Neue Strategien für lieb gewordene Lehr-Milliarden

Die Schülerzahlen sollen steigen, doch die Oberstufen schrumpfen. Dazu der Rückfall zu G9: In ein paar Jahren könnte es deutlich weniger Studienanfänger geben. Soll der Hochschulpakt weitergehen, braucht er eine neue Logik. Der Blick nach Großbritannien könnte helfen.

Foto: falco/pixabay
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VERGANGENE WOCHE HAT die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) offiziell Bilanz gezogen: 720.000 zusätzliche Studienanfänger, 5000 neue Professuren. Die Zahl der Lehrbeauftragten stieg um 2500, die der hauptberuflichen wissenschaftlichen Mitarbeiter um 13.000, und all das allein zwischen 2011 und 2015, der zweiten Phase des Hochschulpakts. Das 2007 von Bund und Ländern gestartete Programm war damit erneut Treiber einer beispiellosen Expansion des deutschen Hochschulsystems. Kostenpunkt: 13 Milliarden Euro, wovon der Bund rund sieben Milliarden trug. Allein 2015 flossen 3,3 Milliarden Euro zusätzlich an die Hochschulen. 

 

Kein Wunder, dass sich die Rektoren sorgen, was nach dem Auslaufen des Pakts passiert. 2023 soll das letzte Geld fließen, dabei bestreiten einzelne Hochschulen mittlerweile bis zu 30 Prozent ihres Budgets damit. "Nehmt den Hochschulen die Unsicherheit!" appellierte vor einigen Tagen Joybrato Mukherjee, Präsident der Universität Gießen, hier im Blog an die Adresse der Wissenschafts- und Finanzminister. 

 

Tatsächlich hat die Bundesregierung bereits im Dezember in der GWK signalisiert, dass sie die Milliarden auch nach 2023 weiter in die Hochschulen investieren will. Dass der Hochschulpakt in irgendeiner Form verstetigt werden soll, ist Konsens zwischen den politischen Lagern genauso wie zwischen Bund und Ländern. Die Frage ist nur: Wie begründet man seine Notwendigkeit gegenüber den Finanzpolitikern?

 

Ausgerechnet die Bertelsmann-Stiftung, die vergangene Woche stark steigende Schülerzahlen bis 2025 prognostizierte, lieferte mit ihrer Studie  Anhaltspunkte, dass das Argument auf Rekordniveau verharrender Studienanfängerzahlen in ein paar Jahren nicht mehr richtig ziehen dürfte. Demnächst kommen geburtenschwächere Jahrgänge ins Gymnasium. Selbst die verstärkte Zuwanderung und der seit 2012 zu beobachtende Anstieg der Geburtenrate werden zwar die Grundschulen und Mittelstufen merklich anschwellen lassen, ein paar Jahre später aber nur abgeschwächt auf die gesunkenen Oberstufenzahlen durchschlagen. So steht es in der Bertelsmann-Studie mit dem plakativen Titel "Demographische Rendite adé". >>



>> Noch nicht einmal eingerechnet ist dabei ein Trend, der den Hochschulen noch zu denken geben wird: Die meisten westdeutschen Flächenländer wollen ganz oder teilweise das neunjährige Gymnasium (G9) wiederbeleben. Ein Einschnitt fürs Schulsystem zeichnet sich ab, der ähnlich tief sein dürfte wie in den 2000ern, als dieselben Länder (und ein paar mehr) beschlossen, die Schulzeit bis zum Abi auf 12 Jahre zu verkürzen. Damals, als die mit studierwilligen Kindern der Babyboomer ohnehin prall gefüllten Abiturjahrgänge gleich im Doppelpack in die Hörsäle strömten, reagierte die Politik mit: dem Hochschulpakt. Die umgekehrte Entwicklung, die jetzt droht, habe ich heute in meiner Kolumne im Tagesspiegel beschrieben: Kleinere Jahrgänge und statt doppelter auf zwei Jahre gestreckte Abiturkohorten.

 

Führende Hochschulpolitiker der SPD hatten im Februar in ihrem Entwurf für einen "Zukunftsvertrag für Wissenschaft und Forschung" vorgeschlagen, von 2021 an "für jede und jeden Studierenden in der Regelstudienzeit je nach Fachrichtung einen Betrag von 1000 bis 2000 Euro, bei Humanmedizin 3000 Euro jährlich sowie für jede abgelegte Abschlussprüfung 1000 Euro jährlich zur Verfügung zu stellen". 

 

Eine Idee, die  angesichts zumindest vorübergehend sinkender Studentenzahlen nach hinten losgehen könnte. Denn der Plan der Sozialdemokraten hebt trotz der Beschränkung auf die Regelstudienzeit zu sehr auf Quantität ab. Was die Hochschulen jetzt führen müssen, wenn sie sich die Hochschulpakt-Milliarden sichern wollen, ist jedoch eine neue Qualitätsdiskussion: Bessere Studienplätze statt einfach nur mehr Studienplätze, mehr Bildungsgerechtigkeit durch bessere Betreuung und moderne Lehrformate. Einen in der Hinsicht richtungsweisenden Ansatz immerhin enthält das SPD-Papier, indem es für Studenten ohne Abitur einen erhöhten Bundessatz fordert.

 

Doch muss das Thema "Qualität" noch viel deutlicher ausbuchstabiert werden. Übrigens auch deutlicher und weitergehend, als die Bildungspolitiker der Union es verstehen. Sie hatten im Januar ihr Papier "Starke Forschung und Bildung für Deutschlands Zukunft" veröffentlicht. Zur Qualität in der Lehre gehörten "neue Konzepte zur Nutzung digitaler Angebote im Hochschul- und Wissenschaftssystem", erläuterte CDU-/CSU-Fraktionsvize Michael Kretschmer hier im Blog. "Gleichzeitig werden wir die Berufsorientierung signifikant ausbauen und die Kompetenzorientierung im Studium stärken."

