägte Hierarchie mit den Profs ganz oben, und noch zu wenige Einrichtungen eine professionelle akademische Personalentwicklung betreiben: Was sollen da die Argumente für die besten Talente in den USA oder anderswo sein, sich auf das deutsche Abenteuer einzulassen?

Angemessenes Austarieren

Ja, es gibt Bewegung. Ja, es gibt die starken Wissenschaftsrats-Empfehlungen für die Reform der "Personalstrukturen im deutschen Wissenschaftssystem". Es gibt ein vom BMFTR finanziertes Peer-Beratungs-Programm für Hochschulen und Forschungseinrichtungen, es gibt die 1000 Köpfe, das Tenure-Track-Programm, FH Personal, dazu die prestigereichen Angebote der Förderorganisationen und Stiftungen, die Rückkehrer-Programme einzelner Bundesländer und weitere Initiativen. Ja, es gibt Hochschulen mit ambitionierten Vorhaben, die Universität Hamburg etwa, die neue Dauerstellenmodelle wie den Senior Lecturer eingeführt hat und ihre Karrierewege systematisch neu aufstellt.

Es gibt aber auch einen Reformentwurf des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, der am Grundprinzip der weitreichenden Befristungsmöglichkeiten festhält, und eine versprochene BMFTR-Mittelbaustrategie, die bislang kaum mehr ist als das Schlagwort. Es gibt massive Einsparungen bei der Hochschulfinanzierung in verschiedenen Bundesländern, die vor allem auf eine Kürzung bei den Nichtbeamtenstellen hinauslaufen – und damit nicht zuletzt jene Postdocs treffen, um die bei der GAIN so aktiv geworben wird. Und so zeigen alle Spitzenförderprogramme zugleich die Lücken im Normalsystem.

Viel Stoff die zahllosen Gespräche an den Präsentationsständen der Hochschulen und Organisationen, für die Beratungsworkshops und für die öffentlichen Diskussionen. Und ganz besonders hoffentlich für die, Stichwort Klassentreffen, vertraulichen Gespräche auf Chefebene zwischendurch.

Ob die GAIN mehr junge Wissenschaftler aus den USA nach Deutschland lockt, wird sich kaum messen lassen. Ein spürbares Ergebnis wäre indes das angemessene Austarieren zwischen deutschem Selbstbewusstsein und deutschem Problembewusstsein. Wer international um Postdocs wirbt, muss ihnen zu Hause auch etwas bieten. JMW.

Dieser Kommentar erschien heute in kürzerer Fassung zuerst im ZEIT-Newsletter Wissen3.

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