 

Alles richtig, und doch nicht ausreichend, solange die soziale Schieflage im Hochschulsystem derart eklatant ist. Kürzlich hat die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) gezeigt, dass von den zusätzlichen 720.000 Studienplätzen des Hochschulpakts vor allem eine Gruppe profitiert hat: die Kinder der Bildungsbürger. 2016 stammten 52 Prozent der Studierenden aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, nochmal zwei Prozentpunkte mehr als 2012.

 

Hier und ausschließlich hier wird sich die Zukunftsfähigkeit des neuen Hochschulpakts entscheiden. Und hier liegt auch das Argument an die Adresse für die Finanzpolitiker: Nur indem wir konsequent in mehr Bildungsgerechtigkeit investieren, können wir die sinkenden Studentenzahlen zumindest teilweise kompensieren, und das bedeutet mehr Fachkräfte und mehr Steuereinnahmen.

 

Diese stärkere Betonung von Bildungsgerechtigkeit fängt bei den hohen Abbrecherquoten an. Sie schrecken vor allem Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien von einem Studium ab, sagen Hochschulforscher – und zuletzt sind die Quoten ausgerechnet an den Fachhochschulen gestiegen, die traditionell mehr Bildungsaufsteiger anziehen. Gut ist Hochschullehre also dann, wenn sie eingeht auf die stark unterschiedlichen Studienvoraussetzungen der Erstsemester, wenn sie individuelle Beratung und Studienorientierung von Anfang an bietet. Gute Lehre und mehr Bildungsgerechtigkeit können auch neue Teilzeitmodelle und Blended-Learning-Konzepte bedeuten, die auf die Lebenswirklichkeit gerade der Studenten ohne klassisches Abitur eingehen. 

 

Aber wie erreicht man den Umschwung, und welcher Finanzmechanismus könnte ihn befördern?

 

Womöglich hilft der Blick über den nationalen Tellerrand. Vor wenigen Wochen erst hat die britische Regierung das "Teaching Excellence Framework" (TEF) an den Start gebracht, die erste staatliche Uni-Rangliste in Großbritannien. Sie soll die Qualität der Lehre messen, und in der Süddeutschen Zeitung von heute beschreibe ich, wie sie dabei ist, die altbekannte Hierarchie des britischen Hochschulsystems auf den Kopf zu stellen. Vorn in dem Ranking stehen Universitäten, die bislang international kaum einer auf dem Zettel hatte, Oxford & Co fallen zurück. Warum? Weil TEF nicht einfach sagt: Das sind die Hochschulen mit den zufriedensten Studenten, den niedrigsten Abbrecherquoten oder den besten Beschäftigungsaussichten. Sondern das Ranking setzt die absoluten Ergebnisse in Relation zur sozialen Herkunft der Studenten, ihrem Bildungshintergrund und anderen Eigenschaften. „Die TEF-Methodik ist die egalitärste Reform, die Großbritanniens Hochschulen seit Jahrzehnten erlebt haben“, sagt Dominic Shellard, Rektor der bei TEF erfolgreichen De Montfort University. „Ich finde es faszinierend, dass eine konservative Regierung sie durchführt.“ 

 

Fasziniert äußert sich auch ein deutscher Hochschulexperte. Der Bildungsforscher Manfred Prenzel hatte die Federführung, als der Wissenschaftsrat, das wichtigste hochschulpolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, im Mai ein umfangreiches Positionspapier veröffentlichte, Titel: „Strategien für die Hochschullehre“. Auf TEF angesprochen, lobt der ehemalige Wissenschaftsratsvorsitzende die „entwicklungsfähige Methode“, „den mutigen Ansatz, der Lehre endlich mehr Achtung zu verschaffen.“ Kurzum: „Das ist eine Idee, die man auch in Deutschland in Betracht ziehen sollte.“ Wo? Natürlich, wenn der Hochschulpakt fortgesetzt wird.

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Kommentare: 2
  • #1

    Klaus Diepold (Montag, 17 Juli 2017 11:54)

    Nun, eine "Deutsche Lehrgemeinschaft" könnte so eine Aufgabe der Methodenentwicklung und -umsetzung für die Qualitätsmessung der Lehre übernehmen. Das wäre auch etwas Mutiges ...

  • #2

    René Krempkow (Dienstag, 18 Juli 2017 10:31)

    Es ist in der Tat faszinierend, dass im Teaching Excellence Framework in UK ein solcher Ansatz angewendet wird, und angesichts der gerade auch für Deutschland konstatierten sozialen Schieflage im Hochschulsystem wohl auch für Deutschland überlegenswert.
    Mit dem Added-Value-Ansatz gibt es übrigens in Australien seit über einem Jahrzehnt ein ähnliches Konzept. Dies Konzept wurde in einer Pilotstudie auch bereits auf seine Adaptierbarkeit für Deutschland geprüft und für adaptierbar befunden
    (siehe wiss. Publikation in URL: www.researchgate.net/publication/281284595, bzw. Kurzbeschreibung des Ansatzes in: https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/added-value/).

    Der Ansatz wäre dabei in der Tat nicht nur für die Finanzierungssysteme der Bundesländer überlegenswert, sondern (seit der teilweisen Rücknahme der Föderalismusreform) nun grundsätzlich auch für die Vergabe von Bundesmitteln an die Hochschulen.